· Unabhängige Amtliche Statistik ist unverzichtbares Element jeder modernen Demokratie
· Zentrale Rolle des HVPI für Beurteilung der einheitlichen Geldpolitik
· Aufholbedarf bei statistischem Datenangebot über den Euroraum
· Aktuelle und verläßliche Daten „nicht umsonst, dafür umso wertvoller“
· Statistik Austria und die OeNB werden in Zukunft noch enger kooperieren
Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und Mitglied des EZB-Rates, Dr. Klaus Liebscher, sprach im Rahmen des Tages der Amtlichen Statistik zum Thema „Die Rolle der Statistik für die einheitliche Geldpolitik des Euroraumes“. Gouverneur Liebscher betonte dabei, dass eine unabhängige Amtliche Statistik ein unverzichtbares Element der Infrastruktur jeder modernen Demokratie sei. Politische Entscheidungen ohne eine verlässliche Datenbasis seien „wie eine Fahrt in dichtem Nebel ohne Nebelscheinwerfer“, so Liebscher. Das gelte insbesondere auch für die einheitliche Geldpolitik, deren Ziel es sei, Preisstabilität im Euroraum sicherzustellen.
In diesem Zusammenhang rief Gouverneur Liebscher wieder in Erinnerung, was der erste Präsident des Europäischen Währungsinstitutes, Lamfalussy, 1996 anlässlich der Präsentation der statistischen Anforderungen für die einheitliche europäische Geldpolitik gesagt hatte: „Nichts ist wichtiger für die Geldpolitik als gute Statistiken.“ Das habe sich nach den Erfahrungen von fast vier Jahren Währungsunion als korrekt erwiesen. Gute Statistiken würden für die einheitliche europäische Geldpolitik sowohl für die Entscheidungsfindung als auch für die konsistente und glaubwürdige Kommunikation der Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen.
In der Folge wies der Gouverneur auf die Doppelrolle der Zentralbanken als Konsumenten wie auch Produzenten von Statistiken hin. Die vom Eurosystem gewählte geldpolitische Zwei-Säulen-Strategie mache sehr viele und vor allem aktuelle Daten über die Wirtschaft des Euroraumes notwendig. Der Daten-Bedarf resultiere aus zwei Blickwinkeln: erstens, um den aktuellen Zustand der Wirtschaft feststellen zu können und damit zu wissen, wo die Wirtschaft im Konjunkturzyklus steht (Konjunkturdaten) und zweitens, um die Struktur der Wirtschaft und damit die Rolle sowie die Wirkungen der Geldpolitik besser zu verstehen (Strukturdaten). Diese Unterscheidung sei wichtig, da sich daraus sehr unterschiedliche Anforderungen an Aktualität aber auch an Detail und Stabilität der Daten ableiten ließen.
Er verwies weiters auf die zentrale Rolle des Harmonisierten Verbraucherpreisindizes (HVPI) für die Beurteilung der Zielerreichung der einheitlichen Geldpolitik. Dieser HVPI sei inzwischen zu einem sehr verlässlichen Inflationsindikator geworden. Er gebe nicht die individuell „gefühlte“, sondern die tatsächliche Inflation wieder. Gouverneur Liebscher kritisierte, dass im Gefolge der Einführung des Euro-Bargeldes oftmals die "gefühlte Inflation" mit der wahren Inflation verwechselt wurde. Es sei empirisch belegt, dass der Teuerungseffekt anlässlich der Euro-Einführung sehr gering gewesen ist.
Die Produktion verlässlicher Daten vor allem über den nationalen Finanzmarkt stelle eine im Maastricht-Vertrag festgehaltene Kernaufgabe nationaler Zentralbanken dar. Dadurch solle die Marktnähe und das spezifische Wissen der nationalen Zentralbanken für das Eurosystem genutzt werden. Diese Form der Dezentralisierung sei die effizienteste Methode, qualitativ hoch stehende Daten mit möglichst kurzen Zeitverzögerungen zu erstellen und habe sich bewährt.
Beim legitimen Wunsch der Wirtschaftspolitiker, ständig aktuellere Daten zur Verfügung haben zu wollen, müsse man aber Bedacht nehmen, nicht den Boden verlässlicher Informationen zu verlassen. „Schneller verfügbare, aber falsche Daten seien keineswegs eine bessere Entscheidungsgrundlage als etwas später verfügbare, dafür aber gegenüber nachfolgenden Revisionen stabilere Daten“, so Gouverneur Liebscher. Hier gelte es, den richtigen Mittelweg zwischen Aktualität und Qualität zu finden.
In jedem Fall bliebe aber in Europa noch viel zu tun, um das statistische Datenangebot über den Euroraum für die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger auf ein Niveau zu heben, das bereits jetzt in den fortgeschrittensten Ländern erreicht werde. Nach dem bewährten Prinzip des „best practice“sollten in den nächsten Jahren noch große Fortschritte möglich sein. Gouverneur Liebscher unterstützt daher den vom ECOFIN-Rat verabschiedeten Aktionsplan für WWU-Statistiken. Dafür müssten aber die Statistikproduzenten sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden. Aktuelle und verlässliche Daten seien „nicht umsonst, dafür umso wertvoller“, so Liebscher.
Abschließend verwies er auf die Tatsache, dass Statistik Austria und die OeNB – als die wichtigsten Produzenten von Wirtschaftsstatistiken in Österreich – im Mai 2002 einen Kooperationsrahmenvertrag geschlossen haben, um in Zukunft noch enger miteinander zusammenzuarbeiten. Ziel sei es, unter Ausnützung der jeweiligen Expertise die weiterhin stark wachsenden, vor allem europäischen Datenerfordernisse noch effizienter zu erfüllen und so insbesondere auch die Belastung der Melder möglichst gering zu halten. Eines der ersten Gebiete, auf denen die beiden Institutionen künftig eng kooperieren werden, sei die Erstellung der Zahlungsbilanz. Bis 2005 solle gemeinsam ein modernes außenwirtschaftliches Erhebungssystem erstellt werden, um die europäischen Anforderungen auch unter sich ändernden Rahmenbedingungen erfüllen zu können. Resümierend gab Gouverneur Liebscher seiner Überzeugung Ausdruck, dass dies eine sehr fruchtbare Kooperation im Interesse Österreichs und seiner Wirtschaft sein werde.
Reden und Präsentationen
Statistik spielt zentrale Rolle für einheitliche Geldpolitik
Rede bei „Tag der Amtlichen Statistik“
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 22. 10. 2002
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Mag. Wolfdietrich Grau
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