Bei seiner Beurteilung der Risiken für die Preisstabilität im Euro−Währungsgebiet bedient sich das Eurosystem eines Zwei−Säulen−Konzepts. Die beiden Säulen – die wirtschaftliche und die monetäre Analyse – bilden unterschiedliche, sich jedoch ergänzende Sichtweisen des Inflationsprozesses ab, die dazu verwendet werden, eingehende Daten einzuordnen und zu bewerten sowie Diskussionen zu strukturieren. Damit bieten sie eine Orientierungshilfe für geldpolitische Entscheidungen, die auf die Gewährleistung von Preisstabilität abzielen. Durch die Einbeziehung der monetären Analyse in die geldpolitische Strategie der EZB wird sichergestellt, dass wichtige Informationen aus dem Geld− und Kreditbereich, die in herkömmlichen Konjunkturprognosemodellen normalerweise vernachlässigt werden, in die geldpolitische Beschlussfassung eingebunden werden und somit gewährleisten, dass alle relevanten Informationen Berücksichtigung finden. Die monetäre Analyse hilft dabei insbesondere bei der Bewertung der Risiken für die Preisstabilität auf mittlere bis lange Sicht.
Die Rolle der monetären Analyse gründet auf dem gut dokumentierten Zusammenhang zwischen der längerfristigen Entwicklung des Geldmengenwachstums und der Inflation. Es gibt überzeugende empirische Belege dafür, dass mittel− bis längerfristig betrachtet eine robuste positive Beziehung zwischen Inflation und Geldmengenwachstum besteht. Inflation ist auf mittlere bis längere Sicht ein monetäres Phänomen. Diese weithin anerkannte Beziehung, die sowohl über Ländergrenzen als auch über geldpolitische Systeme hinweg festzustellen ist, gibt der Geldpolitik einen festen nominalen Anker in die Hand, der über die üblicherweise bei der Erstellung von Inflationsprognosen verwendeten Horizonte hinausgeht.
Dabei ist bemerkenswert, dass das Geldmengenwachstum bei niedriger Frequenz, also mittel− bis langfristig betrachtet, der Preisentwicklung vorausläuft, wenngleich die Intensität dieser Beziehung im Zeitverlauf und abhängig von den Umständen unterschiedlich hoch ausfallen kann. Die niederfrequente Beziehung zwischen monetärer Expansion und Inflation wird vor allem in einem Umfeld ausgeprägter mittel bis langfristiger Schwankungen der Geldmenge und Preise sichtbar und ist umgekehrt weniger festzustellen, wenn solche Schwankungen nicht zu verzeichnen sind. Daraus ergeben sich für Zentralbanken zwei wichtige Konsequenzen. Erstens trägt die Niederfrequenzkomponente des Geldmengenwachstums zur Erkennung längerfristiger Inflationstrends bei. Zweitens ist es schwieriger, das für längerfristige Risiken für die Preisstabilität relevante Niedrigfrequenzsignal der Geldmengenentwicklung zu erkennen, als lediglich den Trend der Wachstumsrate eines bestimmten Geldmengenaggregats zu beobachten.
Gleichzeitig erleichtert die Untersuchung höherfrequenter Geldmengenentwicklungen in einem breit angelegten und umfassenden Rahmenwerk für die monetäre Analyse den geldpolitischen Entscheidungsträgern die Aufgabe, kürzerfristige makroökonomische und finanzielle Phänomene zu beurteilen und zu verstehen, die – sofern sie unbeachtet blieben – auf längere Sicht die Preisstabilität gefährden könnten. Die eingehende Untersuchung der monetären Dynamik liefert nützliche Hinweise auf die Finanzierungsbedingungen und Finanzstruktur sowie auf die Situation und das Verhalten von Banken, was für das Verständnis des Transmissionsmechanismus und darüber hinaus der Konjunkturlage von zentraler Bedeutung sein kann. Besonders wertvoll waren die Erkenntnisse, die sich aus diesem Aspekt der monetären Analyse ergeben, im Hinblick auf die Bestimmung der adäquaten geldpolitischen Reaktion des Eurosystems auf die jüngste Finanzkrise. Außerdem kann die Analyse der Geldmengenentwicklung den Entscheidungsträgern dabei helfen, die Entwicklung der Vermögenspreise zu beurteilen und ein mögliches Entstehen von Finanzungleichgewichten zu erkennen. So gesehen kann die monetäre Säule des Eurosystems als geeigneter Ansatz betrachtet werden, um einer Herausforderung zu begegnen, mit der alle Zentralbanken konfrontiert sind; vor allem dann nämlich, wenn aufgeblähte Vermögenspreise und der Aufbau finanzieller Ungleichgewichte drohen, ermöglicht sie einen Blick über die üblichen Prognosehorizonte hinaus. Da es einen empirischen Zusammenhang zwischen der monetären Entwicklung und dem Entstehen von Ungleichgewichten an den Vermögens− und Kreditmärkten gibt, kann die Zwei−Säulen−Strategie mit ihrem Fokus auf der monetären Analyse möglicherweise für eine frühzeitige Erkennung solcher Ungleichgewichte sorgen und eine rechtzeitige sowie vorausschauende Reaktion auf die damit verbundenen Risiken für die Stabilität auf dem Finanz−, Wirtschafts− und Preissektor gewährleisten.
Die monetäre Analyse des Eurosystems ist eine Kombination aus einer Reihe ökonometrischer Instrumente zur Durchführung modellbasierter Untersuchungen und einer detaillierten institutionellen Analyse. Zu den erstgenannten Instrumenten zählen empirische Geld− und Kreditnachfragemodelle, statistische Filter und Prognosen sowie Strukturmodelle mittlerer Größenordnung. Die institutionelle Analyse umfasst unter anderem eine eingehende Prüfung von Bankbilanzdaten, einschließlich der Komponenten und Gegenposten der Geldmengenaggregate sowie der entsprechenden sektoralen Beiträge.