Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Rede bei der Pressekonferenz anlässlich der Generalversammlung der OeNB am 23. Mai 2002
Adolf Wala, Präsident
Wien, 23. 5. 2002
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich darf Sie im Namen der Bankleitung zu unserem Pressegespräch im Zusammenhang mit der Generalversammlung der Oesterreichischen Nationalbank herzlich begrüßen.
Mit der Einführung des Euro-Bargeldes zu Jahresbeginn 2002 wurde die Europäische Währungsunion vollendet.
Dies bedeutete auch in Österreich eine tiefe Zäsur in der Währungsgeschichte. Denn der Schilling war ein Symbol für Stabilität und hart erarbeiteten Wohlstand und als erfolgreiche Währung auch Teil der Identität Österreichs.
Vor diesem Hintergrund überraschte, wie rasch die Bargeldumstellung vollzogen und der Euro von der Bevölkerung akzeptiert wurde. Für die OeNB war die Einführung des Euro-Bargeldes eine historische Herausforderung, vor allem was Produktion, Logistik und Information betrifft. Die Logistikkette zeigt ganz deutlich die Komplexität dieser Aufgabe.
Die reibungslose Währungsumstellung hing wesentlich von einer hohen Euro-Vorverteilung ab. Dabei lag Österreich mit einer Vorverteilungsquote von 75% des Bargeldbedarfs im Eurosystem an der Spitze.
Letztlich konnte aber die Bargeldumstellung deswegen so gut bewältigt werden, weil die OeNB mit ihren Tochtergesellschaften über ein ausgezeichnetes Kompetenzzentrum für Zahlungsverkehr und Zahlungsmittel verfügt. Die Produktion der Banknoten und Münzen – fast 1,3 Mrd Stück allein im letzten Jahr – stellte beispielsweise hohe Anforderungen an Sicherheit, Qualität und Effizienz der Produktionstechnik der Oesterreichischen Banknoten- und Sicherheitsdruck GmbH und der Münze Österreich AG. Und die Verteilung des Euro-Bargeldes und die Bearbeitung des Schilling-Rücklaufs konnten insbesondere deshalb so problemlos durchgeführt werden, weil dafür mit dem Aufbau der Geldservice Austria rechtzeitig die Voraussetzungen geschaffen wurden.
Auch in längerfristiger Perspektive ist aber aus währungspolitischer Sicht von großer Bedeutung : Nur wer über Kompetenz auf allen Gebieten der Zahlungsmittel und des Zahlungsverkehrs – also von der Banknote über die Karte bis zum elektronischen Geld – verfügt, ist für die Zukunft gut gerüstet!
Der Großteil der Bevölkerung steht heute der einheitlichen Währung nicht zuletzt dank einer umfassenden Euro-Information inzwischen positiv gegenüber und ist von ihrer Stabilität überzeugt. Dennoch wird es noch einige Zeit dauern, bis das Euro-Wertgefühl voll ausgeprägt ist. Die OeNB wird dies durch die Fortsetzung der Euro-Information unterstützen.
Insgesamt wurde die Organisation der Euro-Bargeldumstellung durch die OeNB von der Bevölkerung als professionell beurteilt und lief auch im Vergleich zu anderen Ländern des Eurosystems überaus reibungslos ab. Dementsprechend ist gerade bei der Sicherung der Geldwertstabilität das Vertrauen in die OeNB als Institution historisch hoch, mit sehr guten Imagewerten auch bei Modernität und Effizienz. Insgesamt also eine gute Grundlage für die Fortsetzung unserer erfolgreichen Arbeit im Eurosystem!
Die frühzeitige Anpassung der Struktur und Organisation der Bank schuf die Grundlage für ihr ausgezeichnetes internationales Standing und ihre anerkannte Expertise. Die OeNB zählt heute zu den schlanksten und effizientesten Zentralbanken des Eurosystems. Sie ist sowohl beim Geschäftsergebnis und der Produktivität als auch beim Mitteleinsatz gemessen an Mitarbeiteranzahl und Personal- und Sachaufwand im Vergleich zum Durchschnitt des Eurosystems hervorragend positioniert!
Dies ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert:
- Erstens sind die Aufgaben der nationalen Zentralbanken im ESZB nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, in einer Reihe von Geschäftsfeldern, wie etwa bei der Mitwirkung am geldpolitischen Entscheidungsprozeß, hat die Notenbank zusätzliche Aufgaben übernommen. Darüber hinaus wurden der Notenbank bei der Neuorientierung der Finanzmarktaufsicht erweiterte Aufgaben bei der Risikoprüfung sowie die Zahlungssystemaufsicht übertragen.
- Und zweitens wurden die Aufgaben nicht nur effizient sondern auch qualitativ so hervorragend bewältigt, dass die OeNB in vielen Bereichen, wie etwa der Verwaltung der Währungsreserven, zu den Besten im Eurosystem zählt.
- Zum einen hat zu diesem hervorragenden Ergebnis die Anlagepolitik der Bank wesentlich beigetragen. Diese hat sich in einem außerordentlich schwierigen Umfeld auch im Vergleich zu den Partnern des ESZB als sehr erfolgreich erwiesen!
- Zum anderen darf nicht vergessen werden, dass seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 die Bewertungsregeln des ESZB eine Bewertung zu Marktpreisen vorsehen. Das Geschäftsergebnis kann damit großen Schwankungen unterliegen. So würde beispielsweise eine Annäherung des US-Dollar auf die Parität zum Euro das Ergebnis der Bank mit etwa 1 Mrd EUR belasten! Bei allen anderen Notenbanken würden sich ähnliche Auswirkungen ergeben.
- Erstens, sind Währungsreserven auch in Zukunft notwendig, um die Geldpolitik in einem volatileren Umfeld mit der erforderlichen Glaubwürdigkeit fortsetzen zu können.
- Und zweitens, sind die Währungsreserven bereits jetzt sehr wirtschaftlich und vor allem nachhaltig angelegt. Sie lagern nicht nutzlos im Tresor, sondern werden – wie im Übrigen auch der Großteil unseres Goldes – so angelegt, dass sie Jahr für Jahr dem Staat hohe Erträge abwerfen.
Die Bank hat seit Beginn der Neunzigerjahre ihren Goldbestand kontinuierlich und für den Goldmarkt gut verträglich abgebaut und nutzt ihr Gold zu zwei Dritteln ertragbringend durch Termineinlagen und Swapgeschäfte. Die Forderungen in Fremdwährung innerhalb und außerhalb des Euro-Währungsgebietes haben gegenüber dem Vorjahr um 1,5 Mrd EUR auf 15,1 Mrd EUR abgenommen. Bei den Passiva haben die Neubewertungsrücklagen nur leicht auf 2,55 Mrd EUR zugenommen.
Die Reserve aus valutarischen Kursdifferenzen, die seit 1999 nicht mehr dotiert werden darf und der Abdeckung des Fremdwährungsrisikos dient, wurde durch die widmungsgemäße Auflösung von 233 Mio EUR auf 1,84 Mrd EUR reduziert. Die Reserve für ungewisse Auslands- und Wertpapierrisiken wurde auf der Grundlage von Risikomodellberechnungen durch Umwidmung von 119 Mio EUR aus der Freien Reserve auf 1,16 Mrd EUR erhöht. In der Gewinn- und Verlustrechnung haben sich folgende wesentliche Änderungen bei den Erträgen und Aufwendungen ergeben:
Bei den Erträgen sind die Zinserträge einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren einer Notenbank. Die Nettozinserträge haben aufgrund des gegenüber dem Jahr 2000 deutlich niedrigeren Zinsniveaus um 14% auf 873 Mio EUR abgenommen. Eine weitere bedeutende Quelle für den Notenbankgewinn sind die realisierten Kursgewinne aus Gold-, Fremdwährungs- und Wertpapiertransaktionen.
Das Nettoergebnis aus diesen Transaktionen ist vor allem infolge einer erfolgreichen Anlagestrategie um 11% auf 995 Mio EUR gestiegen. Darüber hinaus haben die Nettoerträge aus Beteiligungen, also insbesondere die Gewinnausschüttung der EZB und die Dividenden der OeNB Tochtergesellschaften, mit 54 Mio EUR zum Ergebnis beigetragen. Die Zunahme der Aufwendungen um 21% auf 287 Mio EUR war insbesondere auf den Ankauf von Euro-Banknoten und auf erhöhte Sachaufwendungen im Zusammenhang mit der Euro-Bargeldeinführung – wie für Informationen, Veranstaltungen und Geldbearbeitung – zurückzuführen.
Ich komme nun zur Gewinnverteilung:
Der Bund erhält – unter Berücksichtigung der Körperschaftsteuer in der Höhe von 558 Mio EUR sowie der Dividende – mit 1534 Mio EUR 93,4% des Geschäftsergebnisses 2001. Der Gewinnanteil des Bundes ist daher beinahe so groß wie die historisch höchste Gewinnabfuhr des Vorjahres! Seit Beginn der Neunzigerjahre hat die OeNB fast 13 Mrd EUR oder 6% des BIP zu Preisen 2001 an den Bund abgeführt! Dabei sind noch nicht jene 500 Mio EUR berücksichtigt, die die Bank aus ihrem eigenen Gewinnanteil bisher der Forschungsförderung zur Verfügung gestellt hat. Der Bilanzgewinn wird mit 108,3 Mio EUR ausgewiesen.
Die Generalversammlung hat beschlossen, hievon 1,2 Mio EUR für die Ausschüttung der 10 prozentigen Höchstdividende auf das Grundkapital zu Jahresende 2001 in Höhe von 12 Mio EUR zu verwenden, dem Jubiläumsfonds zur Förderung der Forschungs- und Lehraufgaben der Wissenschaft 70,3 Mio EUR zuzuweisen und – auf der Grundlage des zwischen der OeNB und der Leopold Museum-Privatstiftung im Jahr 1994 geschlossenen Förderungsvertrages – 4,2 Mio EUR als weiteren Beitrag dieser Stiftung zur Verfügung zu stellen. Die verbleibenden 32,6 Mio EUR sollen der Reserve für ungewissen Auslands- und Wertpapierrisiken zugeführt werden. Meine Damen und Herren! Der Leistungsnachweis wäre nicht komplett ohne eine Analyse der Wirtschaftsentwicklung und -politik. Das globale wirtschaftliche Umfeld war im Berichtsjahr schwierig, geprägt durch die weltweite Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, markante Kurskorrekturen auf den wichtigsten Aktienmärkten sowie den globalen Schock der Terroranschläge des 11.September. Diese Rahmenbedingungen stellten auch die Wirtschaftspolitik des Euroraums vor große Herausforderungen.
Das Eurosystem steuerte eine vorausschauende und konsequente Geldpolitik, wobei vor dem Hintergrund abnehmender Preisrisiken vier Zinssenkungen vorgenommen wurden. Die Preiseffekte der Euro-Bargeldumstellung hielten sich erwartungsgemäß in engen Grenzen. Seit der Jahreswende haben sich die Anzeichen dafür verstärkt, dass die Weltwirtschaft den konjunkturellen Tiefpunkt durchschritten hat. Dazu kommt zunehmender Optimismus bei Unternehmern und Konsumenten.
Im Euroraum bilden die im Grunde soliden Fundamentalfaktoren und günstige Finanzierungsbedingungen gute Voraussetzungen für die konjunkturelle Erholung. Auch Österreich konnte sich dem internationalen Wirtschaftsabschwung nicht entziehen. Das BIP nahm mit nur 1% deutlich unter dem Durchschnitt des Euroraums zu.
Obwohl sich die Arbeitsmarktlage verschlechterte, zählt Österreich weiterhin im Eurosystem zu den Ländern mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit. Auch die Preisstabilität war nicht zuletzt aufgrund der moderaten Lohnpolitik nur in Frankreich höher. Trotz abnehmender konjunktureller Dynamik wurde die Haushaltskonsolidierung rascher als vorgesehen fortgesetzt. Der Staatshaushalt 2001 war erstmals seit drei Jahrzehnten ausgeglichen, wozu der starke Anstieg der Abgabenquote maßgeblich beigetragen hat.
In längerfristiger Betrachtung konnte Österreich nach neuesten Berechnungen von OECD und Eurostat seinen Wachstumsvorsprung in den Neunzigerjahren gegenüber dem Durchschnitt der OECD Länder ausbauen. Österreich hatte also in dieser Periode im EU-Raum – entgegen der oft vertretenen These – die Überholspur nie verlassen. Wichtige Voraussetzung für die Attraktivität unseres Wirtschaftsstandortes und die volle Nutzung der Impulse der fortschreitenden europäischen Integration sind in Kurzformel:
Verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen auf der Basis eines wirtschaftspolitischen Grundkonsens! Dazu gehört insbesondere die soziale Sicherheit. Denn diese war die Grundlage dafür, dass Österreich nun nicht nur eines der reichsten sondern auch eines der lebenswertesten Länder der Welt ist!
Dieses erfolgreiche Wirtschaftsmodell hat nicht ausgedient! Die Herausforderungen können trotz notwendiger Anpassungen nur mit einer sozialen Marktwirtschaft verträglich bewältigt werden. Denn gerade in einem sich rasch ändernden und immer globaleren Umfeld, das den Menschen große Flexibilität und Mobilität abverlangt, ist ein funktionierendes soziales Netz ein unverzichtbarer Anker. Der Vollständigkeit halber teile ich Ihnen mit, dass Herr Generalrat Dkfm. Zwettler sein Mandat zurückgelegt hat. Die Generalversammlung hat die Herren Elsner, Dkfm. Fritz und Dr. Leutner für eine Funktionsperiode von fünf Jahren zu Mitgliedern des Generalrates gewählt bzw. wiedergewählt. Bevor ich nun das Wort an Herrn Gouverneur Dr. Liebscher gebe, darf ich darüber informieren, dass der Geschäftsbericht in deutscher und englischer Fassung sowie unsere Reden im Rahmen der Pressekonferenz ab Mittag auch über Internet zur Verfügung sein werden.
Herausgeber:
Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums/Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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