Die Länder Zentral- und Osteuropas durchliefen im letzten Jahrzehnt einen beeindruckenden Transformationsprozess. Dieser brachte nicht nur einen Anstieg des Einkommensniveaus mit sich, sondern auch die Vertiefung ihrer Finanzstrukturen, erläuterte der Direktor der Oesterreichischen Nationalbank, Univ.-Doz. Dr. Josef Christl in seiner Rede zum Abschluss der diesjährigen Conference on European Economic Integration.
Der zweite Tag der Konferenz stand im Zeichen der Präsentation von ausgewählten Forschungsarbeiten zu den Themenbereichen Wechselwirkung zwischen Finanzsektor und Wirtschaftswachstum, Auswirkungen der Eigentümerstruktur von Banken auf die Finanzstruktur des betreffenden Landes, Fragen der Banken- und Finanzmarktstabilität, Integration der neuen mit den alten EU-Mitgliedsländern sowie Fragen betreffend systemische Risiken im Bankbereich. Die präsentierten Studien belegen die anhaltenden Unterschiede zwischen den Finanzmarktstrukturen in den zentral- und osteuropäischen Ländern und dem Euroraum. Wie Direktor Christl betonte, sei ein vollständiges Verschwinden dieser Differenzen in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Die Wirtschaftspolitik könne jedoch die Integration der europäischen Finanzmärkte vorantreiben, wobei einer effizienten Regulierung eine Schlüsselfunktion zukommt.
Angesichts des verbleibenden Aufholpotenzials dürften die zentral- und osteuropäischen Finanzmärkte über die kommenden Jahre einem weiterhin dynamischen Wachstumsprozess entgegenblicken. Dieser Prozess, vor allem die schnell wachsende Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte, muss von den zuständigen Aufsichtsorganen aufmerksam verfolgt werden, um Risiken für die makroökonomische Stabilität und die Finanzmarktstabilität rechtzeitig erkennen zu können. In diesem Zusammenhang hob Direktor Christl hervor, dass die Diskussionen und Aktionen der zuständigen Behörden bereits in den vergangenen Jahren gezeigt hätten, dass sich die Träger der Wirtschaftspolitik in den betroffenen Ländern ihrer Verantwortung durchaus bewusst sind.
Wie die abschließende Podiumsdiskussion zeigte, bleiben die zentral- und osteuropäischen Finanzmärkte im Visier westeuropäischer und internationaler Banken. Diese sind bestrebt, am gewinnträchtigen Bankgeschäft in dieser Region teilzuhaben, und sie sind auch für die damit einhergehenden Herausforderungen gewappnet. Dabei muss das Eigeninteresse der Banken, Risiken unter Kontrolle zu halten, durch effiziente Regulierung und Aufsichtspraktiken unterstützt und ergänzt werden. Direktor Christl verwies jedoch auch auf Bereiche, wo noch Anstrengungen notwendig seien, wie zum Beispiel bei der gezielten Überwachung von Finanzkonglomeraten und von nichtmonetären Finanzinstituten oder bei der Aufsichtsstruktur von grenzüberschreitenden Finanzinstituten.
Abschließend fasste Direktor Christl zusammen, dass die Vertiefung der zentral- und osteuropäischen Finanzmärkte und deren Integration mit dem Euroraum ein wesentliches Element der ökonomischen und politischen Integration in Europa darstellen. Diese Entwicklung sollte den ökonomischen Aufholprozess in diesen Ländern unterstützen und Wachstum, Beschäftigung und Lebensstandard in Europa begünstigen.
Nähere Informationen über die Konferenz können der Osteuropa-Plattform der OeNB http://ceec.oenb.at entnommen werden.