Preisstabilität stellt neben Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, binnenwirtschaftlichem und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht eines von fünf Zielen der Wirtschaftspolitik dar. Im Sinne der Arbeitsteilung zwischen den Trägern der Wirtschaftspolitik wurde die Verantwortlichkeit für das Erreichen und das Einhalten dieses Zieles den Zentralbanken übertragen. Für das Eurosystem wurde die Gewährleistung der Preisstabilität als vorrangiges Ziel des Eurosystems im EG-Vertrag in Artikel 105 verankert.
Das Ziel der Preisstabilität bezieht sich auf das allgemeine Preisniveau in der Volkswirtschaft und konkretisiert sich darin, dass sowohl ein zu starker Anstieg des Preisniveaus (Inflation) als auch ein dauerhafter Rückgang des Preisniveaus (Deflation) vermieden werden sollen. Die Erreichung der Preisstabilität hat in der Wirtschaftpolitik eines Landes deshalb so hohe Priorität, weil sie als Rahmenbedingung des Wirtschaftsgeschehens für stabile und berechenbare Verhältnisse sorgt, die sich positiv auf die Wirtschaftsaktivität und den Beschäftigungsstand auswirken. Im Gegensatz dazu bringt ein laufend steigendes Preisniveau eine Reihe nachteiliger Effekte für die privaten Haushalte und Unternehmen mit sich, die den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft negativ beeinflussen.
Warum Preisstabilität?
Grundlegendes über das Ziel der Preisstabilität
Grundlegendes über das Ziel der Preisstabilität
Ausführliche Erläuterung der Vorteile der Preisstabilität
Im Detail können sechs Gründe genannt werden, warum sich Preisstabilität auf das Wirtschaftsgeschehen positiv auswirkt.
- Erstens können bei Preisstabilität Veränderungen der relativen Preise verschiedener Güter und Dienstleistungen leichter erkannt werden, da sie nicht durch Schwankungen des allgemeinen Preisniveaus überdeckt werden. Folglich werden Unternehmen und Verbraucher Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus nicht fälschlicherweise als Veränderungen der Preisrelationen zwischen verschiedenen Gütern und Dienstleistungen deuten und können deshalb fundiertere Konsum und Investitionsentscheidungen treffen. Dies erlaubt dem Markt eine effizientere Verwendung der knappen Produktionsmittel. Dadurch, dass die Preisstabilität dem Markt ermöglicht, seine Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie am produktivsten eingesetzt werden können, steigert sie das produktive Potenzial der Wirtschaft und somit den Wohlstand der privaten Haushalte.
- Zweitens werden Gläubiger, die sicher sein können, dass die Preise auch zukünftig stabil bleiben, keine Inflationsrisikoprämien als Vergütung für Risiken verlangen, die sich aus der längerfristigen Haltung von nominalen Vermögenswerten ergeben. Durch den Abbau solcher Risikoprämien im Realzins trägt die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik zur Allokationseffizienz der Kapitalmärkte bei und verstärkt die Investitionsanreize. Dies wiederum fördert das Wirtschaftswachstum.
- Drittens sinkt durch die glaubwürdige Gewährleistung der Preisstabilität auch die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Wirtschaftsakteure und Unternehmen Ressourcen der produktiven Verwendung vorenthalten, um sich gegen Inflation abzusichern. In einem von hoher Inflation geprägten Umfeld besteht zum Beispiel ein Anreiz, Waren zu horten, da sie unter diesen Umständen eher ihren Wert behalten als Geld oder bestimmte Finanzaktiva. Das Horten von Waren ist jedoch keine effiziente Anlageentscheidung und beeinträchtigt daher den wirtschaftlichen Wohlstand.
- Viertens können von Steuer- und Sozialsystemen falsche Anreize ausgehen, die das Verhalten der am Wirtschaftsleben Beteiligten verzerren. Zumeist werden diese Verzerrungen durch Inflation verstärkt, da progressive, an Nominaleinkommen orientierte Steuersysteme bei einem steigenden Preis- und Lohnniveau im Lauf der Zeit zu einer höheren Durchschnittsbesteuerung führen. Preisstabilität eliminiert diese Kosten der so genannten kalten Progression.
- Fünftens wirkt Inflation als eine Art Steuer auf Bargeldbestände. Dadurch werden die privaten Haushalte veranlasst, ihre durchschnittliche Bargeldhaltung zu reduzieren, was für diese aber mit erhöhten Transaktionskosten verbunden ist (etwa in Form häufiger Bankbesuche).
- Sechstens wird durch die Gewährleistung von Preisstabilität die erhebliche und willkürliche Umverteilung von Vermögen und Einkommen vermieden, zu der es in einem inflatorischen oder deflatorischen Umfeld mit unvorhersehbaren Änderungen der Preisentwicklung kommt (z. B. Umverteilungswirkungen von Gläubigern zu Schuldnern bei unvorhergesehener Inflation). Die schwächsten gesellschaftlichen Gruppen leiden in der Regel am meisten unter Inflation, da sie sich gegen sie nur unzureichend absichern können. Ein von stabilen Preisen geprägtes Umfeld trägt also dazu bei, sozialen Zusammenhalt und soziale Stabilität aufrechtzuerhalten. Wie sich anhand mehrerer Beispiele im zwanzigsten Jahrhundert gezeigt hat, führen hohe Inflations- oder Deflationsraten häufig zu sozialer und politischer Instabilität.
Weiterführende Links
Die Vorteile von Preisstabilität und die Probleme, die bei hoher Inflation entstehen, wurden anlässlich der Überprüfung der geldpolitischen Strategie der EZB in der ersten Jahreshälfte 2003 in einer Vielzahl von Studien dokumentiert. Hier finden Sie die Links zu diesen Studien.
Links
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"Why Price Stability", First ECB Central Banking Conference 2 and 3 November 2000, Frankfurt am Main
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Background Studies for the ECB's Evaluation of its Monetary Policy Strategy (2003)
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ECB WP 269, Zero Lower Bound: Is it a problem in the euro area?
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ECB WP 278, Relevant economic issues concerning the optimal rate of inflation, September 2003