Eine interne Untersuchung der Oesterreichischen Nationalbank auf Basis von Daten der WertpapierSammelBank (WSB) der Österreichischen Kontrollbank zeigt, dass sich die Anzahl strukturierter Emissionen in Österreich, das sind Emissionen von Finanzprodukten, die aus einzelnen Bausteinen (Anleihen, Aktien und Derivate) zusammengesetzt sind, vom Jahr 1995 bis ins Jahr 2002 von rund 180 auf rund 650 Emissionen mehr als verdreifacht hat. Im selben Zeitraum verdoppelte sich das Emissionsvolumen nach internen Schätzungen von rund ? 2,5 Mrd. im Jahr 1995 auf rund ? 5 Mrd. im Jahr 2002. Die Strukturen der Emissionen wurden im Laufe der Jahre immer komplexer und damit die Ertragschancen und Risiken für Emittenten wie Anleger immer schwieriger zu durchschauen.
Die Oesterreichische Nationalbank legt mit der Publikation des Produkthandbuch „Teil A – Zinsen“ eine umfangreiche und detaillierte Auseinandersetzung mit modernen Finanzinnovationen im Bereich von strukturierten Kapitalmarktprodukten vor. Dieser erste Band einer dreiteiligen Serie behandelt strukturierte Emissionen, deren Auszahlungscharakteristika von Zinsen abhängen. Die Folgebände werden im Laufe der Jahre 2003 und 2004 erscheinen und Produkte behandeln, die in Abhängigkeit von Aktien- und Fremdwährungskursen zu bepreisen sind. Die zwei bedeutendsten Risiken, die durch den Einsatz von strukturierten Emissionen für Emittenten und Anleger schlagend werden können, werden dabei behandelt: das Marktrisiko und das Liquiditätsrisiko.
Unter Marktrisiko versteht man mögliche Veränderungen von Wertpapierkursen aufgrund veränderter Zinsen, Aktienkurse, Fremdwährungskurse oder Rohstoffpreise. Um das Marktrisiko einer strukturierten Anleihe einschätzen zu können, muss man sich eine Meinung über die Entwicklung der relevanten Einflussgrößen auf ihren Marktwert bilden. Durch eingebettete Optionen, wie z. B. Kündigungsrechte, entsteht bei einer Mehrzahl der gehandelten Produkte ein starker Hebeleffekt für den Marktpreis, der die Beurteilung der Größenordnung der zukünftigen Marktentwicklung zu einer sehr unsicheren Angelegenheit werden lässt. Daher ist die Preisvolatilität – und damit auch das Risiko eines Verlustes auf Grund adverser Bewegungen des relevanten Marktfaktors – der meisten zusammengesetzten Produkte sehr hoch.
Ein weiteres Risiko das gerade im Zusammenhang mit strukturierten Anleihen eine wichtige Rolle spielt ist das Liquiditätsrisiko. Darunter versteht man die Gefahr von finanziellen Verlusten auf Grund mangelnder Marktliquidität, die den Verkauf eines Wertpapiers nur zu ungünstigen Konditionen zulässt oder gänzlich unmöglich macht. Wegen der komplexen Natur vieler strukturierter Produkte sind nur wenige Akteure am Markt in der Lage und/oder bereit aktiv Handel mit ihnen zu betreiben. Dies erschwert die Etablierung gut funktionierender Sekundärmärkte für strukturierte Anleihen und erhöht damit natürlich das Liquiditätsrisiko.
Um das Bewusstsein der Marktteilnehmer über die möglichen Risiken, die mit diesen Veranlagungsprodukten verbunden sein können, zu fördern, hat sich die Oesterreichische Nationalbank zur Veröffentlichung des Produkthandbuches entschlossen. In jedem der drei Bände werden rund zwanzig strukturierte Produkte nach dem stets gleichen Muster analysiert. Einer verbalen Beschreibung der wesentlichen Eigenschaften anhand eines Beispiels folgt die exakte Zerlegung der jeweiligen Struktur in kleinere „Bausteine“ wie z. B. Nullkuponanleihen und Optionen. Diese Zerlegung dient dem besseren Verständnis der möglichen Wertentwicklung und damit des Risikos eines Produktes. In einem eigenen Abschnitt wird schließlich noch die Bewertung der Produkte im Sinne eines „Fair Values“ dargelegt. Am Ende jedes Bandes befindet sich eine Zusammenfassung der Produktzerlegungen in einer Tabelle und ein umfangreiches Glossar, in dem vor allem die Vielzahl an Arten von Optionen beschrieben wird.
Das Produkthandbuch „Teil A – Zinsen“ ist auch online über www.oenb.at verfügbar.
Pressedienst
OeNB veröffentlicht ersten Band einer dreiteiligen Serie von Publikationen
zum Thema "Strukturierte Kapitalmarktprodukte"
Wien, 2. 6. 2003
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Mag. Wolfdietrich Grau
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