Presseaussendung


Internationale Finanzaktivitäten Österreichs: 2009 brachte Gleitflug nach Schubverlust

Wien, 18. 5. 2010


Österreichs internationale Finanzaktivitäten kamen nach Jahren intensiven Wachstums 2009 erstmals zum Stillstand. Auslandsveranlagungen wurden weitgehend vermieden, die Finanzierung im Ausland ist eingebrochen. Anleihen fanden vermehrt im Inland Käufer. Allein die Aktienmärkte sendeten erste Erholungssignale. Heimische Privatanleger kauften österreichische Aktien vor allem zu Jahresbeginn und damit zu günstigen Kursen.

 

„Österreichs internationale Finanzverflechtung befindet sich erstmals seit dem EU-Beitritt in einer Phase der Stagnation“, eröffnete Dr. Aurel Schubert, Direktor der Hauptabteilung Statistik, heute ein Pressegespräch in der Oesterreichischen Nationalbank. „Die jüngste Finanzkrise wirkte wie ein vorübergehender Triebswerksausfall, der Österreichs grenzüberschreitendes Finanzgeschehen nach einem langjährigen Steig- nunmehr in einen Gleitflug zwang“, so Direktor Schubert. Zwischen 1999 und 2008 hatten sich Österreichs internationale Finanzaktiva und  passiva in Summe auf rund das Fünfeinhalbfache des BIP mehr als verdoppelt. Im Krisenjahr 2009 reduzierte sich diese Quote aber etwas. Absturzgefahr bestehe jedoch nicht, Österreichs Finanzintegration befinde sich entsprechend seiner Position als hoch entwickeltes Industrieland weiterhin auf äußerst hohem Niveau, so Schubert. Für die heimische Volkswirtschaft bleiben Auslandsmärkte nach wie vor sehr wichtig. Österreich konnte 2009   infolge seines Leistungsbilanzüberschusses   Kapital im Ausmaß von etwa 4 Mrd EUR im Ausland veranlagen.

 

Das österreichische Auslandsvermögen ist zum Großteil in etablierten Märkten Europas veranlagt. Allein im Euroraum waren Ende 2009 337 Mrd EUR oder 45% des gesamten Auslandsfinanzvermögens   ohne jegliches Währungsrisiko   investiert. Auch die Schweiz ist mit mehr als 100 Mrd EUR einer der wichtigsten Finanzpartner. Von großer Bedeutung sind aus österreichischer Sicht auch Finanzaktiva in europäischen Wachstumsmärkten. Hier haben österreichische Investoren im Laufe ihrer langjährigen Tätigkeit jedoch eine sehr gute Streuung erreicht. Mit 117 Mrd EUR entfällt der Großteil auf die Länder der EU-Erweiterungsrunden 2004 und 2007, deren ökonomischer Aufholprozess bereits vergleichsweise weit fortgeschritten ist.

 

„Die Finanzkrise konnte zwar die grundlegende Struktur der österreichischen grenzüberschreitenden Finanzaktivitäten kaum verändern, wohl aber deren Dynamik erheblich stören“ erläuterte Direktor Schubert. Das Jahr 2009 war durch massive Einbrüche sämtlicher Finanzveranlagungen im In- und Ausland gekennzeichnet. Österreichs strategische Unternehmensbeteiligungen im Ausland (Direktinvestitionen) erreichten mit 2,7 Mrd EUR nur 15% des Vorjahresvolumens und damit den geringsten Wert seit zehn Jahren. Die Zahl der Großprojekte mit Eigenkapitalerwerb von mehr als 100 Mio EUR ist 2009 auf weniger als zehn gesunken, nachdem es 2008 noch etwa 20 und 2007 sogar 50 solcher Geschäfte gegeben hatte. Umgekehrt waren auch ausländische Investoren kaum an Projekten in Österreich interessiert, passive Direktinvestitionen erfolgten vor allem in Form von nicht entnommenen Gewinnen oder Konzernkrediten, nicht aber mittels frischem Eigenkapital.

 

Ähnliche Zurückhaltung ließen österreichische Banken bei der Kreditvergabe im Ausland erkennen: 2009 wurden per Saldo sogar Kreditmittel im Ausmaß von 3,3 Mrd EUR abgezogen, nachdem in den beiden Vorjahren noch je etwa 20 Mrd EUR veranlagt worden waren. Der Rückzug aus dem Auslandsgeschäft erfolgte aus Industrieländern wie aus Wachstumsmärkten in ähnlichem Ausmaß. Vorsicht war insbesondere am Interbankenmarkt spürbar.

 

Gänzlich anders als in den Jahren zuvor verlor 2009 das Ausland auch als Abnehmer österreichischer Anleihen massiv an Bedeutung. Im Fall der Banken konnten nur staatsgarantierte Anleihen und Pfandbriefe dem Sicherheitsbedürfnis internationaler Anleger einigermaßen gerecht werden. Der Staat setzte bei inländischen Anlegern (v.a. Banken) mit knapp 10 Mrd EUR drei Mal so viele Anleihen ab wie im Ausland (3,3 Mrd EUR).

 

Bemerkenswert war 2009 das Vertrauen österreichischer Privatanleger in die Stärke der heimischen Wirtschaft: Mehr als 700 Mio EUR wurden in Anleihen österreichischer Unternehmen investiert, während Staatsanleihen per Saldo um 100 Mio EUR abgestoßen wurden. Privatanleger ließen sich durch hohe Renditen also eher anlocken als abschrecken. Klug investierten sie auch an der Wiener Börse: Sie kauften vor allem zu Jahresbeginn 2009 und damit zu vergleichsweise günstigen Kursen.

 

Erholungssignale sendete 2009 die Wiener Börse, deren Marktkapitalisierung nach dem Einbruch im Jahr 2008 bereits wieder um 40% zulegen konnte. Ausländische Investoren wechselten 2009 – nach ihrer vorübergehenden Abkehr vom österreichischen Aktienmarkt – wieder auf die Käuferseite und veranlagten 1,8 Mrd EUR an der heimischen Börse. „Mit der wiederkehrenden Zuversicht an den Aktienmärkten stieg in Österreich auch das Interesse an Fondsveranlagungen wieder an“, erläuterte Direktor Schubert abschließend.



Österreichs internationales Finanzgeschäftin Mrd EUR 
 20082009
 
Bestände
    Internationale Vermögensposition−37,9−27,1
      Finanzvermögen768,3757,0
      Finanzverpflichtungen806,2784,1
    Direktinvestitionen8,77,7
      im Ausland205,5208,2
      in Österreich196,8200,5
    Portfolioinvestitionen−126,7−116,3
      ausländische Wertpapiere231,0246,4
      österreichische Wertpapiere357,7362,7
    Sonstige Investitionen64,665,1
      Forderungen305,6279,3
      Verpflichtungen241,0214,2
    Finanzderivate3,53,9
      Forderungen14,210,6
      Verpflichtungen10,76,7
    Offizielle Währungsreserven1212,5
 
Transaktionen1
  Kapitalbilanz−12,7−4,1
    Direktinvestitionen−12,62,1
      im Ausland−20,7−3,2
      in Österreich8,15,3
    Portfolioinvestitionen26,9−6,7
      ausländische Wertpapiere9,4−2,9
      österreichische Wertpapiere17,4−3,8
    Sonstige Investitionen−27,8−2,4
      Forderungen−38,225,0
      Verpflichtungen10,4−27,4
    Finanzderivate0,30,5
    Offizielle Währungsreserven0,62,4
 
Statistische Differenz3,5−2,5
 


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