Rede Mag. Dr. Peter Zöllner


Pressekonferenz „Zahlungsbilanz 2004“

Ein erfolgreiches Jahr für Österreichs Außenwirtschaft

Mag. Dr. Peter Zöllner , Direktor
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 26. 4. 2005

Es gilt das gesprochene Wort.


Die Leistungsbilanz Österreichs

  • Österreich erzielte 2004 wieder einen Leistungsbilanzüberschuss, in derselben Größenordnung wie 2002: 0,8 Mrd Euro oder 0,3 % des BIP
  • Entscheidende Impulse kommen aus der Güterbilanz, wo die Exporte stärker wuchsen als die Importe (Marktanteile gehalten bis leicht erhöht)
  • Leichte Passivierung in den anderen Teilbereichen dämpft positive Leistungsbilanzentwicklung nur geringfügig     

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Österreichs Volkswirtschaft konnte 2004 wieder ein Leistungsbilanzaktivum erwirtschaften, und zwar in ähnlichem Ausmaß wie 2002.


Leistungsbilanzsaldo


Mit 0,8 Mrd Euro bzw. 0,3% des BIP liegt das Ergebnis allerdings immer noch in jener Bandbreite, die wir traditionell als „ausgeglichen“ bezeichnen. Den entscheidenden Beitrag für diese Verbesserung lieferte die Güterbilanz. Die geringfügige Passivierung der Dienstleistungen, Einkommen und Transfers wirkte der positiven Gesamtentwicklung nur leicht entgegen. 

Laut vorläufigen Daten der EZB hat sich der Leistungsbilanzüberschuss des Euroraums im Gesamtjahr 2004 annähernd verdoppelt. Er betrug 42 Mrd Euro oder 0,5% des Euroraum-BIP.  Nach wie vor spiegelt dieser zunehmende Überschüsse in gewisser Weise die wachsenden Leistungsbilanzdefizite der Vereinigten Staaten wider. Dieses liegt derzeit bereits bei 5,7 % des BIP bzw. 535 Mrd Euro. Dabei haben rund 10% des Leistungsbilanzdefizits der USA ihren Ursprung im Euroraum, während der Großteil des Defizits aus dem Handel mit dem pazifischen Raum resultiert. Der wachsende Finanzierungsbedarf der USA – Schlagwort: twin deficits ‑ dürfte ein Grund dafür sein, dass trotz eines nach wie vor bestehenden Wachstumsvorsprungs der Dollar gegenüber dem Euro im Jahr 2004 schwach tendierte. 

Zum außenwirtschaftlichen Überschuss des Euro-Währungsgebiets trugen an erster Stelle die Wirtschaftsbeziehungen mit dem UK bei. Demnach beträgt der Leistungsbilanz­überschuss mit Großbritannien 0,9% des BIP, gefolgt von den USA mit 0,6% und den zehn neuen EU-Mitgliedstaaten mit 0,3%. Im Gegensatz dazu verzeichnet das Währungsgebiet Defizite mit Japan und auch China, das bei den Wareneinfuhren im Euroraum bereits vor Japan rangiert.

Wie entwickelte sich Österreichs Außenwirtschaftsverflechtung im Jahr 2004? Dies möchte ich Ihnen an Hand des regional gegliederten Leistungsbilanzsaldos zeigen.



Österreichs Leistungsbilanz nach Regionen

Die Intensität der Wirtschaftsbeziehungen nahm weiter zu: Zwar hat sich Österreichs Leistungsbilanzsaldo gegenüber dem Euroraum weiter passiviert (um 1,8 auf 9,5 Mrd Euro), gegenüber den neuen EU-Mitgliedsländern erhöhte sich jedoch das Aktivum (um 0,5 auf 4,4 Mrd Euro); die deutlichste Verbesserung war allerdings in den internationalen Transaktionen mit dem so genannten Rest der Welt zu beobachten, die mit einem Saldo von 5,8 Mrd Euro bei mehr als dem Doppelten des Vergleichswertes 2003 lagen. Damit trug Österreich auch überproportional zum Leistungsbilanzüberschuss des Euroraumes bei.

Eine erste Einschätzung auf Basis der letzt verfügbaren Daten zeigt, dass Österreich im Welthandel seine Marktanteile zumindest gehalten oder sogar leicht erhöht hat.


Die Güterbilanz

  • Österreichs Handelsbilanz schließt nahezu ausgeglichen
  • Exportwachstum um 2 ½ %-Punkte höher als Importzunahme
  • Exportquote erreicht mit 38% neuerlich ein Rekordniveau
  • Ausfuhren in die USA boomen
  • Österreich profitiert von 10 Jahren EU-Mitgliedschaft    

Entscheidend für das Leistungsbilanzergebnis 2004 war eine markante Verbesserung der Handelsbilanz, die damit nahezu ausgeglichen schloss. Laut den Daten der Statistik Austria wuchsen die österreichischen Exporte im Berichtsjahr um 13 %, während die Importe – trotz höherem Privatkonsum und vermehrten Ausrüstungsinvestitionen ‑ nur um 10,4 % zunahmen. Die Exportquote entwickelte sich weiterhin positiv und kletterte mit 38 % auf einen neuen Höchstwert. Rechnet man die Dienstleistungsexporte ein, so kommt man sogar auf eine Exportquote von 55 %.


Österreichs Export- und Importquote


Zwei wichtige Besonderheiten:

Der Exporterfolg Österreichs konzentrierte sich schlechthin auf eine einzige Produktgruppe, nämlich Maschinen und Fahrzeuge: zwei Drittel der gesamten Ausfuhrsteigerung von 10,2 Mrd Euro stammen aus diesem Bereich. Dieses Ergebnis ist umso bemerkenswerter, als sich früher Österreichs Rolle im Zusammenhang mit der Fahrzeugproduktion ausschließlich auf Zulieferungen beschränkte.

Der österreichische Außenhandelserfolg konnte auch durch den hohen Ölpreis nicht gestoppt werden: Die Energieimporte nahmen um 1,7 Mrd Euro zu und lagen mit 8,2 Mrd Euro um etwas mehr als ein Viertel über dem entsprechenden Vergleichswert 2003. Die Einfuhr von Erdöl sowie Erdölerzeugnissen allein stieg um 1,2 Mrd Euro. Im Gegensatz zu früheren Jahren konnten die erhöhten Kosten – der Durchschnittspreis lag um mehr als ein Drittel über dem Niveau von 2003 – nur zum Teil durch den schwachen US-Dollar ausgeglichen werden. Dennoch: Der starke Euro verhinderte eine Explosion der Ölrechnung.



Handelspartner Österreichs (Top 10)


Unter regionalen Gesichtspunkten bleibt natürlich der Euroraum, ‑ und insbesondere Deutschland ‑ der wichtigste Absatzmarkt Österreichs. Rund ein Drittel der Warenlieferungen gehen an Deutschland.



Entwicklung der Anteile der USA an den gesamten österreichischen Ex- und Importen


Bemerkenswert ist 2004 die Entwicklung der Exporte in die USA: Entgegen den Erwartungen, die man angesichts des schwachen US-Dollars haben könnte, hat sich der Handelsüberschuss gegenüber 2003 auf das Zweieinhalbfache erhöht. Der Exportanteil dieser Zielregion lag viele Jahre bei knapp über 5 %; im abgelaufenen Jahr erhöhte sich dieser Wert auf 6 %. Die Zunahme der Exporte in die USA steuert 1,5 %‑Punkte zur Steigerungsrate der Ausfuhren bei, als Einzelregion nur übertroffen von Deutschland (4,4 %‑Punkte). Die Importe aus den USA nahmen gleichzeitig merklich ab  ‑wieder entgegen den Erwartungen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte meine Ausführungen zu den internationalen Handelsbeziehungen Österreichs mit einem Blick in die Vergangenheit und einem zukunftsorientierten Aspekt abschließen. 



Entwicklung des Handelsbilanzdefizits vor und nach dem EU-Beitritt Österreichs


Mit dem abgelaufenen Jahr war Österreich 10 Jahre EU-Mitgliedsland. Aus dem Blickwinkel der Handelsbilanzentwicklung ist dies als Erfolgsgeschichte zu bewerten: War unsere Volkswirtschaft in den 10 Jahren davor mit einer stetigen Passivierung des Saldos aus grenzüberschreitenden Warenströmen konfrontiert, so führten die 10 Jahre danach zu einer merkbaren Entlastung; Österreich konnte die Vorteile der Integration lukrieren.

Gestern wurden die Beitrittsverträge für Bulgarien und Rumänien unterschrieben, beide Länder werden voraussichtlich ab 1.1.2007 Mitglieder der EU sein. Aus österreichischer Sicht ist Rumänien der traditionell wichtigere Handelspartner, der Warenaustausch mit Bulgarien ist derzeit mit einem Anteil von weniger als ½ % vergleichsweise unbedeutend. Mit 1,4 % an den österreichischen Exporten für 2004 lag Rumänien nur knapp hinter der Slowakei (1,5 %), aber noch vor China und Japan (mit jeweils 1,2 % Anteil). Einfuhrseitig entspricht der Prozentsatz Rumäniens mit 0,8 % jenem Finnlands. 


Die Reiseverkehrsbilanz

  • Rückgang bei Nächtigungen deutscher Touristen, Zuwächse bei fast allen andern Herkunftsmärkten
  • Reiseverkehrsbilanz Österreichs verbessert sich wegen deutlich geschrumpfter Ausgaben markant


Einnahmen und Ausgaben im österreichischen Reiseverkehr


Trotz der Tsunami-Katastrophe kann man vom Jahr 2004 als einem hervorragenden Jahr für den weltweiten Tourismus sprechen. Nach ersten Schätzungen der Welt-Tourismusorganisation dürfte die Zahl der internationalen Touristen 2004 um 10% auf 760 Millionen gestiegen sein. Das wäre das stärkste Wachstum seit nahezu drei Jahrzehnten. 

Europa war allerdings mit einem Plus von 4 % die touristisch am wenigsten dynamische Weltregion. So ist auch in Österreich die Zahl der Ankünfte von Ausländern nur um 1,5% gestiegen, die Zahl der Nächtigungen ist sogar um 0,5% auf 85,9 Millionen gesunken. Die Reiseverkehrseinnahmen ‑ einschließlich des internationalen Personen­transports ‑ betrugen knapp 15 Mrd Euro. Das ist zwar ein nominelles Plus von 2,3%, angesichts einer touristischen Exportpreissteigerung von nahezu 3 % ergibt sich dennoch ein leichter realer Rückgang.

Die österreichische Tourismuswirtschaft litt dabei vor allem unter der verhaltenen Nachfrage deutscher Gäste, ein Abbild der generell gedämpften Konsumstimmung in Österreichs mit Abstand wichtigstem Herkunftsmarkt. Nahezu alle anderen Her­kunftsmärkte wiesen im abgelaufenen Kalenderjahr wachsende Nächtigungszahlen  aus ‑ darunter die traditionellen Märkte Vereinigtes Königreich, USA und Frankreich, die Wachstumsmärkte der vergangenen Dekade Ungarn und Tschechien, sowie zum ersten Mal die VR China, wo die Zunahme um 117.000 Nächtigungen praktisch einer Verdoppelung gleichkam.

Trotz des bescheidenen Wachstums der Reiseverkehrseinnahmen verzeichnete der Reiseverkehrssaldo eine deutliche Erhöhung auf 4,5 Mrd Euro (darunter knapp 1,3 Mrd Euro Personentransport), was den Rekordwerten um 1990 nahe kommt.  

Ausgelöst wurde dieses Resultat durch den überraschend starken Rückgang der Reiseverkehrsausgaben der Österreicher, die um 1 Mrd Euro oder 9 % auf 10,4 Mrd Euro sanken. Dabei ergab die Umfrage unter 12.000 Haushalten, dass nicht so sehr die Zahl der Reisen, als viel mehr deren durchschnittliche Dauer zurückgegangen ist, und die Reisenden vor allem bei den Ausgaben zurückhaltender waren. 


Die Einkommensbilanz

  • Defizit der Einkommensbilanz leicht auf knapp 2 Mrd Euro erhöht
  • Nettoverschuldung gegenüber dem Ausland von 16 % des BIP führt zu Nettoabflüssen bei Vermögenseinkommen
  • Erträge aus Direktinvestitionen nehmen in beiden Richtungen zu – der Nettoabfluss verringert sich leicht
  • Zinserträge und –aufwände aus Schuldverschreibungen: Per saldo zahlt Österreich 2004 weniger ans Ausland
  • Nettoerträge aus Krediten und Einlagen verringerten sich


Komponenten des Einkommens Österreichs


Im Jahr 2004 hat sich der Nettoabfluss in der Einkommensbilanz insgesamt um 0,2 Mrd Euro auf knapp 2 Mrd erhöht.

Neben den Arbeitsentgelten für Grenzgänger und Saisonniers, die auch 2004 zu dem üblichen Überschuss – in der Höhe von 0,5 Mrd Euro ‑ führten, bestimmt das Vermögenseinkommen  diese Bilanz (Österreich ist Nettoschuldner).

Die seit dem Jahr 2000 zu beobachtenden hohen Gewinne von Direkt­investitionsunternehmen halten an: Die Erträge österreichischer Investoren erreichten 2004 3,5 Mrd Euro, um 11,6 % mehr als im Jahr davor. Ausländische Investoren lukrierten 4,3 Mrd Euro (+8,7 %) aus strategischen Unternehmensbeteiligungen in Österreich. 

Der Nettoeinkommensabfluss der Erträge aus Wertpapierveranlagungen hat sich 2004 weiter verringert: um 0,1 Mrd Euro auf 2,6 Mrd Euro. Nach Jahren wachsender Defizite ist in diesem Bereich seit 2001 eine gewisse Entlastung bemerkbar. Die Hauptkomponente für diese Entwicklung ist in den grenzüberschreitenden Veranlagungen in Form von Schuldverschreibungen zu finden: Zum einen ist das Nominalzinsniveau weiter gesunken, vor allem aber stockten österreichische Gläubiger im abgelaufenen Jahr ihre Forderungsbestände stärker auf als die ausländischen Investoren.



Vermögenseinkommen aus Wertpapierveranlagungen nach Regionen


Wie die gesamte Außenwirtschaft Österreichs konzentrieren sich auch die Wertpapier­erträge auf Europa. Der Euroraum steht bei den erhaltenen Erträgen mit 64 % an erster Stelle; auf Deutschland allein entfallen 28 %. Die neuen EU-Mitgliedsländer tragen immerhin schon fast 5 % bei.

Die zu zahlenden Zinsen (und Gewinne) gehen zu 61 % in den Euroraum. Besonders hohe Anteile finden sich aber auch bei den wichtigen Finanzplätzen, etwa dem Vereinigten Königreich (rd. 20 %) und der Schweiz (8 ½ %).



Vermögenseinkommen Österreichs unterteilt nach Wirtschaftssektoren


Österreichs Wirtschaftsteilnehmer ‑ Bankensystem, Staat, Unternehmen und Haushalte – sind insgesamt per saldo mit 16 % des BIP im Ausland verschuldet (Nettoschulden von rd. 38 Mrd Euro), daher fließt auch mehr Einkommen ins Ausland als umgekehrt. Ein nach Sektoren differenziertes Bild der Einkommensströme aus grenzüberschreitenden Veranlagungen zeigt: Das Bankensystem sowie die Gruppe der institutionellen Anleger (Investmentfonds, Versicherungen), Unternehmen und private Haushalte gehören zu den „Gewinnern“, sie lukrieren steigende Nettoerträge. Der Staat ist Nettozahler.


Die Kapitalbilanz Österreichs

  • Normalisierung des Anlageverhaltens ‑ Renaissance grenzüberschreitender Wertpapierkäufe
  • Österreichische Aktien waren ein „Renner“ für ausländische Investoren
  • Direktinvestitionslücke mit Ende 2004 geschlossen    

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach den Highlights der grenzüberschreitenden Realwirtschaft möchte ich nun einige Schwerpunkte aus den internationalen Finanztransaktionen Österreichs präsentieren.

Für die Analyse der Kapitalbilanz muss man sich die finanzwirtschaftlichen Rahmen­bedingungen in Erinnerung rufen. Von 2000 bis Mitte 2003 waren die Finanzmärkte durch ein besonders hohes Maß an Unsicherheit geprägt, was naturgemäß zu sehr kurzfristigen Veranlagungen geführt hat. 

Wenngleich diese außergewöhnlichen Umstände 2004 nicht mehr wirkten, normalisierte sich das Anlageverhalten – beispielsweise im Euroraum ‑ nur langsam und die Investoren handelten teilweise noch sehr risikobewusst. Unter dem Eindruck der anhaltenden Kapitalverluste an den Aktienmärkten bis Mitte 2003 war die Liquiditätspräferenz der Anleger offensichtlich doch sehr stark ausgeprägt.

Wie gestalteten sich nun die internationalen Kapitaltransaktionen Österreichs im Jahr 2004? In einem Satz zusammengefasst: Insbesondere grenzüberschreitende Wertpapierkäufe erlebten im Berichtsjahr eine Renaissance.


Komponenten der österreichischen Kapialbilanz


Österreichische Investoren veranlagten 2004 insgesamt mit fast 50 Mrd Euro um rd. 30 % mehr im Ausland als im Jahr davor; fast konnte der Spitzenwert 2000 (53 Mrd Euro) erreicht werden. Die mit Abstand bevorzugteste Anlageform waren langfristige festverzinsliche Wertpapiere ausländischer Emittenten: 45 % des gesamten Nettokapitalexports ging in diese Investitionskategorie.

Etwas anders verhielten sich ausländische Investoren: Zwar sind 39 % des gesamten Nettokapitalzuflusses in Höhe von 49,7 Mrd Euro dem Erwerb österreichischer Schuldverschreibungen zuzuordnen; der entsprechende Anteil für inländische Aktien erreichte allerdings mit 7 ½ % ein überdurchschnittlich hohes Niveau.

Nun zu den einzelnen Anlagekategorien:


  • Direktinvestitionslücke mit Ende 2004 geschlossen
  • Die aktive Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft schreitet weiter voran: mit netto 5,8 Mrd Euro an aktiven Direktinvestitionen wird der bisherige Höchstwert aus 2000 nur leicht verfehlt
  • Der Schwerpunkt der österreichischen DI verlagert sich auf Südosteuropa
  • Rückgang an passiven Direktinvestitionen wird durch einzelne größere Desinvestitionen verstärkt
  • Zusätzliche ausländische DI werden primär über erwirtschaftete Gewinne finanziert
  • Deutsche Firmen bleiben die mit Abstand wichtigsten Investoren


Österreichs Direktinvestitionsbestände


Die zunehmende Internationalisierung Österreichs in Form von Direktinvestitionen setzte sich auch 2004 fort. Während weltweit die DI-Bestände gemessen in % des BIP seitwärts tendierten (rd. 23 %), nahmen die entsprechenden Werte Österreichs weiter zu und erreichten mit 22 % des BIP – sowohl für aktive als auch passive Direktinvestitionen – fast das internationale Niveau. Die so genannte Direktinvestitionslücke konnte – nach vorläufigen Berechnungen ‑ vollständig geschlossen werden. Einem aktiven Beteiligungsstand Österreichs im Ausland von 52,3 Mrd Euro standen Ende 2004 passive Beteiligungen von 51,9 Mrd Euro gegenüber. Demnach überstieg der Bestand an aktiven DI erstmals jenen der passiven DI.

Die aktiven Direktinvestitionen verfehlten im Jahr 2004 mit einem Wert von netto 5,8 Mrd Euro den Höchstwert aus dem Jahr 2000 nur knapp. Entscheidend für dieses außerordentliche Ergebnis war die historisch größte Einzelinvestition eines österreichischen Unternehmens, die Beteiligung der OMV an der rumänischen Petrom im Dezember 2004. 

Als weiterer Indikator für die zunehmende internationale Einbindung Österreichs in grenzüberschreitende, strategische Unternehmensbeteiligungen kann auch der relativ hohe Wert an Desinvestitionen gewertet werden. 2004 wurden Beteiligungen im Ausland in Höhe von 2,6 Mrd Euro aufgelöst, was der zweithöchste Wert in der Geschichte war. Direktinvestitionen sind keine Einbahnstrasse mehr, man trennt sich auch wieder von ausländischen Beteiligungen, meist im Zusammenhang mit Umstrukturierungen.



Aktive Direktinvestitionsflüsse nach Zielregionen


Österreich bestätigte 2004 erneut glänzend seine Rolle als bedeutender Investor in Mittel- und Osteuropa. Mehr als die Hälfte des Investitionsvolumens entfiel auf diese Region. Die Investitionen Österreichs verlagern sich von den neuen EU-Mitgliedsländern etwas in Richtung Südosteuropa. Neben dem unangefochtenen Spitzenreiter Rumänien seien Kroatien, Serbien und Montenegro und mit dem Kauf der Albanischen Sparkasse durch die Raiffeisen Zentralbank Österreich erstmals auch Albanien als Zielland von Direktinvestitionen hervorzuheben. Die große Desinvestition in Bulgarien ist Ausdruck einer Änderung der Eigentümerstruktur der dortigen Mobilkom. Unter den Investitionszielen außerhalb Mittel- und Osteuropas führt Deutschland ‑ dank hoher reinvestierter Gewinne ‑ mit 0,8 Mrd Euro vor Italien mit 0,5 Mrd Euro. 

Treibende Kraft der Investitionsaktivitäten war ‑ abgesehen von der OMV ‑ einmal mehr der österreichische Finanzsektor, der seine Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa systematisch ausbaut. Der Handel, die E-Wirtschaft, die Baustoff- und die Lebensmittelindustrie haben neben vielen anderen 2004 größere Investitionsvorhaben im Ausland verwirklicht.



Passive Direktinvestitionsflüsse nach Herkunftsregion


Die passiven Direktinvestitionen lagen mit netto 3,9 Mrd Euro deutlich unter dem Ergebnis des Jahres 2003. Obwohl der Zustrom an neuem Eigenkapital mit 3,6 Mrd Euro hoch war, resultierte wegen der gleichfalls hohen Desinvestitionen von 1,9 Mrd Euro nur ein Nettozufluss 1,7 Mrd Euro. Die reinvestierten Gewinne erreichten nach ersten Berechnungen ein Volumen von 1,9 Mrd Euro und übertrafen damit die frischen Kapitalzuflüsse. 

Die Regionalstruktur der Direktinvestitionszuflüsse entspricht dem langjährigen Muster: Der mit Abstand wichtigste Investor war wie zumeist Deutschland mit 1,7 Mrd Euro bzw. einem Anteil von 43%, gefolgt von den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Zusammen mit Schweden und Hongkong entfielen auf diese fünf Herkunftsländer drei Viertel des Direktinvestitionsvolumens. 

Die größte Investition des Jahres war die endgültige Abwicklung der Übernahme der Brau AG durch den Heineken Konzern. Weitere Ziele ausländischen Interesses waren der Finanz- und der Telekommunikationssektor. Insgesamt verzeichnete die Statistik etwa 150 Investitionsprojekte mit einem Wert von mehr als 1 Mio Euro, denen auf der Seite der aktiven Direktinvestitionen mehr als 300 Fälle gegenüberstehen. Die mit Abstand größte Desinvestition betraf den vollständigen Rückzug der bisherigen italienischen Eigentümer aus der Telekom Austria, weitere prominente Transaktionen betrafen die Wienerberger AG, die BAWAG und KTM.


Portfolioinvestitionen

  • Österreicher investieren 2004 um 60 % mehr in ausländische Titel als 2003, Ausländer steigern den Erwerb um rund ein Viertel
  • Österreichische Investitionen in Schuldverschreibungen erreichen Höchstwert
  • Österreichische Aktien waren ein „Renner“ für ausländische Investoren


Österreicher kaufen inländische Wertpapiere


Mit 26,7 Mrd Euro veranlagten österreichische Investoren im Jahr 2004 mehr als das Eineinhalbfache in ausländische Wertpapiere als im Jahr davor, wobei sich das Interesse auf Schuldverschreibungen konzentrierte.

Über 50 % dieser Nettoveranlagungen wurden von Banken getätigt (mit 14 Mrd Euro gegenüber 2003 mehr als verdoppelt). Dies ist im Wesentlichen auf die verstärkte Attraktivität von Corporate Bonds sowie Portfolioumschichtungen im Hinblick auf Basel II zurückzuführen. 

Nahezu zwei Drittel des Nettoerwerbs gingen in den Euroraum, bereits 12 % in die neuen EU-Mitgliedsländer (vor allem Polen, Ungarn, Zypern).



Ausländische Anleger kaufen österreichische Wertpapiere


Ausländische Investoren veranlagten 2004 mit 26,1 Mrd Euro um ein Viertel mehr in österreichische Wertpapiere als im Jahr davor. Als überraschend erfreuliche Entwicklung ist das verstärkte Interesse (Hälfte des Zuwachses) an inländischen Aktien hervorzuheben. Im Mittelpunkt standen insbesondere Unternehmenstitel, wie Aktien der Telekom, der OMV und der Wienerberger AG.

In der Kategorie der Schuldverschreibungen standen im Berichtsjahr österreichische Bankenemissionen im Vordergrund des ausländischen Kaufinteresses. Aus welchen Ländern bzw. Regionen stammen die ausländischen Investoren? Eine entsprechende   Aussage lässt sich nur für Bestände treffen und dies nur auf Basis eines internationalen Datenaustausches. Eine Aktivität dieser Art hat der IWF initiiert; erste Berechnungen stehen für 2001 bis 2003 zur Verfügung.



Österreichische Schuldverschreibungen in ausländischen Portefeuilles


Laut dieser Erhebung befand sich Ende 2003 rund ein Viertel aller im Ausland gehaltenen österreichischen Schuldverschreibungen in deutschen Portefeuilles (fast 40 Mrd Euro); gefolgt von französischen, schweizerischen und luxemburgischen Anlegern mit Anteilen von jeweils 9 – 11 Prozent.


Sonstige Investitionen (Kredite und Einlagen) und Währungsreserven

  • Kreditgewährungen der österreichischen Banken an das Ausland halbiert
  • Entgegen dem allgemeinen Trend blieb die Neuvergabe von Krediten an die 10 neuen EU-Mitgliedsländer weiterhin auf hohem Niveau    

Insgesamt halbierte sich die Neuvergabe von Auslandskrediten durch österreichische Banken im Vergleich zu 2003. Dies ist in Verbindung mit dem – bereits erwähnten – verstärkten Engagement in ausländische Schuldverschreibungen im Zuge von Portfolioumschichtungen zu sehen. Allein die Kreditbeziehungen zu den zehn neuen EU-Staaten entwickelten sich im Berichtsjahr weiterhin dynamisch,.im vergangenen Jahr erreichte diese Neuvergabe von Krediten abermals einen Höchstwert von 2,3 Mrd Euro.

Die offiziellen Währungsreserven verringerten sich 2004 transaktionsbedingt um 1,6 Mrd Euro.



Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

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