Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Rede des Gouverneurs bei der Pressekonferenz anlässlich der Generalversammlung der OeNB am 30. Mai 2006
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 30. 5. 2006
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich darf Sie herzlich zur diesjährigen Pressekonferenz anlässlich der Generalversammlung der OeNB begrüßen. Der neu gestaltete Geschäftsbericht 2005 der OeNB, der zentralbankrelevante wirtschaftliche Entwicklungen und den Jahresabschluss der OeNB enthält, liegt Ihnen vor und kann auch – in deutscher und englischer Fassung – auf unserer Homepage (www.oenb.at) abgerufen werden.
Das gestiegene – aber im historischen Vergleich noch immer äußerst niedrige – Zinsniveau auf den Finanzmärkten und der fortgesetzte Wertgewinn des US-Dollars gegenüber dem Euro stellten verbesserte Rahmenbedingungen für die Zentralbanken des Eurosystems dar (Grafik 1). Dementsprechend stabilisierte sich nach Jahren starker Ertragsrückgänge die Gewinnentwicklung der nationalen Zentralbanken und der EZB.
Die OeNB weist für das Geschäftsjahr 2005 ein im Vergleich zum Vorjahr um 37 Mio EUR höheres geschäftliches Ergebnis von 488 Mio EUR vor Steuern aus (Grafik 2).
In längerfristiger Betrachtung liegt das Geschäftsergebnis im Durchschnitt. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben bzw. in Erinnerung zu rufen, dass die Rekordgewinne in den Jahren nach Gründung der Währungsunion, abgesehen von der gesetzlichen Anhebung der Gewinnausschüttungsquote (auf 90%), vor allem durch die Geschäftspolitik des Direktoriums, den Fremdwährungsbestand frühzeitig zu verringern, erreicht wurden.
Die OeNB musste angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen der letzten Jahre zur gesetzlich vorgeschriebenen Abdeckung ihrer Bewertungsverluste aus Fremdwährung und Wertpapieren Reserven in Anspruch nehmen. Darüber hinaus wurden – ebenfalls aufgrund gesetzlicher Regelungen – Reserven aus getätigten Goldverkäufen aufgelöst.
Mit Blick auf zukünftige Geschäftsergebnisse bedeutet das, dass sich das Ertragspotenzial der Bank deutlich verringert hat. Zukünftige Gewinnerwartungen müssen sich daher an diesen Entwicklungen orientieren.
Darüber hinaus hat die Geschäftspolitik der Bank zu berücksichtigen, dass in guten Geschäftsjahren ausreichende Risikovorsorgen aufgebaut werden können. In diesem Zusammenhang ist an die Verpflichtung der ESZB-Satzung zu erinnern, die nationalen Zentralbanken mit ausreichenden Finanzressourcen auszustatten, damit die Aufgaben erfüllt und Risikovorsorgen gebildet werden können. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit des Eurosystems!
Was den Jahresabschlusses 2005 betrifft, so betrug die Bilanzsumme 46,4 Mrd EUR (2004: 35,6 Mrd EUR). Bei den Aktiva umfasste der Goldbestand 302 t mit einem Marktwert von etwa 4,2 Mrd EUR (Grafik 3). Die OeNB hat im Geschäftsjahr 2005 im Rahmen des Goldabkommens 5 Tonnen Gold verkauft und Kursgewinne realisiert. Der Wert des Goldbestandes hat sich aufgrund des kräftigen Anstiegs des Goldpreises um etwa ein Drittel oder 1,1 Mrd EUR erhöht.
In längerer Sicht hat die Bank seit Beginn der Neunzigerjahre ihren Goldbestand mehr als halbiert. Darüber hinaus wurde – auch im Vergleich zu anderen nationalen Zentralbanken – schon früh damit begonnen, die Goldreserven ertragbringend zu nutzen. Der Goldbestand der OeNB wird zu ca. zwei Drittel insbesondere in Termineinlagen ertragbringend angelegt.
Die Zunahme der Forderungen aus geldpolitischen Operationen um 3,7 Mrd EUR auf 12,5 Mrd EUR spiegelt die stärkere Inanspruchnahme der Hauptrefinanzierungsgeschäfte bzw. der längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte durch die Kreditinstitute wider.
Die Nettoforderungen aus der Verteilung des Euro-Banknotenumlaufs innerhalb des Eurosystems haben um 5,6 Mrd EUR auf 8,7 Mrd EUR zugenommen.
Im Rahmen der Passiva stieg der Banknotenumlauf um 1,7 Mrd EUR auf 15,1 Mrd EUR.
Die Verbindlichkeiten aus geldpolitischen Operationen gegenüber Kreditinstituten erhöhten sich um 1 Mrd EUR auf 5 Mrd EUR, was insbesondere auf den Anstieg der Mindestreserveguthaben zurückzuführen ist. Die Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems nahmen um 6,7 Mrd EUR auf 15,7 Mrd EUR zu. Dies resultiert vor allem aus dem Saldo im Zahlungsverkehrssystem TARGET.
Im Rahmen der Passiva ist die Entwicklung der Risikovorsorgen von besonderer Bedeutung. Zur Absicherung der aus der Entwicklung des Goldpreises, der Zinsen und der Fremdwährungskurse resultierenden Risiken ist auf der Grundlage von Risikomodellberechnungen Vorsorge zu treffen.
Das anhand des value at risk ermittelte gesamte finanzielle Risiko der Bank ist im Zuge der weiteren Optimierung der Anlagestrategie vor dem Hintergrund der geänderten Rahmenbedingungen auf den internationalen Finanzmärkten leicht auf 3,5 Mrd EUR gestiegen (Grafik 4). Vom errechneten Marktrisiko entfielen etwa die Hälfte auf das Fremdwährungs-, ein Drittel auf das Zinsänderungs- und der Rest auf das Goldrisiko.
Das Risiko der Bank ist durch Risikovorsorgen abgesichert (Grafik 5), wobei die gegenüber dem Vorjahr leichte Zunahme des Risikos vor allem durch den Anstieg der Neubewertungskonten gedeckt ist (Grafik 6). Darüber hinaus war nur eine Zuführung zur Rückstellung für allgemeine Währungsrisiken in der Höhe von 8 Mio EUR aus dem geschäftlichen Ergebnis 2005 erforderlich.
Insgesamt sind die Rücklagen der Bank, deren Schwerpunkt die Reserve für ungewisse Auslands- und Wertpapierrisiken bildet, gegenüber dem Geschäftsjahr 2004 mit 4,1 Mrd EUR unverändert (Grafik 7). Der Ausgleichsposten aus Neubewertung hat vor allem aufgrund des Anstiegs des Goldpreises aber auch infolge des Wertgewinns des US-Dollars kräftig um 1,4 Mrd EUR zugenommen. Allerdings kann aufgrund der Bilanzierungsregeln des ESZB davon nur weniger als die Hälfte zur Risikoabdeckung verwendet werden (Grafik 8).
Die etwas günstigeren Rahmenbedingungen haben auch bei der EZB im Geschäftsjahr 2005 – nach den Verlusten der Vorjahre – wieder zu einem positiven Ergebnis geführt. Da die EZB in den vergangenen Jahren aber ihre Reserven vollständig zur Verlustabdeckung in Anspruch nehmen musste, wird das EZB-Ergebnis zur Gänze zum Aufbau einer Risikovorsorge bei der EZB verwendet. Dementsprechend verzichten die nationalen Zentralbanken auf die Zuweisung eines Gewinnanteils ebenso wie schon im Vorjahr auf die Rückverteilung des EZB-Seignorage-Einkommens.
Die Gewinn- und Verlustrechnung der OeNB war 2005 durch einen höheren Netto-Zinsertrag und deutlich niedrigere Abschreibungen auf Devisen und Wertpapiere bei einem Einfrieren der Gesamt-Aufwendungen gekennzeichnet, wobei die Aufwandsstruktur deutlich verändert wurde.
Die Nettoerträge betragen 731 Mio EUR (2004: 693 Mio EUR; Grafik 9). Die wichtigste Ertragskomponente sind die Zinserträge. Das Nettozinsergebnis hat um fast 3 Mio EUR oder 1% auf 451 Mio EUR zugenommen (Grafik 10). In Hinblick auf die Ertragsstruktur ist der Rückgang der Nettozinserträge aus der Eigenmittelveranlagung um etwa 22 Mio EUR bemerkenswert. Denn durch die widmungsgemäße Verwendung der Reserven zum Jahresabschluss 2004 haben die Eigenmittel der Bank deutlich abgenommen, sodass ein geringeres Veranlagungspotenzial zur Verfügung stand. Dieser Ausfall an Zinserträgen wurdeaber insbesondere durch die stärkere Inanspruchnahme der Refinanzierung durch die Kreditinstitute großteils ausgeglichen.
Eine weitere bedeutende Quelle für den Zentralbankgewinn sind die realisierten Kursgewinne aus Gold-, Fremdwährungs- und Wertpapiertransaktionen. Aus diesen Transaktionen wurde ein Nettoergebnis von 182 Mio EUR erwirtschaftet, wobei etwa 45 Mio EUR auf weitere Goldverkäufe entfielen. Das gegenüber dem Vorjahr um 15% niedrigere Ergebnis ergibt sich unter anderem aus dem im Vergleich zum Jahr 2004 geringeren Goldverkäufen.
Allerdings spielen – und das gilt auch für die Zukunft – die hohen Fremdwährungsverkäufe der letzten Jahre eine wesentliche Rolle. Denn seit Beginn der Währungsunion wurden – wie ich schon eingangs erwähnte – die Nettowährungsreserven durch aktives Management bewusst mehr als halbiert (Grafik 11).
Die Erträge aus Beteiligungen sind mit 68 Mio EUR mehr als dreimal so hoch wie im Vorjahr. Diese Zunahme resultiert neben höheren Gewinnausschüttungen in erster Linie aus dem Verkauf der 38-prozentigen Beteiligung der Bank an der Austrian Payment Systems Services (APSS) GmbH in Höhe von 42 Mio EUR.
Die Aufwendungen (Grafik 12) sind mit 243 Mio EUR gegenüber dem Vorjahr unverändert. Die Aufwandsstruktur zeigt allerdings deutliche Veränderungen.
Die Personalaufwendungen (Grafik 13) nahmen um 7 Mio EUR oder 7% auf 105 Mio EUR zu. Diese Entwicklung war einerseits auf höhere sonstige gesetzliche und vertragliche Verpflichtungen – wie z. B. für Abfertigungen – und andererseits auf niedrigere Bezugsrefundierungen zurückzuführen. Die markante Abnahme der Bezugsrefundierungen ergibt sich aus der Rückkehr von an die Oesterreichische Banknoten- und Sicherheitsdruck GmbH verliehenen Mitarbeitern in die OeNB. Der Gehaltsaufwand hat sich trotz der kollektivvertraglichen Gehaltsanpassungen aufgrund von Einsparungen um beinahe 1% auf 83 Mio EUR verringert. Die für die Bank tätigen Mitarbeiterressourcen beliefen sich mit Stichtag 31.12.2005 auf 947,5 (2004: 970,3); Grafik 14).
Die Sachaufwendungen konnten durch Einsparungen, aber auch durch Effekte erfolgter Reformen wie z. B. der Schließung einzelner Zweiganstalten, erneut deutlich um 5 Mio EUR oder 5% auf 85 Mio EUR verringert werden (Grafik 15).
Über die letzten vier Geschäftsjahre konnten damit die Sachaufwendungen deutlich um 15% gesenkt und die Personalaufwendungen – unter Berücksichtigung der dargestellten Sonderfaktoren – im Wesentlichen konstant gehalten werden. Insgesamt ist dies das Ergebnis konsequenter Kostensenkungen.
Das geschäftliche Ergebnis beträgt – wie erwähnt – 488 Mio EUR. Die Rendite aus der Eigenveranlagung in Euro und Fremdwährung beläuft sich damit unter Berücksichtigung der realisierten Nettokursgewinne auf 4% (2004:4,8%).
Der Bund erhält mit 451 Mio EUR 92% des Geschäftsergebnisses 2005, wovon 122 Mio EUR auf die Körperschaftsteuer und 329 Mio EUR auf den 90-prozentigen Gewinnanteil nach Steuern entfallen (Grafik 16). Der an den Bund abgelieferte Betrag liegt damit um 7% über dem des Vorjahres. Insgesamt hat die OeNB in den sieben Jahren seit Beginn der Währungsunion beinahe 7,3 Mrd EUR oder im Durchschnitt jährlich 0,5% des BIP an Gewinnen und Körperschaftsteuer an den Bund abgeführt.
Dazu kamen noch 315 Mio EUR, die der Forschungsförderung aus dem eigenen Gewinnanteil der Bank zur Verfügung gestellt wurden. Dieses Ergebnis ist vor dem Hintergrund der nicht einfachen Rahmenbedingungen der letzten Jahre, in denen die EZB und andere nationale Notenbanken Ertragseinbußen bzw. Verluste hinnehmen mussten, durchaus bemerkenswert.
Der Bilanzgewinn wird mit 36,6 Mio EUR ausgewiesen. Die heutige Generalversammlung hat beschlossen, 1,2 Mio EUR für die Ausschüttung der 10-prozentigen Höchstdividende auf das Grundkapital von 12 Mio EUR zu verwenden, dem Jubiläumsfonds zur Förderung der Forschungs- und Lehraufgaben der Wissenschaft 9 Mio EUR und für die Basisfinanzierung der Wirtschaftsforschungsinstitute 3,6 Mio EUR zuzuweisen sowie – auf der Grundlage des zwischen der OeNB und der Leopold Museum-Privatstiftung im Jahr 1994 geschlossenen Förderungsvertrages – 4,5 Mio EUR als weiteren Beitrag dieser Stiftung zur Verfügung zu stellen. Der verbleibende Bilanzgewinn von 18,3 Mio EUR soll der FTE-Nationalstiftung zugewiesen werden.
Im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Zukunftssicherung der BAWAG P.S.K. Bank für Arbeit und Wirtschaft und Österreichische Postsparkasse AG wurde der Bundesminister für Finanzen vom Bundesgesetzgeber ermächtigt, namens des Bundes sowohl von der BAWAG P.S.K. Bank für Arbeit und Wirtschaft und Österreichische Postsparkasse AG als auch vom Österreichischen Gewerkschaftsbund Aktien der OeNB zu erwerben. Nachdem zwischenzeitig die entsprechenden Kaufverträge zwischen dem Bund und der BAWAG P.S.K. Bank für Arbeit und Wirtschaft und Österreichische Postsparkasse AG sowie dem Österreichischen Gewerkschaftsbund abgeschlossen waren, stimmte heute die Generalversammlung auf Antrag des Bundes – gemäß den Bestimmungen des Nationalbankgesetzes – der Übertragung aller Aktien der beiden Genannten auf den Bund zu. Des Weiteren stimmte die Generalversammlung der Übertragung der Aktien der RLB-Stmk Holding registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung auf die Raiffeisen-Landesbank Steiermark AG zu.
Weiters möchte ich berichten, dass aufgrund von Mandatszurücklegungen zwei Plätze im Generalrat vakant waren. Die Generalversammlung hat daher heute Herrn Dipl. Betriebswirt Alfred Heinzel und Herrn Mag. Max Kothbauer für eine Funktionsperiode von 5 Jahren zu Mitgliedern des Generalrats gewählt.
Ich darf jetzt zum wirtschaftspolitischen Teil übergehen. Die Weltwirtschaft prägen derzeit folgende Haupttrends: ein weitgehend alle Regionen umspannendes robustes oder in Schwung kommendes Wachstum, allerdings auch Rekordmarken bei den Ölpreisen mit zwischenzeitlich über 70 USD/Barrel. Das Risiko der hohen Ölpreise als mögliche Wachstumsbremse wird auch von allen derzeit aktuell verfügbaren Prognosen (wie von IWF, EK oder OECD) gesehen.
Diese erwarten dennoch – gestützt durch rezente Vertrauensindikatoren und schon vorliegenden harten Wirtschaftsdaten – aber durchwegs ein freundliches und insbesondere 2006 aufgehelltes Konjunkturbild (Grafik 17). Dabei können neben den weiterhin auf hohen Touren laufenden Wachstumsmotoren USA und den Schwellenländern – allen voran China und Indien, aber auch der MOEL – nun auch die EU und der Euroraum im Durchschnitt mit beschleunigten Wachstumsraten von etwas über der 2%-Marke, d. h. also den Potenzialwachstumsraten entsprechend, rechnen.
Ein reger Außenhandel, durch günstige Finanzierungsbedingungen und eine gute Ertragslage der Unternehmen angekurbelte Investitionen sowie ein sich belebender privater Konsum geben die Hauptimpulse. Vorläufige Daten für den Euroraum bestätigen den Aufschwung: Im 1.Quartal 2006 stieg das reale BIP des Euroraums um 2,0% im Jahresabstand und um 0,6% gegenüber dem Vorquartal.
Die Inflationsraten, die schon 2005 infolge steigender Energiepreise anzogen und die Geldpolitik in einigen Regionen zur leichten Straffung veranlassten, dürften auch 2006 und 2007 erhöht bleiben. Im Euroraum lag die HVPI-Inflationsrate in den ersten vier Monaten 2006 (April 2006: 2,4%) über der 2%-Marke (Grafik 18). Neben den Ölpreisen dürften Anhebungen bei administrativen Preisen – steuerbedingt (z. B. MwSt-Anhebung in Deutschland 2007) oder in Form von Gebührenanpassungen – die gegenwärtigen und künftigen Inflationsraten beeinflussen. Es ist daher wichtig, dass die Inflationserwartungen stabil im Einklang mit der Definition für Preisstabilität (d. h. unter, aber nahe bei 2%) gehalten werden und Zweitrundeneffekte der Ölpreisanstiege des Jahres 2005 hintan gehalten werden. Eine Weiterführung der moderaten und stabilitätsorientierten Lohnpolitik wie auch Preissetzung, wie sie bislang verfolgt wurden, ist erforderlich.
Bestehende Risken für die Preisstabilität durch die eben erwähnten Inflation erhöhenden Faktoren sowie ein anhaltend hohes Geldmengen– und Kreditwachstum veranlassten den EZB-Rat zu zwei Zinsanhebungen von jeweils 25 Basispunkten im Dezember 2005 und März 2006, womit der akkommodierende geldpolitische Kurs etwas zurück genommen wurde (Grafik 19). Diese Zinsschritte tragen dazu bei, die mittel- und langfristigen Inflationserwartungen im Einklang mit der Preisstabilität zu halten. Die noch immer sehr niedrigen nominalen und realen Zinsen unterstützen weiterhin Wachstum und Beschäftigung.
Österreichs Wirtschaftwuchs 2005 neuerlich um ½ Prozentpunkt stärker als der Euroraum und dürfte diesen Wachstumsvorsprung auch 2006 halten. Die aktuellen Prognosen heimischer aber auch internationaler Institutionen erwarten vor dem Hintergrund des günstigen globalen Umfeldes und insbesondere der vorhergesagten Konjunkturbelebung in Deutschland durchwegs ein Wirtschaftswachstum um die 2½% (Grafik 20).
Außenhandel und Industrieproduktion expandieren derzeit kräftig, der Konsum hält sich – trotz Kaufkraftgewinnen infolge niedriger Inflation und etwas höherer Lohnanpassungen – in seiner Dynamik noch zurück, die Einzelhandelsumsätze zeigten im 1.Quartal 2006 aber wieder Zuwachsraten. Laut vorläufigen Daten des WIFO nahm das reale BIP im 1.Quartal 2006 im Jahresabstand um 2,8% kräftig zu. Im Vorquartalsvergleich blieb es mit +0,5% bedingt durch die strenge Witterung etwas unter den Erwartungen.
Die HVPI-Inflationsrate ebbte nach 2,1% im Jahr 2005 im 1.Quartal 2006 auf 1,4% ab, womit Österreich innerhalb der EU-25 von einem oberen Mittelfeldplatz wiederum ins Spitzenfeld vorrückte (Grafik 21). In den meisten der 12 Verbrauchsgruppen des HVPI verflachte der Preisauftrieb. Dazu wirken kräftige Verbilligungen im Kommunikationsbereich und bei elektronischen Gütern. Im April 2006 schlugen sich die Rekordmarken bei Erdöl allerdings wieder in stärker steigenden Energiepreisen nieder. Dazu flammte der Kostendruck im Wohnungsbereich erneut auf. Die HVPI-Inflationsrate erhöhte sich auf 2,0% p.a.
Österreich zeichnet insgesamt aber eine hohe Preisstabilität aus. Dies stärkt den Wirtschaftsstandort, sichert die Kaufkraft, belebt die Nachfrage, fördert das Wirtschaftswachstum und schafft Arbeitsplätze.
Der Arbeitsmarkt zeigte im Vorjahr und auch heuer kräftige Beschäftigungszuwächse, gleichzeitig aber auch eine für österreichische Verhältnisse erhöhte Arbeitslosenquote, welche im Wesentlichen durch das stark steigende Arbeitskräfteangebot verursacht ist, das die erwähnten Beschäftigungszuwächse absorbiert. Die letzten Monate haben aber durchaus positive Signale in Richtung einer vorsichtigen Trendwende bei der Arbeitslosigkeit gebracht: Weiterhin steigende Beschäftigung, nachlassende Arbeitslosigkeit, mehr offene Stellen und eine leicht sinkende Arbeitslosenquote im bisherigen Verlauf 2006 lassen erwarten, dass einerseits die konjunkturelle Erholung positiv wirkt, andererseits auch die geschnürten wirtschaftspolitischen Maßnahmenpakete der jüngsten Vergangenheit zur Stimulierung von Wachstum und Beschäftigung greifen (Grafik 22).
Österreich hat seine gute Position als Wirtschaftsstandort 2005 damit weiter gefestigt. In EU-Rankings zur Wirtschaftsperformance einzelner ökonomischer Kennziffern schneidet Österreich insgesamt gut ab (Grafik 23). Dies attestierte auch der IWF in seinen regelmäßigen Konsultationen im Jahr 2005, der feststellte, das Österreich durch eine reformorientierte Wirtschaftspolitik, verstärkte Diversifikationen nach Zentral- und Osteuropa – insbesondere des Bankensektors – und moderater Lohnpolitik wirtschaftlich in guter Verfassung ist. In der jüngsten Standortbeurteilung des Schweizer Instituts für Management-Entwicklung rückte Österreich 2006 wieder auf Platz 13 vor (2005: Rang 17).
Die Internationalisierung Österreichs hat sich insgesamt beschleunigt. Die Leistungsbilanz wies 2005 mit 1,2% des BIP einen seit 1982 nicht mehr erreichten Überschuss auf (Grafik 24). Die Exportquote (Güter und Dienstleistungen) stieg auf 55% des BIP.
Österreich erwies sich das dritte Jahr in Folge als Kapitalexporteur, die aktiven Direktinvestitionen erreichten neue Höchststände, wobei die Diversifizierung regional weiter ausgebaut wurde. EU-Mitgliedschaft, wirtschaftliche Offenheit, die Nähe zu den osteuropäischen Märkten und hohe Wettbewerbsfähigkeit waren zweifellos die treibenden Kräfte.
Trotz dieser durchaus respektablen Wirtschaftsbilanz bleiben wesentliche Herausforderungen für die Zukunft – auch und v.a. im europäischen Kontext. Dazu zählt die mittelfristige Herstellung gesunder öffentlicher Finanzen. Der reformierte Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Umsetzung der adaptierten Regeln zeigt auch erste Erfolge: Die öffentlichen Finanzierungssalden fielen 2005 in der EU mehrheitlich besser aus als 2004. Der Euroraum lag mit einem Defizit von 2,4% des BIP unter der 3%-Marke – es befanden sich aber immer noch 4 Länder (in der EU-25 7 Länder) über diesem kritischen Wert (Grafik 25). In Österreich betrug das Budgetdefizit im Jahr 2005 1,5%. Eine durch die Konjunkturerholung begünstigte rasche Rückführung der Defizite auf der Grundlage glaubwürdiger und konkreter Maßnahmen als Teil eines umfassenden Reformprogramms würde dazu beitragen, das Vertrauen in die mittelfristigen Perspektiven des Euroraums und in die EU zu stärken.
Die Lissabon-Strategie ist das geeignete wirtschaftspolitische Maßnahmenpaket, um die EU für die Herausforderungen von Globalisierung, erhöhten Wettbewerb, schnellem technologischen Wandel und der Bevölkerungsalterung zu rüsten. Die im Jahr 2005 erfolgte Neuausrichtung ist positiv zu sehen, in dem solide Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Beschäftigung in der EU geschaffen werden. Hiezu zählt auch die erwartete Beschlussfassung der modifizierten Dienstleistungsrichtlinie. Positive Impulse erwarte ich mir von den nationalen Reformprogrammen, die diesen Prozess – vorausgesetzt entsprechendem Nachdruck in der Umsetzung – unterstützen werden.
Schließlich warten weitere Integrationsschritte: Insbesondere Slowenien, für das die im Mai 2006 erfolgte Konvergenzprüfung durch EZB und Europäische Kommission positiv ausfiel, wird als Teil des Euroraums ab 1.1.2007 Österreichs stabiles wirtschaftliches Umfeld weiter stärken. Es ist dem ECOFIN-Rat voraussichtlich im Juli 2006 vorbehalten, über Sloweniens Euroteilnahme endgültig zu entscheiden. Auch mit dem sich für 2007 abzeichnenden EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens werden weitere Impulse für Österreichs Wirtschaft einhergehen.
Die OeNB hat 2005 und im bisherigen Verlauf 2006 ihren Kurs einer modernen und schlanken Zentralbank konsequent fortgeführt. Gleichzeitig hat sie ihr Dienstleistungsangebot zum Nutzen der Kunden weiter verbessert bzw. ausgebaut. Die gesamte Leistungserstellung war und ist von einem straffen Personalmanagement, laufenden weiteren Effizienzsteigerungen und hohem Kostenbewusstsein geprägt.
Durch Mitarbeiterweiterbildung, zahlreiche Innovationen für eine reibungslos funktionierende technische Infrastruktur ist die OeNB weiterhin bestrebt, ihr Leistungsportfolio im Dienste der österreichischen Wirtschaftspolitik und Bevölkerung zu optimieren.
Einige wenige Aktivitäten will ich hier beispielhaft anführen. Im Rahmen der Basel II-Umsetzung wurden in sehr enger Kooperation mit der Finanzmarktaufsicht u. a. die Bestimmungen zum bankaufsichtlichen Meldewesen angepasst und neue bankenstatistische Erhebungen ab 2007 vorbereitet.
OeNB-Mitarbeiter verfassten 2005 in OeNB-Fachpublikationen und externen Journals rund 140 Analysen zu geld- und wirtschaftspolitisch relevanten Themen. Darüber hinaus waren im Vorjahr OeNB-Vertreter in mehr als 200 internationalen Gremien, Ausschüssen und Arbeitsgruppen eingebunden. Einen besonderen Stellenwert nimmt für die OeNB die Zentralbankkooperation ein. 2005 gab es mehr als 120 Besuche von Vertretern ausländischer Zentralbanken bei uns. In 30 Fällen leisteten wir technische Unterstützung. So wirkten wir u. a. auch bei einem von der EU finanzierten, von der EZB koordinierten TACIS-Programm für die bankaufsichtliche Ausbildung von Mitarbeitern der russischen Zentralbank mit.
Als Teil des europäischen Gremiennetzwerkes arbeitete die OeNB intensiv mit, wichtige Meilensteine (Rechtsrahmen, einheitliche und effiziente Zahlungsbedingungen) für den einheitlichen Euro-Zahlungsraum SEPA zu schaffen. Anfang 2006 ging ein neues System zur Erfassung der Zahlungsbilanzdaten in Echtbetrieb. Dieses basiert auf Stichproben bei Außenwirtschaftstreibenden, nutzt bestehende Verwaltungsdaten und minimiert den Aufwand bei den Respondenten. Ergänzend zur Finanzbilanz publiziert die OeNB bereits zum dritten Mal auch eine Wissensbilanz. Die Wissensbilanz 2005 wird gemeinsam mit dem Geschäftsbericht versendet und kann auch auf der OeNB-Homepage (www.oenb.at) nachgelesen werden.
Die OeNB arbeitet derzeit – wie vereinzelt schon in die Öffentlichkeit durchgesickert ist – an einer mittelfristigen Strategie, wobei neben den geschäftspolitischen Schwerpunkten auch Anpassungen der dienstrechtlichen Rahmenbedingungen und die Abschlankung der Mitarbeiterressourcen um 10% im Zentrum stehen. Wir haben in den letzten Jahren bereits zahlreiche Reformen durchgeführt; wir werden den Reformkurs aber auch weiter fortsetzen.
Reformen und Einsparungen müssen jedoch immer im Bewusstsein darüber erfolgen, dass die Glaubwürdigkeit der OeNB als nationale Zentralbank ein wesentlicher Beitrag zur Glaubwürdigkeit des Eurosystems und damit des Euro ist. Daher haben sämtliche Reformschritte unter Berücksichtigung der erforderlichen Aufgabenerfüllung und damit der Wahrung der Reputation der OeNB zu erfolgen.
Die OeNB wird ihre Geschäftspolitik auch in Zukunft so ausrichten und gestalten, dass die Bank ihre Aufgaben im ESZB wie auch auf nationaler Ebene uneingeschränkt erfüllen kann, bei gleichzeitiger laufender Steigerung der Effizienz. Dies ist die Grundlage dafür, dass die Bevölkerung auch in Zukunft hohes Vertrauen in die Bank setzt.
Ich danke abschließend allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, meinen Kollegen im Direktorium, den Mitgliedern des Betriebsrats, dem Präsidium sowie allen Mitgliedern des Generalrats sehr herzlich für ihr hohes Engagement, das sich in den Leistungen der OeNB und dem sehr hohen Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Institution widerspiegelt.
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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