Es gilt das gesprochene Wort.
Presseaussendung
World Investment Report 2004: “The Shift Towards Services”
Mag. Dr. Peter Zöllner, Direktor
22. 9. 2004
Sehr geehrte Damen und Herren!
Wie schon in den vergangenen Jahren freut es mich, Sie im Namen der Oesterreichischen Nationalbank anlässlich der Präsentation des „World Investment Report 2004“ der UNCTAD begrüßen zu dürfen. Ich darf Ihnen Herrn Michael LIM von der UNCTAD vorstellen, der die wichtigsten Ergebnisse und Inhalte präsentieren wird, und den ich hier in unserem Hause auch sehr herzlich willkommen heißen möchte. Ich darf auch Sie alle und die Vertreter der Presse begrüßen und für Ihr Interesse danken.
Der Weltinvestitionsbericht des Jahres 2004 beschäftigt sich mit der wachsenden Bedeutung des Dienstleistungssektors bei den Direktinvestitionen. Dabei sprechen wir beispielsweise vom Handel und vom Transportsektor, von Versorgungsunternehmen und dem Telekommunikationssektor, wo es in Vergangenheit gewaltige Transaktionen gegeben hat, von den für Österreich besonders wichtigen Banken und Versicherungen, aber auch von Werbefirmen oder von Consulting-Unternehmen.
Auch in Österreich gewinnen die grenzüberschreitenden Beteiligungen im Dienstleistungsbereich laufend an Bedeutung. Bei den aktiven Direktinvestitionen entfallen heute bereits drei Viertel auf den Dienstleistungssektor. Allein die Direktinvestitionen in Banken und Versicherungen übertreffen mit 10,8 Mrd EUR das gesamte unmittelbar in der Sachgütererzeugung veranlagte Direktinvestitionskapital (8,5 Mrd. EUR). Österreichische Finanzdienstleister beschäftigten über 62.000 Menschen im Ausland. Auch bei den passivenDirektinvestitionen ist der Dienstleistungsanteil mittlerweile auf über 70 Prozent angestiegen.
Die wachsende Rolle des Dienstleistungssektors bei den Direktinvestitionen wird aber zum Teil durch rein statistische Gründe überzeichnet. Beispielsweise werden die Aktivitäten von BMW in Österreich über eine Holdinggesellschaft abgewickelt und das investierte Kapital daher dem Dienstleistungssektor zugerechnet. Die zunehmende Beliebtheit von grenzüberschreitenden Holdingkonstruktionen erhöht gewissermaßen „künstlich“ den Anteil des Dienstleistungssektors.
Zunächst aber lassen Sie mich wie gewohnt auf die Entwicklung der aktiven und passiven Direktinvestitionen Österreichs im Vergleich zu den weltweiten Daten eingehen.
Weltweit haben sich die grenzüberschreitenden Firmenverflechtungen vom Einbruch des Jahres 2000 immer noch nicht erholt. Nach Aussendungen der OECD und des Economist – die sich wie die UNCTAD mit diesem Thema intensiv beschäftigen – dürften im Jahr 2003 die Direktinvestitionsflüsse im OECD-Raum zum dritten Mal in Folge gesunken sein. Die Daten der UNCTAD erfahren Sie in wenigen Minuten. Der zögerliche Wirtschaftsaufschwung, Sorgen um die internationale Sicherheit und die Notwendigkeit, die Bilanzen nach den Megafusionen der späten neunziger Jahre erst einmal zu sanieren, sind dafür verantwortlich, dass der Kapitalzufluss in die OECD-Staaten um 28 Prozent gesunken ist. Es gibt zwar gewisse Anzeichen für eine Belebung des Mergers & Acquisitions-Business in letzter Zeit, und die UNCTAD glaubt, dass 2003 der Wendpunkt war. Vielleicht sollte man aber auch weniger von einem Einbruch als vielmehr von einer Normalisierung der Verhältnisse sprechen. Die Situation um 2000 ist da eher als Ausreißer zu bezeichnen. Außerdem ist ja nur das Volumen der Neuinvestitionen rückläufig – der Bestand an grenzüberschreitenden Firmenbeteiligungen wächst weiterhin, er wächst nur etwas langsamer, aber er wächst immer noch deutlich schneller als das Bruttoinlandsprodukt.
Österreich hat in punkto Internationalisierung während des Booms der späten 90er-Jahre stark aufgeholt – das betrifft vor allem die Direktinvestitionen im Ausland. Die Direktinvestitionsaktivitäten behaupten sich seither auf einem beachtlich hohen Niveau. Die aktiven Direktinvestitionsströme der Jahre 2002 und 2003 sind mit jeweils über 6 Mrd. EUR praktisch gleich hoch wie 2000. Die bisher vorliegenden Daten für das erste Halbjahr 2004 liegen zwar merklich unter dem Niveau des Jahres 2003, eine Hochrechnung auf das Gesamtjahr wäre aber verfrüht. Die Rekordbeteiligung der OMV in Rumänien, die laut Presseberichten die Milliardenschwelle überschreiten soll, ist in diesen Daten beispielsweise noch nicht enthalten. Auf der Passivseite, also bei den Beteiligungen des Auslands in Österreich, wird das Jahr 2000 dank der damaligen Fusion von HVB und Bank Austria auf absehbare Zeit unerreicht bleiben. Die Jahre 2001 und 2003 – ich erinnere an die Übernahme der Austria Tabak durch Gallaher bzw. der BrauUnion durch Heineken – nehmen mit ebenfalls jeweils mehr als 6 Mrd EUR die Ränge 2 und 3 ein. Der drastische Einbruch des Jahres 2002, in dem es netto kaum neue Direktinvestitionen gegeben hat, war vor allem eine Folge eines Rückzugs der Italiener aus dem österreichischen Telekommarkt. Im laufenden Jahr haben wir bisher netto rd. 2 Mrd an passiven Direktinvestitionen verzeichnet, 2004 könnte also wieder ein schwächeres Direktinvestitionsjahr werden. Sowohl bei aktiven, wie auch bei den passiven Direktinvestitionen hängt die weitere Entwicklung stark vom Voranschreiten der Privatisierung bei uns und anderswo ab.
Durch die überdurchschnittliche Performance in den letzten Jahren konnte die österreichische Volkswirtschaft ihren Rückstand in der Bestandsstatistik stark reduzieren. Nach den Ergebnissen der jüngsten Direktinvestitionsbefragung der OeNB belief sich der Wert strategischer Firmenbeteiligungen von Österreichern im Ausland zum Jahreswechsel 2002/03 auf 40,5 Mrd EUR, die ausländischen Beteiligungen in Österreich repräsentieren einen Wert von 41,5 Mrd EUR, das sind im einen Fall knapp, im anderen Fall exakt 19 Prozent des BIP. Dank anhaltend reger Direktinvestitionsaktivitäten im Jahr 2003 ergibt sich laut Zahlungsbilanzstatistik für den Jahreswechsel 2003/2004 eine erwartete Quote von 21 Prozent. Im aktuellen World Investment Report weist die UNCTAD den weltweiten Bestand für 2003 mit annähernd 23% aus. Österreich liegt also nur noch wenig zurück.
Besonders wichtig war der mit der Ostöffnung einsetzende Aufholprozess bei der aktiven Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft. Die zweite Folie (Folie 2). –mit Daten aus dem WIR des Vorjahres – zeigt, dass Österreich zwar nun sehr nahe am weltweiten Durchschnitt liegt, was aktive wie passive Direktinvestitionen betrifft, der Vergleich mit Finnland oder Schweden macht aber deutlich, dass das Erreichte kein Grund ist, sich nun „entspannt zurückzulehnen“. Auch vom EU-Durchschnitt sind wir noch ein Stück weit entfernt. Die beiden Extremfälle Irland und Schweiz zeigen auf, dass man sowohl mit einer sehr starken aktiven, wie auch einer starken passiven Internationalisierung wirtschaftlich erfolgreich sein kann !!! Irland startete mit hohen passiven Direktinvestitionen einen enormen Aufholprozeß, die Schweiz sichert mit hohen aktiven Direktinvestitionen ihre weltwirtschaftliche Integration ab.
Nicht geändert hat sich die spezifische regionale Konzentration der österreichischen Direktinvestitionen. Bei den passiven Direktinvestitionen in Österreich ist die starke regionale Konzentration auf die „alten EU-Mitglieder“ und darunter insbesondere Deutschland auffallend (Folie 3). 73% der passiven Direktinvestitionen befanden sich zu Jahresende 2002 in Händen von EU-Investoren, mehr als die Hälfte davon in deutschem Besitz. Weltweit stammen nur 8% der Direktinvestitionen aus Deutschland, in Österreich sind beinahe 40%.
Bei den aktiven Direktinvestitionen springt Österreichs Position als wichtiger Investor in den Transformationsländern deutlich ins Auge. Insgesamt entfielen zu Jahresende 2002 über 36% des österreichischen Direktinvestitionsbestands im Ausland auf Mittel- und Osteuropa und nur wenig mehr, nämlich 37%, auf die (alte) Europäische Union. (Folie 4). Als Folge davon entfallen weniger als 20% der Direktinvestitionen auf Länder außerhalb Europas
Da auch im Jahr 2003 lt. Zahlungsbilanzstatistik beinahe die Hälfte aller österreichischen Direktinvestitionen nach Osteuropa geflossen ist, dürften die österreichischen Investoren ihre Position im vergangenen Jahr weiter ausgebaut haben. Laut WIFO bzw. WIIW ist der Anteil Österreichs bei den Neuinvestitionen in Mitte- und Osteuropa von 12,8 (2002) auf 15% (2003) gestiegen, darunter in den acht neuen mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedern von 11 auf 23%. Bei den aussagekräftigeren, weil weniger volatilen Bestandsstatistiken wuchs der österreichische Anteil von 7,1 auf 7,9%, darunter wieder in den neuen EU-Ländern von 8,3 auf 9,5%. Folie 5 gibt die aktuellsten Daten für einzelne Länder wieder. Österreich behauptet in Slowenien und Kroatien den 1. Rang, und hält in der Slowakei, in der Tschechischen Republik und in Ungarn den dritten Platz.
Österreich hat in den vergangenen 10 bis 15 Jahren immer wieder auf seine Rolle als Sprungbrett für Handel und Investitionen in Mittel- und Osteuropa hingewiesen. Mit dem Beitritt von acht Ländern aus dieser Region zur Europäischen Union per 1.5.2004 könnte diese Rolle mittelfristig in Frage gestellt sein. Leider gibt es keine spezielle Statistik für regionale Headquarter. Mit Hilfe unserer Direktinvestitionsstatistik können wir aber immerhin eine Abschätzung versuchen. In den folgenden Grafiken möchte ich Ihr Augenmerk auf jene österreichischen Firmen legen, die einerseits Direktinvestitionen im Ausland unterhalten, andererseits aber selbst Tochterunternehmen eines ausländischen Konzerns sind. Damit erhalten wir eine grobe Abschätzung für die Zahl oder die Rolle von Brückenköpfen. Das Bild ist allerdings insoferne unvollständig, als zum Beispiel reine Managementgesellschaften, die nicht selbst eine Auslandsbeteiligung halten, nicht erfasst werden. Ebenso sind wir derzeit nicht in der Lage, jene Fälle zu identifizieren, in denen die passive und die aktive Direktinvestition über mehrere Stufen innerhalb Österreichs miteinander verbunden sind. Umgekehrt gibt es auch Fälle von Holdinggesellschaften, die in Österreich nicht viel mehr als einen Postkasten unterhalten. Trotzdem ist das Bild interessant:
In Folie 6 können sie die Zahl unmittelbar ausländisch beeinflusster Unternehmen in Österreich erkennen. Sie wächst langsam und beträgt derzeit 2.633. Nur 207 von diesen Unternehmen scheinen gleichzeitig als Investoren in unserer Statistik der aktiven Direktinvestoren auf. Das erscheint zunächst wenig, sind es doch weniger als 10%. Setzt man diese 207 Unternehmen zur Gesamtzahl der relevanten Investoren in Beziehung – und das waren zuletzt 955 – so heißt das jedoch, dass jeder fünfte österreichische Investor ausländisch beeinflusst ist, also ein Brückenkopf ist.
Noch deutlicher wird das Bild, wenn wir das investierte Kapital betrachten (Folie 7). Von den 41½ Mrd Euro an passiven Direktinvestitionen sind mehr als ein Drittel, nämlich 16,9 Mrd Euro in Firmen veranlagt, die selbst als Auslandsinvestoren auftreten. Der Anteil dieses „Brückenkopfkapitals“ ist dabei seit der Ostöffnung stetig gewachsen und erreichte 2000 beinahe 45 Prozent. Ob der danach einsetzende Rückgang eine Trendwende ist, kann nach nur zwei Jahren noch nicht gesagt werden. Auch in Relation zu den aktiven Direktinvestitionen zeigt sich die bedeutende Rolle von Brückenköpfen. Ein gutes Viertel, nämlich 658 von 2442 österreichischen Direktinvestitionsunternehmen im Ausland, gehörten ausländisch beeinflussten Investoren (Folie 8). Von den 40 ½ Mrd Euro Direktinvestitionskapital im Ausland stehen zumindest 14,4 Mrd in den Büchern von ausländisch beeinflussten Firmen. Auch hier ist eine leicht zunehmende Tendenz zu erkennen. Das ist leicht zu erklären: Oft brauchen österreichische Firmen Kapital für die Expansion in den Osten, das kommt nicht selten aus dem Ausland!
Ob es gelingen wird, diese Zentralen auf Dauer in Österreich zu behalten, ist keine leicht zu beantwortende Frage. Die Steuerreform 2005 bietet sicherlich einen Anreiz einen österreichischen Holdingsitz beizubehalten. Ein dichtes Angebot an hochwertigen unternehmensbezogenen Dienstleistungen, eine funktionierende Infrastruktur (vor allem Bildung), qualifizierte Mitarbeiter und forschungsfreundliche Rahmenbedingungen können entscheidend dazu beitragen, Entwicklungs-, Verwaltungs- und Forschungs-zentren multinationaler Konzerne in Österreich zu halten, auch wenn manche lohn-empfindlichen Produktionsschritte im Zuge des „Offshoring“ weiter nach Osten oder Südosten ausgelagert werden.
Nach wie vor stehen aber bei über 70% der aktiven österreichischen Direktinvestitionen der Marktzugang und der Erwerb von Marktanteilen im Vordergrund. Direktinvestitionen sind sehr oft eine Voraussetzung für erfolgreiche Exporttätigkeit und sichern so Unternehmen und Arbeitsplätze in Österreich. Ein gutes Beispiel dafür sind die Aktivitäten der österreichischen Banken in den neuen EU-Mitgliedstaaten, die dort insgesamt Marktführer sind. Die Arbeitsplatzeffekte von Outsourcing- und Offshoring- Aktivitäten im Dienstleistungssektor sind bis dato relativ gering. Dagegen waren im produzierenden Sektor durch Outsourcing und Verlagerungen von Unternehmensteilen da oder dort auch Arbeitsplatzverluste zu beobachten. Unterm Strich wirkte sich die Internationalisierung für Österreich bisher positiv aus.
Globalisierungsproteste, abgebrochene WTO Verhandlungen und sonstige negative Schlagzeilen zur derzeitigen Wirtschaftsentwicklung vermitteln manchmal den Eindruck, dass die Nettoeffekte des freien Güterverkehrs, der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit und des liberalisierten Kapitalverkehrs negativ sind. Sie lassen vergessen, dass all dies den Konsumenten den Zugang zu einer wesentlich breiteren Palette an Gütern und Dienstleitungen und zwar oft zu geringeren Preisen ermöglicht, als der rein national angebotenen. Österreichischen Unternehmen hat speziell die Öffnung Mittel- und Osteuropas wichtige neue Märkte eröffnet, was nicht nur Absatzsteigerungen, sondern auch die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen ermöglichte und schließlich die Attraktivität dieser Unternehmen für die Investoren hob. Die mit einer verstärkten internationalen Arbeitsteilung verbundenen Ängste, dass wir uns in eine Spirale nach unten hinsichtlich Arbeitsplätze, Löhne und Lebensstandard begeben, teile ich nicht. Globalisierung ist auch kein Nullsummenspiel, bei dem die eine Volkswirtschaft auf Kosten der anderen profitiert. Sie ist vielmehr eine Entwicklung, die insgesamt die Produktivität erhöht, Wirtschafts- und Einkommenswachstum und damit einen höheren Lebensstandard in den beteiligten Ländern fördert. Natürlich muss bei der Beurteilung dieser Entwicklung auch die generelle Wirtschaftslage berücksichtigt werden, die ihrerseits Konsumverhalten und Arbeitsmarkt beeinflusst. Sie verdeutlicht aber die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Erhaltung der Attraktivität des Standorts Österreichs durch Investitionen ins Humankapital sowie in Forschung und Entwicklung um den zukünftigen technologischen und strukturellen Anforderungen gerecht zu werden. Insgesamt hat sich die Internationalisierung für Österreich bisher bezahlt gemacht.
Ich darf nun das Wort an Herrn LIM weitergeben und ihn bitten, den World Investment Report 2004 vorzustellen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
The floor is yours, Mr. LIM!
UNCTAD-Präsentation Zöllner
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UNCTAD-Präsentation Zöllner (206 KB)
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
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Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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