Presseaussendung


Währungsunion und Euro eröffnen Österreich neue Chancen

und erhöhen die Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit Europas

Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 9. 4. 2002


Dr. Liebscher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und EZB-Ratsmitglied, ging in seiner Rede vor dem International Bankers Forum in Luxemburg am 9. April d.J. insbesondere auf die österreichische Sicht zu Währungsunion, Euro und europäischer Integration ein. 

Er verwies dabei u. a. auf die effiziente Eurobargeldeinführung in Österreich und im Euroraum und auf die hohe Akzeptanz des Euro in der österreichischen Bevölkerung. Obwohl der Eurobargeldtausch – entgegen mancher Befürchtungen – nicht zu signifikanten Preissteigerungen geführt habe, müsse die Inflationsentwicklung in den kommenden Monaten sehr genau beobachtet werden. 

Für die österreichische Wirtschaft bedeute die Währungsunion eine Vergrößerung des Währungsraumes um mehr als das 35-fache auf über 300 Mio Konsumenten. Dies eröffne der Wirtschaft neue Chancen, sich den durch Globalisierung und intensiverem Wettbewerb bedingten Herausforderungen offensiv zu stellen. So habe Österreich im Jahr 2000 mit fast 34% die höchste jemals registrierte Exportquote erreicht – 60 % aller Importe kommen aus dem Eurogebiet, 56 % aller Exporte gehen in diesen Wirtschaftsraum. Von diesen neuen Rahmenbedingungen – so der Gouverneur weiter – sollten insbesondere auch die Klein- und Mittelbetriebe (KMUs) in Industrie und Gewerbe profitieren, die als Hauptträger von Wachstum und Beschäftigung das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bilden. 

Die ersten drei Jahre der Währungsunion hätten eindrucksvoll bewiesen, dass das funktionierende Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik ein stabiles Fundament darstellt, das den wirtschaftspolitischen Herausforderungen dieser Periode gut gewachsen war. Und mit dem Euro würden die Länder des Euroraums vor nachteiligen innereuropäischen Wechselkursspannungen bewahrt, denen viele Länder beim Auftreten von externen Schocks in der Vergangenheit (z. B. EWS-Krisen) ausgesetzt waren. "Es zeigt sich ganz klar, dass die Einbindung Österreichs in die stabilitätsorientierte, europäische Wirtschafts- und Währungsunion uns heute wesentlich besser vor negativen Schocks schützt als in der Vergangenheit." 

Gouverneur Liebscher zeigte sich überzeugt davon, dass die mit Währungsunion und Euro verbundene Vertiefung der europäischen Integration nicht nur die richtige Antwort auf Internationalisierung und Globalisierung wäre, sondern auch einen Schutz gegen allfällige Entliberalisierungsversuche in Europa darstelle. Und dies sei gerade für kleine und offene Volkswirtschaften wie Österreich von besonderer Wichtigkeit. 

Die Wirtschaftspolitik habe mit dem Euro die Verantwortung übernommen, die Chancen und Herausforderungen, die sich für Österreich und für Europa insgesamt ergeben, zu nutzen und anzunehmen. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt sei weiterhin unbedingt einzuhalten und es müsse weiterhin integrations- und strukturpolitische Problemlösungskapazität bewiesen werden, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.


Die Währungsunion – so Gouverneur Liebscher – sei zweifellos bereits Vorbote einer politischen Union innerhalb Europas, zumal die Geschichte Europas zeigt, dass Staatsgebiet und Währungsgebiet in der Regel zusammenfallen. Aus diesem Grund sei es essentiell, dass nationale Interessen zugunsten einer gemeinsamen Politik in Europa überwunden und zwischenstaatliche Zusammenarbeit forciert werden. "Dies heißt jedoch keineswegs, dass wir unsere nationale Identität aufgeben." "Einheit in der Vielfalt" sei sicherlich der komparative Vorteil Europas gegenüber anderen internationalen Regionen und Wirtschaftsräumen. "Wenn wir es schaffen, die europäische Vielfalt als Kreativitäts- und Lösungspotenzial zur Verfolgung gemeinsamer Ziele zu nutzen, sehe ich der Zukunft Europas und der europäischen Länder mit großer Zuversicht entgegen." In diesem Zusammenhang begrüsste der Gouverneur die Einberufung eines EU-Konvents, der ein Konzept für die weitere Entwicklung der Europäischen Union erstellen soll. 

Nach der erfolgreichen Realisierung der Währungsunion sei die unmittelbar bevorstehende Herausforderung der kommenden Jahre zweifelsohne die Erweiterung der Europäischen Union. Dieses visionäre Integrationsprojekt, welches zur Stabilitäts-, Wohlstands- und Friedenssicherung in Europa entscheidend beitragen werde, füge sich nahtlos in den bisherigen, erfolgreichen europäischen Integrationsweg ein. Dabei werde – nach Meinung von Gouverneur Liebscher – der Euro eine wesentliche Rolle spielen. Nun liege es an uns allen, diesen erfolgreichen Weg der europäischen Integration konsequent weiter zu beschreiten, nicht nur um das bereits Erreichte zu bewahren, sondern auch um den Weg Europas in eine gute Zukunft aktiv mitzugestalten.