Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
35. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB
Konferenzeröffnung
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 21. 5. 2007
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie zur 35. Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank und heiße Sie alle sehr herzlich willkommen. Ich freue mich über die wieder so große Zahl an Teilnehmern, um am Meinungsaustausch mit den vielen namhaften internationalen und österreichischen Experten, die wir für diese Tagung gewinnen konnten, mitzuwirken. Wir alle erwarten, von deren Expertise und Ansichten zum diesjährigen Tagungsthema „Humankapital und Wirtschaftswachstum“ lernen zu können und ich sehe daher einer angeregten Diskussion dieses wichtigen Themas während der nächsten beiden Tage mit großem Interesse entgegen. Ich möchte mich im Voraus bei allen Vortragenden und bei den Teilnehmern der Podiumsdiskussionen sowie bei allen Mitarbeitern der Oesterreichischen Nationalbank, die diese Tagung vorbereitet haben, sehr herzlich bedanken.
Eine besondere Auszeichnung für die Oesterreichische Nationalbank ist es, dass Herr Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer trotz seiner zahlreichen anderweitigen Verpflichtungen Zeit gefunden hat, sich zum ersten Mal in seiner neuen Funktion an die Teilnehmer der diesjährigen Volkswirtschaftlichen Tagung zu wenden.
Ich möchte mich an dieser Stelle auch sehr herzlich bei Herrn Vizekanzler und Bundesminister für Finanzen, Mag. Wilhelm Molterer, für seine Teilnahme am traditionellen Kamingespräch heute Abend bedanken.
Ich freue mich ebenfalls sehr, Frau Bundesminister Dr. Claudia Schmied und die Spitzen der Sozialpartnerschaft morgen für den österreichbezogenen, wirtschaftspolitischen Teil der Volkswirtschaftlichen Tagung begrüßen zu dürfen.
Sehr herzlich begrüße ich unsere Vortragenden des heutigen Vormittags, Herrn Joaquín Almunia, europäischer Kommissar für Wirtschaft und Währung, Herrn Lucas Papademos, Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank, sowie Herrn Emmanuel Jimenez, (Sektor-)Direktor in der Weltbank. Ich danke Ihnen, sehr geehrte Herren, für Ihre Teilnahme an unserer Tagung.
Mein herzlicher Gruß gilt aber auch den zahlreichen anwesenden Botschaftern aus einer ganzen Reihe von Ländern, anderen Vertretern der diplomatischen Korps hier in Wien, den Kollegen vieler ausländischer Zentralbanken und den Medienvertretern des In- und Auslands, die unsere Einladung wieder so zahlreich angenommen haben.
Humankapital und Wirtschaftswachstum scheinen auf den ersten Blick in einer selbstverständlichen Beziehung zu stehen, die keiner besonderen Diskussion bedarf. Kaum jemand wird bestreiten, dass gute Ausbildung eine wesentliche Voraussetzung für individuellen Erfolg am Arbeitsmarkt darstellt und ein gutes Bildungssystem deshalb nicht nur Beschäftigungsfähigkeit, sondern auch Wirtschaftswachstum und Standortqualität beeinflusst. Zwei Entwicklungen der jüngeren Zeit haben aber dazu geführt, dass wir Humankapital in das Zentrum der diesjährigen Tagung stellen.
Seit Mitte der 90er Jahren beobachten wir ein Ende der Konvergenz des europäischen Produktivitätswachstums mit dem US-amerikanischen. Dieses nunmehr divergierende Produktivitätswachstum war eine wichtige Inspiration für die im Jahr 2000 beschlossene Lissabon Agenda.
Einige interessante theoretische und empirische Untersuchungen haben seither gezeigt, dass ein Teil des europäischen Wachstumsdifferentials mit der Struktur unseres Bildungssystems in Zusammenhang stehen könnte. Z.B präsentierte Professor Krueger auf der Volkswirtschaftlichen Tagung 2004 eine Studie, die die Überbetonung berufsspezifischer Fähigkeiten gegenüber berufsübergreifenden herausstrich. Damit zusammenhängend verweisen andere Autoren auf mangelnde Qualität und Quantität in der tertiären Ausbildung, zum Beispiel in der wissenschaftlichen Nachwuchsausbildung. Diese Studien haben am bildungspolitischen Selbstverständnis vieler europäischer Länder, darunter auch Österreich, gerüttelt, denn bisher ging man immer von qualitativen Vorteilen des europäischen Bildungssystems aus. Die kritischere Beurteilung vieler europäischer Bildungssysteme ist nicht durch eine plötzliche Verschlechterung der Systeme selbst, sondern vielmehr durch neue Anforderungen zu erklären. Wer sich an die Spitze des beschleunigten technischen Wandels setzen und damit auch seine Wettbewerbsfähigkeit absichern möchte, benötigt dementsprechendes Humankapital.
Hohes Wirtschaftswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern, z. B. in China und Indien, führt nicht nur zu einem höheren Wohlstand in diesen Ländern, sondern auch zu mehr Konkurrenz für europäische Unternehmen. Diese Entwicklung möchte ich ausdrücklich begrüßen, da sie langfristig für alle vorteilhaft sein wird. Kurz- bis mittelfristig werden jedoch strukturelle Anpassungen notwendig sein, die dazu führen können, dass Arbeitsplätze verloren gehen.
Es gibt mittlerweile einen Konsens unter den europäischen Regierungen, dass es kontraproduktiv wäre, diese Arbeitsplätze schützen zu wollen. Vielmehr geht es darum, die betroffenen Arbeitnehmer in die Lage zu versetzen, aufgrund ihres Humankapitals neue Chancen zu nutzen und neue Jobs anzunehmen. Letztes Jahr habe ich auf der Volkswirtschaftlichen Tagung betont, dass dem Bildungssystem besondere Bedeutung bei der Bewältigung der Globalisierung zukommt. Ein Paper der deutschen EU-Präsidentschaft spricht von den sozialen Brücken, die wir für von Arbeitslosigkeit oder Armut Bedrohte oder Betroffene errichten müssen: Bildung ist dabei das Fundament dieser Brücke von der Arbeitslosigkeit zur Teilhabe am wirtschaftlichen und somit auch gesellschaftlichem Leben. Als Mitverantwortlicher für die Stabilität der Euro-Geldscheine gefällt mir diese Metapher besonders, denn schließlich finden sich auf den aktuellen Euroscheinen durchwegs symbolhafte Brückenmotive. Gerade in einer Währungsunion ist bildungsermöglichte berufliche und geographische Mobilität wichtig, da ungleiche Entwicklungen nicht durch Wechselkursanpassungen wieder ins Lot gebracht werden können.
Europäische Bildungssysteme sehen sich deshalb vor einer doppelten Herausforderung – richtige Antworten auf das vergleichsweise schwächere Wachstum in Europa und das hohe Wachstum in Schwellenländern zu finden. Diese Herausforderung wird auf mehreren Ebenen angenommen werden müssen – von der Vorschule über die Pflichtschule bis hin zu Doktoranden. An dieser Stelle möchte ich unterstreichen, dass die Herausforderung keineswegs nur für entwickelte europäische Länder besteht. So sehen die Millennium Entwicklungsziele der UNO eine universelle primäre Ausbildung bis 2015 vor. Wir sollten daher bei allem Fokus auf europäische Probleme nicht das Humankapital der armen Länder vergessen und trotz eigener Schwächen versuchen, diesen Ländern bei ihrer Humankapitalentwicklung zu helfen.
Es freut mich, dass sich die österreichische Bundesregierung auch nach dem Urteil internationaler Organisationen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen auf dem richtigen Weg befindet. Die Oesterreichische Nationalbank hat diesbezügliche Anstrengungen schon immer unterstützt. Zum einen finanzieren wir universitäre Forschung direkt über unseren Jubiläumsfonds und indirekt über die Alimentierung der neu gegründeten Nationalstiftung für Forschung und Entwicklung. Zum anderen engagieren wir uns für ökonomische Bildung.
In einer Welt liberalisierter, entwickelter und liquider Finanzmärkte, aber auch teils privater Alters- und Gesundheitsvorsorge, gelangt ein Sparbuch, so wichtig es ist, schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten.
Aufklärung und ökonomische Bildung von Finanzkonsumenten ist nicht nur wichtig, um das Angebot an Anlageprodukten optimal auszunutzen. Sie ist auch eine Bedingung für das effiziente und transparente Funktionieren der Finanzmärkte. So helfen wir von der Oesterreichischen Nationalbank mit, Geldpolitik und die Bedeutung von Geldstabilität über Lehrmaterial für Schulen zu vermitteln.
Trotz der zentralen Bedeutung von Bildung möchte ich Wirtschafts- und Sozialpolitiker warnen, die nun glauben, das eierlegende Wollmilchferkel gefunden zu haben, sprich Wachstums-, Sozial- und sogar Entwicklungspolitik auf Bildungspolitik reduzieren. Stabile öffentliche Finanzen, wettbewerbsintensive Produktmärkte, flexible Arbeitsmärkte und traditionelle Sozialpolitik sowie ein faires Rechtssystem werden nicht zur Gänze durch Bildungspolitik ersetzt werden können. Wir müssen uns auch der Risiken bewusst sein, Bildung verstärkt unter ökonomischen Gesichtspunkten zu sehen und dementsprechend zu gestalten. Bildung hat immer einen Wert an sich und ist ein wesentlicher Schlüssel für das Verständnis von Kunst und Kultur. Sie ermöglicht menschliches Zusammenleben und trägt zur Sinnstiftung bei. Sie kann völlig losgelöst von ökonomischen Konsequenzen zu großer individueller Zufriedenheit beitragen.
Wir haben versucht, den vielen Facetten und Aspekten von Bildung und Humankapital durch eine möglichst umfassende Schwerpunktsetzung Rechnung zu tragen. Der erste Tagungsblock wird Bildung in ihren zahlreichen Wechselwirkungen mit anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends und Entwicklungen näher beleuchten, in entwickelten wie in Entwicklungsländern. Wir werden uns Themen wie z. B. Globalisierung, wirtschaftlicher Erfolg, Wachstumsförderung und Armutsbekämpfung, die wir im ersten Teil vorfinden, im Verlauf der Tagung näher im Detail widmen: im Anschluss an den ersten Block folgt ein wissenschaftlicher Vortrag, der empirische Ergebnisse für die Wirkung von Humankapital auf Wirtschaftswachstum präsentiert. Dazu hat sich dankenswerterweise der anerkannte Humankapital-Experte Angel de la Fuente, Vize-Direktor des Instituts für Wirtschaftsanalyse in Barcelona, bereit erklärt.
Die anschließende Podiumsdiskussion wird erörtern, ob Europa auf dem richtigen Weg ist, das Wachstumspotenzial von Humankapital optimal auszuschöpfen. Wir werden dabei Sichtweisen von dies- und jenseits des Atlantiks hören, von internationalen Institutionen wie von Universitäten. Der heutige Tag wird mit dem traditionellen Kamingespräch ausklingen.
Morgen wird sich zunächst ein wirtschaftspolitischer Übersichtsvortrag von Jeanne Hogarth, Abteilungsleiterin des Federal Reserve Board, mit dem aus Sicht der Nationalbank besonders interessanten Thema der Wissensvermittlung in Wirtschafts- und Finanzfragen beschäftigen.
Die anschließende Podiumsdiskussion mit führenden wirtschaftspolitischen Akteuren wird wie bereits üblich näher auf Herausforderungen für Österreich eingehen, diesmal auf die Bildungspolitik. Ich denke, auf diese Debatte können wir schon ebenso gespannt sein wie auf die Referate zuvor. In diesem Sinn, meine Damen und Herren, wünsche ich Ihnen und uns allen eine interessante Volkswirtschaftliche Tagung!
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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