Presseaussendung


Generalversammlung der Oesterreichischen Nationalbank am 23. Mai 2002

Adolf Wala, Präsident
Wien, 23. 5. 2002


Anlässlich der heutigen Generalversammlung der Oesterreichischen Nationalbank erörterte Präsident Adolf Wala die wichtigsten Ergebnisse des Jahresabschlusses 2001.

Die Erfolgsrechnung erbrachte ein geschäftliches Ergebnis von 1,64 Mrd EUR. Daraus errechnet sich die 34%ige Körperschaftsteuer von 558 Mio EUR sowie der gesetzliche Gewinnanteil des Bundes in der Höhe von 90 % des versteuerten Ergebnisses im Ausmaß von 975 Mio EUR. Nach Berücksichtigung der Körperschaftsteuer und der Dividende erhält der Bund mit 1534 Mio EUR eine fast so hohe Gewinnabfuhr wie im Vorjahr. 

Die OeNB hat im Jahr 2001 das zweithöchste Ergebnis ihrer Geschichte erreicht, wozu ihre Anlagepolitik wesentlich beigetragen hat. Seit Beginn der Neunzigerjahre wurden Gewinne von mehr als 6% des BIP zu Preisen 2001 an den Staat geleistet. Von ihrem verbleibenden Gewinnanteil stellt die Bank mit etwa 70 Mio EUR erneut den Großteil der Forschungsförderung zur Verfügung. Die OeNB hat bisher die Wissenschaft und Forschung mit mehr als 500 Mio EUR gefördert.

Die Einführung des Euro-Bargeldes, mit der die Europäische Währungsunion vollendet wurde, war für die OeNB eine historische Herausforderung für Produktion, Logistik und Information. Österreich lag mit einer Vorverteilungsquote von 75% des Bargeldbedarfs im Eurosystem an der Spitze. Die Bargeldumstellung konnte aber letztlich deswegen so gut bewältigt werden, weil die OeNB mit ihren Tochtergesellschaften über ein ausgezeichnetes Kompetenzzentrum für Zahlungsverkehr und Zahlungsmittel verfügt. Auch in längerfristiger Perspektive ist währungspolitisch für die Zukunft nur gut gerüstet, wer auf allen Gebieten der Zahlungsmittel – von der Banknote und Münze über die Karte bis zum elektronischen Geld – über herausragendes Know-How verfügt. Insgesamt wurden die Durchführung der Euro-Bargeldumstellung und die Euro-Information von der Bevölkerung als professionell beurteilt. Das Vertrauen in die OeNB als Institution ist historisch hoch und damit eine gute Grundlage für die Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit im Eurosystem.

Die frühzeitige Anpassung der Struktur und Organisation der Bank schuf die Grundlage für ihre ausgezeichnete internationale Reputation und ihre anerkannte Expertise. Die OeNB zählt heute zu den schlanksten und effizientesten Zentralbanken des Eurosystems. Sie ist sowohl beim Geschäftsergebnis und der Produktivität als auch beim Mitteleinsatz gemessen an Mitarbeiteranzahl und Personal- und Sachaufwand im Vergleich zum Durchschnitt des Eurosystems hervorragend positioniert. 

Das globale wirtschaftliche Umfeld war im Berichtsjahr schwierig. Seit der Jahreswende haben sich aber die Anzeichen dafür verstärkt, dass die Weltwirtschaft den konjunkturellen 

Tiefpunkt durchschritten hat und der Optimismus bei Unternehmern und Konsumenten zunimmt. Im Euroraum bilden die im Grunde soliden Fundamentalfaktoren und günstigen Finanzierungsbedingungen gute Voraussetzungen für die konjunkturelle Erholung. 

In Österreich blieb das Wirtschaftswachstum deutlich unter dem des Euroraums. Dennoch gehörte Österreich weiterhin zu den Ländern mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit und der höchsten Preisstabilität. Der Staatshaushalt war erstmals seit drei Jahrzehnten ausgeglichen, wozu der starke Anstieg der Abgabenquote beigetragen hat. 

Für die Sicherung der Attraktivität unseres Wirtschaftsstandortes und die volle Nutzung der Impulse der fortschreitenden europäischen Integration sind verlässliche Rahmenbedingungen auf der Grundlage eines wirtschaftspolitischen Grundkonsenses unter Einbeziehung der sozialen Sicherheit eine wichtige Voraussetzung.

Abschließend wies der Präsident darauf hin, dass Herr Generalrat Dkfm. Zwettler sein Mandat zurückgelegt hat. Die Generalversammlung hat einstimmig die Herren Elsner, Dkfm. Fritz und Dr. Leutner für eine Funktionsperiode von fünf Jahren zu Mitgliedern des Generalrates gewählt bzw. wiedergewählt.

Gouverneur Dr. Liebscher betonte, dass die erfolgreiche Eurobargeldeinführung den krönenden Abschluss eines langen monetären Integrationsprozesses in Europa markiere und Europa seiner Bevölkerung näher bringe. Die ersten Jahre der Währungsunion hätten eindrucksvoll gezeigt, dass diese ein Stabilitätsgewinn für Europa ist. So gab es im Euroraum – trotz mancher exogener Schocks – keine inflationäre Entgleisung, die Finanzsysteme und Finanzmärkte blieben praktisch frei von größeren Verwerfungen und auch das Wirtschaftswachstum habe sich im Konjunkturabschwung als relativ robust erwiesen. Und der längerfristige Konjunkturausblick für das Eurowährungsgebiet sei durchaus positiv. Die öffentlichen Haushalte seien weiterhin gemäß dem Stabilitäts- und Wachstumspakt  auf Konsolidierungskurs zu halten und anstehende Strukturreformen  energisch voranzutreiben, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums zu erhöhen.

Das unabhängige Eurosystem  habe sich binnen kurzer Zeit als stabiler Anker bewährt, seine Handlungsfähigkeit und Flexibilität auch unter schwierigen Rahmenbedingungen bewiesen und damit an Vertrauen und Glaubwürdigkeit weiter gewonnen. Der EZB-Rat habe sich im Rahmen seiner geldpolitischen Strategie unbeirrt am vorrangigen Ziel der Preisstabilität  orientiert und diese gewährleistet. 

Nach der erfolgreichen Realisierung der Währungsunion sei die unmittelbar bevorstehende Herausforderung der kommenden Jahre zweifelsohne die Erweiterung der Europäischen Union, welche langfristig wesentlich zu Wohlstand, Sicherheit und Frieden auf unserem Kontinent beitragen werde. Gouverneur Liebscher mahnte jedoch, dass das Integrationstempo nicht auf Kosten der Qualität  gehen dürfe. 

Der Euro  werde auch weiterhin eine zentrale Rolle als internationaler Stabilitätsanker, als Katalysator  für die weitere wirtschaftliche und politische Integration Europas und schließlich auch als Identitätsstifter  für ein offenes, wettbewerbsfähiges und modernes Europa spielen.


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