Es gilt das gesprochene Wort.
Presseaussendung
World Investment Report 2008
“Transnational Corporations and the Infrastructure Challenge“
Mag. Dr. Aurel Schubert, Direktor der Hauptabteilung Statistik
Wien, 24. 9. 2008
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie im Namen der Oesterreichischen Nationalbank anlässlich der jährlichen Präsentation des „World Investment Report“ der UNCTAD, die wir auch immer gerne dazu verwenden, aktuelle Zahlen zum Thema aus unserem Hause zu präsentieren. Zunächst möchte ich Ihnen aber Herrn Dr. Pollan vorstellen.
Er ist Jurist und gebürtiger Österreicher und arbeitet bereits seit einigen Jahren regelmäßig als Autor am WIR mit. Er wird also die wichtigsten Ergebnisse und Inhalte präsentieren und ich möchte ihn hier in unserem Hause herzlich willkommen heißen.
Bevor wir uns inhaltlich mit den Direktinvestitionen beschäftigen, möchte ich Sie aber noch auf ein wichtiges technisches Detail hinweisen. Die Aussendungen der UNCTAD unterliegen einem Embargo bis 19 Uhr heute Abend und ich möchte Sie ersuchen, diese Frist strikt zu beachten.
Auch dieser nunmehr bereits 18. Weltinvestitionsbericht beschreibt, wie gewohnt, die aktuellsten Entwicklungen im Bereich der Direktinvestitionen und behandelt daneben ein Spezialthema: Thema des Jahres 2008 ist die Rolle transnationaler Gesellschaften bei der Entwicklung der Infrastruktur, vorwiegend natürlich in den ärmeren Ländern der Welt. Das Thema ist sehr wichtig, sind doch eine gesicherte Energie und Wasserversorgung oder eine leistungsfähige Verkehrs- oder die Kommunikationsinfrastruktur nicht nur eine entscheidende Voraussetzung für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit eines Landes, sondern auch wesentliche Rahmenbedingungen für die soziale Entwicklung.
Österreich verfügt natürlich über alle genannten Infrastruktureinrichtungen – zumeist in guter bis sehr guter Qualität. Außerdem sah man Errichtung und Betrieb solcher Infrastrukturen in Österreich historisch als öffentliche Aufgabe – und teilweise tut man das ja immer noch. Trotzdem finden sich auch österreichische Infrastrukturunternehmen als Investor oder auch als Objekte grenzüberschreitender Direktinvestitionen. Die Elektrizitätswirtschaft, eine traditionelle „Festung“ der verstaatlichten Wirtschaft, war gleichzeitig ein sehr früher Vertreter aktiven – wenn auch untypischen – Auslandsengagements. Das Donaukraftwerk Jochenstein und einige Kraftwerke am Inn finden sich seit Anbeginn als Joint Ventures mit deutschen Elektrizitätsgesellschaften in unserer Direktinvestitionsstatistik. Im Zuge der Liberalisierung des Strommarkts gab es nicht nur einzelne Börsengänge, es haben sich auch Investoren aus Deutschland und Frankreich an der EVN bzw. der Steirischen Landesgesellschaft mit strategischen Minderheiten beteiligt. Die EVN und vor allem die Verbundgesellschaft sind seither auch selbst als Investoren (in Bulgarien bzw. in Italien und zuletzt schwerpunktmäßig in der Türkei) in die Stromerzeugung und Verteilung eingestiegen. Demgegenüber ist die Wasserversorgung nach wie vor fast ausschließlich eine kommunale Aufgabe und gleichzeitig ein Thema höchst sensibler Natur.
Im Bereich der Verkehrsinfrastruktur haben wir im Luftverkehr noch einen nationalen Carrier und kleinere Fluggesellschaften mit ausländischem Einfluss, aber ohne nennenswertes Auslandsengagement. Der Flughafen hatte einige Jahre einen britischen Minderheitseigener und er ist selbst in Malta und der Slowakei aktiv engagiert. Die österreichische Schifffahrt spielt kaum eine Rolle. Auch bei der Bahn gab es 2006 noch kaum grenzüberschreitende Investitionen, der erste wirklich große Deal mit der ungarischen MAV Cargo hat erst 2007 stattgefunden.
Die über österreichisches Territorium laufenden Pipelines sind fast immer multinationale Projekte unter österreichischer Beteiligung.
Was die Telekommunikation betrifft so sei daran erinnert, dass die Telekom für mehrere Jahre einmal einen italienischen Miteigentümer gehabt hat. Ein bevorzugtes „Spielfeld“ multinationaler Konzerne ist dagegen die Mobilkommunikation – mit durchaus erfreulichen Auswirkungen auf das Preisniveau. Hier haben ausländisch kontrollierte Unternehmen erhebliche Marktanteile, gleichzeitig ist aber auch der österreichische Mitbewerber ein international aktiver Player mit Beteiligungen in Slowenien, Kroatien und Bulgarien.
Soviel zum Thema des neuen WIR aus österreichischer Sicht.
Wie in vergangenen Jahren möchte ich diese Pressekonferenz aber auch dazu benutzen, ihnen Neuigkeiten aus der österreichischen Direktinvestitionsstatistik vorzustellen. Mit dem Abschluss der Direktinvestitionserhebung zu den Beständen zum Jahreswechsel 2006/07 kommt das große Umstellungsprojekt der Zahlungsbilanzstatistik zu seinem Abschluss:
Aufgrund der Umstellungen kommen die Ergebnisse der Bestandsstatistik für den Stichtag 31. 12. 2006 etwas verspätet, die üblicherweise zu diesem Zeitpunkt verfügbare Publikation ist noch in Arbeit.
Drei wesentliche Änderungen möchte ich besonders hervorheben: Erstens verwendet die Statistik der Direktinvestitionsbestände ab sofort Marktwerte für börsennotierte Aktiengesellschaften, zweitens wurde der Begriff des „sonstigen DI-Kapitals“ erweitert (etwa um Handelskredite) und drittens ist es nun erstmals möglich zu unterscheiden, welcher Anteil der österreichischen Direktinvestitionen im Ausland von „echt“ österreichischen und welcher Teil von regionalen Hauptquartieren multinationaler Konzerne getätigt wird.
Diese methodischen Änderungen modifizieren das gewohnt Bild – keinesfalls muss jedoch „die Geschichte neu geschrieben“ werden.

Die methodischen Änderungen – eingeführt entsprechend den Wünschen von EZB und EUROSTAT – haben generell höhere Werte an Direktinvestitionen zur Folge. Die Marktkapitalisierung einer börsennotierten Aktiengesellschaft liegt fast immer über dem Buchwert.
Nach den Ergebnissen der jährlichen Umfrage der OeNB beliefen sich die Direktinvestitionen des Auslands in Österreich zu Jahresbeginn 2007 auf 84 Mrd EUR, während die österreichischen Direktinvestitionen im Ausland eine Wert von 80 Mrd EUR repräsentieren. Unter Berücksichtigung der Transaktionen aus der Zahlungsbilanz 2007 (rd. 22 Mrd EUR auf beiden Seiten) dürfte die DI-Bestände 2007 oder spätestens 2008 die 100 Mrd Schwelle überschritten haben.
Durch die Marktpreisbewertung hat Österreich wieder eine leicht passive Direktinvestitionsposition. Die 25 österreichischen AGs umfassen Schwergewichte wie Bank Austria und OMV, während die 30 ausländischen AGs zumeist wesentlich kleiner sind. Schon frühere Marktpreisschätzungen, die die OeNB vorgenommen hatte, waren zu dem Schluss gekommen, dass die passiven Direktinvestitionen tendenziell älter und ertragreicher waren, und so der Buchwert die Marktwerte deutlicher unterschätzt.
Nicht nur die finanziellen Werte sind erheblich, auch die damit verbunden wirtschaftlichen Aktivitäten: In Österreich arbeiten etwa eine Viertel Million Menschen (237 Tsd) in Betrieben ausländischer Investoren, umgekehrt beschäftigen österreichische Investoren in ausländischen Betrieben mittlerweile beinahe ein halbe Million Menschen (479 Tsd), das heißt doppelt so viele.

Für internationale Vergleiche empfiehlt sich die Bezugnahme auf das jeweilige BIP:
Durch die Marktpreisbewertung und die vollständigere Erfassung der Kredite liegt Österreich mit Direktinvestitionen von 31% (aktiv) bzw. 33% (passiv) des BIP bereits über dem weltweiten Durchschnitt (25%), wie ihn die UNCTAD veröffentlicht. Das Ausmaß der Verflechtung bleibt aber nach wie vor unter dem Durchschnitt der EU (45% aktiv und 38% passiv).
ACHTUNG bei Vergleichen: SPEs können erheblichen Einfluss haben. SPEs (= ausländisch kontrollierte Holdings, deren einzige „Aktivität“ der Besitz von Auslandsbeteiligungen ist). Die Hinzunahme von 5 SPEs, die 2005 erstmals einen größere Rolle in Österreich spielen (55 bis 60 Mrd EUR), würden Österreichs Anteile auf beiden Seiten um weitere 21 Prozentpunkte erhöhen.

Die Übernahme der Bayrischen Hypo-Vereinsbank durch die italienische Unicredit hat 2006 zu eine erheblichen Verschiebung der Regionalstruktur der passiven Direktinvestitionen geführt. Obwohl die Bank Austria zunächst noch im Besitz der deutschen Gesellschaft verblieb, wurde sie wegen des „Stammhausprinzips“ Italien zugeordnet:
Deutschland bleibt mit 24 Mrd. EUR nach wie vor wichtigstes Herkunftsland von Direktinvestitionen in Österreich, Italien liegt mit 19 Mrd EUR nun „knapp“ dahinter.
Unverändert bleibt die bekannte „Europalastigkeit“ der heimischen Direktinvestitionen.

Auf der Aktivseite springt im Vergleich mit den UNCTAD-Daten die Rolle Österreichs als Investor in Osteuropa ins Auge: Nahezu 50% der aktiven Direktinvestitionen liegen in Mittel-, Ost- oder Südosteuropa:
| Osteuropa als Ziel österreichischer Direktinvestitionen | ||||
|---|---|---|---|---|
| Anzahl Beteiligungen | Gesamtstand in Mio EUR | Beschäftigung | Jahresertrag in Mio EUR | |
| EU-15 | 948 | 27.947 | 81.467 | 1.702 |
| MOEL-19 | 1.725 | 36.760 | 345.244 | 4.032 |
| übr. Europa | 222 | 7.963 | 11.007 | 795 |
| Rest der Welt | 378 | 7.586 | 41.154 | 1.019 |
| Insgesamt | 3.273 | 80.256 | 478.872 | 7.548 |
| in Prozent | ||||
| EU-15 | 29 | 35 | 17 | 23 |
| MOEL-19 | 53 | 46 | 72 | 53 |
| übr. Europa | 7 | 10 | 2 | 11 |
| Rest der Welt | 12 | 9 | 9 | 13 |
| Quelle: OeNB. | ||||

Anhand der Beschäftigtenzahlen kann man erkennen, dass der aktuelle Fokus des heimischen Engagements in drei Regionen liegt. Erstens in Rumänien und Bulgarien, den neuen EU-Mitgliedern, zweitens in Osteuropa, wo vor allem die Ukraine und Russland zu erwähnen sind, und drittens in Südosteuropa mit einem Schwerpunkt in Kroatien und Serbien.
| Österreichs Rolle als Direktinvestor in Osteuropa | |||
|---|---|---|---|
| Rang in der Liste der Investoren | Gesamtstand in Mrd EUR | Österreichs Anteil in % | |
| Bosnien-Herzegowina | 1. Platz | 3,0 | 39,5 |
| Slowenien | 1. Platz | 6,8 | 32,3 |
| Bulgarien | 1. Platz | 17,4 | 25,4 |
| Rumänien | 1. Platz | 34,5 | 23,0 |
| Kroatien | 1. Platz | 20,8 | 20,4 |
| Serbien | 2. Platz | 8,0 | 15,6 |
| Slowakische Republik | 3. Platz | 20,0 | 14,8 |
| Ungarn | 3. Platz | 54,7 | 11,4 |
| Tschechische Republik | 3. Platz | 60,6 | 11,3 |
| Mazedonien | 3. Platz | 2,1 | 10,5 |
| Ukraine | 4. Platz | 20,1 | 7,0 |
| Montenegro | 5. Platz | 2,2 | 7,6 |
| Albanien | 6. Platz | 0,3 | 2,3 |
| Polen | 9. Platz | 94,6 | 3,7 |
| Quelle: WIIW-Datenbank 2008. | |||
Partnerland-Statistiken bestätigen die bedeutende Rolle Österreichs als Ostinvestor.
Fünf erste Plätze, darunter die Schwergewichte Rumänien, Kroatien und Bulgarien.
Ein zweiter Platz in Serbien und vier dritte Plätze, wobei wir uns in Ungarn und der Tschechischen Republik seit vielen Jahren behaupten können.
Die Zahlungsbilanzdaten der Jahre 2007 und 2008 lassen auf einen weiteren Aufbau der starken Position Österreichs schließen. Allerdings gab es 2007 auch Schwerpunkte außerhalb der MOEL-Region, nämlich in Kasachstan und der Türkei.

Parallel mit den Beständen and Direktinvestitionen wachsen auch die erzielten Erträge:
2006 war ein sehr erfolgreiches Jahr. Wie schon 2003 und 2004 waren die aktiven Direktinvestitionen mit 7,5 Mrd EUR erfolgreicher als die passiven mit 7 Mrd EUR, das heißt die österreichischen Investoren haben im Ausland mehr verdient als umgekehrt die Ausländer in Österreich.
Die Rendite von 12,5% entspricht bei den passiven Direktinvestitionen dem langjährigen Durchschnitt, für die aktiven Direktinvestitionen stellt sie einen Rekordwert dar, der umso erfreulicher ist, als vor 10 und mehr Jahren noch nicht klar war, ob österreichische Investoren überhaupt in der Lage wären, im Ausland erfolgreich Geschäfte zu betreiben. Anfangs der 90er Jahre waren die aktiven Direktinvestitionen in Summe(!) Verlustbringer.

Bei der Pressekonferenz des vergangenen Jahres hat ein Teilnehmer gemeint, man dürfe die Auslandsbeteiligungen der Bank Austria eigentlich nicht zu den österreichischen Direktinvestitionen zählen, weil sie ja kein österreichisches Unternehmen mehr sei.
Man könnte diese Auffassung formal – mit einem Hinweis auf internationale Empfehlungen zur Erstellung der Statistiken – zurückweisen. Tatsächlich sehen aber auch die zuständigen Statistiker das Problem, dass es durch immer längere Direktinvestitionsketten über Holdinggesellschaften zu „Doppelzählungen“ von Direktinvestitionen kommt.
EineAntwort darauf ist der Ausschluss völlig inaktiver Holdinggesellschaften (Special Purpose Entities“) wie wir das seit 2005 tun. Die Bank Austria hat allerdings auch erhebliche österreichische Aktivitäten und eine Ergebnisverantwortung für ihre Beteiligungen: Sie muss daher in der Statistik berücksichtigt werden.
Hier können wir Ihnen nun erstmal ein vollständiges Bild davon geben, welche Rolle ausländisch beherrschte Gesellschaften bei den aktiven Direktinvestitionen spielen. Ein gutes Viertel der österreichischen Investoren sind „regionale Hauptquartiere“ oder „Brückenköpfe“, die ein gutes Drittel aller Auslandsinvestitionen (gemessen am Wert oder an der Beschäftigung) halten. Oder umgekehrt formuliert: etwa zwei Drittel der aktiven Direktinvestitionen Österreichs stehen unter der Kontrolle „echt österreichischer“ Eigentümer.
Rückfragehinweis:
Statistik-Hotline
Tel.: (+43-1) 404 20-5555
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Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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