„Ungeachtet steigender Zinsen und höherer Volatilität auf den internationalen Finanzmärkten und der aktuellen Ereignisse im inländischen Bankensektor erweist sich das österreichische Finanzsystem in seiner Gesamtheit als robust“, stellte Direktor Christl anlässlich der Präsentation des Finanzmarktstabilitätsberichts der OeNB fest. „Die Ertragskraft und die Eigenmittelausstattung des österreichischen Bankensektors nahmen weiter zu. Die finanzielle Situation von Unternehmen und Haushalten kann ebenfalls als zufrieden stellend bezeichnet werden.“
Solide Finanzposition der österreichischen Unternehmen und Haushalte
Die Renditen auf den internationalen Anleihemärkten sind in den letzten Monaten angesichts der konjunkturellen Erholung und gewisser Inflationsängste gestiegen, im langfristigen Vergleich war das Zinsniveau aber nach wie vor niedrig. Die Finanzierungsbedingungen für die österreichischen Unternehmen und Haushalte gestalteten sich daher bis zuletzt günstig. Die Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse an den internationalen Börsen wurde im Mai 2006 abrupt unterbrochen. Seither hat der ATX rund 19% verloren, gegenüber dem Vorjahresultimo betrug der Kursrückgang 4%.
Der Unternehmenssektor konnte 2005 seine Gewinne steigern und darüber hinaus durch externe Mittelzufuhr seine Eigenkapitalposition erhöhen. Seine Risikotragfähigkeit ist dadurch weiter gestiegen. Der Anteil der Kapitalmarktinstrumente (Anleihen und Aktien) an der Unternehmensfinanzierung verdoppelte sich im Jahr 2005 auf 37%.
Auch für die Veranlagung der privaten Haushalte hat der Kapitalmarkt 2005 wieder an Bedeutung gewonnen. Die österreichischen Haushalte erhöhten ihre Finanzanlagen im Jahr 2005 um mehr als 18 Mrd EUR. Stark gewachsen ist das Interesse an Investmentzertifikaten und Aktienveranlagungen, gleichzeitig gewannen Produkte zur privaten Pensionsvorsorge weiter an Bedeutung. Die verstärkte Veranlagung in Kapitalmarktpapiere und Versicherungsprodukte brachte für die Haushalte nicht nur hohe Bewertungsgewinne, sondern erhöhte auch ihre Risikoexponierung.
Die Dynamik der Kredite der privaten Haushalte verlangsamte sich in den letzten Monaten. Die Finanzierungskosten unterliegen angesichts des hohen Anteils variabel verzinster Kredite einem beachtlichen Zinsänderungsrisiko, und sind darüber hinaus aufgrund der unverminderten Dynamik der Fremdwährungskredite mit nicht unerheblichen Währungsrisiken behaftet. Dieses Risiko ist jedoch vor dem Hintergrund der im Euroraumvergleich geringen Verschuldungsquote der österreichischen privaten Haushalte zu sehen.
Dynamische Ertragsentwicklung der österreichischen Banken
„Trotz der aktuellen Probleme bei BAWAG P.S.K. und Hypo Alpe-Adria Bank hat sich das österreichische Bankensystem im Jahr 2005 solide entwickelt. Die Krisenfestigkeit der österreichischen Banken spiegelt sich unter anderem in einer nach wie vor auf einem hohen Niveau liegenden Eigenmittelausstattung von 12,7% im 1. Quartal 2006 wider“, hielt Direktor Christl fest. Auch die Ergebnisse von Stresstests bestätigen die hohe Schockresistenz des Bankensystems. Gesamt betrachtet befindet sich das österreichische Bankensystem somit derzeit in guter Verfassung, wie auch von Standard & Poor’s vor kurzem bestätigt wurde.
Zudem können sowohl Banken als auch Versicherungen auf eine gute Ertragslage im Jahr 2005 zurückblicken. Dazu trug neben den Verbesserungen im Inlandsgeschäft abermals die hohe Rentabilität ihres Auslandsgeschäfts bei. Über ein Drittel des Vorsteuergewinns der österreichischen Banken wird mittlerweile von ihren zentral- und osteuropäischen Töchtern erwirtschaftet – für die sechs großen in diesem Markt tätigen Banken ist es sogar deutlich mehr als die Hälfte. Dabei war eine überaus dynamische Expansion der österreichischen Banken in den (noch) nicht der EU beigetretenen Ländern zu beobachten, wo den erwarteten höheren Renditen jedoch auch ein höheres Risiko gegenübersteht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt konzentrieren sich ihre Engagements allerdings nach wie vor auf die mittlerweile der EU beigetretenen Staaten.
Als mögliche Risikofaktoren für die zukünftige Stabilitätsentwicklung nannte Direktor Christl neben einer abrupten Reaktion von Wechselkursen und Zinsen auf die anhaltenden weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte und einem Anstieg des Erdölpreises auch die Abhängigkeit der Erträge der österreichischen Banken von ihrem Osteuropageschäft. Darüber hinaus bleibt trotz Verbesserungen im operativen Geschäft die Rentabilität der Banken im Inlandsmarkt hauptsächlich aufgrund einer anhaltenden Reduktion der Zinsspanne niedrig. Auch die Exponierung der privaten Haushalte gegenüber Aktienkursrückgängen, steigenden Zinsen und Wechselkursschwankungen – vor allem in Hinblick auf die Fremdwährungskredite – hat sich weiter erhöht.