Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
190 Jahre Oesterreichische Nationalbank
„Die OeNB im Dienste von Preisstabilität“
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Innsbruck, 6. 7. 2006
Festrede anlässlich eines Konzertabends der Zweiganstalt West
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
Sehr geehrte Festgäste!
Am 13. Juni 1822 beschloss die Direktion der „privilegierten oesterreichischen Nationalbank“, so lesen wir im Protokoll dieser Sitzung im Bankhistorischen Archiv der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), die „Uebersetzung der Kasse von Trient nach Innsbruck … einzuleiten“. Da das „hohe Finanzministerium“ die „beabsichtigte Uebersetzung der Bankverwechslungskasse in die Hauptstadt von Tirol nur billigen könne“ – so das Protokoll vom 20. Juni 1822 – und auch wirklich billigte, wurde der 1. August 1822 als der Tag festgelegt „an welchem die neue Innsbruckerkasse ihre Wirksamkeit zu beginnen habe.“ Seit diesem Tage vor 184 Jahren gibt es eine Zweiganstalt der OeNB in der Landeshauptstadt von Tirol und damit eine ganz besonders enge Verbindung zwischen der Hauptanstalt der OeNB in Wien und diesem Bundesland.
Aufgrund dieser langen und sehr fruchtbaren Verbindung zwischen der OeNB und Tirol ist es heute für mich eine besondere Freude, hier auf Tiroler Boden und in diesem schönen Ambiente des Schlosses Ambras 190 Jahre Oesterreichische Nationalbank mit Ihnen feiern zu können, wofür ich mich bei Herrn GD Seipel besonders bedanken möchte.
Aber es gibt noch andere Gründe, warum die Verbindung zwischen dem Notenbankwesen und Tirol eine ganz besondere ist:
- Tirol beherbergt mit Hall eine der ältesten Münzstätten. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf verweisen, dass der Bau des Schlosses Ambras in seiner heutigen Form in die Blütezeit der Haller Münzprägung fiel, wo auch die „Huldigungstaler“ für Ferdinand II., den Erbauer dieses Schlosses, geprägt wurden.
Bereits 1477 verlagerte Erzherzog Sigmund, der Münzreiche, die Münzstätte von Meran nach Hall und man begann 1482 mit der Ausprägung des „Pfundners“, einer Münze aus Silber aus dem Bergwerk in Schwaz. Diese neue Münze war Teil einer Währungsreform zur Stabilisierung der Währung. Mit etwas Phantasie kann man sogar eine Verbindung zwischen der meistverwendeten Währung der Gegenwart, dem US-Dollar, und Hall herstellen, wurde doch das Münzkonzept der Haller unter anderem nach Joachimsthal exportiert, wo dann der „Joachimsthaler“ geprägt wurde. Aus diesem Thaler wurde bekanntlich dann der „Dollar“. - Auch aus der Neuzeit gibt es Beispiele der besonderen Rolle Tirols für das österreichische Geldwesen. So wurde z. B. 1959 die erste 50er Silbermünze dem Tiroler Volkshelden Andreas Hofer zum 150-Jahr-Gedenken an seinen Tod im Aufstand gegen Napoleon und die Bayern gewidmet.
Das Thema meines heutigen Festvortrages ist „Die OeNB im Dienste von Preisstabilität“. Ich werde dabei versuchen, den Bogen vom Ursprung der OeNB im Jahre 1816 bis zur Gegenwart zu spannen und dabei an Hand von einzelnen Episoden aus der bewegten Geschichte der OeNB herausstreichen, dass das Streben nach Sicherung von Preisstabilität immer wieder im Zentrum der Arbeit der OeNB stand, heute noch steht und auch in Zukunft stehen wird.
Aber nicht immer waren wir damit so erfolgreich wie in den letzten Jahren. So lag die durchschnittliche Inflationsrate in Österreich während der letzten sieben Jahre, d. h. seit Beginn der Europäischen Währungsunion, bei 1,7%. Dem gegenüber hatten wir in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Durchschnitt 2,4%, in den 80er Jahren 3,8% und in den 70er Jahren, der Periode, die in die ökonomische Literatur als die „Große Inflation“ eingegangen ist, sogar 6,1%. Dabei lag zwischen 1973 und 1976 die jährliche durchschnittliche Geldentwertung in Österreich sogar bei 8,2%. Diese traumatischen Erfahrungen einer Stagflation, d. h. einer hohen Inflation bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Stagnation, hatten nachhaltige Auswirkungen auf die geldpolitischen Paradigmen und die monetäre Verfassung Europas.
Preisstabilität als das alleinige geldpolitische Ziel, Unabhängigkeit der Notenbanken und Verbot der monetären Staatsfinanzierung wurden als die notwendigen Säulen einer tragfähigen, geldpolitischen Verfassung erkannt und politisch umgesetzt, so z. B. im Rahmen des Maastricht Vertrages.
Das unabhängige Eurosystem – das sind die EZB und die der Währungsunion angehörenden Zentralbanken – dessen integraler Teil die OeNB seit 1999 und damit dem Beginn der Währungsunion ist, hat daher einen klaren und eindeutigen Auftrag. Es soll vorrangig für die Erhaltung der Preisstabilität für einen einheitlichen Währungsraum von dzt. rund 310 Millionen Menschen sorgen. Preisstabilität heißt, dass die Verbraucherpreise auf mittlere Sicht unter, aber bei 2% liegen sollen.
Zur Absicherung der Erfüllung dieses Stabilitätsauftrags sind die Zentralbanken des Eurosystems mit Unabhängigkeit ausgestattet und dürfen den öffentlichen Stellen keine Kredite geben.
Darüber hinaus wird die Geldpolitik durch den „Stabilitäts- und Wachstumspakt“ – der auf nachhaltig gesunde, öffentliche Haushalte abstellt – fiskalpolitisch flankiert. Über die so genannte „Lissabon Agenda“ versucht schließlich die Europäische Union, durch die Erhaltung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit auch die längerfristigen realwirtschaftlichen Grundlagen für stabiles Geld abzusichern.
Diese Inhalte, nämlich Sicherung von Preisstabilität, Unabhängigkeit der Notenbank und damit Verbot des Zugriffs des Staates auf die „Notenpresse“ sowie die realwirtschaftliche Absicherung von Stabilität sind genau jene Themen, die die letzten 190 Jahre des Geldwesens in Österreich und damit der Arbeit der OeNB dominiert haben. Aber auch die Zur-Verfügung-Stellung sicherer Banknoten und eines reibungslos funktionierenden, bargeldlosen Zahlungsverkehrs sowie die Sicherung von Finanzmarktstabilität sind Teil dieser Stabilitätsorientierung. Die notwendige Basis für die Stabilitätsarbeit sind u. a. auch verlässliche Informationen, d. h. Statistiken, für deren Erstellung wir, soweit der Finanzsektor oder die Außenwirtschaft betroffen sind, auch selbst verantwortlich sind.
Bevor ich nun auf einige ausgewählte Episoden der Geschichte der OeNB im Dienste von Preisstabilität eingehen werde, möchte ich noch kurz betonen, warum Preisstabilität so wichtig ist. Die Sicherung von Preisstabilität bedeutet die Vermeidung anhaltender Inflation wie auch Deflation. Sie ist der beste Beitrag, den die Geldpolitik leisten kann, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und hohe Beschäftigung zu sichern. Letztendlich stellt Preisstabilität sicher, dass es nicht durch unerwartete Inflation zu einer arbiträren Umverteilung von Wohlstand und Einkommen zwischen Gläubigern und Schuldnern kommt.
Nur eine nachhaltige und damit glaubwürdige, stabilitätsorientierte Geldpolitik schafft die Basis für die richtigen Erwartungen der Wirtschaftssubjekte, damit für Sicherheit und so für Investitionen, Wachstum und Beschäftigung. Monetäre Stabilität wirkt für eine Volkswirtschaft wohlfahrtserhöhend, weil erst über die damit verbundene Stabilisierung von Erwartungen, Kalkulationsgrundlagen und Handlungen langfristig orientiertes Wirtschaften ermöglichen.
Schon an der Wiege der OeNB – der „privilegierten oesterreichischen Nationalbank“ - im Juni 1816 stand der Wunsch und der Auftrag, Stabilität in ein durch die Kriegswirren der Napoleonischen Kriege zerrüttetes Geldwesen zu bringen. Zur Finanzierung des Krieges hatte der Staat in Ermangelung von genug Steuereinnahmen auf die Banknotenpresse zurückgegriffen und das Geldwesen zerstört. Napoleon hatte zusätzlich noch österreichisches Geld industriell fälschen lassen.
Der Staatsbankrott von 1811 und die Entwertung des Geldes hatten die Bevölkerung um einen großen Teil ihres Vermögens gebracht. Nunmehr lag es an der durch zwei kaiserliche Patente vom 1.Juni 1816 gegründeten, unabhängigen Nationalbank, ein glaubwürdiges Geldwesen zu schaffen.
Die Nationalbank wurde von Kaiser Franz I. als private Aktiengesellschaft gegründet und Ludwig van Beethoven war einer der ersten Aktionäre. Die Nationalbank erhielt das alleinige Privileg, Banknoten auszugeben und die Möglichkeiten des Staates, Geld von der Notenbank zu borgen, wurden beschränkt. Alles in allem eine auch nach heutigen Gesichtspunkten moderne Notenbankverfassung.
In der Folge wurde die Unabhängigkeit der OeNB aber mehrmals – insbesondere in Kriegszeiten – verletzt oder eingeschränkt. Regelmäßig wurde auch vom Staat Papiergeld ausgegeben und so das Privileg der Nationalbank unterlaufen und die Geldwertstabilität damit gefährdet. So war z. B. 1866 das Banknotenprivileg der OeNB gebrochen worden, nur ein Jahr, nachdem der damalige Finanzminister stolz verkündet hatte, dass „eine Benutzung der Banknotenpresse zur Deckung von Staatsbedürfnissen … durch unübersteigliche Schranken des Gesetzes und der Kontrolle zur Unmöglichkeit geworden [war]“. Das Geldvolumen war durch die Ausgabe von Staatspapiergeld ausgeweitet worden, um den Krieg gegen Preußen zu finanzieren.
Auch das Jahr 1873 brachte große Herausforderungen für die OeNB und ihren Dienst an der Preisstabilität. Die mit Beginn der Weltausstellung in Wien im Mai ausgebrochene Börsenkrise hatte zu lauten Forderungen nach einer Öffnung der monetären Schleusen der OeNB geführt. Durch vermehrte Liquidität sollte die Börsenkrise überwunden und die Finanzmarktstabilität wieder hergestellt werden. Dafür wurde – entgegen dem Rat der OeNB – die gesetzliche Beschränkung der Banknotenausgabe aufgehoben. Aber das Problem war nicht fehlende Liquidität, sondern fehlendes Vertrauen der Investoren. So kam es zu keiner starken Ausweitung der Geldmenge und daher auch zu keiner Inflationsbeschleunigung, aber zu einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation.
1878 wurde im Gefolge des Ausgleichs zwischen Österreich und Ungarn von 1867 die Oesterreichisch-ungarische Bank gegründet – mit zwei Hauptanstalten in Wien und in Budapest. Man hatte elf Jahre gebraucht, um zu einer beiderseits akzeptierten Lösung zu kommen, was die Bedeutung der Geldpolitik unterstreicht. Die Führung der Bank wurde fortan paritätisch besetzt, und ab 1880 gab es Geldscheine mit einer deutschsprachigen und einer ungarischen Seite. Mit der Währungsreform von 1892 löste dann die Krone, eine Goldwährung, den auf Silber basierenden Gulden ab. Österreich-Ungarn war Teil des Goldstandards.
Das Geldwesen war dann eines der ersten Opfer des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Im August 1914 wurden die Bankstatuten teilweise außer Kraft gesetzt, so z. B. die Verpflichtung zur Veröffentlichung des Wochenausweises oder der Bedeckung des Banknotenumlaufs mit Gold und Devisen und auch das Verbot der Kreditgewährung an den Staat.
Die Kriegsfinanzierung über die Banknotenpresse führte unweigerlich zu einer Aufblähung der Geldmenge und zu galoppierender Inflation. So stieg der Index der Lebenshaltungskosten von Mitte 1914 bis Ende 1918 von 100 auf 828! Dem Ende des Ersten Weltkrieges folgte eine Phase der monetären Desintegration. Es kam zu einer sukzessiven Auflösung des gemeinsamen Währungsgebietes.
Die Oesterreichisch-ungarische Bank wurde schließlich liquidiert, während die Krone in eine Inflations- und Abwertungsspirale geriet.
Die österreichische Hyperinflation der Jahre 1921/1922 ist in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen und wird bis heute sehr oft als abschreckendes Beispiel gebracht, wie zerrüttete Staatsfinanzen über den Zugriff auf die Notenbank das Geld und damit die Wirtschaft zerstören können. Erst durch das Einschreiten des Völkerbundes mit einem harten Sanierungsprogramm und dem Stillstand der Banknotenpresse konnte die Hyperinflation gestoppt werden.
1923 wurde dann die „Oesterreichische Nationalbank“ (wieder) gegründet, mit sehr modernen Statuten. So hatte sie den gesetzlichen Auftrag, sicherzustellen, dass der Wert des österreichischen Geldes gegenüber Goldwährungen nicht verfallen würde. Um das abzusichern, war es der OeNB verboten, staatlichen Stellen Kredit zu geben, außer im Tausch gegen Devisen oder Gold. Außerdem musste die OeNB schrittweise Devisenreserven zur Abdeckung der begebenen Banknoten aufbauen.
Der Schilling wurde durch das Schillingrechnungsgesetz vom 20. Dezember 1924 eingeführt und löste damit die infolge der Hyperinflation stark entwertete Krone als österreichische Währung ab.1) Ein Schilling entsprach 10.000 Kronen. Diese Währungsumstellung war ein symbolischer und psychologischer Akt. Man wollte die Papiergeldmasse durch eine neue, solide Währung ersetzen, deren Namen sich auch aus dem lateinischen „solidus“ ableitete, den Schilling. Geldpolitik hat eben viel mit Psychologie, mit Erwartungsbildung zu tun.
Der schwierigste Test für die österreichische Wirtschafts- und Währungspolitik und damit für die OeNB der Zwischenkriegszeit kam 1931, als die größte Bank Österreichs und Mitteleuropas, die Credit-Anstalt, durch ihre großen Verluste das ganz Land und seine Währung in eine schwere Krise riss. Die OeNB musste sich zwischen Sicherung der Finanzmarkstabilität und der Preisstabilität entscheiden. Die Umstände zwangen die OeNB, die Bank mit großzügiger Liquiditätshilfe liquide zu halten. Das Vertrauen der inflationsgeprüften Bevölkerung in eine stabile Währung schwand damit aber spätestens, als der finanziell sehr schwache Staat eine großzügige Garantie für die Verpflichtungen der insolventen und nicht nur illiquiden Bank übernahm. Aus der Bankenkrise wurde eine Währungskrise. Als jede Hoffnung auf eine rasche Auslandshilfe – zusammen mit den Währungsreserven – geschwunden war, führte Österreich im Oktober 1931 eine strikte Devisenbeschränkung ein. So sollte eine drastische Abwertung des Schilling und damit eine Beschleunigung der importierten Inflation vermieden werden.
Aber die OeNB schwenkte schnell wieder auf einen Stabilitätskurs.
„In dem durch Abwertungswogen bewegten Meer blieb Österreich eine ruhige Insel“, so charakterisierte der OeNB-Historiker Pressburger die österreichische Währungspolitik in der Mitte der 1930er Jahre, als unser Land entschied, nicht dem internationalen Abwertungszug zu folgen. Eine Abwertung hätte zu einer Gefährdung der Preisstabilität geführt. In Österreich herrschte, so der damalige Präsident der OeNB, Dr. Kienböck, im Jahr 1936, „Einstimmigkeit über den Wert einer stabilen Währung.“ Diese stabile Währung erhielt den Spitznamen „Alpendollar“. Bevor aber die Früchte einer konsequenten, stabilitätsorientierten Politik geerntet werden konnten, wurden Österreich, die OeNB und der Schilling auf sieben Jahre ausgelöscht.
Um nach dem Ende des Krieges möglichst schnell wieder geordnete Währungsverhältnisse herzustellen, ordnete das Schaltergesetz vom Juli 1945 die Blockade eines Teils der überschüssigen Zahlungsmittel an. „Die Kardinalfrage der Wirtschaft ist die Währungsfrage“, konstatierte Bundeskanzler Leopold Figl gleich nach seiner Bestellung. Mit dem Schillinggesetz vom November 1945 wurde der Schilling wieder eingeführt und über eine neuerliche Kontensperre versucht, den inflationären Geldüberhang zu reduzieren.
1946 war bereits das Devisengesetz verabschiedet worden, mit dem Verbot aller nicht ausdrücklich genehmigten Devisentransaktionen. Für die Bewilligungen war die OeNB zuständig. Erst 45 Jahre später, im November 1991, wurden nach einem langen Prozess von Liberalisierungsschritten – so zu sagen „mit Augenmaß“ – die letzten Devisenbeschränkungen aufgehoben und damit der Schilling voll konvertibel gemacht.
1948 trat Österreich dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bei und der Schilling war in der Folge Teil des Bretton-Woods-Festkurssystems.
1955 war nicht nur das Jahr des Staatsvertrages, sondern auch eines weiteren Meilensteines in der inzwischen 190-jährigen Geschichte der OeNB und im Bestreben, für Preisstabilität in Österreich zu sorgen. Das Notenbankgesetz 1955 wurde verabschiedet. Es legte die Sicherung des Wertes des Schilling nach innen und nach außen als Ziel der Geldpolitik fest. Gleichzeitig wurde ein modernes Notenbank-Instrumentarium eingeführt, Staatsfinanzierung über die Notenbank verboten und die Unabhängigkeit abgesichert.
Die 1970er-Jahre brachten völlig neue und insbesondere internationale Herausforderungen in Bezug auf die Sicherung der Preisstabilität in Österreich. Einerseits brach das Bretton-Woods-System mit Anfang 1973 endgültig zusammen. Andererseits brachte die erste Erdölkrise importierte Inflation und sehr unterschiedliche wirtschaftpolitische Reaktionen.
Unter diesen Umständen konnte die Preisstabilität nicht gesichert werden. So hat sich von 1969 bis 1974 die Inflationsrate in Österreich von 3,1% auf den Höchstwert der letzten 50 Jahre, nämlich 9,5% mehr als verdreifacht. Es dauerte dann bis 1986, bis die Inflationsrate wieder unter das heute als Preisstabilität betrachtete Niveau von zwei Prozent sank. In dieser Zeit war Preisstabilität, wie wir sie heute verstehen, nicht gegeben.
Diese Periode starker Inflation hat natürlich entsprechende Rückwirkungen auf die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte gehabt, und es hat Jahre stabilitätsorientierter Politik benötigt, bis die hohen Inflationserwartungen überwunden werden konnten.
Die OeNB entschied sich entgegen dem Ratschlag vieler Ökonomen, Politiker und auch internationaler Organisationen für eine Bindung des Schilling an die Währung des wichtigsten Handelspartners, die D-Mark, die auch die stabilste Währung Europas war. Durch eine konsequente „Hartwährungspolitik“ konnten stabile Rahmenbedingungen für die Wirtschaft – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – geschaffen und so Preisstabilität nachhaltig sichergestellt werden. Es war eine Erfolgsstory – ein Modell, dem sich in der Folge auch andere Länder angeschlossen haben. Es war aber auch die perfekte Vorbereitung auf die nachfolgende europäische Integration.
Mit 1995 begann dann die „europäische Phase“ der OeNB-Geschichte: Zuerst trat Österreich dem Europäischen Währungssystem (EWS) und dessen Wechselkursmechanismus bei, und beim Start der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion im Jahre 1999 war Österreich Gründungsmitglied dieser Währungsunion. Seither ist die OeNB integraler Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) und des Eurosystems. Damit wurde die Geldpolitik und das Streben nach Preisstabilität auf eine europäische und damit supranationale Ebene gehoben. Nunmehr sind wir seit über sieben Jahren Teil dieser Währungsunion und gestalten das monetäre Europa gleichberechtigt mit den anderen Partnern mit. Preisstabilität ist zum gemeinsamen, vorrangigen Ziel und Auftrag geworden.
Wer das Geld zersetzt, zersetzt die Wirtschaft und letztendlich die Gesellschaft. Daher kam der berühmte österreichische Ökonom, Joseph Schumpeter einst zu dem Urteil, „der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände.“ So gesehen ist das erfolgreiche Projekt der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion viel mehr als nur ein wirtschaftliches Projekt – es ist auch ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Projekt mit dem Ziel der Friedenserhaltung in Europa.
Der erfolgreiche Start der Währungsunion und die damit einhergehende Phase der hohen Preisstabilität dürfen aber nicht dazu verleiten, dass wir unaufmerksam gegenüber inflationären Gefahren werden. Voreilige Analysten hatten schon mehrmals das Ende der Inflation ausgerufen. Dazu ist – bei allen Erfolgen des Eurosystems in der Stabilisierung der Preissteigerung auf niedrigem Niveau – kein Anlass gegeben. Die nunmehr wieder anziehende Konjunktur, die sehr stark steigenden Rohstoffpreise und die damit verbundene Gefahr für Zweitrundeneffekte machen besondere Aufmerksamkeit und ein vorausschauendes Handeln notwendig. Nur so kann dauerhaftes, inflationsfreies Wachstum mit seinen positiven Auswirkungen auf Beschäftigung gesichert werden.
Die OeNB ist stolz darauf, mit ihrer 190-jährigen Erfahrung nun am friedenssichernden Projekt der europäischen Währungsunion mitwirken und mit ihrer Expertise ihren Beitrag bei der Bewältigung der künftigen Herausforderungen leisten zu können.
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
1) Für eine Darstellung und Diskussion der Phasen und Herausforderungen in der Geschichte des österreichischen Schilling, siehe Aurel Schubert und Theresia Theurl, Zwischen Krone und Euro – Der österreichische Schilling, BankArchiv, März 2002.
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