Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
33. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB
Konferenzeröffnung
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 12. 5. 2005
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie zur 33. Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank und heiße Sie alle hier in Wien sehr herzlich willkommen.
Ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind, um am Meinungsaustausch mit den vielen namhaften internationalen und österreichischen Experten, die wir für diese Tagung gewinnen konnten, mitzuwirken. Wir alle können von ihrer Expertise und ihren Erfahrungen im Bereich des diesjährigen Tagungsthemas „Geldpolitik und Finanzmarktstabilität“ lernen und daher sehe ich einer angeregten Diskussion dieses wichtigen Themas während der nächsten beiden Tage mit großem Interesse entgegen und bedanke mich bei allen Vortragenden und Teilnehmern der Podiumsdiskussionen sehr herzlich für ihre Mitwirkung im voraus.
Herr Bundeskanzler musste sich heuer leider kurzfristig für die Eröffnung entschuldigen.
Es ist mir eine besondere Freude, Herrn Takatoshi Kato, stellvertretender Managing Director des Internationalen Währungsfonds, Herrn Svein Gjedrem, Gouverneur der Norges Bank, sowie Herrn Jaime Caruana, Gouverneur der Banco D’Espana und Vorsitzender des Basler Ausschusses, der morgen die Keynote speech übernehmen wird, ganz besonders herzlich zu begrüßen. Vielen Dank, dass Sie nach Wien gekommen sind und ein herzliches Willkommen.
Mein herzlicher Gruß gilt auch den zahlreichen Medienvertretern, die unserer Einladung gefolgt sind.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Das diesjährige Tagungsthema „Geldpolitik und Finanzmarktstabilität“ berührt zwei zentrale Notenbankthemen.
Die zahlreichen, oft sehr komplexen Zusammenhänge zwischen diesen beiden Bereichen haben viele ökonomische Debatten angeregt und manchmal auch den verantwortlichen Entscheidungsträgern in den Notenbanken das Leben ziemlich schwer gemacht. Ich glaube daher, dass das diesjährige Thema sehr gut in die Tradition der Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank passt.
War es doch stets unser Ziel, aktuelle Themen aufzugreifen, die sowohl für akademische Experten als auch für Praktiker und wirtschaftspolitische Entscheidungsträger wichtig und relevant sind.
Das Programm der Tagung nähert sich den Zusammenhängen zwischen Geldpolitik und Finanzmarktstabilität von mehreren Seiten. Der erste Abschnitt widmet sich den Zusammenhängen zwischen Geldpolitik, Fiskalpolitik und Finanzmarktstabilität und untersucht das Financial Sector Assessement Program des Internationalen Währungsfonds, das in der Finanzmarktstabilitätsanalyse internationale Standards gesetzt hat.
Im zweiten Abschnitt unserer Tagung wenden wir uns regulierungspolitischen Fragen zu, die sich in einem internationalen Umfeld mit einem globalen Finanzsystem stellen. Hier berühren wir sowohl die Frage der Prävention von internationalen Finanzkrisen als auch das wichtige Thema der internationalen Kooperation von Finanzaufsichtsbehörden.
Schließlich werden wir uns im dritten Teil der Tagung mit den Konsequenzen des institutionellen Wandels in der Bankenaufsicht und dem neuen regulatorischen Rahmen für Banken, Basel II befassen.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Das primäre Ziel der Geldpolitik ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Die fundamentale Rolle der Preisstabilität rührt daher, dass diese in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Voraussetzung für langfristiges, nachhaltiges Wachstum ist. Preisstabilität erhöht die Effizienz der Allokation von knappen Ressourcen, unterstützt das Konsumentenvertrauen, reduziert Unsicherheit und erzeugt damit ein günstiges Umfeld für Investitionen und Wachstum. Schließlich stellen stabile Preise für die Arbeitsmärkte einen wichtigen nominellen Anker zur Verfügung, der hilft, Lohnanpassungen mit dem allgemeinen Produktivitätswachstum konsistent zu halten.
Die Geldpolitik des Eurosystems hat sich bislang unbeirrt und in vorausschauender Weise am Ziel der Preisstabilität orientiert. Dieses sieht mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe bei 2% vor. Seit dem Beginn der Währungsunion war das Eurosystem in seiner Politik – wie ich meine – durchaus erfolgreich und hat sich in einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld bewährt und damit Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung wie auch auf den Finanzmärkten erarbeitet.
Die Unabhängigkeit des Eurosystems, seine dezentrale Struktur und die damit verbundene Effizienz sowie seine bewährte geldpolitische Strategie sind dabei wesentliche Erfolgsfaktoren, die die Politik der EZB auch in Zukunft leiten werden.
Während Preisstabilität also stets im Zentrum der einheitlichen Geldpolitik stand und steht, war es auch immer klar, dass die erfolgreiche Umsetzung dieses Ziels auf ein Umfeld der Finanzmarktstabilität angewiesen ist. Die Erfahrung lehrt uns, dass beide Ziele im Zusammenhang gesehen werden müssen.
Finanzmarktinstabilität könnte zu schwerwiegenden Störungen der Finanzintermediation führen, die Fähigkeit des Finanzsystems beeinträchtigen, den Zahlungsverkehr reibungslos abzuwickeln und eine adäquate Bewertung und Allokation finanzieller Risiken wesentlich erschweren. Sie könnte damit auch die Preisstabilität untergraben. Daher hat das Eurosystem Fragen der Finanzmarktstabilität auch immer entsprechende Beachtung geschenkt.
Dass Fragen der Finanzmarktstabilität in jüngerer Zeit größeres Augenmerk geschenkt wurde als in der Vergangenheit, liegt aber neben den bereits angeführten prinzipiellen Gründen auch an den wesentlich veränderten Rahmenbedingungen der letzten Jahrzehnte. Denn das Umfeld streng regulierter, national abgeschotteter und wenig wettbewerbsintensiver Finanzsysteme – ohne nennenswerte Währungs- und Zinsrisiken und begleitet von strikten Kapitalverkehrskontrollen – veränderte sich mit dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems relativ rasch zu einem globalen, hoch kompetitiven Finanzsystem. Dieses ist gekennzeichnet durch enge Intermediationsmargen und höhere Währungs- und Zinsrisiken, die neue Techniken des Risikomanagements erforderten.
Der Prozess der weltweiten Finanzmarktliberalisierung schuf zusätzlich zahlreiche neue Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen und eröffnete neue Möglichkeiten zur Risikoallokation und Diversifizierung. Es wurden auch viele strukturelle Ineffizienzen, die mit einem Regime von Kapitalverkehrskontrollen einhergehen, beseitigt. Gleichzeitig wurden durch die Dynamik dieses Strukturwandels Bankenaufseher und Zentralbanken häufiger als in der unmittelbaren Nachkriegsperiode mit Situationen von Finanzmarktinstabilität und bisweilen sogar mit Bankenkrisen konfrontiert.
In langfristiger historischer Perspektive sehen wir, dass die Zeit von 1945-1970 eher der Ausnahme als der Regel entsprach. Umso wichtiger ist daher die Diskussion der Themen, die in dieser Volkswirtschaftlichen Tagung behandelt werden.
Ein tieferes Verständnis kann uns eine wichtige Hilfestellung bei der Frage bieten, wie wir die aufeinander verweisenden und zusammenhängenden Ziele von Preisstabilität und Finanzmarktstabilität in einem globalen und wettbewerbsintensiven Umfeld auf eine optimale Weise erreichen können.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Die EZB und das Eurosystem haben von Beginn an der Entwicklung der Finanzmarktstabilitätsanalyse breites Augenmerk geschenkt. Nach Artikel 105(5) des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft hat das Eurosystem die Aufgabe „zur reibungslosen Durchführung der von den zuständigen Behörden auf dem Gebiet der Aufsicht über die Kreditinstitute und der Stabilität des Finanzsystems ergriffenen Maßnahmen“ beizutragen.
Das Eurosystem hat darüber hinaus eine beratende Rolle im Entwurf von Gesetzen, die das Finanzsystem betreffen und ist verpflichtet die Kooperation zwischen Notenbanken und Aufsichtsbehörden in der EU zu fördern. Es nimmt diese Aufgaben durch Entscheidungen des EZB-Rats wahr.
Die Aufgaben der EZB und des Eurosystems im Hinblick auf Finanzmarktstabilität umfassen sowohl Krisenprävention als auch gegebenenfalls Krisenmanagement. Das Eurosystem wird dabei durch das Banking Supervisory Commitee (BSC) unterstützt, das sich aus Notenbanken und Bankenaufsehern aus den nun 25 EU Mitgliedsländern zusammensetzt.
Die EZB und das Eurosystem beobachten systematisch zyklische und strukturelle Entwicklungen im Bankensystem und anderen Bereichen des Finanzsektors im Euroraum bzw. in der EU. Diese Aktivitäten werden gemeinsam mit den Notenbanken der EU und den Aufsichtsbehörden, die im BSC vertreten sind, durchgeführt. Ziel dieser Aktivitäten ist es, problematische Entwicklungen im Finanzsystem frühzeitig zu erkennen und die Schockabsorptionsfähigkeit des Finanzsystems regelmäßig zu beurteilen.
Sowohl bei der Formulierung von Gesetzen, die das Finanzsystem betreffen, als auch in aufsichtsrechtlichen Fragen, wird die EZB oft um Rat und technische Unterstützung gebeten. Dies erfolgt meist durch formelle Konsultationen zu Gemeinschafts- und nationalem Recht in den Bereichen Finanzmarktstabilität und Aufsicht oder durch Partizipation in den relevanten internationalen und Europäischen Foren. (z. B. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, European Banking Committee, European Securities Committee, Committee of European Banking Supervisors).
Die EZB fördert gemeinsam mit dem Eurosystem die Kooperation zwischen Zentralbanken und Finanzmarktaufsichtsbehörden in der EU. Eine gut funktionierende Kooperation und der häufige Informationsaustausch sind eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Finanzmarktstabilität. Dies geschieht hauptsächlich durch das ESZB Banking Supervision Commitee. Aus diesem Informationsaustausch resultieren beispielsweise gemeinsame Absichtserklärungen. Diese Erklärungen werden regelmäßig im Lichte von Marktentwicklungen und institutionellen Entwicklungen neu überprüft.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Finanzmarktstabilität zwar keine hinreichende, sehr wohl aber eine notwendige Bedingung für Preisstabilität ist. Dass in der fruchtbaren Integration beider Bereiche in der Vergangenheit große Erfolge erzielt wurden, sollte uns aber nicht dazu verführen, uns auf den Lorbeeren auszuruhen. Die ungeheure Dynamik der globalen Wirtschaft und des internationalen Finanzsystems macht es notwendig, dass wir uns der Frage der optimalen Integration von Geldpolitik und Finanzmarktstabilitätsanalyse stets aufs Neue widmen und die Konsequenzen moderner Entwicklungen für Regulierung und Finanzmarktaufsicht im Lichte des Bewährten stets neu reflektieren.
Ich hoffe, dass uns die diesjährige 33. Volkswirtschaftliche Tagung der Oesterreichischen Nationalbank dabei unterstützt und wünsche Ihnen und uns allen eine erfolgreiche Konferenz.
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums / Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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