Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Buchpräsentation: "Österreichische Kreditwirtschaft 1945–2006"
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, 11. 9. 2007
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich freue mich, Sie anlässlich der Präsentation des Buches „Österreichische Kreditwirtschaft 1945–2006“ in der OeNB begrüßen zu dürfen. Mein besonderer Gruß gilt Herrn Bundeskanzler a.D. Dr. Vranitzky und Herrn Bundesminister a.D. Dkfm. Lacina sowie den Herausgebern und Autoren des Werkes. In dieser überaus verdienstvollen Publikation zeichnen führende Exponenten die Erfolgsgeschichte der österreichischen Kreditwirtschaft in der Zweiten Republik nach. In mehr als 30 Beiträgen wird der Weg der österreichischen Bankwirtschaft seit 1945 von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Sowohl die historische Entwicklung einzelner Institute oder Kreditinstitutsgruppen als auch verschiedene Geschäftsfelder werden analysiert, zudem werden die rechtlichen und technologischen Rahmenbedingungen, die das Finanzwesen wesentlich geprägt haben, dargestellt. Auf diese Weise werden nicht nur die Erfolge und der Aufstieg der österreichischen Banken, sondern auch die (zwar deutlich wenigeren, aber dafür umso schmerzlicheren) Misserfolge und Krisen des österreichischen Finanzwesens dokumentiert – welche die österreichischen Kreditinstitute stets als Basis für einen neuen Aufschwung genützt haben.
Herausgeber und Autoren des heute präsentierten Buches sind nicht nur Zeitzeugen dieser Erfolgsgeschichte, sie haben die Geschichte der österreichischen Kreditwirtschaft als Akteure an führender Stelle entscheidend mitgestaltet – und gestalten sie vielfach immer noch mit.
Die Verbindung von historischen Fakten und persönlichen Erinnerungen der Entscheidungsträger ist ein ganz besonderer Aspekt des Buchs, das heute der Öffentlichkeit präsentiert wird.
Auch einige führende Vertreter der Oesterreichischen Nationalbank bringen ihre Erfahrungen und ihre Sichtweise ein. Als Bank der Banken hat die Oesterreichische Nationalbank in den letzten 60 Jahren die österreichischen Banken auf ihrem erfolgreichen Weg begleitet.
Der Untertitel des Buches „Von der Reichsmark über den Schilling bis zum Euro“ bringt zum Ausdruck, welche bedeutende Rolle die Herausgeber den monetären Rahmenbedingungen und damit der Oesterreichischen Nationalbank beim Aufschwung der österreichischen Kreditinstitute beimessen.
Lassen Sie mich kurz auf einige Meilensteine in der Entwicklung des Finanzwesens in Österreich eingehen. Die Ausgangsbedingungen, von denen die Erfolgsgeschichte der österreichischen Kreditwirtschaft in der Zweiten Republik ihren Ausgang nahm, waren überaus schwierig. Am Beginn standen die Erfordernisse des Wiederaufbaus, oberste Priorität hatten die Belebung der Investitionstätigkeit sowie das Auffüllen der durch Krieg, Nachkriegsinflation und Sanierungsmaßnahmen völlig entwerteten Bestände an Finanzvermögen. Eine Zahl soll dies illustrieren: Ende 1950 beliefen sich die Spareinlagen in Österreich auf umgerechnet 160 Mio EUR, was derzeit inflationsbereinigt etwas mehr als 1,4 Mrd EUR entspricht. Das war rund 1% des Wertes von 2007, der bei rund 140 Mrd EUR liegt.
In diesem schwierigen Umfeld schaltete sich der Staat in hohem Maße in das Finanzsystem ein. Zur Sicherung des österreichischen Eigentums waren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die drei größten österreichischen Banken verstaatlicht worden, aber auch darüber hinaus war das staatliche Engagement im Finanzsystem hoch, etwa in Form einer umfassenden Subventionierung von Investitionskrediten. Gleichzeitig war der Fokus der Banken nahezu ausschließlich auf das Inlandsgeschäft ausgerichtet.
In den Sechzigerjahren, nach Überwindung der unmittelbaren Kriegsfolgen und des damit zusammenhängende Finanzierungsbedarfs, begann sich dieses Bild zu wandeln. Einkommen und Sparfähigkeit der privaten Haushalte stiegen kontinuierlich, ebenso der Finanzierungsbedarf des Unternehmenssektors. Daher gingen die Banken daran, sich neue Kundenschichten zu erschließen. Gleichzeitig stießen die Banken in neue Geschäftsfelder vor, es kam es zu einer markanten Zunahme der Auslandsverflechtung und einer Ausweitung der Wertpapierpositionen. Auf diese Weise konnten die Banken auch dann ihre Expansion weiter fortsetzen, als sich – bedingt durch die Wirtschaftskrise 1974/75 – das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamte. Dennoch wurde der Wettbewerb im Bankensektor intensiver, was im Zweigstellenboom der Jahre 1976 bis 1981 seinen sichtbarsten Ausdruck fand.
Gleichwohl war der österreichische Bankenmarkt bis in die Siebzigerjahre hinein sehr stark reguliert. (Bis zur Filialfreigabe Ende der Siebzigerjahre hatten die Banken eine Genehmigung des Finanzministeriums gebraucht, um eine neue Filiale zu eröffnen. Die Spareinlagenzinsen unterlagen bis 1980 dem Habenzinsabkommen. Sparkassen und Genossenschaftsbanken unterlagen regionalen Beschränkungen.) Diese hohe Regulierungsdichte wurde zunehmend als beengend betrachtet.
Die Finanzmarktderegulierung begann mit dem Kreditwesengesetz 1979, mit der es zu einer umfassenden Neuregelung der österreichischen Bankengesetzgebung kam. Die achtziger Jahre waren dann die Phase der Liberalisierung des österreichischen Finanzsektors. Bewährt hat sich dabei die „Strategie der kleinen Schritte“.
Der Liberalisierungsprozess dauerte in Österreich zwar länger als in den meisten anderen Ländern, durch eine schrittweise und vorsichtige Umsetzung der einzelnen Reformschritte gelang es jedoch, Finanz- oder Währungskrisen, die in vielen andern Ländern den Deregulierungsprozess begleitet hatten, abzuwenden. In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre begann auch die – sorgfältig abgestufte – Liberalisierung des Devisenverkehrs. Dank einer entsprechenden Vorbereitung der heimischen Institutionen und gesunder wirtschaftlicher Fundamentaldaten verlief die Kapitalverkehrsliberalisierung in Österreich völlig reibungslos.
Die vollständige Liberalisierung des Kapitalverkehrs 1991 bildete den Ausgangspunkt der Integration des österreichischen Finanzsystems in die europäischen Finanzmärkte. In weiterer Folge wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen der österreichischen Kreditwirtschaft zunehmend „europäisiert“, die Prinzipien der von den vier Grundfreiheiten geprägten europäischen Wirtschaftsverfassung bestimmten zunehmend den österreichischen Finanzmarkt.
Mit dem Beitritt zu EWR 1994 und EU 1995 wurde die Rechtsentwicklung auf EU-Ebene zum zentralen Motor für die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen der österreichischen Finanzmärkte.
Höhepunkt der Finanzmarktintegration war die Teilnahme Österreichs an der dritten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion und damit die Einführung des Euro mit Jahresanfang 1999. Wer hätte sich im Jahr 1945 – oder 1965 oder sogar noch 1985 – ernsthaft vorstellen können, dass Österreich einst zu den Pionieren der europäischen Währungsintegration zählen würde? Ebenfalls keineswegs selbstverständlich erschien aus einer Perspektive von 10 oder 20 Jahren zuvor, dass diese Herausforderungen von der österreichischen Kreditwirtschaft so gut bewältigt werden konnten.
Ähnlich wie bei den Liberalisierungsschritten der Achtzigerjahre kann auch bei der Integration der österreichischen Banken in den gemeinsamen europäische Finanzmarkt vermutet werden, dass die Politik der kleinen Schritte den Übergang wesentlich erleichtert und seine Auswirkungen abgefedert hat. Denn: Berücksicht man den Umstand, dass die österreichischen Kreditinstitute schon frühzeitig begonnen haben, sich auf die durch den bevorstehenden EU-Beitritt zu erwartenden Veränderungen in den Wettbewerbsbedingungen vorzubereiten, so erstreckte sich der Integrationsprozess der österreichischen Kreditwirtschaft in den EU-Binnenfinanzmarkt de facto auf nahezu ein Jahrzehnt.
Die EU-Integration ging mit einer deutlichen Zunahme der Fusionen einher, durch die sich die Eigentümerstruktur der österreichischen Banken markant verändert hat. Das Ausmaß dieser Veränderungen lässt sich wahrscheinlich am besten dadurch illustrieren, dass die drei zu Beginn des Jahres 1990 größten österreichischen Banken (CA, Girozentrale, Länderbank) nicht mehr als selbstständige Banken existieren. Ein wesentliches Element für die nachhaltige Änderung der Eigentümerstruktur war auch der Umstand, dass die öffentliche Hand begann, sich aus ihren Bankbeteiligungen zurückzuziehen, der zweite wesentliche Aspekt war der steigende Auslandsanteil. Auch hier illustriert vielleicht am besten der Umstand, dass fünf der acht größten Kreditinstitute des Jahres 1990 (CA, Länderbank, Z, BAWAG, PSK) – bzw. deren Rechtsnachfolger – mittlerweile in ausländischem Eigentum stehen, wie stark sich die Eigentumsverhältnisse im österreichischen Bankensektor geändert haben.
Die massive Internationalisierung der österreichischen Kreditwirtschaft seit Beginn der Neunzigerjahre bildet wahrscheinlich die markanteste Veränderung in der strategischen Ausrichtung der Banken.
Ihre wesentliche Zielrichtung war allerdings nicht der EU-Raum, sondern Zentral- und Osteuropa – das allerdings seit der Erweiterung vom Mai 2004 zum Großteil ebenfalls Teil der EU ist. Die österreichischen Banken haben frühzeitig das Potenzial in Österreichs östlichen und südöstlichen Nachbarländern erkannt und zählten schon in den Achtzigerjahren zu den Marktpionieren in dieser Region. Durch den frühen Aufbau von Niederlassungen bzw. eigenen Bankentöchtern nach der Öffnung der Grenzen konnte in allen wesentlichen Märkten eine gute Positionierung erreicht werden, sodass sich zwischenzeitlich dieser Markt für die inländischen Banken zu einem so genannten „erweiterten Heimmarkt“ entwickelt hat.
Im Jahr 2006 entfielen bereits insgesamt 20% der Bilanzsumme aller österreichischen Banken und knapp 40% der gesamten Vorsteuerergebnisse (ohne Sondereffekte im Zusammenhang mit dem Verkauf von Bankentöchtern) auf das Geschäft in Zentral- und Osteuropa. Zieht man die zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollends abgeschlossenen Restrukturierungen der UniCredit in Betracht, halten österreichische Banken mittlerweile knapp 24% am gesamten Bankenmarkt in Zentral- und Osteuropa (ohne Russland). Damit diese sehr erfolgreiche Strategie weiterhin funktionieren kann, ist auch in Zukunft Augenmaß und eine geeignete Kombination aus Ertragsorientierung und Risikobewusststein nötig. Zu hohe Exposures in einzelnen Märkten können – wie die internationalen Finanzmarktturbulenzen im Gefolge der Subprime-loans-Krise wieder zeigen – erhebliches Gefährdungspotenzial auch für größere Institute und das Finanzsystem insgesamt bergen.
Die österreichische Kreditwirtschaft hat in den letzten 60 Jahren gewaltige Veränderungen erfahren, aus dem stark regulierten „Kreditapparat“ wurden im internationalen Wettbewerb erfolgreiche, nach betriebswirtschaftlichen Kriterien operierende Banken, wie das heute präsentierte Buch eindrucksvoll dokumentiert.
Für die Oesterreichische Nationalbank sind wirtschaftlich erfolgreiche Banken eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität des Finanzmarktes. Gerade unter den Rahmenbedingungen der Währungsunion ist und bleibt die Oesterreichische Nationalbank eine verlässliche Partnerin der österreichischen Kreditwirtschaft, indem sie ihren Beitrag sowohl zu Preis- als auch zu Finanzmarkt- und Zahlungssystemstabilität leistet.
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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