Finanzkrisen können überall auftreten, jeden Markt, jedes Land, jede Region treffen und mehr oder weniger über Nacht wirksam werden, betonte Vize-Gouverneurin Tumpel-Gugerell bei der Eröffnung der diesjährigen Ost-West-Konferenz der Oesterreichischen Nationalbank und begründete damit das Generalthema "Financial Crisis – A Never Ending Story?". Hauptziel der Konferenz sei es, Finanzkrisen besser zu verstehen und geeignete Gegenstrategien für die Zukunft zu entwickeln. Die letzten 30 bis 40 Jahre haben gezeigt, so Tumpel-Gugerell weiter, daß die Häufigkeit von Finanzkrisen stark gestiegen ist, wobei in den 80er und 90er Jahren Krisen des Bankensystems dominierten.
Heute werden Finanzkrisen nicht mehr ausschließlich auf eine falsche makroökonomische Politik eines Landes zurückgeführt. Vielmehr gibt es eine Vielzahl an Erklärungsmustern, wie z. B. schlechtes Schuldenmanagement eines Staates, Probleme in der Wechselkursstrategie, schlecht vorbereitete und zu schnell vorangetriebene Kapitalverkehrsliberalisierungen, schwacher Bankensektor oder Mängel in der Bankenaufsicht. In ihrer Analyse des Zusammenhanges zwischen den Entwicklungen in den Schwellenländern und in den Industriestaaten stellte Tumpel-Gugerell klar, daß es nicht alleine die Schuld der Schwellenländer sei, wenn sie in eine Finanzkrise schlittern. Insofern greife die alleinige Forderung nach einer gesunden Wirtschaftspolitik in den Schwellenländern zu kurz. Vielmehr müßten die internationalen Finanzorganisationen versuchen, die Stabilität auf den internationalen Finanzmärkten unter anderem durch die Einführung besserer Risikoteilungsmodelle zu stärken. Die Durchsetzung internationaler Bankenaufsichtsstandards ist, laut Tumpel-Gugerell, eine Schlüsselfrage in dieser Hinsicht. Die allgemeine Haltung gegenüber Kapitalverkehrskontrollen hat sich in den letzten beiden Jahren vor dem Hintergrund der neuesten Finanzkrisen in Asien, Lateinamerika und Rußland etwas geändert. Länder, die den Kapitalverkehr bereits voll liberalisiert haben, sollten keine Kapitalverkehrsbeschränkungen einführen, Entwicklungs- und Schwellenländer in ihren Liberalisierungsschritten vorsichtig vorgehen.
In ihren Ausführungen stellte Vize-Gouverneurin Tumpel-Gugerell auch den neuen Olga-Radzyner-Preis der Oesterreichischen Nationalbank vor, der in Gedenken an die im Sommer bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Pionierin der Osteuropa-Analyse der Oesterreichischen Nationalbank und Initiatorin der jährlichen Ost-West-Konferenz gestiftet wird. Der mit 7.500 Euro dotierte Preis soll jährlich drei hervorragenden jungen Ökonomen aus Zentral-, Ost- und Südosteuropa verliehen werden. Die erste Preisverleihung soll auf der nächsten Ost-West-Konferenz, die im November 2000 sein wird, stattfinden.