Seit Beginn der Währungsunion trägt die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) im Rahmen des Eurosystems zu einer gemeinsamen, stabilitätsorientierten Geldpolitik bei. Eine immer wichtiger werdende Aufgabe in diesem Zusammenhang stellt die wachsende Verantwortung von Zentralbanken für die Stabilität des Finanzsektors dar. Aus diesem Grund legt die OeNB nun zum ersten Mal einen Finanzmarktstabilitätsbericht vor, der relevante Aspekte von Finanzmarktentwicklungen und Finanzierungsstrukturen detailliert analysiert. Sein Fokus liegt auf strukturellen Merkmalen des Finanzsystems und auf den Verbindungsstellen zwischen Finanzmarktentwicklungen und der Realwirtschaft. Es ist beabsichtigt, in den zukünftig halbjährlich in deutscher und englischer Sprache erscheinenden OeNB-Finanzmarktstabilitätsberichten diese Analyse kontinuierlich zu erweitern und zu vertiefen.
Der erste Finanzmarktstabilitätsbericht der OeNB weist auf folgende vordringliche Merkmale und Entwicklungen hin:
Ein Spezifikum der österreichischen Situation ist das massive Engagement der inländischen Banken in Mittel- und Osteuropa, wo sie zu den größten Investoren zählen. Für eine Einschätzung der Finanzmarktstabilität in Österreich gewinnen daher die Entwicklungen in dieser Region zunehmend an Gewicht. Im Dezember 2000 betrug die Bilanzsumme der Tochterinstitute österreichischer Banken in Mittel- und Osteuropa EUR 30 Mrd, mehr als 5% der Bilanzsumme der österreichischen Kreditinstitute insgesamt. Damit hielten sie Marktanteile auf den jeweiligen Märkten zwischen 5 und 21%. Zwar konnten die österreichischen Kreditinstitute in diesen Ländern sehr hohe Erträge erzielen, gleichzeitig hat sich damit jedoch auch die Risikoposition der österreichischen Banken geändert.
- Institutionelle Anleger (Versicherungen, Pensionsfonds und Investmentfonds) haben in den letzten Jahren aufgrund ihres dynamischen Wachstums gegenüber Kreditinstituten in der Finanzintermediation an Bedeutung gewonnen. Die Vermögensbestände dieser institutionellen Anlager konnten von 1996 bis 2000 von 18% auf 45% des BIP gesteigert werden. Dieses Niveau ist jedoch noch niedriger als die Vergleichswerte in den meisten anderen Industriestaaten.
- Der österreichische Finanzmarkt ist zunehmend in die internationalen Finanzmärkte integriert, seine Stabilität wird damit in höherem Ausmaß von internationalen Entwicklungen beeinflusst. Sowohl Banken und institutionelle Investoren als auch private Haushalte veranlagen einen steigenden Anteil ihrer Finanzmittel im Ausland; gleichzeitig fließt ein höherer Anteil der Kapitalanlagen in Aktien. So haben die Investmentfonds den Aktienanteil ihrer Vermögensbestände seit dem Jahr 1995 auf rund 20% nahezu verdoppelt, dabei jedoch nur in sehr geringem Ausmaß in österreichische Aktien investiert.
- Nur sehr geringe Zuwächse haben in den letzten Jahren die Preise für Vermögenswerte Aktien und Immobilien in Österreich erfahren. Anders als in vielen anderen Ländern gehen von diesen Märkten daher in Österreich kaum Risiken für die Finanzmarktstabilität aus.
- Ein Ausbau des österreichischen Kapitalmarktes wäre wünschenswert und wird von der OeNB aktiv unterstützt. Auf diese Weise können nicht nur die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen und die Veranlagungsvarianten für Investoren verbessert werden, sondern eine Belebung des Kapitalmarktes trägt auch zur besseren Nutzung der langfristigen Wachstumspotenziale bei.
Neben dem allgemeinen Berichtsteil werden im Rahmen von Studien auch gesonderte Themen herausgegriffen, die im Zusammenhang mit der Stabilität der Finanzmärkte stehen. Im Studienteil stehen die Entwicklung der Finanzmärkte in ausgewählten mittel- und osteuropäischen Ländern, die Wertpapierabwicklung in Österreich, Stress-Tests bei österreichischen Banken und Dichteprognosen im Bereich der Finanzmärkte im Mittelpunkt.
Insgesamt hebt der Finanzmarktstabilitätsbericht der OeNB die Bedeutung von vorbeugenden institutionellen Maßnahmen hervor. Auch wenn das Risikopotenzial der österreichischen Finanzmärkte sicherlich als vergleichsweise gering zu bezeichnen ist, kommt der frühzeitigen systematischen Beschäftigung mit diesen Fragen große Bedeutung zu.