Presseaussendung


Gesamtwirtschaftliche Prognose der Oesterreichischen Nationalbank für die Jahre 2001–2003

Wien, 22. 6. 2001


Die österreichische Wirtschaft konnte im Vorjahr mit einem Wachstum des realen Bruttoinlands­produkts (BIP) von 3,2% die seit 1998 anhaltend dynamische Entwicklung fortsetzen. Für die Jahre 2001 bis 2003 wird jedoch mit einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums gerechnet. In den Jahren 2001 und 2002 wird das reale BIP nur noch um 2,3% bzw. 2,1% wachsen. Für das Jahr 2003 wird eine leichte Beschleunigung des Wachstums auf 2,5% prognostiziert. Bedingt durch die deutlich eingetrübten internationalen Rahmenbedingungen bedeutet das im Vergleich zur Herbstprognose eine um rund ½ Prozentpunkt niedrigere – langfristig gesehen aber immer noch günstige – Wachstums­erwartung für 2001 und 2002. Die vorliegende Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Österreich, die im Rahmen der jüngst veröffentlichten Projektionen des Eurosystems erstellt wurde, basiert auf einem Informationsstand vom 17. Mai 2001 und geht von einem Wirtschaftswachstum im Euroraum von 2,2% bis 2,8% aus. Jüngste Daten, die beispielsweise eine noch stärkere Wachstumsdämpfung in Deutschland möglich erscheinen lassen, konnten in der Prognose nicht mehr berücksichtigt werden.


Obwohl sich die österreichische Wirtschaft im Vorjahr im Jahresdurchschnitt sehr positiv entwickelte, zeichnete sich gegen Jahresmitte eine Abkühlung ab. Wuchs das reale BIP in den ersten beiden Quartalen noch um jeweils 4,1%, so sank das Wachstum in den folgenden Quartalen auf 2,3% bzw. 2,6%. Dieser Konjunkturwendepunkt wurde wesentlich von den Unsicherheiten bezüglich der externen Entwicklung – wie dem starken Ansteigen der Energiepreise und den damals erstmals sichtbar werdenden Anzeichen eines Waschtumseinbruchs in den USA – sowie den Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung bestimmt. Der in erster Linie durch die außenwirtschaftlichen Rahmen­bedingungen ausgelöste Einbruch des Unternehmervertrauens in der zweiten Hälfte des Vorjahres hat jedoch bisher noch kaum Niederschlag in der Exportperformance gefunden. Die österreichischen Exporte entwickeln sich nach wie vor sehr dynamisch.


Die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahren wird wesentlich vom geringeren Wachstum der inländischen Nachfrage bestimmt. Der Beitrag der inländischen Nachfrage zum Wachstum des realen BIP wird sich von 2,7 pp (Prozentpunkten) im Jahr 2000 auf 1,8 pp, 1,9 pp und 2,2 pp in den Jahren 2001 bis 2003 verringern. Hauptverantwortlich für diesen Rückgang zeichnet einerseits der private Konsum und andererseits – stärker als in der Herbstprognose erwartet – die Investitionstätigkeit der Unternehmen. 

 

Die verfügbaren Haushaltseinkommen werden durch die fiskalpolitischen Maßnahmen zur Erreichung des Nulldefizits im Jahr 2002 gedämpft. Trotz einer unterstellten Reduktion der Sparquote der privaten Haushalte wird das Wachstum des privaten Konsums wesentlich schwächer ausfallen als in den vergangenen Jahren. Erst 2003 dürften die verfügbaren Haushaltseinkommen wieder stärker steigen und damit zu einer vom Konsum getragenen Beschleunigung des Wachstums des realen BIP am Ende des Prognosezeitraums beitragen.



Hauptergebnisse der OeNB-Frühjahresprognose 2001 für Österreich
 
 20002001 2002 2003 
 
 Veränderung zum Vorjahr in % (real)
Wirtschaftliche Aktivität     
Bruttoinlandsprodukt (BIP) 3,22,32,12,5 
Importe insgesamt9,26,55,76,5
Exporte insgesamt9,87,26,26,7
Privater Konsum2,71,81,82,3
Öffentlicher Konsum2,31,71,31,5
Bruttoanlageinvestitionen2,92,32,62,7
 in % des nominellen BIP
Leistungsbilanzsaldo−2,8−2,6−2,5−2,4
 
 in Prozentpunkten
Wachstumsbeiträge zum realen BIP     
Inlandsnachfrage (exkl. Lagerveränderung)2,71,81,92,2
Nettoexporte0,40,40,30,2
Lagerveränderungen0,10,1−0,10,1
 
 Veränderung zum Vorjahr in %
Preise     
Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI)2,02,01,21,1
Deflator des privaten Konsums1,81,81,41,2 
Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft−0,21,10,90,7
Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer (zu laufenden Preisen)2,22,82,62,5
Produktivität in der Gesamtwirtschaft2,31,61,61,8
Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer 
(zu Preisen von 1995)
0,31,0 1,21,3 
Importpreise5,02,41,51,3
Exportpreise3,32,71,71,4
Terms of Trade−1,70,30,10,1
 
 in % 
Arbeitsmarkt     
Arbeitslosenquote (EUROSTAT-Definition)3,73,63,53,4
 Veränderung zum Vorjahr in %
Beschäftigung0,90,60,50,6 
 
 in % des nominellen BIP
Budget     
Budgetsaldo−1,5−0,60,00,0
 

Die Investitionen erweisen sich wegen der nach wie vor guten Exportnachfrage als die stabilere Komponente der Inlandsnachfrage. Auf Grund der durch die Abschaffung des Investitionsfreibetrages mit Ende 2000 bedingten Vorzieheffekte geht das Investitionswachstum im Jahr 2001 deutlich zurück. Für die folgenden Jahre geht die Prognose davon aus, dass die Investitionsnachfrage wieder durch ein günstigeres wirtschaftliches Klima unterstützt wird: Einerseits ist durch höhere Einkommen der privaten Haushalte und die besseren Exportaussichten wieder mit einem höheren Auslastungsgrad der Wirtschaft und somit mit einer verbesserten Rentabilität von Investitionsprojekten zu rechen, andererseits wird sich – wegen der weiterhin als moderat angenommenen Lohnabschlüsse – die Selbstfinanzierungskraft der Unternehmen verbessern.

 

Die externe Nachfrage wird während des gesamten Prognosezeitraums einen positiven Wachstumsbeitrag leisten. Ein wesentlicher Grund dafür ist in einer deutlichen Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Exporte im Vorjahr zu sehen, von deren positiven Auswirkungen heuer und – in einem geringeren Ausmaß – auch nächstes Jahr noch profitiert werden kann. Der Beitrag der Nettoexporte zum Wachstum des realen BIP wird 2001 – ebenso wie 2000 – bei 0,4 pp liegen und bis 2003 auf 0,2 pp absinken.

 

Der Arbeitsmarkt wird sich über den gesamten Prognosehorizont positiv entwickeln. Die Arbeitslosenquote nach EU-Definition wird von 3,7% im Jahr 2000 auf voraussichtlich 3,4% im Jahr 2003 sinken.

 

Bei der Entwicklung der Verbraucherpreise dürfte im ersten Halbjahr 2001 der Höhepunkt erreicht sein: Die Steigerungsrate des harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI erreichte im Mai 2001 mit 2,9% den höchsten Wert in diesem Jahr. Der nationale VPI stieg im Mai um 3,4%. Ab Juni ist mit einer Abflachung des Preisanstiegs zu rechnen. Die Zunahme des HVPI wird bis Jahresende deutlich sinken, die durchschnittliche Inflationsrate wird 2001 bei 2,0% liegen und 2002 mit 1,2% auf ein Niveau zurückgehen, das nur noch knapp über jenem vor dem Ölpreisschock liegt. 2003 wird mit keinem weiteren starken Rückgang der Inflationsrate zu rechnen sein, der HVPI wird um 1,1% steigen.

 

Obwohl die vorliegende Prognose im Vergleich zur Herbstprognose pessimistischer ausfällt, stuft die OeNB die Erreichung des angestrebten ausgeglichenen Budgets im Jahr 2002 weiterhin als möglich ein. Für das Jahr 2001 wird ein Defizit in der Höhe von 0,6% des BIP erwartet. Auf Basis der prognostizierten wirtschaftlichen Entwicklung kann für die Jahre 2002 und 2003 von einem ausgeglichenen Budget ausgegangen werden.