Es gilt das gesprochene Wort.
Presseaussendung
World Investment Directory: Central and Eastern Europe 2003
Oesterreichische Nationalbank
Mag. Dr. Gertrude Tumpel-Gugerell, Vize-Gouverneurin
Wien, 9. 4. 2003
Sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist eine besondere Freude, Sie im Namen der Oesterreichischen Nationalbank zur Präsentation des „World Investment Directory: Central and Eastern Europe 2003“ der UNCTAD begrüßen zu dürfen. Mit mir wird Ihnen heute Herr Dr. Gábor Hunya vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche die wichtigsten Inhalte dieser Publikation präsentieren.
Die Rolle des Gastgebers übernimmt die OeNB aus mehreren Gründen sehr gerne. Wie der Titel des UNCTAD-Reports “World Investment Directory: Central and Eastern Europe” schon verrät, beschäftigt sich der zuletzt 1992 publizierte Bericht mit Themen, die zum engeren Aufgabengebiet einer Nationalbank gehören. Sowohl die Leistungsfähigkeit der Exportwirtschaft, als auch die Entwicklung der Kapitalströme aus und nach Österreich sind Parameter, die – auch nach der Schaffung der Währungsunion – von geldpolitischer Relevanz sind. Insbesondere aber bleibt die OeNB im Sinne der Subsidiarität weiterhin wichtiger Produzent außenwirtschaftlicher Statistiken. Der Großteil der Fakten, die Sie im vorliegenden World Investment Directory 2003 zu Österreich finden, stammt aus unserem Hause.
Wir sind aber auch deshalb gern Gastgeber dieser Pressekonferenz, weil hier die Zusammenarbeit mit der UNCTAD von unmittelbarem gegenseitigen Nutzen ist: Der große Einsatz – und der große Erfolg – mit dem die UNCTAD versucht, überall in der Welt Daten oder zumindest Schätzungen zu Direktinvestitionen zusammenzutragen, erlaubt es uns, die Situation in Österreich in einen weltweiten Rahmen zu stellen und Österreich mit anderen „kleinen offenen Volkswirtschaften“ zu vergleichen.
Schließlich übernehmen wir die Rolle als Gastgeber auch deswegen sehr gerne, weil gerade der Themenkomplex „Zentral- und Osteuropa“, dem das Hauptaugenmerk des vorliegenden World Investment Directory gilt, in unserem Hause eines der Kerngebiete unserer Forschungstätigkeit ist.
Weltweite Direktinvestitionen in Zentral- und Osteuropa 1989 – 2000 (Passive DIs)
Weltweit wurde durch den Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 ein starkes Wachstum der grenzüberschreitenden Direktinvestitionen in die Staaten Zentral- und Osteuropas ausgelöst. Durch den für das Jahr 2004 geplanten EU-Beitritt von acht zentral- und osteuropäischen Ländern (und zwei weiteren Ländern im Jahr 2007) ist eine weitere Beschleunigung der Integration der Geschäftstätigkeit der in der EU tätigen grenzüberschreitenden Unternehmen zu erwarten.
Auch die neuesten statistischen Daten lassen eine sehr positive Entwicklung in Zentral- und Osteuropa erwarten. Während im Jahr 2001 der Zuwachs bei den weltweiten Direktinvestitionsströmen infolge der abgeschwächten Wirtschaftsentwicklung und des Endes des Börsebooms um mehr als 40% zurückgegangen ist – dieser Rückgang betraf mit Ausnahme Afrikas die gesamte Welt – war bei den Direktinvestitionsströmen nach Zentral- und Osteuropa eine Zunahme von 1,8% im Jahr 2000 auf 3,7% des weltweiten passiven Direktinvestitionsvolumens im Jahr 2001 zu verzeichnen. Dieser Anstieg bei den Firmenengagements in Zentral- und Osteuropa lässt sich dahingehend interpretieren, dass dieser Wirtschaftsraum, dessen wirtschaftliche Entwicklung vom globalen Wachstumsrückgang seit dem Jahr 2001 weniger stark betroffen war als jede andere Region, vor allem auch seit dem geplanten EU-Beitritt als stabile und vielversprechende Region für Direktinvestitionen angesehen wird. Gemäß einer Umfrage der UNCTAD aus dem Jahr 2001 (UNCTAD/AFII/Andersen-Studie 2001) gaben zwei Drittel der Befragten an, dass sich die Zukunftsaussichten für Direktinvestitionen in Zentral- und Osteuropa in den nächsten drei bis fünf Jahren verbessert haben.
Ausländische Direktinvestitionen in Zentral- und Osteuropa konzentrieren sich traditionell auf fünf Länder: Polen, die Tschechische Republik, die Russische Föderation, Ungarn und die Slowakische Republik. Auf diese fünf Länder entfielen im Jahr 2001 drei Viertel aller ausländischen Direktinvestitionen, wobei alle diese Länder – mit Ausnahme der Slowakischen Republik – bereits seit den frühen 90er-Jahren die Direktinvestitionen in Zentral- und Osteuropa dominiert haben. Auch in Zukunft ist eine Konzentration auf diese fünf Länder zu erwarten.
Zentral- und Osteuropa hat – ebenso wie Österreich, wenngleich auch deutlich stärker ausgeprägt – eine „negative“ Direktinvestitionsposition, d. h. der Wert der Direktinvestitionen der Ausländer in Zentral- und Osteuropa war im Jahr 2001 mit 27,2 Mrd USD deutlich höher als der Wert der zentral- und osteuropäischen Auslandsinvestitionen mit 3,5 Mrd USD.
Österreich im internationalen Vergleich 1989 – 2000
Direktinvestitionen österreichischer Unternehmen in Zentral- und Osteuropa reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück, doch waren sie nicht das Ergebnis einer gezielten Internationalisierungsstrategie, sondern vielmehr ein Erbe aus der Monarchie. In den 60er- und 70-er Jahren wurden nur geringe Beträge pro Jahr netto im Ausland investiert, sodass der österreichische Unternehmensbesitz im Ausland Anfang der 80er-Jahre nur 0,7% des österreichischen BIP erreichte. Im Jahr 1990 betrug der Bestand schon 2,6% und im Jahr 2000 bereits 13,2% des österreichischen BIP. Dieser starke Anstieg ist insbesondere auf die Ostöffnung seit dem Jahr 1989 zurückzuführen.
Bereits 1990 lagen die aktiven Direktinvestitionsströme Österreichs knapp unter 1% des BIP. Gleichzeitig war weltweit eine Welle von grenzüberschreitenden Firmenübernahmen, wechselseitigen Beteiligungen und Neustrukturierungen zu beobachten, die auch Österreich nicht unberührt ließen. Auch die Verstaatlichte Industrie startete bereits in den 80er-Jahren Internationalisierungsprojekte, und die letzten Kapitalverkehrskontrollen wurden seitens der OeNB im November 1991 abgeschafft.
Als Ergebnis des verstärkten Auslandsengagements konnte Österreich am Globalisierungsboom der 90er-Jahre zumindest mithalten, hat aber im internationalen Vergleich noch immer einen Aufholbedarf, was Direktinvestitionen betrifft. Zum Jahresende 2000 betrugen die Bestände an Direktinvestitionen weltweit 21% der Welt-Wirtschaftsleistung (Bruttosozialprodukt).
Folie 1: Bestand an Direktinvestitionen
Der Wert für Österreich lag bei 19% passiv, bzw. bei 14% aktiv und damit auch deutlich unter dem EU-Durchschnitt.
Welche Rolle die Staaten Zentral- und Osteuropas einschließlich der Balkanstaaten bei der Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft gespielt haben, zeigt Folie 2.
Folie 2: Aktive Direktinvestitionen Österreichs in % des BIP 1992 bis 2001
Österreichische Direktinvestitionen in Zentral- und Osteuropa im Jahr 1999
Folie 3: Direktinvestitionen nach Zielregion
Eine Besonderheit Österreichs ist die regionale Verteilung der Direktinvestitionen: Das auffälligste Merkmal bei den aktiven Direktinvestitionen ist die große Rolle Zentral- und Osteuropas als Zielland österreichischer Investitionen. In Zentral- und Osteuropa hat Österreich sowohl in relativen als auch in absoluten Werten eine weltweit prominente Rolle als Investor erreicht.
Dem World Investment Report der UNCTAD zufolge entfielen im Jahr 1999 nur wenig mehr als 2% des weltweiten Direktinvestitionsbestands auf diese Region. Für Österreich lag das Gewicht dieser Region zum Jahresende 1999 hingegen bei rund 30%. Auch im Vergleich mit anderen westlichen Ländern in ähnlicher geografischer Lage nimmt Österreich eine einzigartige Position ein. In Dänemark und Deutschland betrug das Gewicht der entsprechenden Ländergruppe beispielsweise nur 6 und 5%. Finnland, Schweden und die Schweiz erreichten etwa 3, 2 und etwas weniger als 2%. Für US-amerikanische Konzerne war diese Region mit 0,5% bedeutungslos.
Die außerordentliche Bedeutung, die dem Raum Zentral- und Osteuropa für das Auslandsengagement österreichischer Unternehmen zukommt, lässt sich auch anhand eines anderen Datensatzes belegen. Daten des Wiener Instituts für Wirtschaftsvergleiche (WIIW) zufolge, liegt Österreich in einigen Ländern Zentral- und Osteuropas im Spitzenfeld der Investoren. So ist Österreich jenes Land, das sich in dieser Region relativ, mancherorts sogar absolut am stärksten engagiert.
Folie 4: Österreich als Investor in den MOELs
Das bestätigen auch die Statistiken der betroffenen Länder: Vor allem in unseren Nachbarländern Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik findet sich Österreich auf den Spitzenplätzen der ausländischen Investoren. In Slowenien und Kroatien ist Österreich sogar mit 45 bzw. 30% am jeweiligen Direktinvestitionskapitalstock der mit Abstand bedeutendste ausländische Investor. In Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik liegt Österreich mit etwa 10 bis 20% des Auslandskapitals jeweils hinter Deutschland und den Niederlanden an dritter Stelle. Das ist einer der Gründe, warum Österreich ein großes Interesse an der EU-Erweiterung hat.
Wichtigstes Zielland österreichischer Auslandsbeteiligungen war Ungarn mit 404 Beteiligungen (vor Deutschland mit 325), gefolgt von der Tschechischen Republik mit 257 Beteiligungen (vor der Schweiz mit 137), sowie Polen (105 Beteiligungen) und der Slowakischen Republik (101 Beteiligungen). Nennenswerte Aktivitäten entfalteten österreichische Unternehmen noch in Slowenien (65 Beteiligungen) und Rumänien (43 Beteiligungen).
Die Investitionen in die Staaten Zentral- und Osteuropas zeichnen sich durch relativ geringe Kapitalintensität und relativ hohe Beschäftigtenzahlen aus.
Vergleicht man das Herkunftsbundesland des Investors mit dem Zielland der Investition, wird eine deutliche Bevorzugung der Nachbarländer ersichtlich. So engagieren sich burgenländische Investoren fast ausschließlich in Ungarn, niederösterreichische Investoren sind in der Tschechischen Republik und in der Slowakischen Republik deutlich überrepräsentiert, Kärnten konzentriert sich am stärksten auf Slowenien und Kroatien.
Gemessen am investierten Kapital lässt sich feststellen, dass die ausländischen Tochterunternehmen vornehmlich in den Branchen Sachgüterproduktion (mit 35% der aktiven DIs in der Region), Kredit- und Versicherungswesen (29%), Handel (18%) und Dienstleistungen (9%, insbesondere unternehmensbezogene Dienstleistungen) engagiert sind.
Als dominierendes Motiv für das österreichische Auslandsengagement wird generell der Marktzutritt genannt sowie auch die Faktorausstattung und die Arbeitskosten. Die Investitionen erfolgten meist in Form von Übernahmen im Rahmen des Privatisierungsprozesses.
Betreffend die Erträge aus Direktinvestitionen seit Beginn der Ostöffnung ist festzustellen, dass zunächst die Eigenkapitalrendite und er Anteil Gewinn bringender Beteiligungen hoch war, weil angesichts des hohen Risikos nur hoch profitable Projekte in Frage kamen. Mit der massiven Ausweitung der Aktivitäten sank die Rentabilität ab 1991 deutlich, zwischen 1993 und 1995 entstanden sogar Nettoverluste. Nach Überwindung gewisser Anlaufschwierigkeiten verbesserte sich die Ertragslage in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre jedoch wieder deutlich, und die Eigenkapitalrentabilität ist seither mit zuletzt 10,4% (1999) deutlich höher als in Westeuropa oder Übersee (1999: 5,7%).
Mögliche Beitrittsfolgen auf die Direktinvestitionen
Aufgrund der prominenten Rolle Österreichs als Ostinvestor ist die bevorstehende Osterweiterung der EU für Österreich von besonderem Interesse. Quantifizierbare Aussagen über die Folgen der Erweiterung für die österreichischen Investoren und deren Tochterunternehmen im Beitrittsraum sind jedoch kaum möglich. Prinzipiell senkt ein EU-Beitritt das Investitionsrisiko im betreffenden Land. Ein verstärkter Investitionsstrom wäre demnach zu erwarten. Die aktuellen Rekordwerte österreichischer Direktinvestitionen in den Jahren 2000 und 2001 lassen sich als Vorgriff auf den erwarteten Beitritt interpretieren. Die Integration der Beitrittskandidaten bzw. die Beseitigung tarifärer und nicht tarifärer Handelshemmnisse sollte jedenfalls durch den zusätzlichen Handel zur Wohlfahrtssteigerung bei allen Beteiligten führen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass österreichische Unternehmen, die 1988 noch einen großen Rückstand bei der aktiven Internationalisierung aufgewiesen hatten, die Ostöffnung rasch und mit großem Erfolg für Direktinvestitionen genutzt haben. Der absehbare Beitritt der Kandidatenländer zur EU wird weitere Direktinvestitionen auslösen, vor allem aber wird er bestehenden Direktinvestitionsunternehmen zusätzliche Impulse verleihen.
Conclusio
Zusammenfassend möchte ich festhalten:
- Weltweit wurde durch den Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 ein starkes Wachstum der grenzüberschreitenden Direktinvestitionen in die Staaten Zentral- und Osteuropas ausgelöst. Durch den für das Jahr 2004 geplanten EU-Beitritt von acht zentral- und osteuropäischen Ländern (und zwei weiteren Ländern im Jahr 2007) ist eine weitere Beschleunigung der Integration der Gechäftstätigkeit der in der EU tätigen grenzüberschreitenden Unternehmen zu erwarten.
- Dem World Investment Report der UNCTAD zufolge entfielen im Jahr 1999 nur wenig mehr als 2% des weltweiten Direktinvestitionsbestands auf Zentral- und Osteuropa. Österreich erreichte mit rund 30% seines Direktinvestitionsbestands in Zentral- und Osteuropa sowohl in relativen als auch in absoluten Werten eine weltweit prominente Rolle als Investor.
- In Slowenien und Kroatien ist Österreich sogar mit 45 bzw. 30% am jeweiligen Direktinvestitionskapitalstock der mit Abstand bedeutendste ausländische Investor. In Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik liegt Österreich mit etwa 10 bis 20% des Auslandskapitals jeweils hinter Deutschland und den Niederlanden an dritter Stelle.
- Im Jahr 1999 entfielen mit 1.019 Direktinvestitionsbeziehungen beinahe die Hälfte der österreichischen Auslandsbeteiligungen, mit 5,3 Mrd EUR mehr als ein Viertel des investierten Kapitals und mit mehr als 199.000 im Ausland beschäftigten Personen rund 60% der Auslandsbeschäftigten auf die Länder Zentral- und Osteuropas.
- Wichtigstes Zielland österreichischer Auslandsbeteiligungen war Ungarn mit 404 Beteiligungen, gefolgt von der Tschechischen Republik mit 257 Beteiligungen, sowie Polen und der Slowakischen Republik mit 101 Beteiligungen.
- Betreffend die Erträge aus Direktinvestitionen ist eine überdurchschnittliche Eigenkapitalrendite festzustellen, die mit zuletzt 10,4% (1999) deutlich höher als in Westeuropa oder Übersee (1999: 5,7%) lag.
Herausgeber:
Oesterreichische Nationalbank
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Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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