Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
„Der Blick hinter die Fassaden: Nationalbankgebäude im Spannungsfeld der Architekturepochen“
Ausstellungseröffnung
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 19. 9. 2005
Es ist mir eine besondere Freude, Sie zu unserer Architekturausstellung „Der Blick hinter die Fassaden. Nationalbankgebäude im Spannungsfeld der Architekturepochen“ begrüßen zu dürfen.
Wie der Titel bereits verrät, möchten wir Ihnen mit dieser Ausstellung erstmals auch den Blick hinter die Außenfassaden, dieser architektonisch interessanten Gebäude ermöglichen, deren Inneres ja den meisten verschlossen bleibt.
Während die Ursprünge des Bankwesens bis in die Antike zurückzuverfolgen sind, entstand die Institution der Nationalbank erst im Laufe des 17. Jahrhunderts: Aus der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Situation heraus kam es 1668 in Schweden zur Gründung der ersten Nationalbank in Europa, der Sveriges Riksbank, kurz darauf, 1694, wurde die Bank of England, ursprünglich als private Institution, gegründet. Es folgte 1782 die Gründung der Notenbank in Spanien und ab 1800 in kurzen Abständen weitere Länder Europas – 1816 kam es zur Gründung der Privilegierten Oesterreichischen National-Bank, bereits damals als Aktiengesellschaft installiert. Als zeitlich bisher letzte Nationalbank entstand 1998 – übrigens zeitgleich mit der Europäischen Zentralbank – jene in Luxemburg.
Unsere Ausstellung zeigt die Architektur der 25 Nationalbankgebäude des ESZB-Systems (dem Europäischen Systems der Zentralbanken) im Spannungsfeld der Architekturepochen. Der Bogen der bestehenden Gebäude und Projekte spannt sich hierbei vom frühen Historismus mit der Belgischen Nationalbank, 1868 errichtet, über die beginnende Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts, der Nachkriegsarchitektur bis zur Gegenwart mit dem Wettbewerb für den Neubau der Europäischen Zentralbank, 2002-2004, der von dem österreichischen Architektenteam Coop Himmelb(l)au gewonnen wurde.
Der Vergleich der Architektur der Notenbanken des ESZB-Systems – der europaweit hier erstmals erarbeitet wurde – zeigt deutlich, dass Nationalbankgebäude aus architektonischer Sicht einen eigenen Bautypus darstellen, dessen Ziel auf die einfache Formel: Repräsentanz, Sicherheit und (Währungs-)Stabilität gebracht werden kann.
Dass diese Botschaft in der Architekturepoche des 19. Jahrhunderts anders aussah als heute ist verständlich und nachvollziehbar, dennoch: Der Wunsch nach Signethaftigkeit ist zum Beispiel in der überreichen und stärker auf Repräsentanz bedachten Zeit des Historismus ebenso gegenwärtig wie in der Funktionsbezogenheit der Gegenwart.
Die Architektur der in unserer Ausstellung gezeigten Bauten spiegelt aber auch die kulturelle Aufgabe der Notenbanken wider, der wir uns bis heute verpflichtet fühlen. Es ist kein Zufall, dass sich unter den Architekten Namen wie Arne Jacobsen in Kopenhagen, Gaetano Koch in Mailand, Leopold Bauer in Wien oder – um auch einen zeitgemäßen Namen anzuführen – Wilhelm Holzbauer bei dem neuen OeNB-Gebäude (OeNB II) finden.
Dass sich beim Wettbewerb um den Neubau der EZB in Frankfurt das österreichische Architektenteam Coop Himmelb(l)au letzten Endes gegen international anerkannte Konkurrenten wie Frank O.Gehry aus Los Angeles durchsetzen konnte, verdeutlicht die große Konkurrenzfähigkeit österreichischer Leistungen.
Geld und Baukunst scheinen viel Gemeinsames zu haben: Nicht zuletzt symbolisiert beides bleibende Werte, Stabilität und Sicherheit.
Noch nie war das Thema Architektur stärker auf Geldscheinen präsent als auf unseren heutigen Euro-Banknoten – bekanntlich ebenfalls ein österreichischer Entwurf.
Auf ihnen verkörpert die Architektur den gemeinsamen Nenner der europäischen Kultur. Jede der sieben Euro-Banknoten zeigt unter dem Motto „Zeitalter und Stile in Europa“ eine Epoche der europäischen Kulturgeschichte – von der Klassik, Romanik, Gotik und Renaissance über Barock und Rokoko bis hin zur Eisen- und Glas-Architektur des 19. Jahrhunderts und schließlich zur modernen Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Symbolik der Banknoten zeigt die ideelle Verbindung zwischen den Ländern Europas und den Ausblick in die gemeinsame Zukunft.
Wenn wir von Geld sprechen, sprechen wir immer auch von ideellen Werten. Die zentrale Botschaft von Geld ist Vertrauen. Wenn Motive auf Geldscheinen abgebildet sind, sind dies Motive, die dauerhafte, zeitlose Werte verkörpern. Der Wert der abgebildeten Personen, Gegenstände oder eben Architektur steht fest, sie haben ihren „Wert“, ihre „Bewährung“, schon in der Vergangenheit erworben und werden ihn auch in Zukunft behalten – also genau das, was wir auch von Geld erwarten. Ähnlich verhält es sich mit „guter“ Architektur: sie sollte stabil und zeitbeständig sein.
Lassen Sie mich nun noch ein paar Worte zu einem Thema hinzufügen, das mir speziell am Herzen liegt: Der Euro als Stabilitätsanker für Europa ist mehr als eine Geldverfassung, die nur den materiell-ökonomischen Bereich betrifft. Für jede erfolgreiche Währung gilt, daß sie ein Integrationsinstrument ist, das auf einer jenseits des Ökonomischen liegenden „Idee“ beruht, in unserem Fall auf der europäischen Idee. Diese europäische Idee muß freilich noch wachsen. Erlauben Sie mir, diesen Gedanken in die architektonische Formensprache zu übersetzen: mit der Etablierung der Wirtschafts- und Währungsunion ist es gelungen, ein tragfähiges Fundament für unser gemeinsames europäisches Gebäude zu legen. Die Pfeiler dieser Union waren die Einführung der gemeinsamen Euro-Währung und der einheitlichen europäischen Geldpolitik sowie die vertiefte Koordination der Wirtschafts- und Fiskalpolitiken. Mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt haben die wirtschaftspolitischen Akteure die wichtige Rolle von Preisstabilität und gesunden öffentlichen Finanzen als Voraussetzung für Wachstum und Beschäftigung anerkannt.
Währungsstabilität ist eine Frage der inneren Stabilität, d. h. der Preisstabilität. Und eine solche haben wir im Euro-Währungsgebiet in einem Ausmaß, wie es sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa nicht mehr gegeben hat.
Die gemeinsame europäische Währung ist auch der Auftrag, der europäischen Integration weitere neue Impulse zu verleihen. Es liegt an uns, aus diesen architektonischen Elementen ein – noch größeres – gemeinsames Europa-Haus zu bauen, das solide und beständig ist, womit wir wieder beim Thema der Architektur gelandet wären.
Ein besonderer Hinweis im gegebenen Zusammenhang verdient auch noch das 1999 in unserem Haus entstandene Buch „Architektur des Geldes“. Die Aufarbeitung der Baugeschichte der Oesterreichischen Nationalbank in Buchform diente der Identitätsstiftung im Hause selbst, denn die Oesterreichische Nationalbank kann immerhin auf eine nunmehr 180jährige kontinuierliche Bauherrentätigkeit verweisen.
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