Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion vor neuen Herausforderungen
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Österreichische Liga der Vereinten Nationen, 8. 3. 2006
Sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist mir eine große Ehre und Freude, nach mehr als sieben Jahren erfolgreicher Währungsunion in der Europäischen Union heute vor Ihnen über Entwicklungen sowie Herausforderungen dieser Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) zu sprechen.
Lassen Sie mich eingangs kurz in Erinnerung rufen: Mit dem Start der Währungsunion und der Einführung des Euro zuerst als Buchwährung, und ab Anfang 2002 auch als Eurobargeld, waren eine Reihe von Vorteilen für das wirtschaftliche Gefüge und die Bevölkerung im Euroraum verbunden:
- Der Euro ist die wichtige Ergänzung des europäischen Binnenmarktes, insbesondere für seinen freien Kapitalverkehr, für freie Finanzmärkte und den freien Dienstleistungsverkehr von z. B. Bank- und Versicherungsleistungen.
- Die Länder des Euroraumes blieben seit Mitte der 90er-Jahre von Wechselkursattacken, wie sie zuvor zwischen den EWS-Währungen immer wieder vorkamen, verschont. Der Euro hat die Planungsbedingungen für die Unternehmen wesentlich verbessert. Die weitgehende Eliminierung von Wechselkurs- und Inflations-Risikoprämien ermöglicht günstige Finanzierungsbedingungen für Investitionen.
- Die Mitte der 90er-Jahre ausufernden Staatsdefizite wurden durch die Konvergenzkriterien und den Stabilitäts- und Wachstumspakt deutlich zurückgeführt oder zumindest merklich gebremst. Dies wäre ohne Währungsunion noch viel schwerer gewesen, als es selbst unter den günstigen Rahmenbedingungen der WWU – ich nenne etwa: niedrige Zinsen, klare Fiskalregeln – noch ist.
- Der Euro wirkt als Katalysator für Strukturreformen – Stichwort: Lissabon-Agenda – ich komme später darauf noch zu sprechen. Ohne den Druck fixer nomineller Wechselkurse wäre die Notwendigkeit für Strukturreformen, die angesichts Globalisierung und alternder Bevölkerungen in jedem Fall nötig wären, bei weitem nicht so stark in das Bewusstsein der Politik gerückt. Zweifellos muss dieser Lernprozess noch weiter dynamisch voranschreiten.
- Der Euro als Bargeld und etablierte Weltwährungverringerte die Transaktionskosten, ermöglicht höhere Preistransparenz, fördert zunehmende Preisniveaukonvergenz, dämmt die Devisenspekulationen ein und erleichtert den Reiseverkehr.
- Und vergessen wir schließlich nicht, dass der Euro als Triebfeder für die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins gewirkt hat. Wo würde die Europa-Idee heute ohne Euro stehen?
Die Wirtschafts- und Währungsunion selbst zeichnet sich durch ein stabiles Modell aus, dass auf drei Säulen basiert und im Zusammenspiel den größten Erfolg garantiert. Ich darf in der Folge diese Stabilitätssäulen kurz skizzieren, die bisherigen Erfolge herausstreichen und auf künftige Herausforderungen eingehen.
Monetäre Stabilität
Die durch den Maastricht Vertrag geschaffene Geldverfassung gewährleistet ein hohes Maß an Unabhängigkeit des Zentralbankensystems und legt als vorrangiges Ziel der Geldpolitik Preisstabilität fest. Das föderale System des Eurosystems (EZB und derzeit 12 NZBen, darunter die OeNB) sichert Kontinuität, gewährleistet ein reibungsloses Funktionieren und erreicht damit eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Der EZB-Rat (6 EZB-Direktoren und derzeit 12 NZB-Gouverneure) agiert nach dem Prinzip „Eine Person, eine Stimme“ und entscheidet mit einfacher Mehrheit.
Unsere mittelfristig ausgerichtete geldpolitische Strategie mit einer wirtschaftlichen und monetären Analyse hat sich gut bewährt. Die Zentralbank kann die Inflation nur auf mittlere und lange Sicht kontrollieren, nicht aber auf die kurze Frist, denn unerwartete wirtschaftliche Schocks liegen außerhalb des Einflusses der Geldpolitik. Deshalb ist die Geldpolitik mittelfristig ausgerichtet, um vorübergehende Schwankungen der Inflation nicht über Gebühr betonen zu müssen.
Das Preisstabilitätsziel – darunter versteht das Eurosystem HVPI-Inflationsraten, die mittelfristig unter, aber nahe bei 2% liegen sollen – wurde seit dem Beginn der Währungsunion trotz einer Reihe von Schocks auf die Preise (wiederholte Ölpreishausse, Tierseuchenkrisen, 11. September 2001) weitgehend erreicht. Dies hat binnen weniger Jahre ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit aufgebaut. Das kommt etwa darin zum Ausdruck, dass die Inflationserwartungen der Märkte ziemlich genau im Einklang mit der Definition von Preisstabilität sind.
Durch historisch niedrige Leitzinsen von 2% wirkte die Geldpolitik auch stützend während des letzten Konjunkturabschwungs. Nachdem sich die Leitzinsen zweieinhalb Jahre auf niedrigstem Niveau befanden, wurde im Dezember 2005 und Anfang März 2006- eine leichte Zinsanhebung von jeweils 25 Basispunkten auf nunmehr 2,5 % vorgenommen. Diese Erhöhung war notwendig, um den akkommodierenden geldpolitischen Kurs angesichts von Risiken für die Preisstabilität – ausgehend von hohen Ölpreisen, Steigerungen bei administrierten Preisen und einem anhaltend hohen Geldmengenwachstum – etwas zurückzunehmen. Der EZB-Rat trägt durch diese Zinsschritte weiterhin dazu bei, die mittel- und langfristigen Inflationserwartungen im Einklang mit der Preisstabilität zu halten, und unterstützt dadurch auch weiterhin ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das Zinsniveau ist weiterhin – nominell wie auch real – sehr nieder.
Das aktuelle Konjunkturbild präsentiert sich nicht nur in Österreich (BIP-Steigerung von 0,7% qoq im 4. Quartal 2005), sondern auch für den Euroraum deutlich aufgehellter. Auch wenn das 4. Quartal 2005 im Euroraum mit real 0,3% etwas hinter dem Anstieg des realen BIP im 3. Quartal (+0,6% qoq) blieb, lassen die kurz- und mittelfristigen Erwartungen auf einen gefestigten Aufschwung – angetrieben durch verstärkte Investitionen und in Schwung kommenden privaten Konsum – schließen.
Die USA weisen weiterhin eine dynamische Wirtschaft auf, Japan setzt den Erholungspfad bei allmählichen Ausklingen der Deflation fort, China und Indien stechen bei den sog. „Emerging Markets“ mit besonders expansiven Tendenzen noch deutlicher hervor und die süd- und osteuropäischen Volkswirtschaften setzen ihren Aufholprozess mit guten Wachstumsperspektiven fort.
Nachhaltig gesunde öffentliche Finanzen
Der Euro braucht starke und glaubwürdige fiskalpolitische Rahmenbedingungen. Aus diesem Grund wurden bereits im Jahr 1997 mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) Bestimmungen im EU-Vertrag zur Sicherstellung tragfähiger Haushalte konkretisiert. Allerdings sind die bisherigen Erfahrungen mit dem SWP eher als gemischt zu betrachten.
Die Budgetdisziplin, die in vielen Mitgliedstaaten im Vorfeld der Euro-Einführung noch erhebliche Fortschritte aufwies, hat in den letzten Jahren spürbar nachgelassen. Mit ein Grund war aber auch, dass die schwache Wachstumsperformance Budgetkonsolidierungen erschwerte. Die Defizitquoten für den Euroraum blieben insgesamt nur knapp unter 3% (2004: –2,7%, 2005: –2,9%). Auch die vorliegenden rezenten Prognosen (Defizit für 2006 und 2007 von jeweils –2,8%) signalisieren keine wirkliche Besserung. Länderspezifisch betrachtet, verzeichnen gemäß den Daten der Stabilitätsprogramme vom 1. Dezember 2005 – die derzeit die aktuellste Quelle darstellen – 5 der 12 Euroländer eine Marke von genau 3% oder von über 3%, im gesamten EU-Raum blieben im Jahr 2005 demnach 10 von 25 Mitgliedstaaten über dieser kritischen Schwelle.
Ein Hoffnungsschimmer dabei ist, dass sich nach diesen Informationen die Budgetwerte für 2005 doch etwas besser entwickelten als es die Prognosen erwarten ließen – gemäß der Prognose der Europäischen Kommission vom Herbst 2005 fielen noch 11 Staaten darunter.
Neben der mangelnden Budgetdisziplin haben aber auch budgetstatistische Maßnahmen die Glaubwürdigkeit des SWP untergraben. Der Pakt wurde im letzten Jahr überarbeitet (und meines Erachtens geschwächt), wobei die Reform einerseits mit Änderungen sowohl des präventiven als auch korrektiven Arms und andererseits zu insgesamt mehr Komplexität im technischen Verfahren im Falle einer Verletzung der Vorgaben geführt . hat1)Zudem kam es aus meiner Sicht zu einem Abtausch kurzfristiger Flexibilität auf Kosten der Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit – ein Zielkonflikt mit erheblichen Risiken.
Die bisherigen Erfahrungen mit Italien, Portugal, Frankreich, Deutschland, Griechenland, U.K. und Ungarn, für die Verfahren wegen übermäßiger Defizite eingeleitet wurden, lassen jedenfalls den Schluss zu, dass es zu länger andauernden Verletzungen der Defizitobergrenzen kommen könnte. Die Haushaltsdisziplin wird darunter tendenziell leiden und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik nicht erleichtern.
Der durch den Maastricht-Vertrag eingeleitete fiskalpolitische Paradigmenwechsel hin zu einer nachhaltigen Stabilitätsorientierung der öffentlichen Haushalte ist jedoch aus geldpolitischer Sicht unter allen Umständen umzusetzen. Es ist grundsätzlich für Zentralbanken schwer möglich, Preisniveaustabilität ohne solide Staatsfinanzen langfristig zu sichern. Ohne ein striktes und transparentes fiskalisches Regelwerk wird mangelnde Budgetdisziplin letztlich von den Finanzmärkten bestraft. Klare, rechtlich verankerte budgetäre Vorgaben auf nationaler Ebene, die im Einklang mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt stehen und insbesondere Budgetkonsolidierungen in wirtschaftlich guten Zeiten einfordern, sind daher aus geldpolitischer Sicht sehr zu begrüßen.
Für die Zukunft stimmen mich die Zielsetzungen einer moderaten Budgetkonsolidierung, wie sie die jüngste Runde der vorgelegten, angepassten Stabilitätsprogramme reflektiert, aber doch zuversichtlich, wenngleich in einigen Mitgliedstaaten weiterhin fiskalische Ungleichgewichte bestehen. Ich habe erwähnt, die Wirtschaft im Euroraum befindet sich im Aufwärtstrend, die Prognosen sind viel versprechend – dies schafft Spielraum für Budgetkonsolidierungen. Darüber hinaus sollte bedacht werden, dass Konjunkturimpulse auch durch Strukturreformen (z. B. Entbürokratisierung, Steigerung der Effektivität bzw. des Wirkungsgrades öffentlicher Ausgaben) und durch Umschichtungen öffentlicher Mittel erreicht werden können.
Insbesondere Länder mit übermäßigem Defizit müssen die Gelegenheit nutzen und Entscheidungen treffen, die eine nachhaltige Reduktion ihrer budgetären Ungleichgewichte gewährleisten. Dies würde die nachhaltige Erholung der europäischen Wirtschaft stark unterstützen. Ein längeres Hinauszögern wäre sowohl kurz- wie langfristig mit erheblichen Risken verbunden.
Dynamische Strukturpolitik
Die Europäische Union braucht im intensivierten internationalen Wettbewerb weitere Strukturreformen, um mehr Flexibilität zu gewinnen und ihr Potenzialwachstum nachhaltig zu erhöhen. Dies ist auch eine wesentliche Vorleistung um bestehende Produktivitätsunterschiede gegenüber den USA – im Jahr 2004 war die Arbeitsproduktivität, gemessen am BIP je Erwerbstätigen (Quelle: Statistics Pocket Book der EZB vom Februar 2006), in den USA um 29% höher als im Euroraum bzw. um 36% höher als in der EU – zu verringern.
Die ersten fünf Jahre der Lissabon-Strategie haben bislang nur teilweise Fortschritte gebracht (z. B. wegen zu vieler Vorhaben, mangelnder Umsetzung oder keinen klaren Verantwortlichkeiten), daher sind die jüngsten Schritte für die Neuausrichtung der Lissabon-Strategie bis 2010 positiv zu sehen: Sie zielen beispielsweise auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, auf Innovation, Forschung und Entwicklung, auf Bürokratieabbau und Deregulierung, um nur einige der zentralen Themen zu nennen.
Die Mitgliedstaaten waren in diesem Zusammenhang aufgerufen, die erwähnten Eckpfeiler in konkrete nationale Reformprogramme zu gießen. Österreich legte – wie die anderen Länder – teils sehr ambitionierte Programme vor, die für 7 Strukturbereiche mit über 20 Leitlinien konkrete Maßnahmen mit unterschiedlichen Schwerpunkten beinhalten. Das alleinige Festschreiben von Maßnahmen allein reicht aber nicht, sie brauchen einen festen politischen Willen zur tatsächlichen Umsetzung in den kommenden Jahren. EU-Kommissionspräsident Barroso brachte es anlässlich der Veröffentlichung des Jahresberichts für Wachstum und Beschäftigung sowie der Beurteilung der nationalen Reformprogramme am 25. Jänner 2006 auf den Punkt: „Es ist Zeit zu handeln!“
Ich möchte dies noch verstärken: „An weiteren Reformen führt kein Weg vorbei, denn ohne Reformen gibt es weder Wachstum noch Arbeitsplätze. Wir brauchen Spitzenleistungen, kein Lohndumping.“ Die EU-25 als einer der weltgrößten Wirtschaftsräume, aber auch mit einem Heer lt. Eurostat im Jänner 2006 von registrierten
18 ½ Mio Arbeitslosen (davon rund 12 Mio im Euroraum) muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen.
Sie braucht dringend diesen Reformschub hin zu mehr Wachstum und Flexibilität, darüber sind sich alle namhaften Experten einig.
Strukturreformen im Euroraum sind aus mehreren Gründen mit einer hohen Priorität zu versehen. Sie führen zu einer Anhebung des langfristig ohne Inflationsbeschleunigung erzielbaren Potenzialwachstums, das derzeit um die 2% liegen dürfte. Dazu bedarf es einer flexiblen Wirtschaft, die fähig ist, Produktivitätsvorteile wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen sowie der „IT-Revolution“ zu nutzen.
Auch in anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik muss den übergreifenden Folgen der Bevölkerungsalterung Rechnung getragen werden. Angesichts dieser demografischen Effekte sind umfassende Strukturreformen auch auf den Arbeits- und Gütermärkten sowie die Schaffung eines günstigen und wettbewerbsfördernden Unternehmensumfelds zentrale Voraussetzungen, um das Potenzialwachstum steigern und die Beschäftigungsquoten erhöhen zu können. Angebotsseitig sind am Arbeitsmarkt Reformen der Steuer- und Sozialleistungssysteme unabdingbar, um stärkere Anreize zum Verbleib im bzw. zum Eintritt in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Nachfrageseitig müssen die Lohnflexibilität erhöht und die verkrusteten Strukturen am Arbeitsmarkt aufgebrochen werden. Überdies sind bessere Aus- und Fortbildungssysteme wichtig für die Entwicklung des Humankapitals.!
In einer Welt intensivierten globalen Handels, dynamischer aufstrebender Volkswirtschaften und eines globalisierten Finanzmarkts müssen der Euroraum und die EU insgesamt flexibler werden, um sich schnell den wirtschaftlichen Änderungen der globalisierten Welt anpassen. Eine Welt mit neuen Chancen ist selbstverständlich auch eine Welt mit neuen Risiken. Die Elastizität und Belastbarkeit des Wirtschaftssystems ist unter solchen Umständen ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor. Die EU-MS müssen sich wieder verstärkt auf die strategischen Vorteile eines gemeinsamen Integrationsweges besinnen, Reformen zielstrebig umsetzen und für weitere Reformmaßnahmen bereit sein, um Wachstum und Produktivität der EU zu steigern. Mit einem Reformstillstand wird kein Wirtschaftswachstum erzielt! Es dürfen auch keine übertrieben nationalen oder sonstige partikulären und schon gar nicht protektionistischen Maßnahmen gesetzt werden. Wir brauchen vielmehr eine gemeinsame Entwicklungsperspektive der EU. Das gilt gerade und besonders für die großen MS der EU. So widersprüchlich es auf den ersten Blick auch aussehen mag: Dauerhafte Stabilität erfordert eine ständige und dynamische Weiterentwicklung, Stillstand bedeutet hingegen Rückschritt!
Die Währungsunion bzw. der Euroraum brauchen also neben der Preisstabilität sichernden Geldpolitik nachhaltig gesunde Staatshaushalte und entschiedene strukturelle Wirtschaftsreformen zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Welche weiteren wesentlichen Herausforderungen im europäischen Integrationsprozess liegen vor uns?
Zunehmende Globalisierung
Die weltweite wirtschaftliche Integration durch den internationalen Handel, durch grenzüberschreitende Investitionen und die Mobilität der Produktionsfaktoren ist zweifellos insgesamt gewinnbringend.
So hat z. B. eine Studie der OeNB anlässlich 10 Jahre EU-Mitgliedschaft Österreichs klar gezeigt, dass Globalisierung und Liberalisierung in Österreich viele Vorteile gebracht haben. Der Preisauftrieb war so gering wie nie zuvor, die Exportquote i.w.S. (also Waren- und Dienstleistungsexporte in Prozent des BIP betrachtet) erhöhte sich allein seit Beginn der Währungsunion von über 40 auf knapp über 50%. Sehr dynamisch war die Entwicklung auch bei den Direktinvestitionen, die mittlerweile aktiv- und passivseitig jeweils über 20% des BIP ausmachen.
Natürlich fallen vereinzelt auch Anpassungskosten an, die allerdings über Kompensationsmaßnahmen aufgefangen werden könnten. Die nationalen Märkte sollen also insgesamt nicht vor Wettbewerb geschützt, sondern flexibler gemacht werden, ganz im Sinn der Lissabon-Strategie! So gesehen bietet die teils bekämpfte EU-weite Liberalisierung der Dienstleistungen keine Hürde, sondern eine echte und notwendige Chance für die Zukunft Europas! Erhöhter Wettbewerb im Dienstleistungsmarkt mit seiner zunehmenden Bedeutung im gesamten Wirtschaftsprozess würde Skalenerträge ermöglichen und Effizienzgewinne erhöhen. Dies würde sowohl ein höheres Niveau als auch stärkere Zuwächse der Arbeitsproduktivität unterstützen, die Wirtschaft insgesamt dynamischer machen und damit Arbeitsplätze schaffen. Überdies würde schärfere Konkurrenz das Preisniveau dämpfen und zu einem Abbau der bislang feststellbaren Preisrigiditäten in einigen Euroländern im Dienstleistungsbereich führen. Die Öffnung der Dienstleistungsmärkte für neue Mitbewerber führt insgesamt zu mehr Effizienz und Flexibilität, forciert die Anpassungsprozesse und erhöht die Belastbarkeit bzw. Reaktion der Volkswirtschaft des Euroraums auf ökonomische Schocks.
Erhebliche globale Ungleichgewichte
Alle betroffenen Regionen - ich denke hier primär an die USA mit ihrem Doppeldefizit im öffentlichen Haushalt und in der Leistungsbilanz, aber auch an Süd-Ost-Asien mit hohem Leistungsbilanzplus und hohen Sparquoten – sind dafür verantwortlich, ihr externes und internes Gleichgewicht zu sichern und ihr Wachstumspotenzial zu stärken. Positiv in diesem Kontext ist die moderate Flexibilisierung des Renminbi-Wechselkursregims in China hervorheben.
Sie sehen somit, an der globalen Stabilitätsarchitektur bauen viele mit, und der Euro als inzwischen etablierte, stabile Weltwährung kann viel dazu beitragen und sogar beispielgebend wirken. Denn der Euro spielt bereits eine gewichtige Rolle im Handel und auf den Finanzmärkten.
So werden heute beispielsweise bereits 40% aller weltweit getätigten Devisentransaktionen in Euro abgewickelt. 85% des österreichischen Außenhandels werden in Euro fakturiert. Viele Staaten außerhalb des Euroraums vertrauen auf den Euro als Reservewährung und als Wechselkursanker. Wenn sich die Währungen der Welt am „Stabilitätswettbewerb“ beteiligen, wird die von Stabilität erfasste Region wesentlich an Dimension gewinnen.
Erweiterung der Währungsunion
Wie attraktiv das europäische Integrationsmodell einschließlich des Euro ist, zeigt sich an dem „Beitrittsdruck“, dem die Europäische Union und der Euroraum unterliegen. Nach der größten Erweiterung der EU-Geschichte im Mai 2004 stehen mit Bulgarien und Rumänien weitere Länder kurz vor dem Beitritt, und auch mittelfristig gibt es weitere Beitrittsinteressenten.
Neben den 12 Mitgliedstaaten des Eurogebietes sind acht weitere EU-Länder (davon 7 aus dem Kreis der neuen Mitgliedstaaten) Mitglieder des Wechselkursmechanismus II, d. h. 20 von 25 EU-Staaten verwenden bereits den Euro direkt als Währung oder indirekt als Leit- bzw. Ankerwährung. Weitere Länder werden dem WKM II beitreten und in nicht all zu ferner Zukunft ist mit bis zu zehn neuen Euro-Mitgliedsländern zu rechnen – natürlich vorausgesetzt, die wirtschaftlichen und rechtlichen Eintrittskriterien sind voll und ganz erfüllt.
Diesbezüglich werden Konvergenzberichte von EZB und Europäischer Kommission analytische Beurteilungen für jeden der 10 neuen EU- Mitgliedstaaten sowie Schweden vornehmen und publizieren.
Fest steht: Der Euro wirkt jedenfalls bereits heute auch außerhalb des Euroraums als Orientierungsmaßstab und Anker für die Wirtschaftspolitik vieler Länder. Und sicher ist auch: Wenn eine Volkswirtschaft alle vertraglich vorgesehenen Konvergenzkriterien – nicht mehr, und nicht weniger - in nachhaltiger Weise erfüllt, habe ich keinen Zweifel, dass eine Erweiterung des Euroraums für alle Beteiligten Vorteile bringt.
Ich komme zum Schluss: Der europäischen Integrationsweg und die „junge“ Währungsunion sind bislang sehr positiv verlaufen und haben Europa nicht nur Wohlstand und Stabilität, sondern auch eine historisch beachtlich lange Friedensperiode beschert.
Europa kann und darf es sich nicht leisten in Stagnation/Orientierungslosigkeit oder gar Fatalismus zu verfallen. Dazu besteht auch kein Grund – es wurde gerade in den letzten eineinhalb Jahrzehnten Beachtliches erreicht -
- Binnenmarktprogramm
- WWU
- 2 Erweitungsrunden 1994 und 2004
- Weiterentwicklung der EU-Verträge
beginnend mit dem Maastrichtvertrag
Sind doch ein beeindruckendes politisches wie wirtschaftliches Entwicklungsprogramm, das die EU sowohl vertieft als auch erweitert.
Europa muss heute die zunehmende Globalisierung und – damit verbunden - die weitere Liberalisierung und Flexibilisierung von Märkten als Zukunftschance erkennen. Die europäische Politik und nationale Politiken sollten daher nicht defensiv agieren oder gar in Protektionismus zurückfallen, sondern die notwendigen Strukturreformen – mit entsprechendem Blick auch auf solide Staatshaushalte – energisch vorantreiben, damit sich „unser Europa“ weiter entwickeln, in seine internationale Rolle besser hineinwachsen und auch für künftige Generationen Wohlstand und Frieden sichern kann.
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
1) Eine ausführliche Analyse und Diskussion des reformierten Stabilitäts- und Wachstumspaktes wird Ende März 2006 in der Studie „Reform des Stabilitäts- und Wachstumspaktes“, in der OeNB-Reihe Geldpolitik & Wirtschaft, Q1/06, vorgenommen.
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