"Die verstärkte Umschichtung von Krediten in JPY zu solchen in CHF, die seit Mitte 2002 beobachtet werden kann, ist aus Sicht der Finanzmarktstabilität positiv zu beurteilen", sagte der Direktor der Oesterreichischen Nationalbank, Univ. Doz. Dr. Christl, anlässlich einer von der OeNB gemeinsam mit der Finanzmarktaufsicht (FMA) abgehaltenen Pressekonferenz. Gleichzeitig wies Christl allerdings darauf hin, dass "auch CHF-Kredite mit einem nicht zu unterschätzenden Wechselkursrisiko behaftet sind, weshalb auf Grund des hohen Anteils der Fremdwährungskredite am gesamten Kreditvolumen nun mehr von einem – in Folge der Umschichtung vom JPY in den CHF – zwar etwas geringeren, aber nach wie vor bestehenden Risiko für die österreichische Finanzmarktstabilität auszugehen ist".
Seit etwa Mitte 2002 haben sich sowohl das Volumen der Forderungen österreichischer Banken an inländische Kunden in Fremdwährung als auch der Anteil der Fremdwährungskredite am gesamten Kreditvolumen – wenn auch auf hohem Niveau – stabilisiert und waren in der ersten Jahreshälfte 2003 sogar leicht rückläufig, wobei im August 2003 allerdings neuerlich ein Anstieg auf nunmehr insgesamt 44 Mrd EUR zu beobachten war. Dies entspricht einem Fremdwährungskreditanteil am gesamten Kreditvolumen von 18,5%, was allerdings noch immer deutlich unter dem Höchststand von 19,2% im August 2002 liegt.
Insbesondere bei den Unternehmen ist der Fremdwährungskreditanteil von seinem Höchststand von 20,1% im April 2002 auf 18,3% im August 2003 gesunken. Bei den privaten Haushalten hielt das Wachstum des Fremdwährungskreditanteils bis Ende 2002 unvermindert an. Erst im ersten Halbjahr 2003 war eine gewisse Stabilisierung bei rund 25% zu beobachten, wobei der Anteil der Fremdwährungskredite im August 2003 allerdings auf fast 26% angestiegen ist.
Zurückzuführen war dieser neuerliche Anstieg der Fremdwährungskredite in erster Linie auf eine gestiegene Nachfrage nach Krediten in CHF. Der Anteil der JPY-Kredite an den gesamten ausstehenden Fremdwährungskrediten ist vom Höchststand von 42,0% im Juni 2002 auf 18,5% im August 2003 zurückgegangen, während jener der CHF-Kredite im selben Zeitraum von rund 50,1% auf fast 73,7% gestiegen ist.
Aus Finanzmarktstabilitätsüberlegungen ist der Trend vom JPY in den CHF grundsätzlich positiv zu beurteilen, da das Wechselkursrisiko des CHF deutlich geringer ist als jenes des JPY. Die Volatilität – und somit das Wechselkursrisiko – des CHF war während der letzten Jahrzehnte etwa zwei bis drei mal geringer als jene des JPY. Dennoch sind auch CHF-Kredite mit einem nicht zu unterschätzenden Wechselkursrisiko behaftet.
In diesem Zusammenhang bestätigte Christl zwar grundsätzlich die Aussage einer kürzlich von Univ. Prof. Dr. Hanns Abele gemeinsam mit Univ. Ass. Dr. Guido Schäfer veröffentlichten Studie der Wirtschaftuniversität Wien, wonach den höheren Risiken von Fremdwährungskrediten generell auch höhere Chancen gegenüberstehen. Das Ergebnis dieser Studie, wonach endfällige CHF-Kredite mit einer Laufzeit von zehn Jahren, die zwischen 1975 und 1993 aufgenommen wurden, unter Berücksichtigung der beobachteten Zins- und Wechselkursschwankungen stets eine geringere Zahlungsbelastung aufwiesen als entsprechende Kredite in EUR bzw. ATS, führte Christl allerdings auf empirisch nicht nachvollziehbare Annahmen zurück.
Laut Christl ist dieses Ergebnis auf die in der WU-Studie getroffene Annahme zurückzuführen, dass für variabel verzinste bzw. an den Geldmarktzinssatz (LIBOR) gebundene Kredite in EUR bzw. ATS die Banken den Kunden einen Aufschlag von 3% auf den aktuellen Geldmarktzinssatz, bei Fremdwährungskrediten aber einen Aufschlag von nur 1,5% verrechnen. Aus der seit Anfang 2003 von der OeNB erhobenen EZB-Zinssatzstatistik geht allerdings hervor, dass die durchschnittlich von den Banken verrechneten Aufschläge für variabel verzinste Kredite in EUR und CHF annähernd gleich hoch sind und im Mittel seit Anfang 2003 knapp 1,5% betrugen.
Legt man den Berechnungen denselben Aufschlag für CHF- und EUR-Kredite von 1,5% zu Grunde, so zeigen sich deutlich geringere Ersparnisse aus den CHF-Krediten als in der WU-Studie angegeben bzw. auch Perioden, in denen die CHF-Kredite eine höhere Zahlungsbelastung als jene in EUR bzw. ATS aufwiesen.
Gemäß den Berechnungen der OeNB ist das Risiko von Mehrbelastungen, aber auch die Chance von Ersparnissen gegenüber Krediten in EUR bei Finanzierungen in JPY noch deutlich höher als im CHF.
Abschließend stellte Christl fest, dass die OeNB in Zusammenarbeit mit der FMA einen Fragebogen initiierte, um im Meldewesen nicht ersichtliche Daten bezüglich Fremdwährungskredite zu erheben sowie einen Eindruck über das Risikomanagement der betreffenden Kreditinstitute zu erhalten. Die Ergebnisse des Fragebogens wurden entsprechend ausgewertet und dienten als Grundlage für die seitens der FMA präsentierten "FMA-Mindeststandards für die Vergabe und Gestionierung von Fremdwährungskrediten" und die "FMA-Mindeststandards für die Vergabe und Gestionierung von Krediten mit Tilgungsträgermodellen".
Presseaussendung
Umschichtungen von Krediten in JPY zu CHF positiv – Risiken bleiben aber bestehen
Die aktuellsten Entwicklungen zu den österreichischen Fremdwährungskrediten
Univ-Doz. Dr. Josef Christl, Direktor
Wien, 16. 10. 2003
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums / Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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