Nach rund 4½ Jahren Währungsunion hat sich der Euro an den internationalen Finanzmärkten als solide Welt- und Ankerwährung neben dem US-Dollar erfolgreich etabliert. Dies ist u. a. natürlich auf die große wirtschaftliche Bedeutung des Euroraums im internationalen Kontext zurückzuführen. Denn mit einem Anteil von 16% am weltweiten BIP und einem Anteil von 19% am weltweiten Handel liegt der Euroraum nur knapp hinter den USA. Der Euro wurde aber auch als Bargeld von rund 300 Millionen Europäern im Eurowährungsgebiet sehr positiv aufgenommen und wird im Alltag zunehmend zum vertrauten Zahlungsmittel. Mit dem Euro haben wir also eine Währung geschaffen, die sich sehr rasch international sowie als stabiler Anker innerhalb der Europäischen Union etablieren konnte.
Eineinhalb Jahre Eurobargeld und viereinhalb Jahre Währungsunion möchte ich zum Anlass nehmen, um einige aktuelle, wirtschafts- und währungspolitische Entwicklungen in der EU und insbesondere im Euroraum zu beleuchten sowie auf künftige integrationspolitische Herausforderungen einzugehen.
Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist die Attraktivität des Euro vorrangig auf die stabilitätsorientierte Ausrichtung der Währungsunion zurückzuführen, die sich vor allem in der Geld- und Fiskalpolitik, aber auch zunehmend in der Strukturpolitik widerspiegelt. Lassen Sie mich daher kurz den geldpolitischen Rahmen der Währungsunion, der zur Stärke des Euro als mehrfacher Anker entscheidend beiträgt, erläutern.
Die Unabhängigkeit des Eurosystems, seine dezentrale Struktur und die damit verbundene Effizienz sowie seine bewährte geldpolitische Strategie sind wesentliche Erfolgsfaktoren für die seit Beginn der Währungsunion gewährleistete Preisstabilität. Die vorrangige Konzentration auf Preisstabilität beruht auf einer klaren ökonomischen Überlegung. Preisstabilität ist eine unabdingbare Voraussetzung für nachhaltig hohes Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum, da sie die Kaufkraft der Währung stabil hält und die Planungssicherheit für Unternehmen sowie private Haushalte erhöht. Dadurch wird eine möglichst produktive Allokation von Ressourcen – sprich von Arbeit und Kapital – gefördert.
Bei Preisstabilität sinken auch auf Grund sinkender Inflationserwartungen der Finanzmarktteilnehmer die Risikoaufschläge auf die langfristigen Zinsen, was sich positiv auf die Investitionen und in weiterer Folge auf Wachstum und Beschäftigung auswirkt. Und Preisstabilität nützt gerade auch jenen Gruppen in unserer Gesellschaft, deren Einkommen eher niedrig sind: Denn diese können ihr Einkommen, ihre Pension, ihre Ersparnisse oft nur ungenügend vor der schleichenden Entwertung durch hohe Inflation schützen.
Die Geldpolitik des Eurosystems hat sich bislang unbeirrt und in vorausschauender Weise am Ziel der Preisstabilität orientiert und wird – das kann ich Ihnen versichern – dies auch in Zukunft tun. Erst im Mai dieses Jahres hat der EZB-Rat seine geldpolitische Strategie einer gründlichen Prüfung unterzogen und nach vier Jahren einheitlicher Geldpolitik für den Euroraum eine zufrieden stellende Bilanz gezogen. Der EZB-Rat stellte dabei klar, dass er beim Streben nach Preisstabilität darauf abzielen wird, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2% beizubehalten. Diese Klarstellung unterstreicht die Verpflichtung des Eurosystems, zum Schutz gegen Deflationsrisiken für eine ausreichende Sicherheitsmarge zu sorgen.
Lassen Sie mich nun auf die wirtschaftliche Entwicklung des Euroraums eingehen: Das durchschnittliche BIP-Wachstum von 1999 bis 2002 lag, trotz der schwierigen letzten Jahre, bei 2,2%. Diese solide realwirtschaftliche Entwicklung wurde und wird von relativ niedrigen Inflationsraten begünstigt: Die durchschnittliche Inflationsrate zwischen 1999 und 2002 betrug 2%, und für 2003 gehen wir von Inflationsraten um die bzw. unterhalb der 2%-Marke aus.
Bekanntlich waren die letzten Jahre von einem instabilen wirtschaftlichen Umfeld gekennzeichnet. Überinvestitionen im High-Tech-Sektor um die Jahrtausendwende, das Platzen der Blase an den Aktienmärkten, die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die bis heute bestehenden geopolitischen Risiken (z. B. Irak, Naher Osten, Nordkorea u.ä.), die volatilen Ölpreise und das noch nicht wiederhergestellte Vertrauen an den Risikokapitalmärkten (Stichwort "Enron") haben zu einer sehr zurückhaltenden Investitionstätigkeit und einem schwachen und fragilen Wirtschaftswachstum geführt.
So reduzierte der EZB-Rat vor dem Hintergrund tendenziell sinkender Inflationserwartungen den Leitzins bereits im Jahr 2001 von 4,75 auf 3,25% und im Dezember 2002 weiter auf 2,75%. Anfang März 2003 entschloss sich der EZB-Rat zu einer neuerlichen Zinssenkung auf 2,50%. Die mittelfristigen Aussichten für die Preisstabilität hatten sich seither wesentlich verbessert, sodass der EZB-Rat am 5. Juni d.J. eine weitere Zinssenkung um 50 Basispunkte auf nunmehr 2% beschlossen hat. So wurden die Leitzinsen in den letzten knapp sieben Monaten um 125 Basispunkte reduziert und haben nominell wie real ein historisch niedriges Niveau erreicht – nämlich das niedrigste seit dem Jahr 1945 – wodurch aus monetärer Sicht ein günstigeres Umfeld für Wirtschaftswachstum gegeben sein sollte.
Die Einschätzung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung unterliegt aber weiterhin relativ hohen Prognoserisiken, die unter anderem im Zusammenhang mit der Akkumulation von makroökonomischen Ungleichgewichten außerhalb des Euroraums, über den Restrukturierungsbedarf des Unternehmenssektors im Eurogebiet und den Unsicherheiten über die Auswirkungen der Lungenkrankheit SARS stehen. Mit dem Ende der Militäraktionen im Irak haben sich zwar wichtige konjunkturelle Abwärtsrisiken verringert, aber auch die derzeit vorliegenden aktuellen Daten deuten keine unmittelbare Verbesserung der Wachstumsaussichten an.
Wir gehen davon aus, dass das Wachstum auch im heurigen Jahr schwach bleiben wird – eine schrittweise Erholung des realen Wirtschaftswachstums im zweiten Halbjahr 2003 könnte sich dann im Jahr 2004 beschleunigen. Dafür sprechen unter anderem die schwindenden geopolitischen Unsicherheiten, die Erholung der weltweiten Nachfrage, die den dämpfenden Effekt der Euro-Aufwertung kompensieren sollte, die Erholung der privaten Nachfrage im Euroraum, die rückläufige Finanzmarktvolatilität und die damit einhergehende Erholung an den Aktienmärkten, die Aussicht auf einen weiteren Rückgang der Inflation, welche die verfügbaren Realeinkommen erhöht, und das historisch niedrige Zinsniveau.
Die signifikante und rasche Aufwertung des Euro in den letzten Monaten hat zwar die Wettbewerbsfähigkeit der Eurowährungsgebiets gedämpft, dabei ist aber zu berücksichtigen, dass in einer längerfristigen Perspektive das gegenwärtige Niveau des Eurowechselkurses den Fundamentaldaten entspricht und überdies mit unserem Interesse an einem starken und stabilen Euro korrespondiert.
Vor dem Hintergrund der genannten wirtschaftlichen Entwicklungen sollte aus heutiger Sicht der Preisanstieg im Euroraum mittelfristig unter die 2% – Marke sinken. Für 2004 und 2005 erwarten wir HVPI-Daten von deutlich unter 2 %. Dies, wie gesagt, unter den Annahmen eines in Relation zum US-Dollar gestärkten Euro, der über die Importe preisdämpfend wirkt, eines sich verhalten beschleunigenden Wirtschaftswachstums, von nach dem Irak-Krieg wieder rückläufigen Ölpreisen und einer gemäßigten Lohnentwicklung.
Lassen Sie mich, bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen zu der in der Öffentlichkeit immer wieder aufflammenden Debatte über Deflationsrisiken machen. Die Inflation im Euroraum liegt schon seit einiger Zeit bei der 2%-Marke und aus relevanten Prognosen lassen sich keine deflationären Risiken ableiten.
Innerhalb einer Währungsunion können – regional und zeitlich begrenzt – relativ niedrige Preisanstiege, vielleicht sogar fallende Preisniveaus auftreten. Diese sollten aber die Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Region innerhalb des Währungsgebietes verbessern. Der EZB-Rat wird jedenfalls die künftigen Entwicklungen – im Hinblick auf sein vorrangiges Ziel der Sicherung von Preisstabilität im Eurowährungsgebiet – sehr genau beobachten.
Es erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders angebracht zu betonen, dass die Geldpolitik für sich genommen nicht in der Lage ist, für dauerhaftes und nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung im Euro-Währungsgebiet zu sorgen. Dies ist nur durch geeignete Strukturmaßnahmen zu erzielen, die grundlegende Schwächen angehen und dringend erforderliche Anpassungen in Angriff nehmen. Das gilt nicht nur für den Euroraum insgesamt, sondern besonders auch für Österreich. Ich möchte in diesem Zusammenhang etwa auf die weitere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, auf die Ladenöffnungszeiten, die Entbürokratisierung oder auf die Anreize für Innovation, Forschung und Entwicklung sowie für Bildung verweisen.
Auch die Finanzpolitik birgt ein großes Potenzial zur Förderung des Vertrauens und damit zur Stützung der Konjunktur – auch auf kurze Sicht. Die Einführung einer gut durchdachten mittelfristigen Konsolidierungsstrategie wäre ein wichtiger Beitrag hierzu. Dies würde bedeuten, dass umfassende und wachstumsfreundliche Maßnahmen ergriffen werden, wozu insbesondere auch weitere Reformen von Struktur und Umfang der öffentlichen Ausgaben zählen. Eine nachhaltige Eindämmung des Ausgabenwachstums würde letztendlich auch für weiteren Spielraum sorgen, um den künftigen vom Pensions- und Gesundheitsbereich ausgehenden Druck zu vermindern und künftige Steuersenkungen durchzuführen, wobei Steuersenkungen grundsätzlich nicht durch eine Defizitausweitung erfolgen sollten.
Was nun die Entwicklung der österreichischen Staatsfinanzen anbelangt, so konnte der Gesamtstaat im Jahr 2001 einen Budgetüberschuss in der Höhe von 0,3% des nominellen BIP (nach Maastricht-Definition) erreichen. Im Jahr 2002 wurde – verursacht durch die schlechtere Konjunkturlage – ein Defizit in der Höhe von 0,5% erreicht. Der Budgetsaldo erfüllte damit in diesen beiden Jahren das vom Stabilitäts- und Wachstumspakt geforderte Kriterium eines Haushalts, der nahezu ausgeglichen ist oder einen Überschuss ausweist. Österreich lag damit auch deutlich besser als der Durchschnitt des Euroraums.
Wegen der schwachen Konjunkturlage wird sich das Budgetdefizit heuer auf voraussichtlich 1,2% ausweiten. Ich bin in diesem Zusammenhang der Ansicht, dass bei der gegenwärtigen konjunkturellen Lage zwar der stabilitätsorientierte Budgetkonsolidierungskurs in Österreich grundsätzlich fortzusetzen ist, kurzfristig aber nicht überzogen werden soll. Das für heuer prognostizierte Defizit ist daher zwar kein ausgeglichenes Budget, liegt aber jedenfalls innerhalb der zulässigen Grenzen des Stabilitäts- und Wachstumspakts und gefährdet diesen auch nicht.
Auf mittlere Sicht müssen jedoch die Ziele des Stabilitäts- und Wachstumspakts – im Sinne von mittelfristig ausgeglichenen Budgets – strikt eingehalten werden. In diesem Kontext ist jedenfalls die jüngst beschlossene Pensionsreform der österreichischen Bundesregierung als ein wichtiger Meilenstein zu werten.
Resümierend betrachtet bleibt Österreich im weltweit verschärften Wettbewerb entsprechend gefordert, durch eine stabilitätsorientierte Fiskalpolitik sowie rechtzeitige und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Reformmaßnahmen die hohe Attraktivität unseres Wirtschaftsstandortes strategisch abzusichern.
Die Einführung des Euro hatte bereits beträchtliche Auswirkungen auf Struktur und Entwicklung der Finanzmärkte im Euroraum. So hat sich sehr rasch ein vollständig integrierter Geldmarkt mit einem einheitlichen Zinssatz herausgebildet. Der Liquiditätsausgleich zwischen Banken funktioniert dank effizienter Zahlungs- und Wertpapierabwicklungssysteme ungehindert über nationale Grenzen hinweg.
An den Märkten für europäische Staats- und Unternehmensanleihen zeigt sich eine zunehmende Marktbreite und Markttiefe, wodurch sich die Anleihevolumina deutlich erhöht haben. Diese Verbesserung der Märkte ist ein Fortschritt für die Investoren, da sie nun leichter und billiger ihre Portefeuilles bewegen können. Insbesondere der Markt für Kreditinstrumente ist ein großer Fortschritt. So wird es Firmen ermöglicht, für komplexe Projekte Finanzierungsquellen auch außerhalb des Bankwesens zu finden. Insbesondere bei riskanteren Vorhaben – ich denke dabei zum Beispiel an die Finanzierungen im Telekommunikationsbereich – ist dieser Markt ein großer Fortschritt.
Mit dem Euro haben wir eine Währung geschaffen, die sich sehr rasch an den globalen Kapitalmärkten als internationale Währung etablieren konnte. Damit konnten auch die Akteure der global aktiven Banken und Wertpapierhäuser von den Stärken des Euro überzeugt werden. Die Attraktivität des Euro außerhalb der Währungsunion führt dazu, dass der Euro nun an den internationalen Kapitalmärkten – wie zum Beispiel bei den Anleiheemissionen – im direkten Wettbewerb mit dem US-Dollar steht und sich dabei sehr gut behauptet: Denn rund 39% aller international emittierten Anleihen werden mittlerweile in Euro begeben, gegenüber knapp 45% in US-Dollar.
Die internationale Attraktivität des Euro zeigt sich auch daran, dass der Euro mittlerweile nach dem Dollar die zweitwichtigste offiziell gehaltene Reservewährung der Welt ist und rund 50 Länder ihr Wechselkursregime in der einen oder anderen Form am Euro orientieren. Hierbei handelt es sich meist um Staaten im näheren geografischen Umfeld des Euroraums, wie zum Beispiel in Ost- und Südosteuropa und im Mittelmeerraum. Diese Länder verwenden den Euro als Stabilitätsanker für ihre eigene Währung, indem sie diese an den Euro – mehr oder weniger eng – anbinden. Der preisstabile Euro erhält somit nicht nur Stabilität im den Euroraum, sondern exportiert diese auch erfolgreich in Drittstaaten.
Die zunehmende Verflechtung der europäischen Finanzmärkte über nationale Grenzen hinweg führt abermals vor Augen, dass die Wirtschaftspolitik in der Europäischen Union zu einem Gegenstand von gemeinsamem Interesse geworden ist. Dies erfordert neben der unverändert wichtigen nationalen Perspektive auch eine EU-weite Perspektive zur Finanzmarktstabilität. Dementsprechend können durch eine verstärkte Kooperation im Bereich der Finanzmarktaufsicht, sowohl innerstaatlich als auch zwischen den Staaten der Währungsunion, die Risken einer vertieften Integration der Finanzmärkte minimiert werden und deren unbestreitbare Vorteile, namentlich die zu erwartenden Effizienz- wie Stabilitätsgewinne, voll zum Tragen kommen.
Nach der erfolgreichen Umsetzung der Währungsunion steht die Europäische Union nun neuen Herausforderungen gegenüber. Diese umfassen im Wesentlichen die erfolgreiche politische sowie wirtschafts- und währungspolitische Integration von zehn neuen EU-Mitgliedstaaten, die Fortsetzung des europäischen Integrationsprozesses mit weiteren Beitrittskandidaten, die Formulierung und Umsetzung einer guten Nachbarschaftspolitik ("Wider Europe") und die Sicherung der Entscheidungsfähigkeit der EU-25 durch die rechtliche Verankerung des nunmehr vorliegenden Verfassungsentwurfes des EU-Konvents.
Nach Unterzeichnung des Beitrittsvertrages in Athen im April d.J. und dem positiven Ausgang der Referenden in den einzelnen Beitrittsländern im Laufe des heurigen Jahres (noch ausständig: Estland und Lettland im September 2003), wird die Erweiterung der Europäischen Union Anfang Mai 2004 Realität werden. Zehn neue Mitglieder werden der Europäischen Union beitreten.
Nach einem beeindruckenden wirtschaftlichen Transformations- und Aufholprozess der zehn Beitrittsländer im letzten Jahrzehnt ist deren ökonomische Integration bereits weit fortgeschritten. Auch Österreich hat – basierend auf den guten traditionellen Handelsbeziehungen und durch den rechtzeitigen Eintritt in diese Wachstumsmärkte – bereits signifikant von der wirtschaftlichen Integration dieser Region Europas profitiert.
Im Rahmen eines regelmäßigen wirtschaftpolitischen Dialogs mit der Europäischen Union werden die Beitrittsländer nun auf den Einsatz des wirtschaftspolitischen Instrumentariums der EU vorbereitet.
So sollen sie bereits kurz nach ihrem für Mai 2004 geplanten Beitritt die ersten Konvergenzprogramme vorlegen und in den Grundzügen der Wirtschaftspolitik für das Jahr 2004 wird es bereits länderspezifische Empfehlungen für die Beitrittsländer geben.
In einem ersten Bericht zur Strukturpolitik wurde festgestellt, dass die strukturellen Probleme dieser Länder jenen der EU-Mitgliedstaaten ähnlich, aber gravierender sind. Ihre vordringlichsten Probleme liegen auf den Arbeitsmärkten – mit zu niedrigen Beschäftigungsquoten und einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften – sowie einem zu hohen Anteil der Landwirtschaft. Die Einhaltung der Lissabon-Strategie ist daher auch für die Beitrittsländer ein vordringliches Gebot.
Der Beitritt dieser Länder zur Währungsunion wird über eine strikte und nachhaltige Erfüllung der rechtlichen und ökonomischen Konvergenzkriterien, dazu zählt auch eine Teilnahme am Wechselkursmechanismus II (WKM II), führen. Eine Neuinterpretation dieser Konvergenzkriterien ist dabei nicht zulässig. Für eine stufenweise – erst nach dem Beitritt zur EU erfolgende – monetäre Integration sprechen nicht nur rechtliche und institutionelle Aspekte sowie der Grundsatz der Gleichbehandlung aller EU-Mitgliedstaaten, sondern auch ökonomische Überlegungen. Denn eine verfrühte Übernahme des Euro könnte für die neuen Mitgliedsländer mit unverhältnismäßig großen finanz- und realwirtschaftlichen Anpassungslasten verbunden sein und ist daher nicht anzuraten.
Das Integrationstempo sollte also – im Interesse der Beitrittsländer wie auch des Euroraums – nicht auf Kosten der Qualität gehen. Andererseits sollten aber jenen Ländern, welche alle Konvergenzkriterien strikt und nachhaltig erfüllen, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, in den Euroraum einzutreten.
Die Integration der künftigen neuen Mitgliedsländer der EU wird im währungspolitischen Bereich zwei Phasen durchlaufen:
In der ersten Phase treten die neuen Mitgliedsländer der EU bei und erhalten in Bezug auf die Währungsunion den Status von "Mitgliedstaaten, für die eine Ausnahmeregelung gilt". Diese Staaten behalten vorerst ihre nationale Währung, haben allerdings bereits eine Reihe WWU-spezifischer Verpflichtungen zu erfüllen: Grundsätzlich müssen sie ihre Wirtschafts- und Währungspolitik an den allgemeinen Zielen der WWU ausrichten. Ihre Notenbanken nehmen über den Erweiterten EZB-Rat an der geldpolitischen Koordinierung innerhalb der EU teil. Dem Rechtsbestand der EU entsprechend muss unter anderem auch die Unabhängigkeit der Notenbank sichergestellt sein.
In einer zweiten Phase auf dem Weg zur Währungsunion ist – neben der strikten und nachhaltigen Erfüllung aller anderen Konvergenzkriterien – die Teilnahme am Wechselkursmechanismus II vorgesehen. Der Eintritt in den WKM II wird wohl erwartet, muss aber nicht gleichzeitig oder unmittelbar nach dem EU-Beitritt erfolgen, sondern kann – je nach den spezifischen wirtschaftlichen und monetären Entwicklungen in den einzelnen Ländern – durchaus erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.
Der Beitritt sollte im Zusammenhang mit einer umfassenden wirtschaftspolitischen Strategie, die vor allem auch die reale Konvergenz berücksichtigt und auf abnehmende Wechselkursvolatilität ausgerichtet ist, stehen. Ein fragiler und unterentwickelter Finanzsektor würde auf jeden Fall zur Vorsicht gebieten. Allerdings sind für den Beitritt zum WKM II keine formellen Bedingungen zu erfüllen. Die Beurteilung der einzelnen Kandidaten erfolgt "case-by-case" auf Basis eines Konsenses unter allen Entscheidungsträgern.
Jeder der von mir genannten Integrationsschritte steigert die politische und wirtschaftliche Stabilität der Europäischen Union nachhaltig und wird somit allen zu mehr Sicherheit und Wohlstand verhelfen. Diese integrationspolitischen Aktivitäten zeigen, dass die Europäische Union in einem beständigen Entwicklungsprozess ist, der aber nicht nur nach außen über ihre Grenzen hinaus gerichtet sein kann, sondern auch nach innen hin ihre eigene Entscheidungsfähigkeit und Effizienz sicherstellen muss. Währungsunion und Euro haben – im "Inneren" der Union – den Euroraum im dynamischen Globalisierungsprozess wirtschaftlich bereits deutlich gestärkt und eine zentrale Rolle als Katalysator für die weitere wirtschaftliche und politische Integration Europas übernommen.
Der vom EU-Konvent vorgelegte und vom Europäischen Rat am vergangenen Wochenende diskutierte Verfassungsentwurf für eine erweiterte Europäische Union stellt den mutigen Versuch dar, auch auf politischer Ebene in Bezug auf die Entscheidungsfähigkeit der Europäischen Union mit der Dynamik des Integrationspols "Wirtschafts- und Währungsunion" Schritt zu halten. Ich bin der Überzeugung, dass mit diesem Verfassungsentwurf jenes einheitliche Regelwerk geschaffen wurde, das die Union für die Vereinfachung ihrer Funktionsweise so dringend benötigt. Es ist ein Meilenstein und gleichzeitig neuer Antrieb für den europäischen Integrationsprozess.
Die institutionellen Rahmenbedingungen im Bereich der Wirtschafts- und Währungspolitik müssen sich gleichermaßen durch Legitimität und Handlungsfähigkeit auszeichnen. Der Euro hat – wie bereits erwähnt – auch eine politische Dimension, die weit über die Europäische Union hinausreicht. All dies sind gute Gründe, warum die Wirtschafts- und Währungsunion auf lange Sicht auch eine politische Union erfordern. Ich bin der Ansicht, dass wir mit diesem Verfassungsentwurf der Realität einer Politischen Union der EU-25 ein gutes Stück näher gekommen sind.
Die Währungsunion und der Euro vertiefen den politischen Zusammenhalt Europas, indem sie einen Stabilitätsanker im weiteren Sinn darstellen – für Preisstabilität, makroökonomische Stabilität, Finanzmarkstabilität und letztendlich auch für politische Stabilität – ein Anker, der in seiner Wirkung weit über die Grenzen der EU hinausreicht.
Damit ist der Euro auch zum Symbol für ein weltoffenes, modernes und fortschrittliches Europa geworden. Und die Integration Europas muss mit aller Kraft vorangetrieben werden, um Frieden und Wohlstand auf unserem Kontinent nachhaltig zu sichern.
Reden und Präsentationen
„Der Euro als stabiler Anker für Europa“
ESPA-Finanzmanager-Forum
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 24. 6. 2003
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums / Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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