Es gilt das gesprochene Wort.
Reden und Präsentationen
Die österreichische Außenwirtschaft in turbulenten Zeiten
Ergebnisse der Zahlungsbilanz 2008
Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny, Gouverneur
Wien, 30. 4. 2009
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie im Rahmen der Pressekonferenz zur Zahlungsbilanz im Jahr 2008 herzlich begrüßen!
Wenn wir heute ein außenwirtschaftliches Resümee über das abgelaufene Jahr ziehen, so ist dies freilich vom alles bestimmenden Ereignis der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise geprägt. Das Frühjahrstreffen des IWF und der Weltbank am vergangenen Wochenende bestätigt den Eindruck, wonach sich die Weltwirtschaft in der schwersten Rezession nach Ende des Zweiten Weltkriegs befindet. Trotz der derzeit sehr hohen Prognose¬unsicherheiten zeichnen sich der Tiefpunkt der Krise im Jahr 2009 sowie eine leichte Erholung im Jahr 2010 ab. Der Welthandel wird 2009 nach jüngsten Schätzungen um 11% einbrechen. Bereits im turbulenten 4. Quartal 2008 schlugen die globalen Finanzmarktverwerfungen auch auf die heimische Realwirtschaft in Form deutlich rückläufiger Außenhandelsaktivitäten durch. Details zur Entwicklung der österreichischen Zahlungsbilanz wird anschließend Direktor Ittner präsentieren.
Die weltweite Rezession wird aber auch deutliche mittel- und längerfristige Spuren im globalen makroökonomischen Gefüge hinterlassen. Der über etwa ein Jahrzehnt anhaltende Aufbau globaler Ungleichgewichte – wie etwa zwischen den USA und Asien wird nun gestoppt oder teilweise sogar bereinigt werden.
Drei Faktoren sind in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung: Zum einen reduziert das verstärkte Sicherheitssparen die Verschuldung der privaten Haushalte und reduziert damit die Gefahr einer neuerlichen Blasenbildung auf den Kredit- und Immobilienmärkten. Dies gilt insbesondere für den Haushaltssektor der USA, dessen Defizit wesentlich durch das Ausland finanziert wurde. Zweitens bewirkt die weltweite Verschärfung der Kreditkonditionen ein „Deleveraging“ an den Finanzmärkten, woraus sich insgesamt eine günstigere Risikostruktur ergibt als unmittelbar vor der Krise. Drittens ist mit einer Verbesserung der Terms of Trade für Öl-importierende Länder und somit auch eine günstigere Entwicklung ihrer Leistungsbilanzen zu erwarten. Der IWF rechnet für 2009 mit einem US-Leistungsbilanzdefizit von nur noch 3,25% des BIP, nachdem es 2006 noch bei 6% gelegen hatte. Die jüngst unter Druck geratenen Leistungsbilanzen einiger ost- und südosteuropäischer Länder werden sich – nicht zuletzt infolge der Abwertung ihrer Währungen konsolidieren. Gleichzeitig ist ein Rückgang der teilweise enormen Überschüsse einiger asiatischer Volkswirtschaften zu erwarten. Wenn wir angesichts der aktuellen Wirtschaftslage einen positiven Aspekt finden möchten, so ist er in dieser Bereinigung schädlicher makroökonomischer Ungleichgewichte zu finden.
Meine Damen und Herren, der gegenwärtig dominierende Eindruck eines globalen Wirtschaftsabschwungs verleitet aber auch all zu leicht dazu, die gewohnten Stärken der heimischen Wirtschaft die auch und vor allem in ökonomisch schwierigen Zeiten gelten – aus den Augen zu verlieren. Die österreichische Volkswirtschaft ist traditionell durch einen nahezu einzigartigen Mix aus Erfolgsfaktoren geprägt, die es gerade in schwierigen Phasen wie der jetzigen zu vergegenwärtigen gilt. Dazu zählen insbesondere die Innovationskraft kleiner und mittelständischer Unternehmen, das Zusammenspiel sozialpartnerschaftlicher Einrichtungen und ein international anerkanntes Ausbildungsniveau heimischer Fachkräfte. Diese Attribute ermöglichten es unserer kleinen offenen Volkswirtschaft schon seit den 1970er Jahren, im internationalen Wettbewerb zunehmend zu reüssieren. Die Lohnstückkosten der heimischen Wirtschaft entwickeln sich gemessen am Euroraumdurchschnitt bereits seit mehreren Jahren äußerst positiv und verschaffen unserer Wirtschaft damit entscheidende Standortvorteile gegenüber zahlreichen anderen Euroraumländern.
Auch die hervorragende Wettbewerbsposition Österreichs in europäischen Wachstumsmärkten, insbesondere in Ost- und Südosteuropa wurde durch heimische Unternehmen wohlüberlegt vorbereitet und langfristig aufgebaut. Sie wurde nicht durch kurzfristige Spekulation, sondern vielmehr auf Basis tiefgehender Marktkenntnis erreicht. Österreichs Banken stehen daher konsequenterweise auch weiterhin zur ihrem Engagement in ost- und südosteuropäischen Märkten und versorgen ihre dortigen Töchter mit der nötigen Liquidität. Dieses Verhalten ist durchwegs rational und zu begrüßen, weil das vergleichsweise große Entwicklungspotenzial dieser Region auch künftig für überdurchschnittliches Wachstum sorgen wird. Interimsprognosen der Europäischen Kommission lassen in der EU-10 selbst für 2009 und 2010 noch eine Expansion von rund 1% und damit ein besseres Abschneiden als im Euroraum erwarten.
Die enorme Dynamik Ost- und Südosteuropas in den vergangenen zwei Dekaden, deren wichtiger Profiteur Österreich zweifellos war und ist, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der erweiterte Heimmarkt Österreichs, nämlich der Euroraum, während dieser Expansionsphase niemals vernachlässigt wurde. Etwa die Hälfte der österreichischen Exporte und knapp 60% der Importe entfielen 2008 auf unsere Partnerländer innerhalb der Währungsunion. Auch Österreichs Finanzaktiva sind fast zur Hälfte im Euroraum, d. h. in durchwegs stabilen Ländern und ohne Währungsrisiko veranlagt. Das Bank-Engagement Österreichs in Ost- und Südosteuropa, das Ende 2008 bei 200 Mrd EUR lag, konzentriert sich zu drei Viertel auf neue EU-Mitgliedstaaten, also jene Länder, deren ökonomischer Aufholprozess bereits relativ weit fortgeschritten ist. Selbst innerhalb dieses – durchwegs heterogenen – Wirtschaftsraums ist das heimische Exposure regional gut diversifiziert, wie auch der IWF jüngst bestätigte. Somit liegen nur etwas über 50 Mrd EUR an heimischen Bankaktiva außerhalb der EU.
Österreich war einer der ersten und erfolgreichsten, keineswegs aber der einzige Investor in den europäischen Wachstumsmärkten. Der gesamte Euroraum ist heute – nicht nur in Form von Direktinvestitionen und Kreditausleihungen – sondern auch realwirtschaftlich stark mit der Region Ost- und Südosteuropa vernetzt. Rund ein Zehntel aller Exporte der Währungsunion gehen in diese Länder. Deutschland exportierte 2008 115 Mrd EUR oder 11,6% seiner Güter in die CEE 101). Das entspricht dem Fünffachen des heimischen Exportvolumens in diesen Ländern. Auch Griechenland, Italien oder Finnland finden in ost- und südosteuropäischen Ländern ausgesprochen wichtige Absatzmärkte vor.
Abgesehen von der Bedeutung als Exportdestination nahm auch die Einfuhr von kostengünstig gefertigten Vorleistungen aus den europäischen Wachstumsmärkten deutlich zu und verschaffte dem Euroraum damit entscheidende Wettbewerbsvorteile. Dies reflektiert auch die langfristig günstige Entwicklung der Euroraum-Leistungsbilanz, die seit 2002 fast durchgängig Überschüsse auswies und erst kürzlich infolge der jüngsten Wirtschaftsentwicklung wieder ins Defizit drehte ( 1% des BIP).
Mit dem Übergreifen der in den USA entstandenen Krise auf West- und schließlich auch auf Osteuropa entsteht daher für alle europäischen Industrieländer im eigenen Interesse gemeinsamer Handlungsbedarf, um den Wachstumsmotor Europas – wenn auch mit geringerer Drehzahl in Gang zu halten.
Die Entwicklungen seit Mitte des Jahres 2007 haben bestätigt, dass die Einführung einer gemeinsamen Währung für Österreich wie auch für alle übrigen Euroländer zu einem richtigen und unverzichtbaren Schritt ihres wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses wurde. In einem Umfeld überreagierender Märkte, wie sie derzeit rund um den Globus zweifellos zu beobachten sind, bietet der Euroraum für Österreich jenen Schutzschild, den andere kleine Volkswirtschaften mit eigener Währung nun dringend benötigten und begehren. Die hohe Unsicherheit vieler Wirtschaftsakteure verlangt gerade jetzt nach einer Politik der ruhigen Hand, die ihrerseits Überreaktionen tunlichst zu vermeiden hat. In diesem Sinn ist ein reflexartiger Rückfall in ein protektionistisch geprägtes Wirtschaftssystem ebenso unangebracht wie das unreflektierte Festhalten an fehlerhaften Entwicklungen der Vergangenheit, die mit der Entstehung der gegenwärtigen Krisensituation ursächlich verbunden sind. Gerade die durchwegs sehr offenen Volkswirtschaften Europas müssen ein besonderes Interesse an zugänglichen Märkten und fairem Wettbewerb haben. Jede Form des Protektionismus muss im Keim erstickt werden. Mit einer Außenhandelsquote von 113% des Bruttoinlandsprodukts steht und fällt der Wohlstand Österreichs mit offenen Grenzen.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend auf die zentrale Bedeutung von verlässlichen Statistiken als Entscheidungsgrundlage wirtschaftspolitischen Handelns hinweisen. Dies gilt insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Phasen. Der nationalen Leistungsbilanz kommt in diesem Zusammenhang als wichtiger Indikator der Wettbewerbsfähigkeit besonderer Stellenwert zu, der auch durch die Teilnahme Österreichs am Euroraum nicht gemindert wird. Sie dient etwa der nationalen Wirtschaftspolitik als wesentliches Orientierungsmittel. Ausländischen Investoren gibt sie Aufschluss über die Attraktivität einer Anlageregion. Auch international operierende Konzerne fällen ihre Standortentscheidungen nicht zuletzt auf Basis makroökonomischer Kenngrößen wie dieser, woraus sich Rückwirkungen auf den nationalen Arbeitsmarkt ergeben.
Details zur Entwicklung der Zahlungsbilanz im Jahr 2008 werden Ihnen nun der für Statistik zuständige Kollege im Direktorium der OeNB, Andreas Ittner, sowie der Direktor der Hauptabteilung Statistik, Aurel Schubert, vorstellen. Im Anschluss stehen wir für Ihre Fragen zur Verfügung.
Rückfragehinweis:
Statistik-Hotline
Tel.: (+43-1) 404 20-5555
E-Mail senden
Verleger, Herausgeber und Hersteller:
Oesterreichische Nationalbank
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Günther Thonabauer
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
1) CEE 10: Neue EU-Länder einschließlich Rumänien und Bulgarien, jedoch ohne Malta und Zypern
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