Die internationale Gemeinschaft ist sich einig, dass die Auslandsschulden der Dritten Welt auf ein unhaltbares Niveau gestiegen sind und dringend wirksame, ausgewogene und dauerhafte Lösungen für die Schuldendienstprobleme der Entwicklungsländer gefunden werden müssen. In dem Artikel, der in Berichte und Studien 4/2000 der Oesterreichischen Nationalbank erschienen ist, wird versucht aufzuzeigen, wie es zu dieser Situation kam und welche Schritte unternommen werden.
In den Sechzigerjahren herrschte die Meinung vor, dass in den Entwicklungsländern der schnelle Aufbau einer modernen, exportgetriebenen Wirtschaft durch Verschuldung, insbesondere bei den internationalen Finanzmärkten, erfolgen könnte. Interne und externe Ursachen machten jedoch eine Entwicklung der Dritten Welt gemäß diesen Vorstellungen unmöglich. Die Außenverschuldung der Entwicklungsländer stieg auf ein unhaltbares Niveau. Mit der Zahlungseinstellung Mexikos erreichte die internationale Schuldenkrise 1982 einen ersten Höhepunkt. Trotz der konzessionären Umschuldungen durch den Pariser Club (traditionelle Schuldenerleichterung) seit den Achtzigerjahren konnte der Schuldenstand der Entwicklungsländer nicht auf ein dauerhaft tragbares Niveau gesenkt werden. Die bisher gesetzten Maßnahmen und Initiativen waren unzureichend, den hoch verschuldeten, armen Entwicklungsländern (Heavily Indebted Poor Countries = HIPC) zu nachhaltigem Wachstum zu verhelfen.
Die HIPC-Initiative wurde 1996 von Weltbank und IWF ins Leben gerufen, um eine „endgültige“ Lösung für das Verschuldungsproblem der ärmsten Entwicklungsländer zu bieten. An der erweiterten HIPC-Initiative nehmen 32 Länder teil, von denen 28 afrikanische Sub-Sahara-Staaten und vier lateinamerikanische Länder sind. Für zwölf Länder, die bereits ihren Entscheidungszeitpunkt erreicht haben, werden ca. 20 Mrd USD als Unterstützung bzw. Schuldenerlass gewährt. Dadurch soll es laut Weltbank zu einer durchschnittlichen Schuldenstandreduktion von 45 % kommen. Das Verhältnis von Schulden zum BIP soll unter 30 % , die Schuldendienstexportquote unter 10 % gedrückt werden.
Ein weiteres Ziel der HIPC-Initiative ist es, die Ersparnis auf Grund des Schuldenerlasses auch zur Bekämpfung der Armut zu verwenden. Viele der betroffenen HIPC-Länder geben derzeit höhere Summen für den Schuldendienst aus als für Armutsbekämpfung bzw. Gesundheit und Ausbildung.
Der langfristige Erfolg der HIPC-Initiative wird sich erst noch zeigen müssen. Entscheidend ist, dass die Hilfsflüsse der Industrieländer nicht nach der Finanzierung der Entschuldung im Rahmen der HIPC-Initiative abreißen. Investitionen in sinnvolle, regional wichtige (und nicht geopolitisch bestimmte) sowie sozialpolitisch ausgewogene Projekte sind ein Ansatzpunkt für den wirtschaftlichen Aufschwung in den Entwicklungsländern. Die Öffnung der Märkte verhilft zu höheren Exporterlösen, wodurch die Schuldendienstfähigkeit wieder zunimmt. Dadurch sollten sich Entwicklungsländer für den Aufbau ihrer Wirtschaft sowie zur Bekämpfung der Armut unter vorsichtigem Schuldenmanagement wieder neu verschulden können, ohne dass die Schuldenlast wieder auf ein untragbares Niveau steigt.