Das rasche und koordinierte Vorgehen der amerikanischen Federal Reserve Bank und des Eurosystems trug wesentlich zur Stabilisierung der Finanzmärkte nach den Attentaten vom 11. September bei. Zu diesem Schluss kommen eingehende Analysen im zweiten Finanzmarktstabilitätsbericht der Oesterreichischen Nationalbank. Sowohl die schnelle Liquiditätsbeistellung – das Eurosystem stellte dem Markt innerhalb von drei Tagen mehr als EUR 109 Mrd in Form von Quick-Tendern zur Verfügung – als auch die Senkung der Leitzinsen wenige Tage nach den Anschlägen konnten die Lage auf den Finanzmärkten deutlich beruhigen.
Die große Unsicherheit der Marktteilnehmer nach dem 11. September ist nicht nur in einer sprunghaft angestiegenen Volatilität auf den Aktienmärkten ablesbar, sondern vor allem auch in einem Anstieg des Kreditrisikos bei Unternehmen mit einer schlechteren Bonitätseinstufung. Die Ausweitung der Spreads niedrigerer Bonitätsklassen um bis zu 30 Basispunkte zeigt, dass Investoren ihr Kapital innerhalb kurzer Zeit auf Investitionsmöglichkeiten mit geringerem Risiko umgeschichtet haben.
In einem weiteren Abschnitt widmet sich der Finanzmarktstabilitätsbericht der Analyse des heimischen Kreditsektors. Das Bilanzsummenwachstum der österreichischen Kreditinstitute betrug im ersten Halbjahr 2001 lediglich 1% nach 9,9% in den ersten beiden Quartalen 2000. Ursachen dafür waren das schwächere konjunkturelle Umfeld sowie die statistischen Effekte der Umstrukturierungsmaßnahmen der Bank Austria im Zuge der Fusion mit der HVB. Die Ertragslage der österreichischen Banken hat sich nach den guten Ergebnissen im Geschäftsjahr 2000 im 1. Halbjahr 2001 merklich verschlechtert, da die Steigerungen bei den Betriebsaufwendungen nicht von entsprechenden Ertragszuwächsen begleitet waren. Insgesamt lag das Betriebsergebnis im 1. Halbjahr 2001 um 10% unter dem Wert der Vergleichsperiode. Im Gegensatz dazu trug das starke Engagement der österreichischen Großbanken in den Mittel- und Osteuropäischen Ländern zu einer Verbesserung des Geschäftsergebnisses bei. Die Eigenkapitalrentabilität (ROE) der österreichischen Tochterbanken in diesen Ländern lag zwischen 7% und 43% und damit deutlich über den Werten, die die Banken in Österreich erzielen.
Die seit 1995 anhaltende Zunahme bei der Nachfrage nach Fremdwährungskrediten dürfte im vergangenen Jahr ihren vorläufigen Höhepunkt überschritten haben. Der Anteil der Kredite in Fremdwährungen an den gesamten vergebenen Direktkrediten reduzierte sich von 21,3% zu Beginn des Jahres auf 18,1% zu Jahresmitte. Nach wie vor sind mehr als die Hälfte aller Fremdwährungsausleihungen in Schweizer Franken denominiert. Die Nachfrage nach CHF-Finanzierungen hat aber angesichts stark gesunkener Zinsdifferenzen merklich nachgelassen. Kredite in Japanischen Yen erfreuten sich hingegen weiterhin großer Beliebtheit: Ihr Anteil an den gesamten Fremdwährungsausleihungen erhöhte sich seit Beginn des Jahres von 33,7% auf 40,5%.
In einem gesonderten Abschnitt widmet sich der Finanzmarktstabilitätsbericht der OeNB der neuen Verantwortung für die Zahlungssystemaufsicht, die der Oesterreichischen Nationalbank mit Wirkung vom 1. April 2002 übertragen wird. Vor dem Hintergrund der stark zugenommenen Bedeutung elektronischer Zahlungssysteme für die Funktionsfähigkeit der Finanzsysteme stellt dies eine wichtige Aufgabe im Rahmen der Wahrung der Finanzmarktstabilität dar. Von der Aufsicht betroffen sind jene Zahlungssysteme, die von Bedeutung für den unbaren Zahlungsverkehr in Österreich sind und deren allfälliges Versagen negative gesamtwirtschaftliche Implikationen bzw. schwer wiegende öffentliche Vertrauensschäden zur Folge hätte.