Reden und Präsentationen


Österreichs Außenwirtschaft in ruhigerem Fahrwasser

Ergebnisse der Zahlungsbilanz 2009

Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny, Gouverneur, Gouverneur
Wien, 30. 4. 2010

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Gemeinsam mit meinem für Statistik zuständigen Kollegen im Direktorium, Mag. Ittner sowie dem Direktor der Hauptabteilung Statistik, Dr. Schubert, möchte ich Sie im Rahmen der Pressekonferenz zur Zahlungsbilanz im Jahr 2009 herzlich begrüßen!

 

Es ist bestimmt keine Übertreibung davon zu sprechen, dass das ökonomische Sturmtief der vergangenen zwei Jahre die globale Wirtschaft in die schwerste Seenot nach 1945 brachte. Obwohl die schlimmsten Wogen nun geglättet scheinen, sind die Folgen des Unwetters bislang nicht annähernd bewältigt worden. Um im Jargon der Nautik zu bleiben wurden allenfalls die größten Lecks notdürftig verschlossen und das eingedrungene Wasser abgepumpt, um ein endgültiges Sinken zu vermeiden. Ein erneutes Anlaufen der Maschinen oder gar eine präzise Angabe des künftigen Kurses sind jedoch vorerst nicht möglich, die Weltwirtschaft   insbesondere Europa   befindet sich weiterhin in einem Zustand der Unsicherheit. Die Kosten der Krise in Form höherer Arbeitslosigkeit, verlorenem Wachstum und öffentlicher Verschuldung werden uns noch einige Jahre begleiten. Diese Meinung vertritt auch der IWF, von dessen Frühjahrestagung ich soeben zurückgekehrt bin.

 

Obwohl die globale Wirtschaft erste Anzeichen einer Erholung erkennen lässt, sind die Gefahren eines Rückschlags weiterhin spürbar vorhanden. Aufkommende Dynamik zeichnet sich gemäß IWF-Prognose derzeit nur in den Wachstumsmärkten Asiens ab, die heuer um mehr als 8% expandieren werden, sowie mit Einschränkungen in den USA (+3,1%). Der Euroraum wird dagegen nur um knapp 1% wachsen und dem globalen Konsolidierungstrend damit ebenso hinterherlaufen wie die Region Zentral- und Osteuropa (+2,9%). Auch die Aussichten für Österreich nehmen sich mit +1,3% nur geringfügig besser aus als jene des Euroraums.

 

Wenn die enorme Dimension des jüngsten Wirtschaftseinbruchs häufig Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre provozierte, so sind einige Parallelen zwar nicht von der Hand zu weisen; insgesamt unterscheidet sich der bisherige Verlauf dieser Krise aufgrund des mittlerweile stark geänderten Umfelds jedoch deutlich.

 

Die Konstruktion der globalen Wirtschaft hat sich in den vergangenen 80 Jahren   ähnlich dem Schiffsbau – in vielerlei Hinsicht zum Positiven gewandelt und weist nun eine Reihe an Sicherheitseinrichtungen auf. Dazu zählt etwa die enorm intensivierte Kooperation im Bereich der Fiskal- und Geldpolitik. Diese Abstimmung nationaler wirtschaftspolitischer Maßnahmen war ein entscheidender Faktor in der unmittelbaren Bekämpfung der Krisenauswirkungen.

 

In Europa festigte die Einführung des Euro das ökonomische wie auch das politische Selbstverständnis eines Wirtschaftsraums mit mehr als 300 Millionen Einwohnern und sorgte in dieser Region für bislang nicht gekannte Währungsstabilität. Aber auch in den übrigen Teilen der Welt sind nationale Protektionismen weitgehend verschwunden, wodurch eine hochgradig arbeitsteilige, international vernetzte und zunehmend barrierearme Wirtschaftswelt ermöglicht wurde.

 

Deutlich weiterentwickelt wurde auch das geldpolitische Instrumentarium, das im Umfeld eines geringen Zinsniveaus die nötige Flexibilität bewies, um den unmittelbaren Symptomen eines massiven Wirtschaftseinbruchs wirksam entgegen zu treten. Nur dem entschlossenen und abgestimmten Eingreifen aller wichtigen Notenbanken sowie der Wahl bislang nicht angewandter Mittel ist es zu verdanken, dass der Interbankenmarkt aus seiner Vertrauenskrise befreit und nachhaltig stabilisiert werden konnte.

 

In Summe trugen all diese Attribute entscheidend dazu bei, dass die jüngste Wirtschaftskrise vor allem aus sozialen Gesichtspunkten bislang weit weniger dramatisch verlief als jene der 30er-Jahre.

 

Alle bisher gesetzten Rettungsmaßnahmen gehen jedoch nicht über den Status einer  Erstversorgung hinaus. Es ist offensichtlich, dass eine nachhaltige Genesung nur durch langfristige und umfassende therapeutische Maßnahmen gelingen kann. Eine grundsätzlich geänderte Haltung ist vor allem im Hinblick auf die Risikobewertung spezieller Finanzprodukte einzufordern, die in Form einer höheren Eigenkapitalunterlegung ausgestaltet sein könnte. Darüber hinaus ist der Bereich der außerbilanziellen Geschäftstätigkeit kritisch zu durchleuchten. Die gern geübte Praxis, bestimmte Geschäftsfelder in Zweckgesellschaften auszugliedern, muss eingedämmt werden. Gleichzeitig ist aus der Sicht der Notenbank auch darauf hinzuweisen, dass der Aufbau von Eigenkapital im österreichischen Bankwesen – im Einklang mit internationalen Regulatorien wie BASEL III   mit Hinblick auf die Sicherung der  Finanzmarktstabilität hohe Priorität hat. Auch die aktuelle Diskussion um eine mögliche Bankenabgabe sollte unter dieser Prämisse geführt werden.

 

Ein anderes wichtiges, multinationales Anliegen  ist  makroökonomischer Natur, nämlich die Beseitigung von globalen Ungleichgewichten, die seit geraumer Zeit vor allem zwischen den USA und Asien bestehen und als Teilursache der jüngsten Krisenentwicklungen zu sehen sind. Bis 2007 häuften China und Japan beachtliche Leistungsbilanzüberschüsse an, während das Defizit der USA gleichzeitig problematische Ausmaße erreichte. Asien avancierte infolge seiner wirtschaftlichen Dynamik, aber auch aufgrund einer entsprechenden Wechselkurspolitik dieser Länder zunehmend zum Financier des US-amerikanischen Konsums. Im Verlauf der jüngsten Krise konnten nun gewisse Korrekturen dieser Ungleichgewichte beobachtet werden: Nach IWF-Berechnungen reduzierte sich das Leistungsbilanzdefizit der USA im Jahr 2009 auf 3,3% des BIP (2007 noch 5,2%). Spiegelbildlich hat sich im selben Zeitraum der Überschuss Chinas auf rund 6% etwa halbiert. Mit der Rückkehr der globalen Wirtschaftsdynamik wird dieser Aspekt jedoch wieder an Brisanz gewinnen. Gemäß den Wachstumsprognosen des IWF wird China nach Überwindung der Krise neuerlich zweistellige Wachstumsraten erreichen und eine weitere Öffnung dieser Schere hervorrufen. Bis 2015 wird ein Leistungsbilanzdefizit der USA von 3,5% sowie ein Plus für China von 8,5% erwartet. Gewisse Hoffnung auf Stabilisierung dieser Situation gibt der wachsende Wohlstand Chinas, der eine Zunahme des privaten Konsums nach sich ziehen sollte.

 

Aber auch innerhalb des Euroraums ist das makroökonomische Kräfteverhältnis keineswegs ausgeglichen. Seit Einführung des Euro gehören gefährliche Wechselkursschwankungen zwar der Vergangenheit an, die traditionelle Zweiteilung in ein nördliches Europa mit Leistungsbilanzüberschüssen – dem auch Österreich angehört   sowie einen „Club Med“ mit Defiziten existiert weiterhin. Durchwegs defizitär sind auch die Leistungsbilanzen der wichtigsten zentral- und osteuropäischen Wachstumsmärkte. Der IWF ortet hier in den kommenden Jahren aber immerhin eine stabile Entwicklung. Ausgewogene makroökonomische Verhältnisse müssen jedenfalls auch nach Überwindung der Krise ein multilaterales Anliegen bleiben. Dabei bleiben offene Märkte und der grundsätzliche Verzicht auf protektionistische Wirtschaftspolitik weiterhin zentrale Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung unseres Wohlstands.

 

Von zunehmender Bedeutung wird künftig auch die Diskussion um die Rückführung jener öffentlichen Defizite sein, die als Folge der Krisenbekämpfung beachtliche Ausmaße angenommen haben und mitunter vertragliche Verletzungen hervorrufen. So wichtig die Bereitstellung dieser öffentlichen Mittel war, so zwingend verlangt sie – zur Sicherung eines   glaubwürdigen Euro   die schrittweise Rückkehr zu nachhaltiger Finanzpolitik. „Große Werke vollbringt man jedoch bekanntlich nicht mit Kraft, sondern mit Ausdauer“, wusste schon der englische Schriftsteller Samuel Johnson. In diesem Sinne ist ein reflexartiger Kurswechsel in Richtung einschränkender Konsolidierungsmaßnahmen mit Sicherheit das falsche Signal für eine nach wie vor rekonvaleszente Weltwirtschaft. Die erforderliche Entschuldung hat mit Augenmaß sowie mit entsprechend ausgedehntem Zeithorizont zu erfolgen, um den einsetzenden Aufschwung nicht zu gefährden.

 

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir nun eine Bemerkung zur Situation Österreichs in seiner Rolle als führender Investor in vielen zentral- und osteuropäischen Ländern. Zweifellos hat sich auch dort die Risikosituation im Umfeld des Abschwungs verschärft. Der IWF geht jedoch davon aus, dass diese Region nach Überwindung der Rezession 2009, die mit rund  4% beziffert wird, schon heuer wieder moderat (+2,9%), und in den Folgejahren zunehmend wachsen wird. Auch andere wichtige Makroindikatoren wie Preisentwicklung oder Arbeitslosigkeit lassen durchaus zuversichtlich auf die künftige Entwicklung dieser Länder blicken. Österreichs Investoren haben sich in dieser Region bereits über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten strategisch gut positioniert, dort umfangreiche regionale Marktkenntnis erworben und ihr Exposure breit diversifiziert. Ein solches Vorgehen erlaubt – im Gegensatz zu kurzfristig-spekulativen Marktstrategien – das Durchtauchen schwieriger Wirtschaftsphasen, wie wir sie nun eben erlebten. Insgesamt erscheint es daher rational und begrüßenswert, dieses Engagement aufrecht zu halten und zu gegebener Zeit weiter auszubauen. So unruhig das Fahrwasser im Verlauf der Krise auch geworden sein mag, die fundamentalen Strukturen und das daraus resultierende Wachstumspotenzial Zentral- und Osteuropas bleiben auf mittlere Sicht aufrecht.

 

Österreich ist als kleine offene Volkswirtschaft traditionell von seinen Marktchancen im Ausland abhängig und machte aus dieser Abhängigkeit in der Vergangenheit stets eine Tugend. Selbst im Krisenjahr 2009, das einen Einbruch des Welthandels um 12% verzeichnete, gelang der heimischen Volkswirtschaft – trotz eines dramatischen Einbruchs der Bruttohandelsströme   infolge ihrer hohen Produktivität ein beachtlicher Leistungsbilanzüberschuss von 6,3 Mrd EUR oder 2,3% des BIP. Dies ist umso bemerkenswerter, als Österreich bis 2001 traditionell Leistungsbilanzdefizite auswies, seither aber durchgängig ein stabiles Plus erreichte. Österreich ist also auch unter schwierigen Bedingungen weiterhin wettbewerbsfähig. Der Euroraum hingegen schnitt 2008 (-1,5%) und 2009 (-0,7%) deutlich schlechter ab. Seit Beginn der Währungsunion konnte Österreich seine preisliche Wettbewerbsposition sogar deutlich verbessern. Auch mit Blick auf die Arbeitslosenquote erreicht Österreich mit 5% im Euroraum einen Spitzenplatz. Nur die Niederlande weisen einen geringeren Wert auf (3,5%). Die IWF-Prognose lässt bis 2011 im Euroraum allerdings noch einen leichten Anstieg dieser Quote erwarten (AT: 2010: 5,4%; 2011: 5,5%). Insgesamt ist Österreich im Euroraum also durchaus gut positioniert und gleichzeitig unentbehrlicher Partner für viele andere Mitgliedstaaten, allen voran für Deutschland. Abgesehen von China, das aufgrund seiner ökonomischen Sonderstellung keinen fairen Vergleich zulässt, gewann seit 2005 kein anderes Land für die deutsche Exportwirtschaft so sehr an Bedeutung wie Österreich.

 

Das erfreuliche Leistungsbilanzergebnis des Jahres 2009 war vor allem dem – zwar reduzierten aber immer noch deutlichen   Überschuss des Dienstleistungshandels von 11 Mrd EUR zu verdanken. Abgesehen vom Reiseverkehr, der zu den dauerhaften Erfolgsfaktoren der heimischen Außenwirtschaft zählt, gewinnen in jüngster Zeit aber auch andere, innovative Komponenten des Dienstleistungshandels an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere die Bereiche Kommunikation, Architektur und Technik, EDV und Information sowie Forschung und Entwicklung. Österreich ist also keineswegs ein reines Tourismusland, sondern greift die Herausforderungen des modernen Wirtschaftsgeschehens, die sich vor allem aus der Automatisierung und Verlagerung der industriellen Produktion ergeben, auf. Es versteht sich von selbst, dass die Fortführung dieses Weges ausschließlich mit einem hervorragenden und   angesichts dynamischer Umfeldbedingungen   auch hinreichend flexiblen Bildungswesen gelingen kann.

 

Ich möchte das Wort nun an Direktor Ittner übergeben, der einen Überblick zur österreichischen Zahlungsbilanzentwicklung im Jahr 2009 geben wird.


Mag. Günther Thonabauer 

Abteilungsleiter

Tel.: (+43-1) 404 20-6600

Fax: (+43-1) 404 20-6699

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