Die 28. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB, die im Juni dieses Jahres in Wien stattfand, widmete sich dem Thema "Das neue Millennium – Zeit für ein neues ökonomisches Paradigma?".) Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass Europa im letzten Jahrzehnt erhebliche Anstrengungen struktureller Art unternommen hat, um international wettbewerbsfähiger zu werden und sein Wachstumspotenzial zu stärken. Diese Bemühungen umfassen das Binnenmarktprogramm, weit reichende Maßnahmen zur Liberalisierung der Kapital-, Güter- und Dienstleistungsmärkte, die Schaffung der Wirtschafts- und Währungsunion sowie die kontinuierliche Erweiterung der Europäischen Union. So bedeutsam diese Schritte auch sind, erscheinen sie angesichts der Revolution in der Informations- und Kommunikationstechnologie – die häufig mit der Vorstellung einer New Economy und eines neuen ökonomischen Paradigmas gleichgesetzt wird – als nicht ausreichend. Die unterschiedliche Dynamik der europäischen und der amerikanischen Ökonomien während des letzten Jahrzehnts wird häufig mit eben diesen Umwälzungen im IT-Bereich in Verbindung gebracht.
In diesem Zusammenhang stellen sich jedoch viele Fragen: Gibt es überhaupt eine New Economy, wie wäre sie zu definieren, und wie aussagekräftig sind die für empirische Belege herangezogenen Statistiken? Und schließlich: Ist die Produktivitätsbeschleunigung durch die Aufrüstung in der Informations- und Kommunikationstechnologie eine vorübergehende Erscheinung oder von länger andauernder Natur? Während in den USA eine Reihe von Ökonomen durchaus eine New Economy diagnostizieren zu können glaubt, sind in Europa bisher nur bescheidene Anzeichen erkennbar. Ein weiterer Aspekt betrifft daher eventuelle strukturelle Unterschiede zwischen den USA und Europa: Inwieweit begünstigen diese die New Economy in den USA und blockieren sie in Europa, und kann Europa bei entsprechendem Abbau von Rigiditäten nachziehen und in welchem Zeitraum? Schließlich war auch die Rolle der Wirtschaftspolitik von Interesse: Wie kann sie unterstützend und wachstumsfördernd wirken? Welche Rolle spielt insbesondere eine stabilitätsorientierte Makropolitik und wie soll die Geldpolitik in dieser neuen Umwelt gestaltet werden?
Die über eineinhalb Tage anberaumte Konferenz versuchte in fünf Themenblöcken, Antworten auf diese zu finden. Ein erster Block beschäftigte sich mit den Herausforderungen für die Geldpolitik, die sich aus dem möglichen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel zur New Economy ergeben. Ein zweiter Schwerpunkt setzte sich mit der Frage auseinander, ob auch Europa neue Quellen des Wirtschaftswachstums erschließen kann. Der dritte Themenkomplex beleuchtete den Zusammenhang zwischen technologischem Wandel, Aktienmärkten und Firmenbewertung. Eine vierte Session suchte Ursachen für den Wachstumsvorsprung der USA gegenüber Europa und ging dem Produktivitätsvorsprung der USA auf den Grund. Schließlich resümierte ein fünfter Themenblock die Herausforderungen der New Economy für die allgemeine Wirtschaftspolitik. In diesem Kontext wurden auch aktuelle wirtschaftspolitische und vor allem budgetrelevante Entwicklungen in Österreich erörtert. Eine Bestandsaufnahme des österreichischen universitären Innovationssystems und diesbezügliche Zukunftsaspekte rundete die Konferenz ab.
Während die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz einer New Economy weitgehend unbeantwortet bleiben musste, ergab sich jedoch eine Reihe wesentlicher wirtschaftspolitischer Überlegungen und Empfehlungen. Offenbar steht die europäische Wirtschaftspolitik vor großen Herausforderungen: Die Möglichkeit, dass auch hier eine anhaltende Aufschwungphase einsetzen kann, ist nach Ansicht der meisten Referenten zwar vorhanden, doch erscheinen die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen noch nicht voll gegeben: Unter anderem ist die Integration des europäischen Marktes noch nicht fortgeschritten genug, ein effizienter Markt für Risikokapital ist noch zu entwickeln, ein europäisches Netzwerk für Technologie und Wissenschaft existiert nicht, die Investitionen in den Aufbau einer "knowledge-based economy" sind zu gering. Was die monetäre Politik betrifft, so ist zu berücksichtigen, dass die Unsicherheiten – insbesondere auch über die Aussagekraft gewisser ökonomischer Variablen – im Zuge dieser Entwicklungen zweifellos zugenommen haben. Es wurde jedoch darauf hingewiesen, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank mit ihrer Zwei-Säulen-Strategie, die die Beobachtung eines breiten Spektrums an Parametern und damit ein flexibles Reagieren ermöglicht, eventuellen veränderten Anforderungen gegenüber gut positioniert erscheint.