Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld der Notenbanken ist um die Jahrtausendwende stark in Bewegung geraten. Der Eintritt in die Informationsgesellschaft bzw. -ökonomie des 21. Jahrhunderts stellt für die Notenbanken eine große Herausforderung dar, da die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien das Umfeld der Notenbanken nachhaltig verändert. Selbst wenn durch die Korrektur auf den internationalen Aktienmärkten und durch die tragischen Ereignisse vom 11. September 2001 die Diskussion über den Stellenwert der Internetökonomie in den Hintergrund getreten ist, wäre es verfrüht, dieses Thema ad acta zu legen. Denn ebenso wie während des Höhenflugs der Aktienmärkte in den Neunzigerjahren die Erwartungen in Bezug auf die New Economy wahrscheinlich überzogen waren, so erscheint die gegenteilige Einschätzung ebenfalls übertrieben.
Diese Studie versteht sich vor diesem Hintergrund als Beitrag zu einer ausgewogenen Debatte über die Implikationen der Informationsökonomie.
Ausgehend von den makroökonomischen Belegen der Informationsökonomie wird auf die kontroversielle Diskussion um die New Economy und das Produktivitätsparadoxon eingegangen. Auf der mikroökonomischen Ebene wird dargelegt, welche Mechanismen hinter der rasanten Ausbreitung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien stehen und in welcher Form der elektronische Geschäftsverkehr die wirtschaftliche Effizienz verbessern helfen kann. Darauf aufbauend werden die ökonomische Bedeutung von E-Commerce und E-Finance und die Auswirkungen des elektronischen Geschäftsverkehrs im Bereich des Geld-, Bank- und Zahlungsverkehrssystems analysiert. Die Implikationen der Informationsökonomie für die Effizienz und die Effektivität der Geld- und Finanzmarktpolitik werden im Kapitel 5 der Studie untersucht. Die in diesem Zusammenhang intensiv geführte Debatte um die Zukunft des Geldes findet dabei besondere Berücksichtigung. Darüber hinaus behandelt dieses Kapitel, welche Reaktionen die Notenbanken und die Bankenaufsicht auf diese Entwicklung gezeigt haben und welche weiteren Schritte zur Aufrechterhaltung der Geldwert- und Finanzmarktstabilität in Zukunft noch denkbar wären. Die Notenbanken sind in diesem Zusammenhang besonders bei der Entwicklung zeitgemäßer Mess- und Analyseinstrumente gefordert, damit auch in Zukunft die Effizienz der geldpolitischen Instrumente aufrecht erhalten bzw. verbessert werden kann. Denn „we are what we measure“, wie es die amerikanische Notenbank einmal treffend formuliert hat.
Da eine fortschreitende Informationswirtschaft allerdings nicht nur den Ziel- und Strategiebereich der Notenbank, sondern auch die Organisationsstruktur erheblich beeinflusst, werden im Kapitel 6 die unmittelbaren Auswirkungen für den Notenbankbetrieb beleuchtet.
Resümierend wird festgestellt, dass sich die Notenbanken vorraussichtlich in Richtung „elektronische Zentralbank“ entwickeln werden. Der Wandlungsprozess des Geld- und Notenbanksystems wird allerdings mehr Zeit als vielfach prognostiziert in Anspruch nehmen. Jedenfalls wird in der Übergangsphase der Bedarf an Institutionen, die für Stabilität, Sicherheit und Vertrauen stehen, weiterhin entsprechend hoch sein.
Die Publikation „Berichte und Studien 1/2002“ wird hier ab Dienstag, den 19. März 2002, im Internet auf der Homepage der Oesterreichischen Nationalbank zur Verfügung gestellt werden.
Presseaussendung
Die Herausforderung der Informationsgesellschaft für die Notenbanken – Auf dem Weg zur e-ZB?
in der Publikationsreihe „Berichte und Studien“, Heft 1/2002, erschienen.
Wien, 18. 3. 2002
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Mag. Wolfdietrich Grau
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