Presseaussendung


Dr. Klaus Liebscher spricht bei der internationalen Konferenz über "Financial Crisis – A Never-Ending Story?"

Wien, 23. 11. 1999


Bei der von der Oesterreichischen Nationalbank veranstalteten Ost-West-Konferenz über Finanzkrisen erläuterte Nationalbank-Gouverneur Dr. Liebscher die Rolle der Politik und der Zentralbanken im äußerst dynamischen und vielschichtigen Strukturwandel in unseren Volkswirtschaften, in dem sich gerade die weltweite Verflechtung der Finanzmärkte als eine wesentliche Triebfeder für weitere Strukturreformen herauskristallisiert hat.

 

In diesem Zusammenhang arbeitete Gouverneur Liebscher einige Kernpunkte heraus. So erläuterte er die Erkenntnisse aus den Finanzmarktkrisen der letzten Jahre, zeigte die jüngsten Schritte der mit diesen Fragen befaßten internationalen Organisationen und Foren zur Finanzmarktstabilität auf, präsentierte aktuelle Aspekte des Zusammenhangs zwischen der Politik und den Märkten, brachte eine Prognose über die künftige Stoßrichtung der Finanzmarkt-und Krisenpolitik und untermauerte die Relevanz stabiler Finanzmärkte für die Aufgaben und Ziele der Zentralbanken. Bezüglich der Erkenntnisse aus den Finanzmarktkrisen schlußfolgerte Dr. Liebscher, daß die Anleger heute aus einem falschen wirtschaftspolitischen Kurs früher die Konsequenzen ziehen und rentabilitätsbewußter geworden sind. Die Krisen der letzten Jahre haben gezeigt, daß die Finanzmärkte politisches Fehlverhalten sanktionieren, und daß die Sanktionen umso härter ausfallen je länger damit zugewartet wird. Es hat sich auch klar erwiesen, daß Stabilität eine Voraussetzung für langfristige Effizienz und nachhaltiges Wachstum ist – eine Erkenntnis, die anscheinend allzuleicht vergessen wird, solange alles glatt läuft. Sobald jedoch Probleme auftauchen, zeigt sich klar und deutlich, daß Finanzkrisen nicht nur Gläubigern und Banken, sondern der Wirtschaft insgesamt teuer zu stehen kommen.

 

Angesichts dieser Tatsache befassen sich die verschiedenen internationalen wirtschaftspolitischen Institutionen und Foren, wie etwa der IWF, die BIZ, das ESZB, der Basler Ausschuß oder das vor kurzem gegründete Forum für Finanzmarktstabilität aktiv mit den Fragen, die sich aus den vorherrschenden Finanzmarkttrends und dem Strukturwandel in unseren Volkswirtschaften ergeben, mit dem Ziel, den wirtschaftspolitischen Dialog mit den Märkten zu stärken, Krisen frühzeitig zu erkennen und letztlich eine reibungslose Globalisierung zu ermöglichen. "Obzwar", so Liebscher, "in erster Linie die Wirtschaftspolitik verantwortlich für die Stabilität des Finanzsystems ist, sollten die Marktkräfte als unverzichtbares Zusatzinstrument zur Einforderung von Disziplin genutzt werden. Das erfordert seitens der Wirtschaftspolitik ein Bewußtsein für die Marktmechanismen, ihre Funktionsweise, und die Gründe, wann und warum sie aussetzen."

 

Was die Bewahrung von Finanzmarktstabilität betrifft, verwies Dr. Liebscher auf drei generelle Stoßrichtungen der Wirtschaftspolitik für die Zukunft:

  • Erstens muß dafür gesorgt werden, daß die Markteffizienz erhöht wird, damit das Verhältnis zwischen Preis und Risiko korrekt ist. Um die "moral hazard"-Gefahr zu unterbinden, sollten Wirtschaftpolitiker dafür sorgen, daß Investoren sich nicht in der trügerischen Sicherheit wiegen, Finanzinstitutionen seien "zu groß" oder "zu komplex um ernsthaft in eine Krise zu geraten." Konstruktive Zweifel auf Basis der Fakten und der Risiken können dazu beitragen, daß Finanzmarktakteure vorsichtiger werden.

  • Zweitens sind die wirtschaftspolitischen Entscheidungs-träger gut beraten so vorzugehen, daß keine makroökonomischen Ungleichgewichte entstehen, die die Preisstabilität und das langfristige Wachstum gefährden. Falls es tatsächlich zu makroökonomischen Ungleichgewichten kommt, muß der wirtschaftspolitische Kurs umgehend korrigiert werden. Schließlich muß die Wirtschaftspolitik in den einzelnen Ländern transparent sein, damit ein zusätzlicher Anreiz besteht, eventuelle makroökonomische Ungleichgewichte bereits frühzeitig aufzudecken und zu korrigieren.

  • Drittens sollte in der Wirtschaftspolitik mehr Augenmerk auf die rechtliche Infrastruktur der Finanzmärkte gelegt werden, wobei sowohl Insolvenzverfahren als auch eine wirksame Unternehmensführung abgedeckt sein sollen. Gouverneur Liebscher befaßte sich weiter mit der Frage der Relevanz stabiler Finanzmärkte für die Aufgaben und Ziele der Zentralbanken. Notenbanken müßten den Einfluß veränderter Bedingungen an den Finanzmärkten auf den Transmissionsmechanismus entsprechend einschätzen können. Hiefür brauchen sie ausreichende Informationen sowohl über die Finanzmärkte als auch über einzelne Institutionen. Wenn kurzfristige Liquiditätsspritzen zu langfristiger finanzieller Unterstützung werden, könnte sich dies negativ auf die monetäre Stabilität auswirken. Außerdem hätten Zentralbanken ein Interesse daran, zur Diskussion über aufsichtsrechtliche Vorkehrungen zur Sicherung der Finanzmarktstabilität beizutragen.

Gouverneur Liebscher schloß mit der Forderung nach einer ständigen Anpassung des wirtschaftspolitischen Kurses an die sich ändernden Finanzmärkte bzw., sollte eine Finanzmarktkrise entstehen, nach der Abschirmung der Realwirtschaft von den negativen Auswirkungen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Das reibungslose Funktionieren eines diversifizierten Finanzsystems ist eine Grundvoraussetzung für die Wirksamkeit der Geldpolitik.

Andererseits können Notenbanken zu stabilen Finanzmärkten beitragen, indem sie die Bedingungen für niedrige Inflationserwartungen in der Zukunft schaffen, wodurch die Inflationsrisikoprämien auf ein Minimum beschränkt werden. Selbst wenn die Geldpolitik nicht dafür sorgen kann, daß Investoren keine übermäßig großen Risiken eingehen und daß Spekulation eingedämmt wird, kann die Geldpolitik zumindest versuchen, daß sich eine risikobewußte Haltung durchsetzt. Dr. Liebscher bemerkte zum Abschluß, daß "wir nie aus den Augen verlieren dürfen, wozu wir monetäre und finanzielle Stabilität brauchen. Diese Ziele sind kein reiner Selbstzweck, sondern tragen vielmehr zu langfristigem Wachstum und einer Erhöhung des Lebensstandards bei."

 



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