Reden und Präsentationen


Die österreichische Außenwirtschaft in turbulenten Zeiten

Ergebnisse der Zahlungsbilanz 2008

Univ. Prof. Dr. Ewald Nowotny, Mag. Andreas Ittner, Mag. Dr. Aurel Schubert
Wien, 30. 4. 2009

Es gilt das gesprochene Wort.


Die Zahlungsbilanz im Jahr 2008


Traditionelle Hartwährungsländer im Wettbewerb besonders erfolgreich

  • Österreichs Leistungsbilanz folgt seit etwa einem Jahrzehnt einem deutlichen Aufwärtstrend. Diese Entwicklung bestätigt unserer Volkswirtschaft – wie auch anderen traditionellen Hartwährungsländern – anhaltende Wettbewerbsfähigkeit.

  • Dies ist auf traditionelle Stärken Österreichs wie die Innovationskraft der kleinen und mittelständischen Unternehmen, ein international anerkanntes Ausbildungsniveau sowie sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit zurückzuführen.

  • Dagegen ist eine Reihe von südlichen Euroraumländern wie Griechenland, Spanien oder Italien mit einer anhaltenden Passivierung ihrer Leistungsbilanzen konfrontiert.



Österreichs Wettbewerbsfähigkeit ist nachhaltig

  • Auch ein internationaler Vergleich der Lohnstückkosten spricht für den Wirtschaftsstandort Österreich: Seit einigen Jahren liegen deren Zuwächse deutlich unter dem Durchschnitt des Euroraums.

  • Unsere Wirtschaft liegt damit gegenüber vielen Mitbewerbern innerhalb der Währungsunion deutlich im Vorteil.

  • Auch hier wird die Zweiteilung in eine Gruppe ehemaliger Hartwährungsländer und einen „Club Med“ deutlich.



Leistungsbilanz des Euroraums konjunkturbedingt im Minus

  • Die Leistungsbilanz des Euroraums entwickelte sich in den vergangenen Jahren ebenfalls günstig und rutschte erst im Umfeld der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise wieder deutlich ins Defizit.

  • Im Jahr 2008 lag sie mit 94 Mrd EUR oder 1% des BIP im Minus.

  • Der seit dem Jahr 2000 zu beobachtende positive Verlauf der Euroraum-Leistungsbilanz ist nicht zuletzt auch den intensiven Wirtschaftsbeziehungen mit ost- und südosteuropäischen Ländern zu verdanken, die dem Euroraum in Form von kostengünstigen Vorleistungen zu Wettbewerbsvorteilen verhalfen.



Bedeutung europäischer Wachstumsmärkte für den Außenhandel 2008

  • Der gesamte Euroraum ist heute nicht nur in Form von Direktinvestitionen und Kreditforderungen sondern auch realwirtschaftlich stark mit der Region Ost- und Südosteuropa vernetzt. Knapp ein Zehntel aller Güterexporte gehen dorthin.

  • Deutschland exportierte 2008 115 Mrd EUR oder 11,6% seiner Güter in die CEE-10. Das entspricht dem Fünffachen des heimischen Exportvolumens in diese Länder. Auch Italien, die Niederlande oder Frankreich finden dort enorm wichtige Absatzmärkte vor.

  • Europa hat damit vitales Interesse daran, seinen Wachstumsmotor in Gang zu halten.



Österreich erwirtschaftet Rekordüberschuss in der Leistungsbilanz

  • 2008 bringt ein neues Rekordergebnis für die Leistungsbilanz Österreichs: Das Plus erreicht 9,8 Mrd EUR oder 3,5 % des BIP.

  • Die Außenwirtschaft erweist sich als wettbewerbsfähig und leistet weiterhin einen positiven Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung in Österreich.

  • Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet darüber hinaus, dass die Volkswirtschaft als ganze nicht auf eine zusätzliche Finanzierung aus dem Ausland angewiesen ist.

  • Im Verlauf des Jahres 2008 wurden negative Auswirkungen des weltweiten Wirtschaftsabschwungs spürbar, österreichische Firmen konnten sich jedoch unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen im Handel mit Gütern und Dienstleistungen behaupten.



Österreich profiliert sich als Dienstleistungsexporteur

  • Die wichtigste Komponente der Leistungsbilanz ist der Außenhandel: Ausgehend von einem rekordverdächtigen Ergebnis im Jahr 2007 schloss die Güterbilanz im Berichtsjahr mit einer „roten Null“. Es kann aber noch von einem ausgeglichenen Ergebnis gesprochen werden.

  • Entscheidend für den hohen Leistungsbilanzüberschuss waren die touristischen Erfolge des Jahres 2008. Bei stagnierenden Ausgaben der Österreicher im Ausland konnten die Einnahmen um 1 Mrd EUR gesteigert werden.

  • Ein Rekordüberschuss konnte auch im übrigen Dienstleistungshandel erzielt werden, was abermals zeigt, dass Österreich kein reines Reiseverkehrsland mehr ist, sondern über ein modernes Dienstleistungsangebot verfügt.

Österreich konnte sich als Forschungsstandort etablieren
Österreichische Anbieter exportieren technische Dienstleistungen
Regionale Headquarters erbringen Dienstleistungen im Konzernverbund
Die Bilanz von Patenten und Lizenzen ist allerdings deutlich negativ



Die Krise erfasst Österreich ab Mitte 2008

  • Das insgesamt erfreuliche Ergebnis der heimischen Außenwirtschaft im abgelaufenen Jahr bedeutet natürlich nicht, dass sich Österreich der weltwirtschaftlichen Krise entziehen kann. Das Übergreifen der Krise lässt sich an den Quartalsergebnissen der Exporte von Gütern und Dienstleistungen ablesen.

  • Das Wachstum der Warenausfuhren ist seit Jahresbeginn 2007 rückläufig. Aber erst nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers kam es im vierten Quartal 2008 zu einem dramatischen Einbruch und zu einem echten Rückgang der Exporte.

  • Ein ähnliches Bild zeigt der Handel mit Dienstleistungen (ohne Reiseverkehr): Hier sank das Exportwachstum im Jahresverlauf von deutlich zweistelligen Werten auf Null.

  • Am robustesten erscheint der Reiseverkehr: Nach dem Rekordergebnis der Wintersaison 2007/2008 weist die Tourismuswirtschaft auch in der aktuellen Wintersaison positive Wachstumsraten aus.

  • Trotzdem muss man sich bezüglich der Leistungsbilanz 2009 keine übertriebenen Sorgen machen: Die Importe entwickeln sich zumeist ähnlich wie die Exporte. Das liegt u. a. daran, dass die österreichischen Exporte einen hohen Importgehalt (an Vorleistungen) enthalten und im Konjunkturzyklus gemeinsam steigen oder sinken. Auch bei der Energierechnung ist im laufenden Jahr eine Entlastung zu erwarten.



Österreich ist dank Leistungsbilanzüberschuss Kapitalexporteur

  • Der anhaltende Leistungsbilanzüberschuss macht Österreich erneut zum Kapitalexporteur. Dadurch ist Österreich nicht auf Kapitalimporte angewiesen. Die in der Vergangenheit angesammelten Nettoverbindlichkeiten Österreichs gegenüber dem Ausland können weiter abgebaut werden.

  • Der Kapitalexport erfolgte (mit rund 27 Mrd EUR) vorwiegend durch den Bankensektor in Form der „Sonstigen Investitionen“ (Kredite und Einlagen).

  • Im Gegensatz hierzu verzeichnete der Bereich Portfolioinvestitionen 2008 bereits das dritte Jahr in Folge einen Nettokapitalimport (26 Mrd EUR), was einerseits auf den Verkauf ausländischer Wertpapiere und anderseits auf den geringer werdenden, aber noch immer positiven Absatz österreichischer Wertpapiere im Ausland zurückzuführen ist.

  • Der Nettoexport bei den Direktinvestitionen dürfte dazu führen, dass der Bestand an aktiven und passiven Direktinvestitionen auch zu Marktpreisen ausgeglichen sein dürfte. Zu Buchwerten wurde der Gleichstand bereits 2003 erreicht.



Österreicher trennen sich erstmals von ausländischen Wertpapieren

  • Die Neuinvestitionen Österreichs im Ausland 2008 betrugen 48 Mrd EUR oder etwa 7% des entsprechenden Bestandes an Auslandsforderungen. Das war der niedrigste Wert seit 2003.

  •  Während Direktinvestitionen sowie Kredite an das bzw. Einlagen im Ausland weiter zunahmen, bauten heimische Anleger – speziell im vierten Quartal – ihre Portfolioinvestitionen ab. Insbesondere österreichische Investmentfonds mussten ausländische Wertpapiere verkaufen, da sowohl inländische – unter anderem auch private Haushalte – als auch ausländische Investoren österreichische Investmentzertifikate netto verkauften.

  • Während private Haushalte sich im vierten Quartal von inländischen Investmentzertifikaten aller Kategorien (auch Rentenfonds) und von Bankenanleihen in Summe trennten und teilweise in Spareinlagen geflüchtet sind, haben sie sich andererseits bereits wieder als „Schnäppchenjäger“ an der Wiener Börse engagiert.

  • Auslandsforderungen aus Krediten und Einlagen (bei ausländischen Banken) nahmen ähnlich wie in den beiden Vorjahren deutlich zu, wobei es allerdings in den letzten beiden Quartalen 2008 – beeinflusst durch den Vertrauensverlust im internationalen Interbankenverkehr – insgesamt zu einem leichten Abbau kam.



Kapitalzufluss nach Österreich schwächt sich weiter ab

  • Die Nettoveranlagung des Auslands in Österreich erreicht nur noch 36½ Mrd EUR oder 5 Prozent des Standes an Auslandsverbindlichkeiten. Der Wert das Jahres 2008 ist seit Österreichs Beitritt zur Währungsunion vor 10 Jahren nur zwei Mal unterboten worden.

  • Österreich bleibt auch 2008 ein attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen: Trotz eines deutlichen Rückgangs der gehört 2008 zu den Jahren mit den höchsten Kapitalzuflüssen.

  • Portfolioinvestitionen des Auslands gingen gegenüber den Vorjahren deutlich zurück.

Aktien und Investmentzertifikate wurden netto von Ausländern verkauft.
Der Nettoabsatz von Bankenanleihen im Ausland ging gegenüber den Vorjahren stark zurück.
Der Bund nahm speziell im vierten Quartal finanzielle Mittel aus der Ausgabe von Treasury Bills auf; andererseits wurden kurzfristige Einlagen (bei ausländischen Banken)/Kreditforderungen im Ausland aufgebaut. 

  • Der Stand der Kreditverpflichtungen im Ausland bzw. die ausländischen Einlagen in Österreich nahmen um 10,8 Mrd EUR zu; auch hier drehte das Bild im dritten Quartal, als es vor allem im Interbankenverkehr zu einem Abzug ausländischer, kurzfristiger Einlagen kam.



Außenhandl kippt im 4. Quartal ins Minus

  • Nach dem Ausnahmejahr 2007, in dem der Außenhandel einen deutlichen Überschuss erzielt hatte, erbrachte die Außenhandelsstatistik des Jahres 2008 wiederum ein Defizit. Mit -1,8 Mrd EUR oder 0,6% des BIP und angesichts des schwierigen internationalen Umfelds ist es jedoch vergleichsweise gering ausgefallen.

  • Da die Exporte im Jahresvergleich mit 2,3% langsamer gewachsen sind als das BIP mit 4,2% ergibt sich erstmals seit langem ein Rückgang der Exportquote (von 42,3 auf 41,6%). Die Importquote blieb dank einem Importwachstum von 4,3% mit 42,2% unverändert.

  • Allein die Ölrechnung belastete die Handelsbilanz mit ausschließlich preisbedingten zusätzlichen Importaufwendungen von knapp 2 Mrd EUR. Nordseeöl hatte im Juli 2008 mit 132,5 $/Barrel einen noch nie da gewesenen Rekordwert erreicht.

  • Folgenreicher – vor allem im Hinblick auf das Jahr 2009 – ist der Einbruch der Exportnachfrage ab Oktober 2008 mit einem Minus von 25% im Jänner 2009.

  • Fast der gesamte Exportzuwachs des Jahres 2008 (+2,65 Mrd EUR) wurde in den Ländern Zentral-, Ost- und Südosteuropas erzielt (+2,5 Mrd EUR; Russland, Tschechien, Slowakei). Eingebrochen ist der Export in jene Länder, von denen die Finanzkrise ihren Ausgang genommen hatte (USA, Irland, UK, sowie Spanien und Portugal).

  • Die Importzuwächse von 4,9 Mrd EUR konzentrieren sich auf die OPEC-Staaten, Russland sowie das übrige Osteuropa (Ungarn, Tschechien, Polen) und Deutschland.



In der Krise mit der Seele baumeln

  • Die Einnahmen aus dem Reiseverkehr stiegen 2008 um 7,5%.

  • Angesichts stagnierender Reisverkehrausgaben resultiert daraus ein Rekordüberschuss von 7,1 Mrd Euro.

  • Dieses positive Ergebnis wurde in einem ungünstigen Umfeld erzielt.

  • Die österreichische Tourismuswirtschaft hat ihre Wachstumsdynamik bis in die laufende Wintersaison aufrecht erhalten können.

  • Anzeichen von Schwäche gibt es bisher vorwiegend im Sektor der Geschäftsreisen.



Österreich bei innovativen Dienstleistungen auf dem Vormarsch

  • Auch bei den übrigen Dienstleistungen verzeichnete die OeNB im Jahr 2008 einen neuerlichen Rekordüberschuss Österreichs: Anstieg von 5,9 auf 6,3 Mrd EUR. Die Dienstleistungsexporte wuchsen um 3,9, die -importe um 2,9%. 2007 waren noch zweistellige Wachstumsraten zu verzeichnen gewesen.

  • Seit 1. Jänner 2006 sind Detailinformationen zum Handel mit Dienstleistungen verfügbar (Unternehmensbefragungen in Kooperation mit Statistik Austria):

    • Den höchsten Handelsüberschuss ergaben 2008 neuerlich „innovative Dienstleistungsarten“ (Forschung und Entwicklung, Architektur und Technik, EDV und Information). Das Ausmaß ist jedoch rückläufig. Das Exportwachstum ging gegen Null.

    • Die Analyse der handelnden Firmen zeigt, dass dieser Bereich des Dienstleistungsverkehrs in Österreich von den ansässigen Konzernunternehmen bestimmt wird. Die dynamische Entwicklung der vergangenen Jahre mit Exportsteigerungsraten zwischen 20 und 30% steht damit in engem Zusammenhang mit der erfolgreichen Standortpolitik und der aktiven Rolle Österreichs im Prozess der weltweiten Globalisierung.

    • Die Ergebnisse stellt die OeNB im Detail anlässlich der Präsentation des neuen statistischen Sonderhefts „Wer bestimmt Österreichs Handel mit Dienstleistungen – Ergebnisse der Firmenanalyse“ am 15. Juni vor.



Deutschland mit 30% Dienstleistungspartner Nummer Eins

  • Ausschlaggebend für das schwächere Wachstum der Dienstleistungsexporte war der Handel mit den „alten“ EU-Mitgliedern, auf die mehr als die Hälfte aller Dienstleistungsexporte (und –importe) entfallen. Exporte und Importe waren – bei großen Unterschieden zwischen einzelnen Ländern – in Summe leicht rückläufig. Bei Deutschland, mit 30% Anteil der mit Abstand wichtigste Partner, verzeichnet die Statistik ein minimales Plus.

  • Die Exporte in die 12 NMS wuchsen hingegen mit 12% weiter dynamisch, vor allem nach Ungarn, in die Slowakei, nach Polen, Bulgarien und Tschechien. In Summe entfallen auf die 12 NMS aber nur 16% aller Dienstleistungsexporte.

  • Die Exportentwicklung in Länder außerhalb der EU übertraf in den letzten Jahren tendenziell jene in die EU 27. Obwohl die Nachfrage aus Drittstaaten 2008 an Dynamik verloren hat, blieb diese mit +8,3% immer noch deutlich überdurchschnittlich. Das ist hauptsächlich auf markante Wachstumsraten gegenüber Russland (+49%) und der Schweiz (+18%) zurückzuführen.

  • Russland zählt mittlerweile zu den 10 wichtigsten Exportdestinationen für österreichische Dienstleistungsanbieter. An Bedeutung gewinnen auch Serbien und die Ukraine.



Leichte Verbesserung der Einkommensbilanz

  • Die Bilanz der Einkommensströme an das bzw. aus dem Ausland weist eine merkliche Verringerung des Abgangs (-2,2 Mrd EUR gegenüber -3,8 Mrd im Vorjahr) aus.

  • Die Einkommen österreichischer Grenzgänger und Saisonniers, die im Ausland arbeiten, übersteigen das Einkommen, das ausländische Grenzgänger und Saisonniers in Österreich erzielen, wie im Vorjahr um rd. 300 Mio EUR.

  • Das größte Minus (-3,9 Mrd EUR) ergibt sich bei den Portfolioinvestitionen, wo seit 2005 aufgrund deutlich wachsender Nettoverbindlichkeiten steigende Defizite zu verbuchen sind.

  • Mit Unsicherheiten behaftet ist die deutlich positive Bilanz der Einkommen aus Direktinvestitionen, weil sie in hohem Maß noch auf Schätzungen beruht. Für eine günstige Bilanz sprechen aber immerhin die im Berichtsjahr erhobenen Gewinnausschüttungen. (Die erhaltenen Ausschüttungen stiegen von 3,9 auf 4,1 Mrd EUR, die zu zahlenden sanken von 4,5 auf 3,9 Mrd EUR).

  • Die „Erträge aus Sonstigem“ (im Wesentlichen Einlagen und Kredite) drehten entsprechend dem Aufbau der Netto-Forderungen 2008 wieder ins Positive.



Österreichische Investoren setzen weiter auf Zentral- und Osteuropa

  • Die strategischen Investitionen inländischer Investoren in ausländische Unternehmen, also die aktiven Direktinvestitionen, erreichten 2008 einen Wert von 19,7 Mrd EUR, das sind nur 20% weniger als im Ausnahmejahr 2007 und der zweithöchste jemals erzielte Wert.

  • Die regionale Streuung war 2008 sehr breit; Deutschland liegt mit Rekordinvestitionen auf Platz Eins der Zielregionen – vor der Ukraine, Ungarn, und Russland.

  • Mehr als die Hälfte der ADI entfällt auf MOEL-19. Österreichische Investoren stehen zu ihren strategischen Entscheidungen und glauben an die Zukunft ihrer Investments.

  • Das Ausmaß an Desinvestitionen war gering und auch im vierten Quartal war kein Nachlassen der Investitionstätigkeit festzustellen.



Österreich als Direktinvestor in Osteuropa

  • Die anhaltenden Investitionen, die teilweise auch zu weiteren Positionsverbesserungen Österreichs geführt haben (Rumänien, Mazedonien, Serbien) belegen, dass die Österreicher zu ihren Investitionsentscheidungen stehen.

  • Es geht ihnen nicht um kurzfristige Spekulationsgewinne, sondern um längerfristige strategische Überlegungen, die – wohl zu Recht – davon ausgehen, dass diese Region nach Überwindung der aktuellen Krise wieder zu einem überdurchschnittlich dynamischen Pfad zurückfinden wird.



Österreich als Standort weiterhin attraktiv

  • Obwohl die passiven Direktinvestitionen gegenüber dem Ausnahmejahr 2007 auf weniger als die Hälfte gesunken sind, markiert das Ergebnis des Berichtsjahres immer noch das zweitstärkste Jahr.

  • Reduziert hat sich das Ausmaß der Finanzierung durch konzerninterne Kredite. Während im ersten Halbjahr 2008 noch 1,5 Mrd EUR an Krediten zugeflossen sind, haben die ausländischen Muttergesellschaften im zweiten Halbjahr die Kreditlinien ihrer österreichischen Töchter um 2,2 Mrd EUR reduziert. Darin enthalten ist allerdings auch ein großer Fall, in dem ein Kredit in Eigenkapital gewandelt wurde.

  • Das Geschehen bei den passiven Direktinvestitionen war wie immer regional stark konzentriert. Nach vier Ländern, nämlich den USA, Irland, der Schweiz und Luxemburg, wurden zwischen 1 und 1,5 Mrd EUR an Kapital abgezogen. Dem standen Zuflüsse aus Italien (+ 3,8 Mrd EUR), Großbritannien (+3,1 Mrd EUR), Deutschland (+2,8 Mrd EUR) und den Niederlanden (+2,3 Mrd EUR) gegenüber, womit der Abfluss weit übertroffen wurde.



Österreicher verkaufen ausländische Wertpapiere

  • Dem Trend des zweiten Halbjahres 2007 folgend wurden 2008 erstmals seit dem EU-Beitritt ausländische Wertpapiere von österreichischen Investoren im Jahresverlauf netto verkauft (-9,5 Mrd EUR gegenüber +13 Mrd im Vorjahr). Ausschlaggegend hierfür war insbesondere das vierte Quartal. Auch im Jänner und Februar 2009 hielt dieser Trend weiter an.

  • Am stärksten wurden ausländische Aktien abgestoßen (-4,9 Mrd EUR). Auch langfristige verzinsliche Wertpapiere (-2,8 Mrd), Geldmarktpapiere (-1 Mrd) und Investmentzertifikate (-0,8 Mrd) wurden 2008 netto verkauft.

  • Hauptverantwortlich für die Verkäufe zeigten sich inländische Investmentfonds, die ausländische Aktien um mehr als 4 Mrd EUR und ausländische verzinsliche Wertpapiere um knapp 8 Mrd EUR netto verkauften. Dies ist auf Nettoverkäufe in- und ausländischer Investoren von inländischen Investmentzertifikaten (aller Kategorien) zurückzuführen.



Österreicher verkaufen ausländische, langfristige, verzinsliche Wertpapiere

  • Während langfristige verzinsliche Wertpapiere aus dem Gebiet der ursprünglichen Euroländer erstmals seit Österreichs Beitritt zur EU in Summe netto verkauft wurden (-5,5 Mrd EUR), fanden Anleihen aus Schweden, Dänemark, Großbritannien (+2,6 Mrd) sowie aus den 12 „neuen“ Mitgliedsländern (+1,2 Mrd) Zuspruch bei Österreichs Anlegern.

  • Unter den 12 „neuen“ Mitgliedsländern waren (in der ersten Jahreshälfte) insbesondere Banken- und Staatsanleihen von Ungarn und der Slowakei gefragt.

  • Im Euroraum trugen vor allem Nettoverkäufe von Anleihen aus Deutschland und Griechenland zum Rückgang bei.



Ausländische Anleger verkaufen österreichische Wertpapiere

  • Nach den Rekordabsätzen der letzten Jahre (2006: 38,5 Mrd; 2007: 36 Mrd) waren österreichische Wertpapiere 2008 im Ausland deutlich weniger gefragt. Mit rund 16 Mrd EUR lag der Absatz ungefähr auf dem Niveau von 1998.

  • Der Nettoabsatz langfristiger verzinslicher Wertpapiere erreichte mit 12,8 Mrd EUR den niedrigsten Wert seit 1997, 2007 waren es noch 30 Mrd. Mitverantwortlich zeigte sich hierfür der geringere Absatz von Bankenanleihen im Ausland.

  • Der Nettoabsatz österreichischer Geldmarktpapiere hat mit 8,5 Mrd EUR jedoch einen neuen Rekordwert erzielt. Zurückzuführen ist dies auf den gestiegenen Nettoabsatz von Austrian Treasury Bills (+7 Mrd).

  • Inländische Investmentzertifikate wurden erstmals seit dem EU-Beitritt von ausländischen Investoren netto verkauft (-2,4 Mrd).

  • Auch inländische Aktien wurden vom Ausland netto abgegeben (-2,6 Mrd). Zuletzt war dies 2001 als Folge der „dot.com Blase“ der Fall. Als Gegenposition erwiesen sich hier inländische Privatinvestoren, die 2008 – speziell im vierten Quartal – inländische Aktien netto kauften.



Banken veranlagen weiterhin grenzüberschreitend_Forderungen
Banken veranlagen weiterhin grenzüberschreitend_Verpflichtungen

  • Wenn Österreich Kapital exportiert, aber große Mengen an Kapital in Form von Wertpapierverkäufen an das Ausland importiert, so muss es letztlich zu einem dynamischen Aufbau an „sonstigen“ Auslandsforderungen kommen.

  • Wesentliche Akteure 2008 waren dabei naturgemäß die Banken (+30 Mrd EUR), aber auch der Staat (+7,4 Mrd, speziell im vierten Quartal).

  • Bei den Bankenforderungen zeigten sich das dritte und speziell das vierte Quartal allerdings stark rückläufig, was vor allem auf einen starken Rückgang der grenzüberschreitenden kurzfristigen Interbankenforderungen zurückzuführen ist.

  • Auf der Verpflichtungsseite zeigt sich, dass österreichische Nichtbanken (in den ersten drei Quartalen) Auslandskredite in Höhe von 6 Mrd EUR aufnahmen. Im vierten Quartal kam die Auslandsfinanzierung heimischer Unternehmen jedoch zum Erliegen.

  • Die Einlagen von Ausländern bei heimischen Banken gingen um rund 3,6 Mrd EUR zurück. Das Bild war von sehr starken Rückgängen von grenzüberschreitenden, kurzfristigen Interbankenverpflichtungen im vierten Quartal geprägt.



Rekordhohe Kreditvergabe an Nichtbanken im Ausland

  • Die (direkte) Gewährung langfristiger Kredite inländischer Banken an ausländische Nichtbanken erreichte mit 21 Mrd EUR ein noch nie dagewesenes Ausmaß.

  • Das gewachsene Bewusstsein für Kreditrisiken dürfte die verstärke Kreditgewährung an Ansässige der EU-15 begünstigt haben (+10 Mrd EUR).

  • Sowohl in den 12 „neuen“ Mitgliedsländern als auch in den sonstigen ost- und südosteuropäischen Staaten erreichte das Nettowachstum an langfristigen Kreditgewährungen ungefähr das Vorjahresniveau (+10 Mrd EUR).

  • Die Gewährung langfristiger Kredite inländischer Banken an ausländische Nichtbanken beinhaltet auch solche an ausländische (meist verbundene) Finanzintermediäre, etwa Holdinggesellschaften oder Leasingfirmen.


Zusammenfassung:

  • 2008 bringt ein neues Rekordergebnis für die Leistungsbilanz Österreichs: Der Überschuss erreicht 9,8 Mrd EUR oder 3,5 % des BIP. Damit ist die österreichische Volkswirtschaft nicht auf eine Kapitalzufuhr aus anderen Ländern angewiesen. Vielmehr kann Österreich den Überschuss im Ausland veranlagen und damit seine Nettoverschuldung im Ausland abbauen.

  • Im Jahresverlauf greift die Finanzkrise auf Österreichs Realwirtschaft über. Im 4.Quartal erleben die Exporte einen Einbruch, der sich im 1.Quartal 2009 verschärft.

  • Winterurlauber bescheren Österreich Rekordeinnahmen im Tourismus. Dank stagnierender Ausgaben erreicht der Überschuss 7,1 Mrd EUR. Die Krise betrifft bisher nur die Geschäftsreisen.

  • Zentral-, Ost- und Südosteuropa waren 2008 weiterhin wichtige Wirtschaftspartner: Die Warenexporte in diese Region wuchsen um 2,5 Mrd EUR, was nahezu dem gesamten Exportzuwachs des Jahres 2008 entspricht; die Gästezahlen aus der Region wuchsen fast durchgehend zweistellig; und auch bei den Exporten von Dienstleistungen war 2008 ein deutliches Wachstum zu verzeichnen, während etwa die Exporte in die „alte“ EU stagnierten.

  • Bei allem Interesse an der „Wachstumsregion Osteuropa“ darf man nicht übersehen, dass Deutschland mit Abstand der wichtigste Wirtschaftspartner Österreichs ist und in den meisten Bereichen bedeutender ist als sämtliche Transformationsländer in Summe.

  • Die grenzüberschreitenden Käufe, Gründungen oder Erweiterungen von Unternehmen (Direktinvestitionen) waren 2008 überraschend robust. Im Einklang mit der weltweiten Entwicklung waren die Direktinvestitionsströme schwächer als 2007, doch gab es keine nennenswerten Abverkäufe von Beteiligungen.

  • Bei den grenzüberschreitenden Portfolioinvestitionen zeigen sich seit Mitte 2007 deutlich die Spuren der Finanzkrise. Ausländische Wertpapiere wurden seither in Summe netto verkauft, auch der Nettoabsatz inländischer Wertpapiere an das Ausland ging stark zurück.

  • Im grenzüberschreitenden Interbankenmarkt zeigt sich deutlich die angespannte Lage im vierten Quartal 2008, als sowohl ausländische Banken ihre kurzfristigen Einlagen bei inländischen Banken als auch inländische Banken ihre kurzfristigen Einlagen bei ausländischen Banken stark reduzierten.


Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

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