Die beiden „historischen“ Erdölschocks der siebziger und frühen achtziger Jahre waren in Österreich mit erheblichen makroökonomischen Auswirkungen verbunden. Das Wirtschaftswachstum wurde signifikant gebremst bzw. war sogar leicht negativ, das Beschäftigungswachstum verflachte und die Arbeitslosigkeit stieg, mit der anziehenden Inflation wurde eine Preis-Lohn-Spirale in Bewegung gesetzt, und die Leistungsbilanz verschlechterte sich. Diese Effekte verdeutlichen, welche Auswirkungen mit einem negativen Angebotsschock durch steigende Ölpreise einhergehen können. Aus stabilitätspolitischer Sicht sind vordergründig die Auswirkungen eines Ölpreisschocks, wie er seit dem zweiten Halbjahr 1999 wieder zu verspüren ist, auf die Inflationsrate von Interesse. In einer Studie untersuchte die OeNB diese Effekte bzw. inwieweit durch die Ölpreiserhöhung die weitere makorökonomische Performance beeinflusst wird.
Im langfristigen Vergleich zeigt sich, dass die Bedeutung von Energie als Produktionsfaktor und dementsprechend die wirtschaftlichen Auswirkungen vor allem auf Wachstum, Inflation und Beschäftigung abgenommen hat. 1998 wies Österreich eine Importquote der Energie von rund 1 ½ % des BIP auf. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre, in der Periode der 1. Erdölkrise, lag diese noch bei 3 bis 4 %; Anfang der achtziger Jahre, in der Periode der 2. Erdölkrise, betrug sie 4 bis 6 %. Allerdings erreichten die Erdölpreise in dieser Phase ihr absolut höchstes Niveau. Zusätzlich belastete die Aufwertung des US-Dollar gegenüber dem Schilling die österreichische Energierechnung. In den neunziger Jahren hat sich die Energieimportquote weitgehend stabilisiert. Sie erhöhte sich nur zweimal – 1991 (2. Golfkrieg) und 1997 (vorübergehender Anstieg der Rohölpreise) – temporär, lag aber jeweils unter dem Niveau der beginnenden achtziger Jahre.
Eine wesentliche Rolle für diese Entwicklung spielt – speziell in den neunziger Jahren – die stattgefundene Entkoppelung des Energieverbrauchs vom Wertschöpfungsbeitrag, besonders in den energieintensiven Branchen. Dies lässt sich daraus ableiten, dass bei gleich bleibendem oder steigendem Wertschöpfungsanteil der Energiekostenanteil sinkt. Wurde Mitte der siebziger Jahre noch fast 1 Petajoule Energie für 1 Mrd ATS produzierter Wertschöpfung benötigt, so betrug die Relation 1998 nur mehr 0’7 : 1. Die nachlassende Bedeutung von flüssigen Energieträgern zeigt sich auch in der Verbrauchsstruktur, der Anteil von Mineralölprodukten als Energiequelle für Wirtschaft und Haushalte ist seit den siebziger Jahren kontinuierlich von über 50 % auf unter 40 % gesunken.
Verglichen zu den siebziger und achtziger Jahren spielen die Energiepreise für die Produktion somit eine weniger dominante Rolle. Auch wenn die Preisentwicklung bei energetischen Produkten die österreichische Inflationsrate unverändert deutlich vorzeichnet, ist der Inflationsbeitrag merklich schwächer geworden. Im Zuge der 1. Erdölkrise bewirkten die Verteuerungen von Energie einen direkten Inflationseinfluss (gemessen am Verbraucherpreisindex) von rund 3 Prozentpunkten, der Beitrag des Energiesektors halbierte sich auf etwa 1 ½ Prozentpunkte während der 2. Erdölkrise und schwächte sich im Gefolge der seit dem zweiten Quartal 1999 andauernden Ölpreishausse 1999 auf rund ½ bis ¾ Prozentpunkt ab.
Die geringere Sensibilität der Inflation auf Angebotsschocks dieser Art wird aber auch durch zusätzliche strukturelle Phänomene erklärt: Mit dem EU-Beitritt hat sich das Preis- und Wettbewerbsgefüge in Österreich verändert. Stärkere Konkurrenz, einhergehend mit der Notwendigkeit zu Kostenreduktionen bzw. Effizienzsteigerungen durch Rationalisierungen, bestimmten das unternehmerische Umfeld in den neunziger Jahren. Die Wettbewerbsintensivierung und damit verbundene moderate Lohnzuwächse, die Liberalisierung und Deregulierung in Verbindung mit dem Aufbrechen von Monopolen haben die Gewinnspannen unter Druck gesetzt. Die neuen Marktverhältnisse erschweren einerseits die Überwälzung von Preiserhöhungen, anderseits müssen Preisreduktionen rascher weitergegeben werden.
In Bezug auf die sonstige makroökonomische Entwicklung sind beim – gegenwärtig günstigen internationalen Umfeld – Rezessionsgefahren vergleichbar jenen Mitte der siebziger bzw. beginnenden achtziger Jahre nicht zu erkennen. Alle Prognosen gehen für das kommende Jahr 2000 von einem beschleunigten Wirtschaftswachstum und steigender Beschäftigung in Österreich aus.
Nähere Details können dem gleichnamigen Beitrag, veröffentlicht in „Berichte und Studien“, Heft 4/1999, entnommen werden oder sind in der Abteilung für volkswirtschaftliche Analysen (Mag. Fluch, DW 7432) erhältlich.