Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Ausstellungseröffnung: „Geprägt für Europa“
„Die Entwicklungsgeschichte der Euro-Münzen – Euro Coins Genesis“
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 21. 4. 2006
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Es ist mir eine besondere Freude, Sie zu unserer Ausstellung „Geprägt für Europa“, die die Entwicklungsgeschichte der Euro-Münzen vom Wettbewerb bis zur endgültigen Realisierung aufzeigt und die wir in Kooperation mit der Europäischen Kommission veranstalten, sehr herzlich zu begrüßen.
Die heutige Ausstellung ist eine logische Weiterführung der im Herbst 2004 bei uns gezeigten Ausstellung „Der Euro im Design“, in der die Entwürfe für die Euro-Banknoten präsentiert wurden.
Geld ist eines der wichtigsten Produkte seit Bestehen der Menschheit: Beides, Münzen und Banknoten sind in der heutigen Zeit gleichwertige Zahlungsmittel, aber im Unterschied zum Papiergeld, das erst unter Maria Theresia eingeführt wurde, weisen Münzen eine weitaus längere Geschichte auf:
Seit rund 2500 Jahren beschäftigen sich Menschen bereits mit der Gestaltung von Münzen.
Das Design hatte und hat dabei mehrere Aufgaben zu erfüllen: Zum Einen wird der Wert der Münze durch ihr Bild identifiziert und dieser damit durch die ausgebende Stelle garantiert; zum Anderen bildet eine aufwändige Gestaltung einen wesentlichen Beitrag zum jeweiligen Stellenwert der Münzen in der Gesellschaft. In der Moderne gewann auch der Aspekt der Sicherheit (Fälschungsschutz) besondere Bedeutung. Gerade dieser Aspekt führte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu künstlerisch hervorragenden Leistungen – man denke hier u. a. an griechische Tetradrachmen im 5.Jh v.Chr., viele neuzeitliche Talermünzen bis hin zu den Gedenkmünzen unserer Zeit.
Der Aufwand bei Gestaltung und Produktion von Umlaufmünzen wird viel zu wenig gewürdigt und im täglichen Zahlungsverkehr wird diese „Kunst im Westentaschenformat für jedermann“ oft gar nicht wahrgenommen.
Eine besondere Rolle bei der Münzgestaltung spielten natürlich auch politische Gesichtspunkte. Jahrhunderte lang wurde versucht, über das Münzbild politische Ideen und Ansprüche zu transportieren. Gerade auf Münzen konnten – auf verhältnismäßig einfachem Wege – Macht, Einfluss und Prestige, sowohl politisch als auch wirtschaftlich, eines Herrschers oder einer Nation demonstriert werden. Lange Zeit dienten Münzen somit der nationalen Identifikation. Erinnert sei hier z. B. an die DM als Symbol für die deutsche Wirtschaftskraft oder an den berühmten Sämann-Schilling, der in den späten 40er-Jahren zum Zeichen für den Wiederaufbau Österreichs wurde.
Gerade die Aufgabe der nationalen Währungen und die Schaffung einer einheitlichen Währung für die dzt. 12 Mitgliedstaaten der EU bedeuteten einen wesentlichen Schritt zur weiteren Integration Europas.
Anders als bei den Banknoten, die ja in allen Euro-Ländern gleich aussehen, wurden die zugehörigen Münzen getreu dem europäischen Motto „Einheit in der Vielfalt“ nur auf der Vorderseite europaweit einheitlich gestaltet. Für die gemeinsame Seite wurde ein Wettbewerb zu drei Themen veranstaltet: Architektur und Stilelemente Europas, Ziele und Ideale der europäischen Union sowie europäische Persönlichkeiten.
Zur Verwirklichung kamen letztendlich die Entwürfe des Designers Luc Luycx der Königlichen Belgischen Münze, die von ihm zum Thema Ziele und Ideale der Europäischen Union eingereicht wurden.
Die Rückseitengestaltung blieb jedem Land selbst überlassen. Hiermit stellte sich den Gestaltern der einzelnen Mitgliedsländer die Herausforderung, diese mit der fest vorgegebenen europäischen Seite zu kombinieren und eine möglichst harmonische Symbiose von Avers und Revers – wie dies in der Fachsprache heißt – zu schaffen.
Wie Sie in der Ausstellung sehen werden, sind vielfach Sujets verwendet worden, wie sie bereits früher auf nationalen Währungen zu sehen waren oder große nationale Bedeutung hatten. Dadurch konnte einerseits die gedankliche Verbindung zur ehemaligen nationalen Währung hergestellt und andererseits der Übergang zur Euromünze leichter gemacht werden. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf die „attische Eule“ auf der griechischen 1 Euro-Münze, die uns bereits als Münzbild in der griechischen Antike begegnet und von dem auch der Ausspruch „Eulen nach Athen tragen“ abgeleitet wurde, der bis heute sprichwörtlich geblieben ist.
Die Aufnahme von Vertrautem ist auch an den Motiven der österreichischen Euro-Münzen nachvollziehbar, die bedeutende nationale Kulturdenkmäler wie die Secession, Belvedere und den Stephansdom oder auch Persönlichkeiten wie Bertha v. Suttner und Mozart abbilden.
Stichwort Mozart:
Mozart war ein Drittel seines Lebens auf Reisen und musste daher öfters von einer Währung in eine andere wechseln – auf seinen Reisen von Salzburg nach Paris, Berlin oder England überschritt er zahlreiche Währungsgrenzen. Allein im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation gab es Ende des 18. Jahrhunderts 16 verschiedene Währungssysteme mit rund 470 unterschiedlichen Münzen. Schon ihm hätte die Währungsunion mit der gemeinsamen Währung das Reisen erleichtert! Allerdings konnte Mozart, wie wir wissen, mit Geld wenig umgehen und das bei durchschnittlichen Jahreseinnahmen von – auf heutige Basis umgerechnet – immerhin 300.000 Euro …!
Lassen Sie mich aber wieder auf unsere Ausstellung zurück kommen, die zeigt, wie unterschiedlich die Entscheidungsprozesse waren, die in den einzelnen Ländern zur Findung der nationalen Münzseiten führten.
Derzeit sind in den 12 Ländern der Währungsunion je 8 Münzwerte vertreten, insgesamt also 96 Euro-Münztypen (ausgenommen natürlich Monaco, San Marino und Vatikan). Die vor uns liegende Erweiterung des Eurogebietes wird in Zukunft diese bunte Vielfalt noch vergrößern. Das ist abwechslungsreich, spannend und lädt zu Entdeckungsreisen in andere Länder ein.
Man erinnere sich an die Entdeckensfreude in den ersten Monaten nach Einführung der neuen Euro-Münzen, wenn im Wechselgeld eine fremde Münze – sozusagen ein anderes Land – entdeckt wurde. Noch nie zuvor war auch ein solch großes Interesse am Sammeln von Umlaufmünzen wahrzunehmen.
Zur Frage der Dimension noch einige statistische Daten: 2001/02 wurden im Zuge der Währungsumstellung 107 Milliarden damals in Umlauf befindliche Münzen gegen rund 51 Milliarden Euro-Münzen getauscht.
Derzeit sind im ganzen Euro-Währungsbereich rd. 63 Mrd. Stk. Münzen im Wert von 16,6 Mrd EUR (per Ende 2005) im Umlauf. Insgesamt wurden im gesamten Euro-Währungsraum bis heute schätzungsweise mehr als 72 Mrd Stk. Münzen geprägt, wovon man in Österreich rund 3,2 Mrd Stk. Münzen durch die Münze Österreich AG produzierte. Herr und Frau Österreicher haben statistisch1) gesehen ca. 15,6 Stk. Münzen in ihren Geldbörsen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie ich bereits eingangs erwähnt habe, ist Geld seit dem Bestehen der Menschheit ein sehr wesentliches, für manche eines der wichtigsten Produkte. Die Einführung einer gemeinsamen Währung in Europa war nicht nur die größte Währungsumstellung der Geschichte, sondern führte zu einer neuen europäischen Dimension: Heute ist der Euro gesetzliches Zahlungsmittel für rund 311 Millionen Menschen in Europa, demgegenüber steht der Dollar für nur 296 Millionen in den USA.
Eine gemeinsame stabile Währung, wie sie der Euro darstellt, verbindet Länder und bildet ein starkes Fundament für Wirtschaft und Frieden.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit der neuen Ausstellung im Geldmuseum der OeNB: gehen Sie anschließend mit uns auf Entdeckungsreise durch Europa!
Zum Schluss – Dank an:
- den Kooperationspartner Europäischen Kommission, für die zur Verfügung Stellung der Bildvorlagen und Informationen (zum Wettbewerb)
- die Münze Österreich als Leihgeber
- Mag. Wehdorn und ihrem Team für die Konzeption und Verwirklichung der Ausstellung sowie AL Mag. Thonabauer für seine Unterstützung
- die Fa. Unterkircher-Jankoschek für die grafische Umsetzung
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
1) Fessel-Studie zum Stichtag 10. Jän. 2004.
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