Reden und Präsentationen


Eine Vision wird wahr! Der Weg zu einer gemeinsamen Währung

Ausstellungseröffnung

Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny, Gouverneur
Wien, 25. 11. 2008

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Ein Jahrzehnt Währungsunion, zehn Jahre Europäische Zentralbank, zehn Jahre Eurosystem, und mit 1. Jänner 2009 auch zehn Jahre Euro. Anlässe genug, um im Rahmen einer Ausstellung die Geschichte der Wirtschafts- und Währungsunion und deren Bedeutung systematisch aufzurollen und zu beleuchten.

 

Vor zehn Jahren, am 1. Juni 1998, wurde die Europäische Zentralbank gegründet und mit ihr das Eurosystem, deren Hauptaufgabe die Sicherung der Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet darstellt.

 

Zehn Jahre sind nicht lang, wenn man sie mit anderen historischen Ereignissen vergleicht. Diese relativ kurze Zeitspanne war jedoch sehr erfolgreich: Mit der Einführung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion wurde ein historischer Meilenstein gesetzt. Denn die Währungsunion ist nicht nur ein erfolgreiches ökonomisches, sondern auch ein politisches Integrationsprojekt, das den Zusammenhalt Europas vertieft, indem sie einen Stabilitätsanker bildet.

 

Eine einheitliche europäische Währung war historisch immer schon tief verankert: Die Idee einer europäischen Einheitswährung wurde im Lauf der Geschichte immer wieder diskutiert – ich darf hierbei zum Beispiel an den föderalistischen Vorschlag von Aristide Briand oder die paneuropäische Idee von Coudenhove-Kalergi erinnern – und wurde häufig von Probemünzen und Medaillen ohne Zahlungsmittelfunktion begleitet, allerdings ist sie bis zur Einführung des Euro nie verwirklicht worden.


Sie sehen, wirtschaftliche und monetäre Integration haben in der Geschichte Europas stets eine wichtige Rolle gespielt, auch wenn die Vorstellungen eines vereinten Europas sehr unterschiedlich waren. Als die Währungsunion vor mehr als einem Jahrzehnt auf den Weg gebracht wurde, hielten das viele nur für eine Vision. Mit dem Vertrag von Maastricht 1992 und mit der Gründung des Eurosystems hat sich aber gezeigt, dass sich die gemeinsamen Anstrengungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelohnt haben. Die damals großen Visionäre haben sich am Ende des Jahrhunderts als Realisten erwiesen.

 

Als Robert Schuhmann 1950 die Idee einer europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl präsentierte, begann die eigentliche Geschichte eines vereinten Europas. Europa, wie wir es heute kennen, begann vertraglich am 25. März 1957 mit den Römischen Verträgen.

 

Seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge und der Gründung der Europäischen Gemeinschaft 1967 bestand die Zielvorstellung, den gemeinsamen Markt durch ein gemeinsames Zahlungsmittel sowie durch eine Wirtschafts- und Währungsunion zu krönen. Dies benötigte aber seine Zeit. Mit Inkrafttreten des Europäischen Währungssystems 1979, und der damit einhergehenden Bildung einer Zone mit zunehmender Währungsstabilität, ist eine der Grundlagen geschaffen worden, welche 1992, also dreizehn Jahre später, im Vertrag von Maastricht, den Beschluss zur Einführung des Euro ermöglichte.

 

Mit dem Vertrag von Maastricht wurden auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Gründung der Europäischen Zentralbank geschaffen, die mit den Zentralbanken der Länder des Euro-Währungsgebiets das Eurosystem bildet. Die Oesterreichische Nationalbank ist ein integrierter Bestandteil dieses Eurosystems, in dem sich Glaubwürdigkeit und Sachkompetenz sämtlicher nationaler Zentralbanken des Euroraumes vereinen. Das Eurosystem ist per Gesetz unabhängig – weder die EZB noch eine nationale Zentralbank darf Weisungen von Organen oder Einrichtungen der EU, von Regierungen der Mitgliedstaaten oder von anderen Stellen entgegennehmen.

 

Das zentrale Beschlussorgan des Eurosystems ist der EZB-Rat, der sich aus dem Direktorium der EZB und den derzeit 15 Gouverneuren der am Euro teilnehmenden nationalen Zentralbanken zusammensetzt. Hier gilt von Beginn an das Prinzip „eine Person – eine Stimme“. Alle Mitglieder des EZB‑Rats berücksichtigen bei ihren Entscheidungen die Interessen des gesamten Euro‑Währungsgebiets. Strategische Entscheidungen werden im EZB-Rat beschlossen, die Umsetzung erfolgt jedoch dezentral durch die einzelnen nationalen Zentralbanken.


So bleibt die OeNB eine nationale Institution mit nationalen und europäischen Aufgaben. Die OeNB übernimmt neben der Mitwirkung an der einheitlichen Geldpolitik z. B. auch die Durchführung von Geldmarktoperationen mit österreichischen Kreditinstitutionen, die Verwaltung der Währungsreserven, Aufgaben im Bereich des Zahlungsverkehrs und der Zahlungssystemaufsicht oder der Finanzmarktaufsicht. Gemeinsam mit unseren Tochtergesellschaften stellen wir die Versorgung Österreichs mit Euro-Banknoten und
Euro-Münzen sicher.

 

Die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion ist somit eine der großen Antworten Europas auf die Globalisierung der Weltwirtschaft und auf den immer stärkeren weltweiten Wettbewerb zwischen den Volkswirtschaften. Die Währungsunion erhöht die Preistransparenz durch bessere Vergleichbarkeit. Gleichzeitig wurden die Wechselkursrisiken zwischen den Teilnehmerstaaten ausgeschaltet. Unternehmen ersparen sich dadurch erhebliche Kosten für Wechselkursabsicherungen, aber auch die Wechselkursgebühren für Reisen innerhalb des Euroraumes sind weggefallen. Dies alles bedeutet: höhere Planungssicherheit; neue unternehmerische Chancen; Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen, die nicht den Schwankungen der Devisenmärkte unterliegen, und schließlich: ein großer und leistungsfähiger europäischer Finanzmarkt mit einem EU-weiten Gewinn sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit. All diese Vorteile schaffen ein sicheres und stabiles Umfeld innerhalb des Euro-Binnenmarkts. Damit ist der Euroraum besser als früher die einzelnen Mitgliedstaaten mit ihren nationalen Währungen gerüstet, um Krisenzeiten standzuhalten. Gerade in den letzten Wochen konnte die Wirtschafts- und Währungsunion ihre Stabilität weltweit unter Beweis stellen, ein Faktum, das in dieser Tragweite erstmals einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden ist.

 

Nach zehn Jahren können wir jedenfalls heute bereits sagen, dass der Euro genau so viel Vertrauen genießt, wie die früher in den Ländern des Euroraumes benutzten nationalen Währungen. Die Wahrung der Glaubwürdigkeit der einheitlichen Währung Europas, des Euro, ist daher neben der Gewährleistung von Preisstabilität, eine der wichtigsten Aufgaben der EZB und des Eurosystems.

 

1998 wies Wim Duisenberg, damaliger EZB-Präsident, in seiner Rede anlässlich der Errichtung des Eurosystems auf den Weg hin, der in Zukunft beschritten werden sollte, damit der Euro ein Erfolg, das heißt eine stabile Währung, wird. [„… the road we have to travel in the future to make the euro a success, which means to make it a stable currency.“] Welche Zwischenbilanz kann heute, zehn Jahre danach, gezogen werden?


Ich möchte mit den Worten seines Nachfolgers, des heutigen EZB-Präsidenten J.C. Trichet antworten: „Seit dem ersten Tag seines Bestehens wurden dem Euro die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen, das die glaubwürdigsten nationalen Währungen vor Einführung der einheitlichen Währung genossen hatten, in vollem Umfang übertragen.“

 

Aber der Euro ist nicht allein Werteinheit, sondern vielmehr Wertmaßstab, und er entfaltet vor allem eine identitäts-, vielleicht sogar friedensstiftende Wirkung.

 

Mit der Verleihung des Internationalen Karlspreises im Jahre 2002 an den Euro wurde dessen Bedeutung als Identität stiftendes Symbol unterstrichen. Die Jury begründete die Verleihung mit folgenden Worten: „Wie kein anderer Integrationsschritt zuvor hat die neue Währung, der Euro, die Identifikation mit Europa gefördert. Der Euro leistet damit einen entscheidenden Beitrag zum Zusammenwachsen der Völkerfamilie.“ Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hatte die Stiftung Internationaler Karlspreis also beschlossen, nicht eine Person oder Gruppe von Personen auszuzeichnen, sondern einen Gegenstand. Sie haben sich entschieden, den Euro zu ehren – unser Geld.

 

Die Einführung des Euro und damit die Umstellung der nationalen Währungen von elf Mitgliedstaaten auf eine gemeinsame Währung stellte für die Wirtschafts- und Währungsunion eine große Herausforderung dar, die von der OeNB erfolgreich gemeistert wurde. In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass die PR-Kampagne der OeNB zur Einführung des Euro-Bargeldes „Mit der OeNB zum Euro“ nicht nur national, sondern auch international mit Auszeichnungen, dem EFFIE- und dem AME-Award, bedacht worden ist! Und ich möchte mich in diesem Zusammenhang bei den beteiligten Abteilungen der OeNB für diese kommunikationspolitische als auch logistische Leistung nochmals bedanken.

 

Die Erfahrungen der OeNB sind bekanntlich auch in die Produktion des gemeinsamen Geldes eingeflossen. Das Design der Euro-Banknoten stammt von Robert Kalina, dem Banknotenentwerfer der OeNB. Die österreichischen Rückseiten der Euro-Münzen wiederum illustrieren den Beitrag Österreichs zum europäischen Kulturerbe.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Mit der heutigen Ausstellung erfüllt die OeNB wieder einen wesentlichen Teil ihres Bildungsauftrags, der im Geldmuseum seit dessen Eröffnung 2003 kontinuierlich und vielfältig umgesetzt wird.


In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei allen Beteiligten bedanken, die die neue Ausstellung ermöglicht haben:

 

hausintern

  • Zunächst der Kuratorin des Geldmuseums, Mag. Wehdorn, und ihrem Team.

  • Bei einer Ausstellung wie dieser ist die Zusammenarbeit innerhalb der OeNB ein wesentlicher Bestandteil und ich darf dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit Mag. Thonabauer sowie den Abteilungen ÖARB, VOWA, INTA und unserer Hausdruckerei für die Unterstützung des Geldmuseums-Teams bedanken.

der Firma Unterkircher-Jankoschek für die grafische Umsetzung sowie

    

den Leihgebern

  • dem Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums,

  • der Münze Österreich und

  • dem Österreichischen Staatsarchiv.

 

Zusammenfassend lassen Sie mich nochmals betonen: Einer der wesentlichsten Bausteine für ein vereintes Europa war und ist die europäische Wirtschafts- und Währungsunion.

 

Die einheitliche Währung ist ein sichtbares Merkmal der Einheit Europas und in vielerlei Hinsicht auch ihr Wahrzeichen.

 

Danke!