Es gilt das gesprochene Wort.
Rede Gouverneur Dr. Klaus Liebscher
„Die Zahlungsbilanz 2006“
Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur
Wien, 24. 4. 2007
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich darf Sie zur der heutigen Pressekonferenz der Oesterreichischen Nationalbank sehr herzlich begrüßen. Gemeinsam mit Herrn Direktor Dr. Peter Zöllner, dem für den Bereich Statistik zuständigen Mitglied des Direktoriums, und dem Direktor der Hauptabteilung Statistik, Herrn Dr. Aurel Schubert, möchte ich Ihnen die wichtigsten Ergebnisse der österreichischen Zahlungsbilanz für das Jahr 2006 präsentieren.
Die internationale Integration, besser bekannt unter dem Terminus „Globalisierung“, ist wohl zu Recht eines der meist diskutierten und beschriebenen Phänomene der modernen Wirtschaftsentwicklung. Kleine offene Volkswirtschaften wie Österreich sind davon in besonderer Weise betroffen: Gemäß einer vor einigen Monaten publizierten Studie der Eidgenössischen Hochschule Zürich ist Österreich im Vergleich von Globalisierungsindices über 122 Länder mit hauchdünnem Abstand hinter Belgien das am zweit stärksten globalisierte Land. Dies ist eine internationale Bestätigung, dass sich unser Land erfolgreich den Herausforderungen der heutigen Wirtschaftsdynamik gestellt und frühzeitig auf intelligente Struktur- und Standortpolitik zur Wettbewerbsstärkung gesetzt hat.
Ich möchte in diesem Zusammenhang meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass vor allem der europäische Integrationsprozess – den Österreich ja nun bereits im zwölften Jahr aktiv mitgestaltet – unserem Land eine Fülle von ökonomischen Vernetzungsimpulsen und Entwicklungsmöglichkeiten geboten hat und nach wie vor bietet. Europäische Integration steht gleichermaßen für ein nachhaltiges Friedensprojekt sowie für ein wirtschaftliches Erfolgsmodell.
Es besteht für mich keinerlei Zweifel daran, dass wir durch unseren EU-Beitritt massive Wohlfahrtsgewinne lukrieren konnten. Schätzungen zufolge hat Österreich als Folge der EU-Mitgliedschaft in den ersten zehn Jahren eine BIP-Steigerung von insgesamt etwa 4,5 Prozentpunkten verzeichnen können. Davon sind etwa ein Fünftel auf Vorteile aus der Währungsunion zurückzuführen.
Sowohl die EU-Erweiterung in ihren einzelnen Teilschritten als auch die sukzessive Ausdehnung der Eurozone bringen positive Dynamik und ökonomische Chancen mit sich, da sie neue Märkte erschließen und für „alte“ Mitgliedstaaten oftmals die Triebfeder für Strukturreformen darstellen.
Slowenien, das als erstes Land der neuen Mitgliedsländer mit 1.1.2007 den Euro eingeführt hat, ist das jüngste von vielen Beispielen dafür, dass durch die Eliminierung von Wechselkursrisiken und zusätzliche Handelsintegration fruchtbarer Boden für Effizienzgewinne bereitet und eine Katalysatorwirkung für die weitere europäische Integration erzeugt wird.
Denn nicht protektionistische Abwehrmaßnahmen, sondern – im Gegenteil – die aktive Öffnung und Flexibilisierung der Märkte müssen die Antwort auf die immer dynamischer voranschreitende internationale Integration sein. Dazu ist es gerade für kleine Länder erforderlich, gewissenhaft ihre „Hausaufgaben“ zu erledigen und sich damit eine entsprechende Wettbewerbsposition zu sichern. Der Fokus ist auf eine Politik zu legen, die die Wettbewerbsfähigkeit, als einer der maßgeblichen Eckpfeiler der Lissabon-Strategie, durch entsprechende Strukturmaßnahmen sowie geeignete Akzente in Forschung und Entwicklung untermauert.
Zusammenfassend kann man ohne Übertreibung feststellen, dass unser Land sich mittlerweile als hervorragender internationaler Wirtschafts- und Finanzplatz präsentiert, dessen Außenwirtschaftsbeziehungen sich in verschiedenen Segmenten erfreulicher Weise sehr dynamisch gestalten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Aus dieser Analyse resultiert zwangsläufig das Erfordernis, dieses internationale – für unseren Wohlstand unverzichtbar gewordene – Standbein durch das Erzeugen und Aufbereiten relevanter und aussagekräftiger Datenbestände zu beobachten aber auch abzusichern. Seriöse und bedarfsgerechte Struktur- und Wirtschaftsförderungspolitik sowie ökonomische Forschungsarbeit sind ohne eine qualitativ hochwertige Datenbasis undenkbar geworden, ebenso wie dies etwa für international operierende Unternehmenskomplexe im Hinblick auf zukunftsträchtige Standortentscheidungen der Fall ist.
Dieses klare Bekenntnis lege ich selbstverständlich nicht ohne das Bewusstsein ab, dass die Erfüllung dieser Aufgabe parallel zu rasanten Marktentwicklungen in einem Umfeld hoher Unsicherheit deutlich komplexer geworden ist. Heute sind wir mit einer Serie internationaler Daten-Lieferverpflichtungen, die einen weiten Bogen von der Europäischen Zentralbank über die EU, die OECD bis hin zum Internationalen Währungsfonds spannen, konfrontiert. Naturgemäß stützen sich bedeutende innereuropäische Initiativen wie die Konvergenzberichte, der Stabilitäts- und Wachstumspakt oder die Lissabon-Strategie auf eine solide statistische Datenbasis als conditio sine qua non.
Als Konsequenz kann auch ein verstärkter Schulterschluss in der statistischen Welt beobachtet werden, den ich für sehr sinnvoll erachte: Internationale Statistikplattformen wie beispielsweise das Irving Fisher Committee haben sich zunehmend die Zielsetzung auf ihre Fahnen geschrieben, Produzenten und Anwender näher zusammen zu bringen, um die mannigfaltigen Herausforderungen bei der Produktion besser bewältigen zu können.
Nur gemeinsam ist eine effiziente Erstellung und Verbreitung von essenziellen Wirtschaftsstatistiken unter erhöhtem Kosten- und Effizienzdruck möglich. Nur gemeinsam kann man allfällige Lücken aufdecken und methodologisch und erhebungstechnisch schließen.
Die OeNB – als Kompetenzzentrum für Finanzstatistik als auch als maßgeblicher Produzent von Außenwirtschaftsstatistiken in Österreich – ist sich ihrer diesbezüglichen Verantwortung bewusst. Sie hat sich daher bereits seit geraumer Zeit dem Grundsatz der möglichst geringen Melderbelastung bei Sicherung eines hohen Qualitätsstandards verschrieben. Konkret drückt sich dies beispielsweise durch das äußerst erfolgreiche Kooperationsabkommen mit Statistik Austria aus. Dabei können durch die Konzentration auf die jeweilige Hauptexpertise – der realwirtschaftliche Bereich bei Statistik Austria und die Finanzwirtschaft bei der OeNB – Synergien erzielt werden.
Meine Damen und Herren!
Lassen Sie mich nun einige ausgewählte Daten aus dem Außenwirtschaftsbereich zur Illustration meiner grundsätzlichen Überlegungen skizzieren:
Die globale Waren-Exportquote Österreichs ist von rd. 25% im Jahr 1995 auf 42% im Jahr 2006 angestiegen. Erstmals wurde bei den Exporten die 100 Mrd Euro Schwelle überschritten. Unter zusätzlicher Einbeziehung der Dienstleistungen beläuft sich unsere Exportquote sogar auf 56% des BIP.
Damit hat 2006 die Summe der jährlichen Güter- und Dienstleistungs-Exporte und -Importe Österreichs mit 275 Mrd Euro wiederum den Wert unseres Bruttoinlandsprodukts (BIP 2006: 256 Mrd Euro) klar übertroffen. Das Volumen der grenzüberschreitenden Forderungen und Verbindlichkeiten Österreichs liegt in Summe bereits über dem Viereinhalbfachen der österreichischen Wirtschaftsleistung – zum Vergleich: 1999 war es erst etwa das Zweieinhalbfache (247%) gewesen.
Österreichs wirtschaftliche Verflechtung mit den neuen EU-Mitgliedsländern ist weiterhin beachtlich: Man kann mit Recht feststellen, dass sich unser Land immer mehr als Wirtschafts- und Finanzdrehscheibe für diese Länder sowie darüber hinaus gehend auch für andere Staaten der Region Ost- und Südosteuropa etabliert.
- So lag 2006 der Anteil der österreichischen Güterexporte in diese Region bei etwa einem Fünftel. Das entspricht einem Warenwert von rund 21 Mrd Euro.
- Das Engagement der in Österreich beheimateten Banken erstreckte sich 2006 nahezu auf den gesamten mittel-, ost- und südosteuropäischen Raum. Sie erzielten in diesen Ländern insgesamt, ohne Berücksichtigung Russlands, einen Marktanteil von mehr als 21% gemessen an der Bilanzsumme. Damit konnte der Wert gegenüber 2005 trotz Verkaufs von Tochterbanken noch leicht gesteigert werden. Für 2007 sind bereits weitere Akquisitionen und Übernahmen im Gange. In den unmittelbaren Nachbarländern Österreichs lag der Marktanteil der heimischen Banken sogar bei 31%.
- Mit dem Einstieg der Erste Bank bei der Banca Commerciala Romana erfolgte 2006 die bisher größte österreichische Direktinvestitionstransaktion.
- In den Ländern des Westbalkan, Mazedonien, Serbien und Bosnien, wurde (in Summe betrachtet) noch nie ein so großes Direktinvestitionsvolumen gemessen wie 2006 (etwa 1 Mrd Euro)
- Auch andere Finanzdienstleister wie die Versicherungsbranche sind mittlerweile in mittel- und osteuropäischen Regionen aktiv: Im Jahr 2006 wurden dort von Versicherungen über 700 Mio Euro investiert.
Diese Zahlen verdeutlichen sehr eindrucksvoll, wie ungeheuer wichtig für Österreich die weitere und vollständige Integration Mittel-, Ost- und Südosteuropas ist.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Gestatten Sie mir zum Abschluss meiner Einleitung noch eine geraffte Einschätzung unserer ersten Erfahrungen mit dem neuen Erhebungssystem für Außenwirtschaftsstatistiken: Wie Sie wissen, erfolgte die Umstellung per 1.1.2006. Während bis Ende Dezember 2005 die Zahlungsbilanz-Rohdaten im Wesentlichen aus Zahlungsverkehrsmeldungen der Banken gewonnen wurden, basiert das erneuerte System schwerpunktmäßig auf Direkterhebungen bei den Akteuren, wie Unternehmen, Haushalten und auch Banken (aber nur mehr für ihr Eigengeschäft).
Zunächst können wir mit einer gewissen Erleichterung -in diesem Punkt lag ex ante eine unserer Hauptsorgen –, feststellen, dass in den meisten Meldesegmenten der Abdeckungsgrad bereits ein guter ist. Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle allen meldenden Unternehmen bzw. Personen, die diesen positiven Befund ermöglicht haben. Trotzdem sind – wenig überraschend – nach wie vor eine Menge neuer Erfahrungen zu verarbeiten.
Um das umfassende Informationspotenzial des neuen Systems voll ausschöpfen zu können, sind daher weiterhin in Teilbereichen Qualitätssicherungsmaßnahmen technischer und inhaltlicher Natur im Gange. Wir arbeiten weiters mit Hochdruck daran, der Fachöffentlichkeit auch möglichst bald –jedenfalls bis Herbst dieses Jahres – rück gerechnete Daten bis 1995 in der neuen Detaillierung und Qualität zur Verfügung stellen zu können. Wenn die letzten Verbesserungen umgesetzt sein werden, wird es – bedingt durch eine höhere Trennschärfe beispielsweise bei Dienstleistungen -möglich sein, für viele drängende wirtschaftspolitische Fragen der Zukunft erforderliche Daten zu liefern und damit dem österreichischen Wirtschaftsstandort optimal dienlich zu sein.
Ich darf Ihnen abschließend dafür danken, dass Sie wie jedes Jahr wiederum so zahlreich über Belange der Außenwirtschaft berichtet haben und gehe davon aus, dass dieser Themenkomplex auch in Zukunft viele berichtenswerte Detailinformationen liefern wird. Als Vertreter der Medien stellen Sie weiterhin den zentralen Multiplikator im Hinblick auf die Aufbereitung dieser – wie ich meine – für die Öffentlichkeit sehr wesentlichen Informationen dar.
Ich übergebe nun das Wort an Herrn Dr. Zöllner, der Ihnen die wichtigsten Ergebnisse der Zahlungsbilanz Österreichs des Jahres 2006 präsentieren wird. Herr Dr. Schubert wird Ihnen im Anschluss noch einige Informationen zu den wichtigsten methodologischen und erhebungstechnischen Veränderungen durch das neue System geben. Im Anschluss daran stehen wir gerne für Ihre Fragen zur Verfügung.
Rückfragehinweis:
Statistik-Hotline
Tel.: (+43-1) 404 20-5555
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Mag. Günther Thonabauer
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