Österreich ist auf Grund der engen wirtschaftlichen Verflochtenheit mit den Ländern Zentral- und Osteuropas von diesem Erweiterungsprozess deutlich stärker als andere EU-Länder betroffen, obwohl schon in den Neunzigerjahren im Zuge der Ostöffnung eine beträchtliche Intensivierung des Handels, aber auch der Direktinvestitionen stattgefunden hat. Insofern wurde in Österreich einiges, was die EU-Erweiterung mit sich bringen wird, bereits vorweggenommen. Trotzdem bekommt die Beziehung zu diesen Staaten mit deren formellem EU-Beitritt eine neue Qualität.
Angesichts dieser Entwicklungen hat sich die Oesterreichische Nationalbank verstärkt mit den zentral- und osteuropäischen Ländern beschäftigt und Osteuropakompetenz aufgebaut. Das vorliegende Schwerpunktheft aus der Quartalspublikation „Berichte und Studien" widmet sich dem Thema „Osterweiterung der EU: Auswirkungen auf die EU-15 und insbesondere auf Österreich". Die Beiträge behandeln einerseits wichtige makroökonomische Aspekte und widmen sich andererseits den für eine Notenbank zentralen Fragen in den Bereichen Geldpolitik und Finanzmärkte.
- Einleitend spannt ein Literaturüberblick einen Bogen über die vorliegenden Studien zur EU-Erweiterung und stellt den heutigen Wissensstand zu den wichtigsten Fragen in komprimierter Form dar.
- Ein Beitrag über die institutionellen Auswirkungen der Erweiterung im Bereich der Wirtschafts- und Währungspolitik beleuchtet mögliche Implikationen auf das Gefüge der EU, die einzelnen Institutionen, Gremien und Foren und analysiert die bislang angestellten Überlegungen betreffend eine Neugestaltung diverser Entscheidungsprozesse.
- Ein weiterer Beitrag widmet sich den Wachstumseffekten innerhalb des Kreises der EU-Länder, die ein viel zitiertes Vorbild für den Aufholprozess der Beitrittsländer sind. Dabei zeigt sich, dass die Teilnahme an der EU das Wachstum in grundsätzlich allen Mitgliedstaaten beschleunigt hat. In den einkommensschwachen Ländern ist dieser Effekt jedoch überproportional, wodurch der Aufholprozess bzw. die Konvergenz innerhalb der EU begünstigt wurde.
- Auch Direktinvestitionen leisten einen wichtigen Beitrag zu einem wirtschaftlichen Aufholprozess. Vor diesem Hintergrund werden österreichische Direktinvestitionen in zentral- und osteuropäische Länder nach Eigenschaften und Motiven der Investoren, aber auch nach branchenspezifischen Charakteristika der getätigten Investitionen näher beleuchtet. Dabei zeigt sich, dass österreichische Firmen in Osteuropa kaum Greenfield Investments getätigt, sondern vor allem bereits bestehende Firmen übernommen haben. Ein weiteres Ergebnis ist, dass österreichische Unternehmen, die Tochterunternehmen im Osten haben, überdurchschnittlich oft fremdbestimmt sind und damit als „Brückenköpfe" ausländischer Konzerne für deren Ostgeschäft fungieren. Und: Die geringe Entfernung zum Geschehen spielt offensichtlich bei der Direktinvestitionsentscheidung eine so große Rolle, dass sich diese Determinante noch auf der Ebene der österreichischen Bundesländer nachweisen lässt.
- Auswirkungen der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der EU ergeben sich vor allem durch Änderungen im Außenhandel als auch durch sich verändernde Migrationsströme. Sowohl das Lohngefüge in Österreich wie auch das Mobilitätsverhalten der österreichischen Arbeitskräfte werden durch eine EU-Erweiterung potenziell beeinflusst. Wie viele andere kommt aber auch diese Studie zum Ergebnis, dass die Auswirkungen der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der EU eher gering sein werden und sich auf bestimmte Segmente, und zwar insbesondere jene mit niedrigem Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, beschränken.
- Die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf den Bankensektor in zentral- und osteuropäischen Ländern haben – wie z. B. die Rekonstruktion und die Sanierung – zum Teil schon stattgefunden, zum Teil stehen sie noch bevor. Bemerkenswert ist, dass die zentral- und osteuropäischen Banken sowohl in absoluten als auch in relativen Größen als eher klein zu bezeichnen sind, ein überdurchschnittlich hoher Anteil befindet sich in ausländischer Hand. Interessant auch der geringe Intermediationsgrad, das heißt, aus den unterschiedlichsten Gründen (niedriges Einkommen der privaten Haushalte, Finanzierung über die ausländischen Mütter etc.) haben viele potenzielle Bankkunden noch keine Standardprodukte wie ein Gehaltskonto, ein Sparbuch oder einen Kredit.
- Mit dem EU-Beitritt werden die osteuropäischen Rentenmärkte ihren Emerging-Market-Status verlieren und in gesamteuropäische Anleihebenchmarks integriert werden. In der Analyse, die ihr Hauptaugenmerk auf Polen, die Tschechische Republik und Ungarn richtet, stehen die neuen, erweiterten Perspektiven für Anleger im Vordergrund, ebenso wie mögliche Auswirkungen auf die Zinskonvergenz und auf die bestehenden Rentenmärkte Westeuropas. Letztere werden angesichts der in Zentral- und Osteuropa relativ geringen Marktkapitalisierung praktisch nicht auftreten. Ähnliches gilt für die Aktienmärkte. Auch hier werden die liquiditätsbedingten Effekte auf die westeuropäischen Märkte auf Grund der geringen Marktkapitalisierung als gering eingeschätzt. Allein dem österreichischen Aktienmarkt wird im Zuge dieser Entwicklungen eine Chance auf Belebung eingeräumt.
- Aus heutiger Sicht streben alle Beitrittsländer mittelfristig eine Teilnahme an der Währungsunion an. Völlig unabhängig davon ist diese Teilnahme auch Gegenstand der Verträge von Maastricht, die neu beitretenden EU-Mitgliedern diesbezüglich keine Wahlmöglichkeit gewähren. Die aktuelle Debatte dreht sich vor allem um die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt. Tatsächlich verfolgen aber die zentral- und osteuropäischen Länder derzeit eine Reihe unterschiedlicher Wechselkursregime. Ein Beitrag analysiert diese Frage nach der optimalen Wechselkursstrategie der Beitrittsländer auf dem Weg in die WWU und zeigt die diesbezüglich bestehenden Herausforderungen für die Geldpolitik auf. Abschließend wird für drei zentral- und osteuropäische Beitrittsländer ein Monetary Conditions Index berechnet, nicht zuletzt um die Reaktionsmuster der Finanzmärkte in diesen Ländern besser zuordnen zu können.