Rede Gouverneur Dr. Klaus Liebscher


Pressekonferenz „Zahlungsbilanz 2004“

Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 26. 4. 2005

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich darf Sie zur der heutigen Pressekonferenz der Oesterreichischen Nationalbank sehr herzlich begrüßen. Gemeinsam mit Herrn Direktor Dr. Peter Zöllner, dem für den Bereich Statistik zuständigen Mitglied des Direktoriums, und dem Direktor der Hauptabteilung Statistik, Herrn Dr. Aurel Schubert, möchte ich Ihnen die wichtigsten Ergebnisse der österreichischen Zahlungsbilanz für das Jahr 2004 präsentieren. 

Wie Sie wissen, bietet das Jubiläumsjahr 2005 für Österreich nicht nur Anlass für Feierlichkeiten im Zusammenhang mit Kriegsende und Staatsvertrag, sondern es jährt sich auch der Beitritt unseres Landes zur Europäischen Union zum zehnten Mal. Eine Reihe von Untersuchungen belegt, dass diese Entscheidung sehr positive Auswirkungen auf Wohlstand, Kaufkraft und Beschäftigung – um nur einige wesentliche Faktoren zu nennen – für die österreichische Volkswirtschaft nach sich gezogen hat. Diese Schlussfolgerung lässt sich auch anhand von Zahlenmaterial aus der Außenwirtschaft nachvollziehen: So stieg beispielsweise die Waren-Exportquote Österreichs von rd. 25% im Jahr 1995 auf 38% im Jahr 2004 an – ein historischer Rekordwert! Im selben Zeitraum haben sich die Direktinvestitionen aus der EU-15 in Österreich von 10 Mrd Euro auf etwa 38 Mrd Euro fast vervierfacht, während österreichische Investitionen im EU-15-Raum von etwa 4 Mrd Euro auf über 19 Mrd Euro anstiegen.

Bereits aus diesen wenigen Datenbeispielen kann das Resümee gezogen werden, dass die Integration Österreichs in die EU einen beachtlichen Antriebsmotor für unsere Außenwirtschaft verkörpert hat und weiter verkörpern wird. Gemeinsam mit vielen anderen ökonomischen Indikatoren geben sie uns eine Vorstellung darüber, wie wichtig und richtig die seinerzeitige Beitrittsentscheidung für Österreich war.


Meine sehr geehrten Damen und Herren! 

Das Rad der Zeit nur um ein Jahr zurückdrehend möchte ich ein weiteres für Österreich bedeutendes Ereignis ansprechen: Fast auf den Tag genau vor einem Jahr sind wir Zeugen einer Erweiterungsrunde der EU von – wie ich meine – historischer Dimension geworden: Zehn neue Länder, von denen acht zum ehemaligen Ostblock zählen, haben der EU ein Bevölkerungswachstum von 74 Millionen Einwohnern oder rd. 20% gebracht. Damit wurde ein weiterer bedeutender Meilenstein für das politische, ökonomische und kulturelle Zusammenwachsen Europas gesetzt.

Der bereits in vollem Gang befindliche Integrationsprozess wird die Wirtschaftskraft der neu beigetretenen Staaten in Zukunft beträchtlich steigern. In einzelnen Segmenten kann man bereits jetzt von einer guten Integration in den Binnenmarkt sprechen. Jedenfalls kann davon ausgegangen werden, dass dieser Prozess, der von – zu einem guten Teil bereits eingeleiteten – strukturellen Reformen begleitet wird, eine Reihe von Impulsen für die benachbarten Volkswirtschaften nach sich zieht. 

Für Österreich hat diese Erweiterung die unmittelbare Konsequenz, dass wir von einer geographischen Randlage ins Zentrum der Union vorgerückt sind. Dieses Faktum bildet ein hervorragendes Fundament für eine ökonomische Drehscheibenfunktion Österreichs für diese Region.

Frühzeitigen Initiativen österreichischer Banken und Wirtschaftstreibender ist es zu verdanken, dass Österreich lange vor dem effektiven Beitritt dieser Länder   – aber in dessen Erwartung – in deren Wirtschaftraum Fuß gefasst hat. Damit kann die Dynamik des Beitrittsprozesses nunmehr optimal genutzt werden. Ich möchte Ihnen einige Beispiele nennen, die die starke Verflechtung Österreichs mit den neuen EU-Mitgliedern aus Mittel- und Osteuropa dokumentieren:

  • Bereits etwa 13% der österreichischen Güterexporte haben diese Region zum Ziel; dies entspricht für das   Jahr 2004 einem   Warenwert von rund 11 Mrd Euro.
  • Das Niveau der Direktinvestitionen in diesem Wirtschaftsraum hat 2004 die 15 Mrd- Euro-Grenze überschritten und macht damit knapp 30% der gesamten Direktinvestitionen Österreichs aus.
  • Österreichische Banken erzielten 2004 im mittel- und osteuropäischen Raum (ohne Russland) einen Marktanteil von rd. 20%. Erste Bank, BA-CA und RZB zählen dort neben der belgischen KBC und der italienischen UniCredito Italiano zu den wichtigsten Auslandsbanken. In den direkten Nachbarländern reicht die Rolle österreichischer Banken von 12% in Slowenien bis über 40% in der Slowakei. Beinahe die Hälfte   der Gewinne der 5 größten österreichischen Banken stammt aus diesen Märkten.      


Die neuesten uns vorliegenden Daten über die internationalen Aktivitäten Österreichs geben ein über den europäischen Raum hinaus gehendes, beeindruckendes Zeugnis von der generell zunehmenden Bedeutung des außenwirtschaftlichen Segments für die heimische Wirtschaftsentwicklung. 

Während der Grad der Offenheit der Volkswirtschaft – bezogen auf Güter und Dienstleistungen – Euroraum-weit rd. 20% und   für Japan und die USA sogar nur 13 bzw. 10% beträgt, beläuft sich dieser Wert für Österreich auf etwa 55%. So ist also die Summe der jährlichen Güter- und Dienstleistungs-Exporte und -Importe Österreichs mit rd. 253 Mrd Euro bereits größer als das österreichische Bruttoinlandsprodukt. Die Summe der grenzüberschreitenden Forderungen und Verbindlichkeiten Österreichs liegt bereits bei deutlich mehr als dem Dreifachen der österreichischen Wirtschaftsleistung (2003: 360%, 2002 waren es noch 312%).

Daraus lässt sich klar ableiten, dass der Wohlstand in unserem Land in zunehmendem Ausmaß an internationale Entwicklungen geknüpft ist.

Aufgrund der skizzierten Entwicklung bin ich der Überzeugung, dass qualitativ hochwertige und rechtzeitig erstellte Statistiken im Allgemeinen und die Statistiken zur Erfassung der Außenwirtschaftkomponente im Besonderen in einem dualen Sinn von hoher Bedeutung sind:

  • Einerseits ist es im Zusammenhang mit der Durchführung einer effizienten Geldpolitik im Eurosystem für den EZB-Rat von elementarer Bedeutung, dass alle Mitgliedstaaten diesbezüglich verlässliche Daten liefern. Diese werden u. a. auch von der Europäischen Kommission zur Erfüllung ihrer wirtschaftspolitischen Agenden benötigt.
  • Andererseits lassen diese Statistiken innerstaatlich wertvolle strukturelle Rückschlüsse zu, die wiederum ihren Niederschlag in entsprechenden konjunkturpolitischen Maßnahmen finden. Wirtschaftspolitik wird aus den eingangs erwähnten Gründen verstärkt auf außenwirtschaftliche Belange Bezug nehmen müssen, um eine effektive Förderung der heimischen Wirtschaft gewährleisten zu können. Auch als Grundlage hinsichtlich der äußerst bedeutenden Standortfrage für international agierende Unternehmen stellen gute außenwirtschaftliche Daten eine „conditio sine qua non“ dar.     


Ich kann aufgrund dieser vielfältigen Faktoren daher auch – oder gerade bei – Mitgliedsländern des Euroraums keinerlei Bedeutungsverlust im Bezug auf nationale   Zahlungsbilanzstatistiken feststellen – es scheint mir eher das Gegenteil zutreffend zu sein. Auf einer gleich gelagerten Einschätzung dürfte wohl auch die Tatsache beruhen, dass die EU erst vor wenigen Monaten auf diesem Gebiet eine entsprechende Verordnung erlassen hat, die zu einer sehr detaillierten Datenübermittlung an die Kommission bzw. Eurostat verpflichtet.

Aus der Fülle der benötigten und hier nur exemplarisch angeführten Datenvielfalt geht hervor, dass die statistischen Anforderungen eine Zusammenarbeit der Zentralbanken mit Eurostat und den jeweiligen nationalen statistischen Ämtern zwingend erforderlich machen.

Die OeNB hat im Rahmen des bereits seit 2002 bestehenden Kooperationsvertrages mit Statistik Austria eine weit reichende Arbeitsteilung in der Erstellung der österreichischen Zahlungsbilanz vereinbart. Damit sollen durch das Ausnützen der jeweiligen speziellen Expertise – seitens Statistik Austria auf dem Gebiet der Realwirtschaft, seitens der OeNB auf dem Gebiet der Finanzwirtschaft – Synergien bestmöglich genutzt und qualitativ hoch stehende Statistiken mit einer möglichst geringen Belastung der Melder erstellt werden. Konkret bedeutet dies, dass die Leistungsbilanz ab dem Jahr 2006 in sehr intensiver Kooperation zwischen der OeNB und der Statistik Austria erstellt wird. Angesichts der präzisen Vorbereitungsarbeiten, die der operationalen Umsetzung dienen, bin ich davon überzeugt, dass wir dadurch auch weiterhin eine sehr gute Datenqualität erreichen und gleichzeitig die österreichische Volkswirtschaft auch beträchtlich entlasten können.
 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist mir sehr wohl bewusst, dass die pünktliche Übermittlung von qualitativ hochwertigen Daten Ressourcen in Anspruch nimmt und es ist mir daher ein Bedürfnis, an dieser Stelle allen Meldern meinen Dank für die geleistete Arbeit auszusprechen. Durch ihren kontinuierlichen Beitrag ist es gelungen, in Österreich einen international anerkannten Qualitätsmaßstab   für die Erstellung der Zahlungsbilanz einer Volkswirtschaft zu setzen. 

Bisher stammte ja der überwiegende Teil der Informationen für die Erstellung der Zahlungsbilanz aus den Auslandszahlungsverkehrsmeldungen der Banken. Um auch in Zukunft die bewährten Qualitätsstandards halten zu können, ist es nunmehr jedoch erforderlich, den Erhebungsmodus den sich wandelnden wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Ich spreche damit primär Entwicklungen wie neue Zahlungsmodalitäten großer Unternehmen (wie z. B. Cash-Pooling) und das grundsätzliche Phänomen an, dass immer bedeutendere Zahlungsströme an den Bankensystemen vorbei geleitet werden. 

Aus diesen Gründen und in Anlehnung an den internationalen Trend wird die OeNB daher – wie bereits mehrfach angekündigt – per 1. Jänner 2006 auf ein System der direkten Erhebungen bei den so genannten Verursachern von grenzüberschreitenden Transaktionen – das sind Importeure und Exporteure von Gütern, Dienstleistungen und Kapital – übergehen. 

Das neue System wird darüber hinaus gehend auch Stichprobenerhebungen und administrative Daten verwenden, um den Meldeaufwand unter Wahrung einer guten Datenqualität möglichst gering zu halten. 

Im Juni 2005 werden OeNB-Experten alle österreichischen Bundesländer besuchen und im Rahmen einer so genannten „Road show“ die in Zukunft von den Unternehmen geforderten Informationen präsentieren. 

Ich möchte an dieser Stelle noch die Gelegenheit ergreifen und alle zukünftigen Melder ersuchen, uns beim Umstieg auf das neue System zu unterstützen und mitzuhelfen, dass die erforderlichen Daten auch weiterhin rechtzeitig und in der benötigten Qualität zur Verfügung gestellt werden können. Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag für die österreichische Volkswirtschaft und für eine gute Wirtschaftspolitik! 
 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich darf Ihnen abschließend dafür danken, dass Sie im abgelaufenen Jahr so zahlreich über Belange der Außenwirtschaft berichtet haben und hoffe, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Denn trotz des Siegeszuges des Internet – die Zugriffszahlen auf unsere neue Homepage unterstreichen dies – stellen die Medienvertreter nach wie vor unser wichtigstes Sprachrohr dar, um einer sehr breiten Öffentlichkeit wesentliche Informationen zielgruppengerecht aufbereitet zu vermitteln. 

Ich übergebe nun das Wort an Herrn Direktor Dr. Zöllner, der Ihnen die die wichtigsten Ergebnisse der Zahlungsbilanz Österreichs des Jahres 2004 präsentieren wird. Im Anschluss stehen wir gerne für Ihre Fragen zur Verfügung.



Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

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