Reden und Präsentationen


100 Jahre Sparkassenverband

Grußadresse

Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 2. 5. 2005

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Festgäste !

Sie kennen vielleicht die Anekdote, wonach einst ein 100-jähriger Mann, gefragt nach den Gründen für sein hohes Alter, geantwortet haben soll: „Der Hauptgrund besteht in der Tatsache meiner vor 100 Jahren erfolgten Geburt“. Nun, ich denke, dass es im Fall des Sparkassenverbandes eine Reihe weiterer Gründe gibt, die zum Erreichen des heute festlich begangenen Jubiläums geführt haben. An erster Stelle ist wohl auf den Umstand zu verweisen, dass der Sparkassenverband seine Aufgaben erfolgreich und offensichtlich entsprechend den Erwartungen seiner Mitglieder wahrgenommen hat. 

Der Sparkassengedanke kann auf eine lange Tradition verweisen. Die Gründung der ersten Sparkassen erfolgte bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts und war in erster Linie als Wohlfahrtseinrichtung gedacht, um armen Bevölkerungsschichten eine sichere Sparmöglichkeit zu geben. Von England aus setzte sich dieser Gedanke sehr rasch am europäischen Festland durch und führte 1819 zur Einrichtung der „Ersten Österreichischen Spar-Casse“. Die im 19. Jahrhundert bahnbrechende Idee des Vorsorgegedankens und die Erweiterung des Spargedankens auch auf wirtschaftlich schwache Bevölkerungsschichten hatte damals wie auch heute eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Denn eine auf breite Basis gestellte Kapitalbildung fördert das Wachstum und somit die Beschäftigung und führt damit zur Wohlstandsvermehrung.

Die österreichischen Sparkassen haben sich in ihrer langjährigen, erfolgreichen Tätigkeit den Anforderungen der Märkte wie auch den Wünschen ihrer Kunden angepasst und sich zu einem nicht wegzudenkenden, wesentlichen Bestandteil der österreichischen Kreditwirtschaft entwickelt.

Die Oesterreichische Nationalbank war in der Lage, die Entwicklung des Sparkassensektors gleichsam von Beginn an mitzuverfolgen: Sie war im Juni 1816 gegründet worden, um das infolge der Napoleonischen Kriege zerrüttete österreichische Geldwesen neu zu ordnen. Als drei Jahre später – wie schon erwähnt – die „Erste österreichische Spar-Casse“ mit dem Ziel errichtet wurde, der ärmeren Bevölkerung – wie es in den Statuten hieß – „die Mittel an die Hand zu geben, von ihrem mühsamen Erwerb von Zeit zu Zeit ein kleines Kapital zurückzulegen“, geschah dies vor dem Hintergrund einer bereits langsam anlaufenden Konsolidierung der Währungssituation.  

Auch in den vergangenen 100 Jahren seit der Gründung des Sparkassenverbandes als „Reichsverband deutscher Sparkassen in Österreich“ im Wien des Fin de Siècle war die Oesterreichische Nationalbank wiederholt mit der Aufgabe konfrontiert, Währungsreformen durchführen zu müssen und dadurch die Basis für ein stabiles Banken- und Finanzwesen zu schaffen:

  • Im Jahr 1925, als der Sparkassenverband sein zwanzigstes Gründungjahr feierte, konnte die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstandene Hyperinflation durch die Einführung des „Schilling“ beseitigt werden.
  • Nach 1945 galt es, die währungspolitischen Folgen des 2. Weltkriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft zu beseitigen – eine „Herkulesaufgabe“, die Mitte der 50er Jahre abgeschlossen werden konnte und in weiterer Folge dem „österreichischen Wirtschaftswunder“ den Weg ebnete.   
Ähnlich wie das Schicksal der Oesterreichischen Nationalbank war auch jenes des Sparkassenverbandes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng mit den politischen Entwicklungen verknüpft und daher geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen organisationsrechtlichen „Zäsuren“ und tätigkeitsbezogenen „Kontinuitäten“. 

Aber auch in den letzten Jahrzehnten – allerdings nunmehr gestützt auf das feste Fundament der auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aufgebauten Zweiten Republik – gab es eine Reihe von Herausforderungen zu bewältigen, um den österreichischen Finanzsektor zu dem zu machen, was er heute ist. Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass der österreichische Finanzmarkt heute sehr gut da steht, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit ! 

Ich denke beispielsweise an das Jahr 1973, als das durch feste Wechselkurse und eine Gold-Dollar Konvertibilität charakterisierte Bretton-Woods-Währungssystem endgültig zusammenbrach. Die Oesterreichische Nationalbank griff in dieser Situation der währungspolitischen Desintegration zu für die damalige Zeit innovativen Maßnahmen, die in weiterer Folge in die so genannte „Hartwährungspolitik“ mündeten, welche sich für Österreich über zwei Jahrzehnte hinweg als überaus erfolgreich erwies. Bei der Einführung des Euro als Buchgeld im Jahr 1999 bzw. drei Jahre später als Bargeld ging es dann anders als bei den früheren Währungsumstellungen nicht mehr um eine Reform zur Wiederherstellung der Geldwertstabilität.

Im Gegenteil, ein stabiler Schilling wurde von einem stabilen Euro als gemeinsames Zahlungsmittel für derzeit rund 300 Mio. Menschen abgelöst – ein Zahlungsmittel, das sich aufgrund seiner Glaubwürdigkeit und Stabilität breiter Akzeptanz erfreut und sich auch als bedeutendste Weltwährung gemeinsam mit dem US-Dollar etabliert hat. 

Stellvertretend für die zahlreichen weiteren Herausforderungen, die von den österreichischen Finanzmarktakteuren zu bewältigen waren, möchte ich hier zwei zentrale Bereiche hervorheben: 
  • Die schrittweise durchgeführte und im Jahr 1991 abgeschlossene Kapitalverkehrs-liberalisierung sowie 
  • die Anpassung der aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen an internationale Standards und gemeinschaftsrechtliche Vorgaben   
Für den Sparkassensektor bedeuteten insbesondere das Kreditwesengesetz (KWG) 1979, welches die Gleichstellung der Sparkassen mit den anderen Kreditinstituten vorsah und das Universalbankenprinzip festschrieb, sowie das gleichzeitig erlassene neue Sparkassengesetz eine richtungsweisende und nachhaltige Veränderung der Entwicklungsbedingungen. Diese Veränderungen implizierten aber auch neue Chancen in bankbetriebswirtschaftlicher Hinsicht, insbesondere im internationalen Vergleich. Hervorheben möchte ich hier v.a. die vor bald vier Jahren erfolgte Gründung des in eine enge Sektorkooperation eingebetteten Haftungsverbundes, der die Vorteile einer regionalen Verankerung mit jenen einer einheitlichen Produktion sowie eines gemeinsamen Marktauftritts verbindet. 

Ohne im Detail weiter auf die regulatorischen Veränderungen eingehen zu wollen, die den österreichischen Finanzsektor modernisiert und mit internationaler Attraktivität versehen haben, so ist doch festzuhalten, dass sie gemeinsam mit der stabilitätsorientierten Politik der Oesterreichischen Nationalbank – die in Zusammenarbeit mit der vor drei Jahren gegründeten Finanzmarktaufsicht auch weiterhin operativ in die Bankenaufsicht involviert ist – sowie der Anpassungsfähigkeit und dem strategischen Geschick der österreichischen Finanzinstitute zu zwei entscheidenden Resultaten geführt haben:
  • Erstens, dass das österreichische Bankensystem im Hinblick auf potentielle exogene Schocks resistent ist und
  • zweitens, dass generell eine sehr hohe Übereinstimmung mit den international entwickelten Aufsichtsstandards im Banken-, Versicherungs- und Wertpapierbereich sowie jenen betreffend Geldwäscherei gegeben ist.   
Diese erfreulichen Feststellungen basieren nicht nur auf unseren eigenen Analysen. Sie wurden vielmehr vor kurzem auch vom Internationalen Währungsfonds bestätigt, der den österreichischen Finanzmarkt im Rahmen des so genannten „Financial Sector Assessment Program“ einer Qualitätsüberprüfung unterzogen und diesem ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt hat. 

Zur positiven Entwicklung des österreichischen Bankwesens trug auch bei, dass in Anknüpfung an alte Verbindungen und Traditionen schon frühzeitig die Chancen genutzt   wurden, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aus der geographischen Rückkehr Österreichs in das Zentrum Europas boten: So machte die Bilanzsumme der Tochterbanken in den neuen Mitgliedsstaaten im Jahr 2004 ungefähr ein Achtel der gesamten Bilanzsumme der österreichischen Banken aus, der Anteil des von ihnen erwirtschafteten Jahresgewinns immerhin schon rund die Hälfte. 

Österreichische Banken erzielten 2004 im mittel- und osteuropäischen Raum einen Marktanteil von durchschnittlich rund 20 %. In den direkten Nachbarländern reicht die Rolle der österreichischen Geldinstitute von 12% in Slowenien bis über 40% in der Slowakei. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil gebührt hievon der Erste Bank. Die Erfolge der vergangenen Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, dass die Strategie der österreichischen Banken richtig war. Die positiven Erfahrungen, die bei der erwähnten Ländergruppe gesammelt wurden, werden nun auf neue Zukunftsmärkte, insbesondere in Südosteuropa, übertragen, sodass sich Österreich auch in dieser Region zunehmend zum Vorreiter entwickelt.

Gerade von Österreich wurde die EU-Erweiterung – fast auf den Tag genau vor einem Jahr – optimal genutzt. Der in vollem Gang befindliche Integrationsprozess wird aber auch die Wirtschaftskraft der neu beigetretenen Staaten in Zukunft beträchtlich steigern und auch die monetäre Integration beschleunigen. Als Vorbedingung zum künftigen Beitritt zum Eurogebiet sind bereits Ende Juni 2004 Estland, Litauen und Slowenien dem Wechselkursmechanismus II (WKM II) beigetreten; mit diesem Wochenende wurde der Kreis um weitere drei Mitglieder – Lettland, Malta und Zypern – erweitert. Somit sind bereits sechs der zehn neuen Mitgliedstaaten der EU in ihrer Währungspolitik an den Euro gebunden.

Vor diesem Hintergrund befindet sich der österreichische Bankensektor in einer guten Ausgangsposition, um auch die aktuellen bzw. künftigen Entwicklungen und Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. 

Weltweit ist derzeit das Hauptaugenmerk auf das unter dem Stichwort „Basel II“ diskutierte neue Eigenkapitalregime für Banken gerichtet. Dieses soll den Veränderungen im Bankbetrieb und bei den Risikomanagementpraktiken Rechnung tragen und zu risikosensitiveren Anforderungen führen. Auf europäischer Ebene ist geplant, dass Basel II im kommenden Herbst in Form einer Richtlinie verabschiedet werden soll. Im Laufe des mehrjährigen Diskussionsprozesses konnten nicht zuletzt auch aufgrund österreichischer Bemühungen zahlreiche Verbesserungen des ursprünglichen Entwurfes erzielt werden, etwa im Hinblick auf die befürchteten prozyklischen Wirkungen und die Behandlung von Unternehmen kleiner und mittlerer Größe („KMUs“). 

Im Ergebnis wird mit Basel II nunmehr ein zeitgemäßes Regelwerk geschaffen, welches geeignet erscheint, das Finanzsystem langfristig zu sichern und für die Banken sowie ihre Kunden mehr Sicherheit und Transparenz bringt. Durch die internationale Akzeptanz und die de facto weltweite Umsetzung der Basler Rahmenvereinbarung wird darüber hinaus auch auf globaler Ebene Wettbewerbsgleichheit gefördert.  

Entscheidend ist nunmehr, dass auch der innerösterreichische Umsetzungsprozess erfolgreich durchgeführt wird. Die nationale Umsetzung bedeutet zweifellos einen nicht unbeträchtlichen Umstellungsaufwand für alle Beteiligten. Hervorzuheben ist jedoch, dass Basel II den unterschiedlichen Größenverhältnissen und Geschäftsaktivitäten der Geldinstitute in großem Ausmaß Rechnung trägt, sodass jedes Institut – ob es sich nun um ein börsennotiertes Unternehmen oder eine kleinere, regionale Sparkasse handelt – einen für sie sinnvollen und „machbaren“ Ansatz wählen kann. Angesichts der Herausforderungen, mit denen die österreichischen Banken und insbesondere auch die Sparkassen in den vergangenen Jahrzehnten konfrontiert waren, stellt der Umstieg auf Basel II daher in der Regel wohl einen vergleichsweise vertretbaren und erfolgreich zu bewältigenden Schritt dar.

 
Sehr geehrte Festgäste!

Es liegt ein bewegtes Jahrhundert hinter uns, das nicht nur von politischen Einschnitten und wechselhaften wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern auch von umfassenden Veränderungen der Finanzmärkte und des Aufsichtsrahmens geprägt war. Deutlich werden diese Veränderungen nicht zuletzt am Beispiel des heutigen Spitzeninstituts des Sparkassensektors, der Erste Bank: Sie hat sich von einem kleinen, in einem Pfarrhaus in Wien-Leopoldstadt angesiedelten Verein zu einem international sehr erfolgreich tätigen, börsennotierten Unternehmen gewandelt. 

Ungeachtet der oft schwierigen Voraussetzungen ist es dem Sparkassenverband über die Jahrzehnte hinweg gelungen, seine Aufgaben im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten bestmöglich wahrzunehmen. 

Im Sinne von Goethe, der einst meinte, „man muss immerfort verändern, erneuern, verjüngen, um nicht zu verstocken“, haben sich der Sparkassenverband und der Sparkassensektor ihre Anpassungsfähigkeit – nicht zuletzt auch unter Effizienzgesichtspunkten – bis zum heutigen Tage bewahrt. 

Insbesondere hat es der Sparkassenverband stets mit Weitblick verstanden, zeitgerecht die Weichen für zukünftige Herausforderungen zu stellen, um auf diese Weise eine moderne und schlagkräftige Interessensvertretung der österreichischen Sparkassen zu bleiben. 

Vor diesem Hintergrund möchte ich dem österreichischen Sparkassenverband sehr herzlich zu seinem Jubiläum gratulieren und im Hinblick auf die kommenden 100 Jahre meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, dass der Sparkassensektor in Fortsetzung seiner „Erfolgsstory“ – und getreu dem Motto des diesjährigen Sparkassentages – auch weiterhin seiner Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft gerecht werden wird.