Presseaussendung


World Investment Report 2005

"Transnational Corporations and the Internationalization of R&D"

Mag. Dr. Peter Zöllner, Direktor
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 29. 9. 2005

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wie schon in den vergangenen Jahren freut es mich, Sie im Namen der Oesterreichischen Nationalbank anlässlich der Präsentation des „World Investment Report 2005“ der UNCTAD begrüßen zu dürfen. Ich darf Ihnen Herrn Jean Francois Outreville von der UNCTAD vorstellen, der die wichtigsten Ergebnisse und Inhalte präsentieren wird, und den ich hier in unserem Hause auch sehr herzlich willkommen heißen möchte. Bevor wir uns inhaltlich mit den Direktinvestitionen beschäftigen, möchte ich Sie aber noch auf ein wichtiges technisches Detail hinweisen. Die Aussendungen der UNCTAD unterliegen einem Embargo bis 19 Uhr heute Abend und ich möchte Sie daher ersuchen, diese Frist strikt zu beachten.

 

Der Weltinvestitionsbericht beschreibt, wie Sie wissen, die aktuellsten Entwicklungen im Bereich der Direktinvestitionen und behandelt daneben jeweils ein Spezialthema: Thema des Jahres 2005 ist die Rolle der Multinationalen Unternehmen im Bereich von Forschung und Entwicklung. Zu diesem Thema können wir auf die Forschungs- und Entwicklungs­erhebungen von Statistik Austria zurückgreifen. Aus diesen Befragungen wissen wir, dass Multinationale Konzerne für die Finanzierung und die Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in Österreich von außerordentlicher Bedeutung sind. Von 4,8 Mrd EUR an Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2002 – das sind die gesamten Aufwendungen für Forschungsaktivitäten in österreichischen Forschungs­einrichtungen und Unternehmen – wurde ein gutes Fünftel, mehr als eine Milliarde EUR, aus dem Ausland finanziert. Dabei umfassen die ausländischen Finanzierungsmittel sowohl Gelder der EU und anderer internationaler Organisationen als auch und vor allem Mittel, die von ausländischen Unternehmen (egal, ob verbunden oder nicht) nach Österreich fließen. Mit einem Anteil von 21,7% an auslandsfinanzierter Forschung liegt Österreich innerhalb der EU weit über dem Durchschnitt von 8,2%. 561 Mio EUR haben die Forschungsabteilungen österreichischer Unternehmen im Jahr 2002 von ausländischen Konzerngesellschaften erhalten. Der bemerkenswerte Anstieg der österreichischen Forschungsquote innerhalb des letzten Jahrzehnts wurde zu einem nicht unerheblichen Anteil dadurch ermöglicht, dass sich österreichische Unternehmen als Kompetenzzentren internationaler Konzerne etablieren konnten. 

 

Lassen Sie mich jedoch nun auf die aktuellen Entwicklungen bei aktiven und passiven Direktinvestitionen Österreichs  eingehen

 

Nach den Ergebnissen der jüngsten Direktinvestitionsbefragung der OeNB belief sich der Wert strategischer Firmenbeteiligungen von Österreichern im Ausland, also die aktiven Direktinvestitionen, zum Jahreswechsel 2003/04 auf 44,3 Mrd EUR. Dies ist eine Zunahme des Bestands an aktiven Direktinvestitionen um 9,4% und bedeutet, dass die Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft weiter deutlich zugenommen hat. Das Wachstum der passiven Direktinvestitionen im Verlauf des Jahres 2003 war deutlich schwächer und betrug etwa 2,8%, womit das Unternehmensvermögen ausländischer Investoren   in Österreich zu Jahresbeginn 2004 einen Wert von 42,6 Mrd EUR erreichte. Damit verzeichnet die seit mehr als 30 Jahren bestehende Erhebung der Oesterreichischen Nationalbank wertmäßig erstmals mehr aktive als passive Direktinvestitionen. 

 

Wirft man einen Blick auf die Zahl der involvierten Firmen, so sieht man, dass dieser Aufholprozess vor allem auf die wachsende Zahl österreichischer Auslandstöchter und weniger auf eine wachsende Zahl an Investoren zurückzuführen ist. Die Zahl der Auslandstöchter ist seit 1993 um mehr als 1.000 auf 2.586 gestiegen, während die Zahl der heimischen Investoren nur um 131 auf knapp 1.000 gewachsen ist. Es ist also ein fester Kreis international agierender Firmen, die ihren Aktionsradius beständig ausweiten. Die Zahl ausländisch beeinflusster Firmen in Österreich hat im gleichen Zeitraum um knapp 500 auf 2.633 zugenommen.



Direktinvestitionen und Direktinvestitionsunternehmen

Seit dem Stichtag der Befragung   – also in den Jahren 2004 und dem ersten Halbjahr 2005 haben wir in der Zahlungsbilanz weitere 8½ Mrd EUR an aktiven und 6½ Mrd EUR an passiven Direktinvestitionen registriert, wodurch sich der Internationalisierungsgrad weiter erhöht und die Nettoposition weiter aktiviert haben dürfte. Diesen erfolgreichen Aufholprozess Österreichs zeigt Ihnen die Folie.


Österreichs Direktinvestitionsbestand im Verhältnis zum BIP

Die Fortschreibung 2004 ergibt für Österreich eine Quote um die 20 Prozent; aktivseitig etwas mehr, passivseitrig leicht darunter. Österreich hat in punkto Internationalisierung während des Booms der späten 90er-Jahre stark aufgeholt – im World Investment Report des Vorjahres wies die UNCTAD den weltweiten Bestand für 2003 mit annähernd 23% aus. Erfreulich ist aus unserer Sicht vor allem die mit 2003 einsetzende Aktivierung der Nettoposition. 

 

Die nächste Folie – mit Daten aus dem WIR des Vorjahres – zeigt, dass Österreich zwar nun sehr nahe am weltweiten Durchschnitt liegt, was aktive wie passive Direktinvestitionen betrifft, der Vergleich mit Finnland oder Schweden macht aber deutlich, dass das Erreichte kein Grund ist, sich nun „entspannt zurückzulehnen“. Auch vom Durchschnitt der EU-15 sind wir noch ein Stück weit entfernt. 

 

Die beiden Extremfälle Irland und Schweiz zeigen auf, dass man sowohl mit einer sehr starken aktiven, wie auch einer starken passiven Internationalisierung wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Irland startete mit hohen passiven Direktinvestitionen einen enormen Aufholprozess, die Schweiz sichert mit hohen aktiven Direktinvestitionen ihre weltwirtschaftliche Integration ab. 



Direktinvestitionsbestand in % des BIP (Ende 2003)

Seriöserweise muss man aber auch darauf hinweisen, dass man bei internationalen Vergleichen vorsichtig sein muss, weil die Daten über Direktinvestitionen zu Fehlinterpretationen führen können, auch wenn sie statistisch korrekt sind. Ein Hauptgrund dafür liegt in der wachsenden Beliebtheit von Holdinggesellschaften in Drittländern, die – aus steuerlichen oder anderen Gründen – an Orten errichtet werden, wo sie keinerlei wirtschaftliche Aktivitäten im Sinne der Produktion von Gütern und Dienstleistungen entfalten. Luxemburg ist dafür ein klassisches Beispiel, die Niederlande haben das Problem und auch in Österreich sind wir öfter als früher mit dem Phänomen konfrontiert, dass Unternehmen nur als „Durchlaufstation“ für Finanzierungen und Gewinnverteilung gegründet werden. 

 

Meine Damen und Herren!

 

Österreich ist bekanntlich Spitzenreiter bei Direktinvestitionen in Mittel- und Osteuropa: Zum Jahresbeginn 2004, unmittelbar vor der Erweiterung der EU, haben die 19 zentral- und osteuropäischen Länder mit einem Anteil von 36,8% die alte EU mit 34,5% als Zielregion österreichischer Direktinvestitionen erstmals überholt. Per 1. Mai 2004 sind allerdings acht dieser Länder der EU zuzurechnen, die somit nach der Erweiterung auf einen Anteil von 63% kommt. Da im Jahr 2004 lt. Zahlungs­bilanzstatistik sogar mehr als die Hälfte aller österreichischen Direktinvestitionen nach Osteuropa geflossen sind, dürften die österreichischen Investoren ihre Position dort im vergangenen Jahr weiter ausgebaut haben. Besonders deutlich wird dies anhand der von WIFO und WIIW gesammelten Partnerlanddaten, wo Österreich nunmehr in drei Ländern, nämlich in Kroatien, Slowenien und Bulgarien zum wichtigsten Auslandsinvestor geworden ist. Stark verbessert hat sich die Position Österreichs auch in Rumänien, wo Österreich im letzten Jahr – vor allem durch den Erwerb der Petrom durch die OMV – vom 7. auf den 2. Platz vorgerückt ist. Den Spitzenplatz in Bulgarien verdanken wir vor allem der Beteiligung an der Bulgarischen Mobilkom, die in diesem Frühjahr an die Telekom Austria weitergegeben wurde.



Österreich als Direktinvestor in Osteuropa
 
 Rang in der Liste der InvestorenGesamtstand in Mrd EURÖsterreichs Anteil in %
 
Kroatien  1. Platz9,5427,0
Slowenien  1. Platz 5,0723,3
Bulgarien  1. Platz  7,9217,5
Rumänien  2. Platz  10,2412,2
Slowakische Republik  3. Platz  9,8014,2
Tschechische Republik  3. Platz  35,8511,8
Ungarn  3. Platz  33,2011,2
Polen  5. Platz  43,834,0
Ukraine  9. Platz  6,143,8
Estland10. Platz  6,994,1
Litauen10. Platz  4,693,1
Lettland12. Platz  3,301,1
 
    

Im Rückblick zeigt sich dabei eine stetige Ausweitung des Aktionsradius österreichischer Investoren in Osteuropa, die sich am besten anhand der Beschäftigtenzahlen verdeutlichen lässt. 



Österreichs Direktinvestitionen in Mittel- und Osteuropa (Beschäftigte)

Begonnen hat die Ostexpansion unmittelbar nach der Wende in Ungarn – Ausdruck der besonders engen nachbarschaftlichen Beziehungen auch in Wirtschaftsdingen. Schon vor dem Jahr 2000 scheint hier jedoch eine Sättigungsgrenze erreicht worden zu sein. Jedenfalls stagnieren die Beschäftigtenzahlen seit 1997 bei 50.000. Bereits 1992 setzt der Expansionsprozess in Tschechien – ebenfalls ein unmittelbarer Nachbar – ein. Seit 2002 liegt Tschechien vor Ungarn – ohne eine sichtbare Tendenz zur Sättigung. Noch später beginnt der Investitionsboom in den anderen Staaten Mitteleuropas, die heute ebenfalls bereits EU-Mitglieder sind. Erste Investitionsprojekte in Slowenien gab es zwar schon 1990, wegen der Kleinheit dieser Volkswirtschaft ist dies im Diagramm aber kaum sichtbar. Mitte der neunziger Jahre starteten die Vorhaben in der Slowakei, und die Integration der polnischen HVB-Töchter in den BA-CA Konzern nach der Fusion des Jahres 2000 brachte eine erneute Beschleunigung der Expansion auf zuletzt mehr als 63.000 Beschäftigte. 

 

Die große Bedeutung einer EU-Beitrittsperspektive für Direktinvestitionen aus Österreich lässt sich an den Beschäftigtenzahlen österreichischer Tochterbetriebe in den Kandidatenländern Bulgarien, Rumänien und Kroatien erkennen. Bis 1997 gab es hier praktisch keinerlei Aktivitäten, mit der zunehmenden wirtschaftlichen Stabilisierung und dem Einsetzen des Privatisierungsprozesses engagieren sich österreichische Unternehmen auch in diesen Ländern. Unter Einbeziehung von 55.000 kolportierten Beschäftigten bei der nunmehr österreichisch kontrollierten PETROM könnte Rumänien 2004 vermutlich zur Spitzengruppe aufschließen. Eher zögerlich verlaufen die Investitionen im östlichen Europa, also in Russland, der Ukraine, in Moldawien und Weißrussland. Ungünstige politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bzw. die notwendige Größenordnung von Investitionen lassen österreichische Investoren eher zögern. Dynamisch könnten sich in Zukunft die österreichischen Investitionen in den übrigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens und in Albanien entwickeln, sollte es zu einer weiteren Stabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse kommen. Ende 2003 hielten Österreichische Investoren immerhin schon 16 meldepflichtige Beteiligungen in Bosnien-Herzegowina und 25 Beteiligungen in Serbien-Montenegro.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Zum Abschluss möchte ich einen Aspekt der Direktinvestitionen ansprechen, der künftig volkswirtschaftlich noch an Bedeutung gewinnen könnte, nämlich die Ertragsentwicklung bei Direktinvestitions­unternehmen. 2003 war das erste Jahr, in dem die in der Befragung erfassten Tochterunternehmen österreichischer Investoren im Ausland mehr Ertrag erwirtschaftet haben als die unter ausländischem Einfluss stehenden öster­reichischen Unternehmen. Der Vorsprung war mit 3,3 Mrd EUR zu 3,2 Mrd EUR zwar denkbar gering, doch ist dieses Ergebnis ein Zeichen dafür, dass die Phase beständiger, strukturell bedingter Einkommensdefizite in diesem Bereich zu Ende gehen könnte. Sie sehen das in der Folie an dem grünen Balken, der 2003 höher ist als der gelbe. Dass der Gleichstand bei der Eigenkapitalrendite noch nicht erreicht ist, liegt daran, dass wir zum gleichen Zeitpunkt erstmals auch eine aktive Eigenkapitalposition im Ausland haben.



Ertrag und Eigenkapitalrendite von Direktinvestitionsunternehmen

Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man sieht, dass die österreichischen Direktinvestitionen im Ausland in Summe bis einschließlich 1995 praktisch keine Erträge erwirtschaftet hatten. Dieses negative Ergebnis war Ausdruck einer Vielzahl neuer Investitionen in den Transformationsländern, die mit erheblichen Risken und hohen Umstellungskosten verbunden waren. Letztendlich haben die Investitionen aber doch – zumindest in der Mehrzahl der Fälle – zu den erhofften positiven Resultaten geführt. Österreichische DI-Unternehmen erwirtschaften heute fast überall Gewinne, wobei die Chancen in Mittel- und Osteuropa besonders günstig sind. Die österreichische Wirtschaft hat die Chancen der Erweiterung genutzt und verdient heute damit gut.

 

Die Folie zeigt ihnen einerseits das typische Muster, wonach die Eigenkapitalrendite mit zunehmendem Alter der Beteiligung ansteigt, als auch die Tatsache, dass die Renditen in unseren mittel- und osteuropäischen Nachbarländern und in Polen besonders hoch sind. Angesichts der Vielzahl neuer Beteiligungen in jüngster Vergangenheit kann man also damit rechnen, dass die Erträge aus Österreichs Direktinvestitionen auch weiterhin zunehmen werden.



Mittlere Eigenkapitalrendite österreichischer DI-Unternehmen im Ausland nach dem Alter der Beteiligung

Das Erfreuliche an einem positiven Einkommenssaldo liegt – neben dem rein betriebswirtschaftlichen Aspekt – auch darin, dass eine Volkswirtschaft als ganze nur sparen kann, indem sie im Ausland Vermögen aufbaut. Eine alternde Gesellschaft, die neben einem auf Umverteilung von den Beschäftigten zu den Pensionisten beruhenden Umlageverfahren auch die kapitalgedeckte Komponente zur Sicherung der Pensionen stärken möchte, kann das u. a. auch durch Direktinvestitionen im Ausland tun. Verstärkte Direktinvestitionen in dynamisch wachsenden Volkswirtschaften stellen eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Maßnahmen, etwa der Zuwanderung fehlender Arbeitskräfte nach Österreich, dar. Statt eines Mittelabflusses von bis zu 1 Mrd EUR pro Jahr – wie in der Vergangenheit – könnte es in Zukunft also einen Nettozufluss geben: Das kann durch die weitere Verbesserung der Rendite geschehen oder auch durch den weiteren Ausbau der aktiven Direktinvestitions-Position, indem in Zukunft mehr im Ausland investiert wird als umgekehrt. 

 

Die Direktinvestitionsstatistik des ersten Halbjahres 2005, deren Ergebnisse wir Ihnen demnächst per Presseaussendung mitteilen möchten, deutet jedenfalls auf ein anhaltend hohes Interesse an grenzüberschreitenden Firmenbeteiligungen in beiden Richtungen. Betragsmäßig liegen die passiven Direktinvestitionen mit 3,1 Mrd EUR knapp vor den aktiven Direktinvestitionen (2,8 Mrd EUR), eine Prognose für das Kalenderjahr ist aber praktisch unmöglich. Fasst man die Zahl der Projekte von mindesten 1 Mio EUR ins Auge, so haben wir im ersten Halbjahr 2005 auf der Aktivseite etwa 200, auf der Passivseite hingegen nur etwa 100 neue Investitionsvorhaben zu verzeichnen.



Direktinvestitionsumsätze

Ich darf nun das Wort an Herrn Outreville weitergeben und ihn bitten, den World Investment Report 2005 vorzustellen. 

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

The floor is yours, Mr.  Outreville!

 

 



Herausgeber:

Oesterreichische Nationalbank

Sekretariat des Direktoriums/Öffentlichkeitsarbeit

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

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