Berichte und Studien

Berichte und Studien 2/2003

Reform der Pensionsfinanzierung: From Public to Financial Economics


Inhalt

Editorial

 

Wirtschaftliche Entwicklung in der Währungsunion und in der EU
Wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum und in der EU

Gesamtwirtschaftliche Prognose für österreich 2003 bis 2005 vom Frühjahr 2003 
Monetäre Entwicklung in Österreich
Geschäftstätigkeit und Ertragslage
der in Österreich tätigen Kreditinstitute im ersten Quartal 2003 
Zahlungsbilanz im Jahr 2002 
Portfolioposition Österreichs zum Jahresende 2002 
Geldvermögensbildung und Finanzierung der nichtfinanziellen Sektoren im Jahr 2002 —
Ergebnisse der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung 

 

Internationale Wirtschaft
Entwicklungen in ausgewählten Industrieländern außerhalb der EU
Internationale Verschuldung und Emerging Markets 
Entwicklungen in ausgewählten Ländern Zentral- und Osteuropas 
Zusammenarbeit im internationalen Währungs- und Finanzsystem 
Institutionelle Entwicklungen im ESZB
Anpassung der Stimmrechtsmodalitäten im EZB-Rat 
Zusammenarbeit im ESZB und europäische Integration

 

Studien

 

Reform der Pensionsfinanzierung: From Public to Financial Economics

Wohlfahrtseffekte der Pensionsreform

Anhand eines üblichen Overlapping-Generations-Modells lässt sich darstellen, wie sich die Finanzierungsform auf das staatliche Pensionssystem auswirkt: Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Kapitalertrag die Zuwachsrate der Lohneinkommen (die den internen Zinsfuß des bestehenden Umlageverfahrens repräsentiert) übersteigt, wird durch den Umstieg auf ein Kapitaldeckungsverfahren zumindest eine Generation schlechter gestellt. Der Gewinn der Mitglieder der ersten Generation (die bei Einführung des Systems eine Pension zuerkannt bekamen, ohne je in das System eingezahlt zu haben) geht auf Grund der Dynamik des Umlageverfahrens auf Kosten späterer Generationen. Angesichts der Bevölkerungsalterung werden Änderungen bei den Hauptparametern (Beitragssatz, Pensionsniveau, Pensionsantrittsalter) notwendig werden, die jeweils unterschiedliche Auswirkungen auf die intergenerationelle Verteilung haben. Die Einführung einer kapitalgedeckten Vorsorgesäule kann die Menschen vielleicht dazu bewegen, verstärkt für die Pension vorzusorgen, reduziert die durch die Alterung entstehende Belastung als solche aber nicht. Ganz allgemein sind die Argumente für staatliche Eingriffe in die Eigenvorsorge zu diskutieren.

 

Varieties of Capitalism und Pensionsreform:

Wird die Riester-Rente Deutschlands koordinierte Marktwirtschaft transformieren?

Die Studie untersucht die Rolle von Alterssicherungssystemen in koordinierten Marktwirtschaften (CME-Systemen) wie Deutschland vor dem Hintergrund der Theorie der „Varieties of Capitalism“. Der Autor beschreibt Komplementaritäten zwischen bankendominierten Finanzsystemen und umlagefinanzierten Alterssicherungssystemen sowie zwischen der für CME-Systeme typischen Form von Economic Governance und der Tatsache, dass die meisten Betriebsrenten organisatorisch eingebettet, also nicht an eigenständige Versorgungseinrichtungen ausgelagert sind. Diese Faktoren bedingen, dass die Auswirkungen der Riester-Reform auf die Finanzmärkte begrenzt bleiben.

 

Pensionsreformen, steuerliche Anreize für private Pensionsversicherungen und das Problem der adversen Selektion

Diese Studie analysiert die Auswirkungen verschiedener Maßnahmen, die üblicherweise im Rahmen einer Pensionsreform gesetzt werden: Kürzung der staatlichen Pensionsleistungen, Anhebung der Pensionsbeiträge und steuerliche Anreize für den Abschluss von privaten Pensionsversicherungen. Anhand eines Zweiperiodenmodells unter Berücksichtigung von Unsicherheit über die individuelle Lebenserwartung wird gezeigt, dass die steuerliche Förderung von Privatpensionen die Altersvorsorge tatsächlich belebt und damit den Auswirkungen der beiden anderen Reforminstrumente auf das Konsumniveau in der Pensionsphase entgegenwirkt. Allerdings beruht diese Analyse auf einem konstanten Prämiensatz. Die zweite in dieser Studie behandelte – komplexere – Fragestellung betrifft das Problem der adversen Selektion auf dem pivaten Pensionsversicherungsmarkt. In einem ersten Schritt wird erklärt, warum adverse Selektion im Marktgleichgewicht zu ineffizient hohen Prämiensätzen führt. Danach werden die Auswirkungen der Reforminstrumente auf die adverse Selektion untersucht. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil steuerliche Anreize für den Abschluss von Pensionsversicherungen nur dann wirksam sein werden, wenn die Pensionsreform die adverse Selektion nicht verschärft und damit nicht zu einer Erhöhung des Prämiensatzes führt. Es wird dargelegt, dass eine steuerliche Förderung privater Pensionsversicherungen bzw. eine Kürzung der staatlichen Pensionsleistungen die adverse Selektion auf dem Pensionsversicherungsmarkt mildert, während eine Erhöhung der gesetzlichen Pensionsbeiträge die adverse Selektion verschärft.

 

Pensionsfonds und die europäischen Finanzmärkte 

Die vorliegende Studie dient einer Untersuchung der Zusammenhänge zwischen der Pensionsfinanzierung über Fonds (Kapitaldeckungsverfahren) und der Entwicklung der Finanzmärkte in Europa. So steht der Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge in unmittelbarem Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung von Pensionsfonds; generell dürften aber auch Zuwächse bei den institutionellen Anlegern wie Investmentfonds und Lebensversicherungen direkt oder indirekt durch Pensionsvorsorgemaßnahmen bedingt sein. Wie diese Studie aufzeigt, handelt es sich bei den Marktanteilsgewinnen institutioneller Anleger in Europa um einen allgemein etablierten Trend, während sich das starke Wachstum der Pensionsfonds regional noch recht unterschiedlich verteilt. Unter dem Einfluss der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) und eines Institutionalisierungstrends sind die Finanzmärkte der Europäischen Union (EU) im Umbruch und nähern sich in punkto Marktstruktur und -verhalten immer mehr dem angelsächsischen Markt an. Hinsichtlich der Veranlagung in Pensionsfonds sind auf EU-Ebene noch eine Reihe aufsichtspolitischer Fragen ungelöst – außerdem wurden erst vereinzelt Reformen durchgeführt, obwohl sich abzeichnet, dass die umlagefinanzierten Pensionssysteme in Schwierigkeiten geraten. Schließlich zeigt die Studie, dass die Pensionssysteme der Länder der EU mit zunehmender Alterung der Bevölkerung erhebliche Risiken für die Finanzmarktstabilität darstellen. Diese Risiken unterstreichen die Notwendigkeit einer allmählichen Verlagerung von umlagefinanzierten zu kapitalgedeckten Altersversorgungssystemen, wobei allerdings auch die Risiken der Letzteren im Auge behalten werden müssen. Die Reformen sollten daher auf die Schaffung eines diversifizierten Systems ausgerichtet werden, in dessen Rahmen die politischen und demografischen Risiken des umlagefinanzierten Systems und die Marktrisiken des kapitalgedeckten Systems einander die Waage halten können.

 

Löst der Ausbau der Kapitaldeckung das Pensionsproblem? Risikoaspekte in der Pensionsreformdiskussion

In der gegenwärtigen Pensionsdiskussion wird immer wieder ins Treffen geführt, mit dem Ausbau der Kapitaldeckung ließe sich das demografisch bedingte Finanzierungsproblem staatlicher Pensionssysteme lösen. Wie sich zeigt, wird dieser Reformansatz im Wesentlichen finanzökonomisch als Strategie zur Kapital- und Risikostreuung begründet. Bei Anstellung systematischer Risikoüberlegungen erscheint die Überlegenheit des Kapitaldeckungsverfahrens jedoch nicht hinreichend begründet.

 

Pensionsreform in Österreich: Ausbau der kapitalgedeckten Vorsorge oder Forcierung beschäftigungs- und wachstumsfördernder Maßnahmen?

Diese Studie setzt sich mit der häufig geäußerten Ansicht auseinander, eine Pensionsreform in Österreich sollte auf eine Stärkung der kapitalgedeckten Säule in der Altersvorsorge abzielen. Den Hauptargumenten für eine Aufwertung der Kapitaldeckung ist der erste Teil dieser Studie gewidmet; sie schließt mit dem Fazit, dass ein starker Ausbau der kapitalgedeckten Vorsorge in Industrieländern mit hohen Sparquoten sich kurz- und mittelfristig dämpfend auf die effektive Nachfrage und das Wachstum auswirken würde. Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen die Bedeutung von Beschäftigung und Wachstum sowie die Wechselwirkung zwischen dem Arbeitsmarkt und der Tragfähigkeit des Pensionssystems. Es werden Simulationsergebnisse für österreich präsentiert, die unterstreichen, dass das Beschäftigungswachstum nicht nur für die Altersvorsorge, sondern auch für die Arbeitsmarktentwicklung von großer Wichtigkeit ist. Um eine Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums durch eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung zu verhindern, müssen beschäftigungspolitische Maßnahmen zur Förderung und Integration älterer Erwerbstätiger auf dem Arbeitsmarkt ergriffen werden. Setzt sich das im letzten Vierteljahrhundert verzeichnete Beschäftigungswachstum fort, so ist unter Berücksichtigung der letzten demografischen Prognosen eine Erhöhung der Erwerbsquote von gegenwärtig 67.6 auf 79.9% notwendig; damit würde Österreich eine Erwerbsbeteiligung erreichen, wie sie heute schon in den skandinavischen Ländern zu beobachten ist. Dementsprechend würde das Verhältnis Pensionisten zu Beitragszahler von heute 619 auf 716 Pensionen pro 1.000 Beschäftigungsverhältnissen im Jahr 2030 klettern. Durch die Steigerung der Erwerbsquote könnte mit einer Erhöhung der Versicherungsbeiträge um lediglich 2.5 Prozentpunkte auf 25.2% das Pensionssystem in seiner heutigen Form in den nächsten 30 Jahren beibehalten werden.

 

Steuerliche Anreize für die kapitalgedeckte Pensionsvorsorge und die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen 

Die Finanzierbarkeit staatlicher Pensionssysteme unter dem demografischen Druck der Bevölkerungsalterung wird allgemein als eines der wichtigsten politischen Probleme gesehen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass ein Ausbau der Kapitaldeckung heutzutage hauptsächlich auf Grund finanzpolitischer Aspekte befürwortet wird. In diesem Sinne zielt die Fiskalpolitik auf die Schaffung von Anreizen für eine Erhöhung des privat finanzierten Anteils am Alterseinkommen ab. So enthält fast jedes Reformprojekt zum Ausbau der Kapitaldeckung vor allem steuerliche Anreize für private Pensionsvorsorgepläne. Den Auswirkungen von steuerlichen Anreizen auf private Pensionssparpläne im Hinblick auf die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen muss daher besonderes Augenmerk geschenkt werden. Auf der Grundlage einer vor kurzem durch den Ausschuss für Wirtschaftspolitik (WPA, 2001) durchgeführten Analyse der Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen unter dem Druck der Bevölkerungsalterung zeigen die Autoren in einem einfachen Projektionsbeispiel, dass sich die Schaffung steuerlicher Anreize für die kapitalgedeckte Pensionsvorsorge negativ auf die Nachhaltigkeit auswirken kann.

 

Die im Teil „Studien“ dieses Hefts zum Ausdruck gebrachte Meinung des jeweiligen Autors kann im Einzelfall von der Meinung der OeNB abweichen.

 



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