31. Volkswirtschaftliche Tagung


Die Förderung des Wirtschaftswachstums in Europa

Eröffnungsansprache – 31. Volkswirtschaftliche Tagung

Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 12. 6. 2003

Es gilt das gesprochene Wort.


Es ist mir eine Freude, Sie zur 31. Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank hier in Wien begrüßen zu dürfen. Die diesjährige Konferenz steht unter dem Motto "Die Förderung des Wirtschaftswachstums in Europa". Die Beschäftigung mit den Quellen des Wirtschaftswachstums ist ein Forschungsbereich, dem in letzter Zeit zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei es sich natürlich auch um ein hochpolitisches Thema handelt. Es freut mich deshalb ganz besonders, dass unsere Volkswirtschaftliche Tagung auf so reges Interesse stößt. Rund 300 Spitzenvertreter aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, universitäre Forschung, Zentral- und Kommerzbanken sowie Medien haben sich zu dieser Konferenz angemeldet. 

Dazu kommt eine Reihe außergewöhnlich hochrangiger Redner, ohne die diese Konferenz natürlich nicht stattfinden könnte. 

Zu Beginn muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, der uns die Ehre geben wollte, die Eröffnungsrede zu halten, seine Teilnahme heute Vormittag auf Grund einer Plenarsitzung im Parlament absagen musste. Er wird stattdessen um 14:00 Uhr zu Beginn des Nachmittags-Tagungsblocks sprechen. 

Es ist mir eine Ehre, den Leiter der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Kommission, Herrn Klaus Regling, als ersten Hauptredner begrüßen zu dürfen. Generaldirektor Regling wird in seinem Beitrag mögliche Szenarien für das künftige institutionelle Gefüge der EU darlegen. 

Weiters freue ich mich ganz besonders, meinen lieben und geschätzten Kollegen, Herrn Lucas Papademos, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, als unseren zweiten Hauptredner willkommen zu heißen, der uns darlegen wird, wie die Geldpolitik einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten kann. 

Ebenso ist es mir eine Freude, Herrn Michael Mussa vom Institute for International Economics als unseren dritten Hauptredner ankündigen zu dürfen. Professor Mussa wird über Möglichkeiten zur Stärkung des Wirtschaftswachstums in Europa sprechen – ein Thema, das direkt auf den zentralen Aspekt dieser Konferenz abzielt. 

Vor allem für Europa ist der Gegenstand unserer Tagung aus verständlichen Gründen von besonderem Interesse, nähert sich doch das reale Pro-Kopf-BIP in Europa seit einigen Jahren nicht mehr jenem in schneller wachsenden Volkswirtschaften, wie etwa den Vereinigten Staaten, an. Dieser Trend ist vor allem in den größeren europäischen Volkswirtschaften besonders ausgeprägt. Nach Angaben der OECD 1) belief sich in den Neunzigerjahren die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-BIP der USA auf 3,2%. Gleichzeitig erreichte in der Europäischen Union das BIP-Wachstum pro Kopf gerade einen Durchschnitt von 2%. 

Man kann natürlich das Argument ins Treffen führen, dass unterschiedliche Wachstumsraten nicht notwendigerweise negativ sind und dass die Auswirkungen auf den Wohlstand stark von den Ursachen der Wachstumsdifferenzen abhängen. So ist es durchaus möglich, dass die niedrigen Wachstumsraten in Europa auf eine hohe Freizeitpräferenz oder hohe Risikoscheu zurückzuführen sind. In diesem Fall würde das langsame Wachstum in Europa nicht unbedingt den Schluss zulassen, dass der Wohlstand – und zwar in einem weiteren Sinn, also einschließlich der allgemeinen Lebensqualität – hier im Vergleich zu rascher wachsenden Volkswirtschaften niedriger ist. Das langsame Wirtschaftswachstum könnte allerdings auch auf suboptimalen ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen beruhen. Es wäre in diesem Fall unfreiwillig, und nicht der Ausdruck unterschiedlicher Präferenzen. Tatsächlich vertreten viele Ökonomen die Ansicht, dass die verzeichneten Wachstumsdifferenzen in erster Linie auf strukturelle Rigiditäten zurückzuführen sind und dass die Umsetzung strukturpolitischer Maßnahmen Voraussetzung für ein Umfeld höheren Produktivitätswachstums ist. Genauere Erkenntnisse über die Ursachen der Wachstumsdifferenzen sind also unerlässlich und werden einen bedeutenden Einfluss auf die europäische Wirtschaftspolitik haben. 

Europa ist in den letzten 50 Jahren zu einem integrierten Markt mit rund 300 Millionen Bürgerinnen und Bürgern zusammengewachsen. Durch die Schaffung des Binnenmarkts im Jahr 1992 hat der Handel mit Gütern und Dienstleistungen zwischen den EU-Mitgliedstaaten zugenommen. Der Euro bewirkte eine Verringerung der Transaktionskosten, eine markante Reduktion der Risikoprämien sowie größere Preistransparenz. Diese Entwicklungen haben mit Sicherheit den Wettbewerb gefördert und sollten damit auch das Produktivitätswachstum erhöhen. Die europäischen Finanzmärkte sind heute weitgehend integriert und stabil. Die Zahlungssysteme funktionieren reibungslos und stellen somit einen reibungslosen Geldfluß von der Spar- zur Investitionsseite sicher. Aus makroökonomischer Sicht sorgt die stabilitätsorientierte Geldpolitik des Eurosystems dafür, dass die Signalfunktion der Preise voll zum Tragen kommt. Ungeachtet vorübergehender Rückschläge – auch in letzter Zeit – hat der Stabilitäts- und Wachstumspakt erfolgreich ein Umdenken weg von den einst hartnäckig hohen Budgetdefiziten und steigenden Schuldenquoten hin zu einem allgemeinen Bewusstsein für die Notwendigkeit solider Staatsfinanzen bewirkt. 

Angesichts dieser insgesamt günstigen Entwicklungen in den letzten zehn Jahren erscheint es daher erstaunlich, dass die europäischen Volkswirtschaften – mit einigen Ausnahmen – keinen Realeinkommenszuwachs vergleichbar etwa mit jenem der USA verzeichnen konnten. Warum führte der nach der Schaffung des Binnenmarkts und der Einführung des Euro verschärfte Wettbewerb nicht zu einem Anstieg des Potenzialwachstums wie in den Vereinigten Staaten? Und haben jene Ökonomen Recht, die ein Fortbestehen dieser Wachstumsdifferenz vorhersagen? 

Das Erkennen des Problems ist naturgemäß der erste Schritt auf dem Weg zu einer Lösung. Die Benennung der Gründe für das europäische Wachstumsdifferenzial  ist daher eine wesentliche Herausforderung, mit der sich die Reden heute Vormittag und im Tagungsblock 1 heute Nachmittag eingehend auseinandersetzen werden. 

Der Tagungsblock 2 am späteren Nachmittag ist der Bedeutung der Arbeitsmärkte für das Wirtschaftswachstum gewidmet. Dieses Thema ist natürlich vor allem für Europa von besonderer Relevanz. Unter Ökonomen herrscht offenbar Einigkeit darüber, dass die Hauptursache der mittelmäßigen Wachstumsentwicklung in vielen Teilen Europas in den für viele europäische Staaten typischen geringen Erwerbsquoten und hohen Arbeitslosenraten liegt. 

Es steht außer Streit, dass für eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte mit dem Ziel, neue Arbeitsplätze zu schaffen, Strukturreformen nötig sind. 

Die Steuer- und Leistungssysteme müssen umstrukturiert werden, und zwar mit dem Ziel, das Arbeitsangebot durch die privaten Haushalte und die Arbeitsnachfrage durch die Unternehmen zu steigern. In einigen Ländern wurden bereits die Grenzsteuersätze gesenkt, und diese Reformen zeigen erste Wirkung. 

Die Flexibilität der europäischen Erwerbsbevölkerung ist ebenfalls ein aktuelles Thema. Verschiedenen Studien zufolge ist die Mobilität der Arbeitskräfte in den USA doppelt so hoch wie in Europa. Neben der Steigerung der Mobilität der Arbeitnehmer dürfte auch die Nutzung flexibler Beschäftigungsverhältnisse zunehmend erforderlich werden. Neue Technologien bedürfen flexibler Reaktionen, um eine rasche Umverteilung von Ressourcen zu ermöglichen. 

Der letzte Tagungsblock heute Nachmittag ist der wichtigen Verknüpfung zwischen Investitionen und Wirtschaftswachstum  gewidmet. Nach der klassischen Wachstumstheorie bestimmt der Kapitalstock weitgehend das langfristige Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft. 

An dieser Stelle erlauben Sie mir, die Rolle der Geldpolitik des Eurosystems in diesem Zusammenhang hervor zu streichen. Der effiziente Ressourceneinsatz ist in einer Marktwirtschaft nur dann möglich, wenn die Investitions- und Konsumentscheidungen von Unternehmen und privaten Haushalten durch Zinsen und das Preissystem koordiniert werden. Dies funktioniert am besten in einem Umfeld der Preisstabilität. Folglich ist die Gewährleistung von Preisstabilität der beste Beitrag, den die Geldpolitik zur Verbesserung der langfristigen Wachstumsaussichten des Euroraums leisten kann. 

Solide Budgetpolitik ist eine weitere grundlegende Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaftswachstum  – mit diesem Thema wird sich der Tagungsblock 4 morgen Vormittag beschäftigen. Übersteigen öffentliche Defizite und Schulden ein bestimmtes Niveau, geraten die Marktzinssätze unter Aufwärtsdruck, da die öffentlichen Haushalte bei der Mittelbeschaffung auf den Finanzmärkten mit dem privaten Sektor in Konkurrenz treten. Somit können private Investoren durch hohe öffentliche Defizite aus dem Markt verdrängt werden. Die Folge sind ein geringeres Produktivitätswachstum und niedrigere Beschäftigung, die das Potenzialwachstum letztlich dämpfen werden. Im Extremfall kann eine nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegte Haushaltspolitik sogar zu einer Situation führen, in der die Ausleihungen an die öffentliche Hand zur Hauptdeterminante der Marktzinsen werden. Damit würde für das Eurosystem die Durchführung der Geldpolitik schwieriger und es könnte sich sogar ein Widerspruch zum Ziel der Preisstabilität ergeben. 

Es erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders angebracht zu betonen, dass die Geldpolitik für sich genommen nicht in der Lage ist, für dauerhaftes und nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung im Euro-Währungsgebiet zu sorgen. Dies ist nur durch geeignete Strukturmaßnahmen zu erzielen, die grundlegende Schwächen angehen und dringend erforderliche Anpassungen in Angriff nehmen. 

In dieser Hinsicht birgt die Finanzpolitik ein großes Potenzial zur Förderung des Vertrauens und damit zur Stützung der Konjunktur – auch auf kurze Sicht. Die Einführung einer gut durchdachten mittelfristigen Konsolidierungsstrategie wäre ein wichtiger Beitrag hierzu. Dies würde bedeuten, dass umfassende und wachstumsfreundliche Maßnahmen ergriffen werden, wozu insbesondere auch eine mutige Reform von Struktur und Umfang der öffentlichen Ausgaben zählt. Eine Eindämmung des Ausgabenwachstums würde letztendlich auch für weiteren Spielraum sorgen, um künftigen von den Pensionsversicherungssystemen ausgehenden Druck zu vermindern und künftige Steuersenkungen durchzuführen. Was die Verfahrensweise betrifft, ist es von entscheidender Bedeutung, den finanzpolitischen Rahmen durch eine entschlossene und konsequente Umsetzung der Regeln des EG-Vertrags und des Stabilitäts- und Wachstumspakts sowie eine strikte Überwachung und Gruppendruck unter den Mitgliedstaaten zu untermauern. 

Das Verhältnis zwischen Finanzmärkten und Wirtschaftswachstum  ist das letzte Thema, das morgen im Tagungsblock 5 behandelt wird. Der vorrangige Zweck der Finanzmärkte ist die effiziente Durchleitung von Spareinlagen in Investitionsprojekte unter Erzielung der höchsten risikobereinigten Rendite. Außerdem können gut funktionierende Finanzmärkte die Sparquote einer Volkswirtschaft erhöhen. Diese Entwicklung wird aller Wahrscheinlichkeit nach zu mehr Investitionen führen und die Volkswirtschaft so auf einen höheren Wachstumspfad bringen. Eine wesentliche Frage hierbei ist, wie Finanzmarktstrukturen gestaltet sein sollen, um optimale Bedingungen für nachhaltiges Wachstum in Europa zu bieten. 

In den letzten Jahrzehnten wurde der Grundstein für die Umgestaltung Europas in einen weitgehend integrierten und dynamischen Wirtschaftsraum gelegt. Durch den Binnenmarkt und den Euro ergaben sich viele Chancen. Ebenso bietet die Erweiterung eine Reihe neuer Möglichkeiten. 

Trotz dieser beeindruckenden Leistungen ist es Europa jedoch bis dato nicht gelungen, die Lücke zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen in Europa und jenem in den Vereinigten Staaten zu schließen. Ich bin sicher, dass unsere Konferenz zu diesem wesentlichen Thema neue Erkenntnisse bringen wird. Wenn es uns gelingt, das Forum für einen lebhaften Meinungsaustausch zu bieten, haben wir unser Ziel erreicht, ein wenig zum besseren Verständnis der heterogenen Wachstumsentwicklungen in verschiedenen Ländern beizutragen. 

1) The Sources of Economic Growth, OECD 2003.


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