Es gilt das gesprochene Wort.
Rede Mag. Dr. Peter Zöllner
Österreich – eine Drehscheibe zwischen Ost und West
Rede zur Präsentation der Zahlungsbilanz 2001
Mag. Dr. Peter Zöllner, Direktor
Wien, 26. 4. 2002
Sehr geehrte Damen und Herren!
Das abgelaufene Jahr war für die Weltwirtschaft kein besonders gutes Jahr. Das wirtschaftliche Wachstum hat sich deutlich abgeschwächt, der Welthandel hat stagniert, die Börsenkurse sanken schon seit dem Jahr 2000 und zu guter letzt haben noch die Attentate des 11. September einen Schock ausgelöst, der sowohl die Realwirtschaft – man denke an die Fluggesellschaften, aber auch die Finanzmärkte – zumindest vorübergehend – erheblich erschüttert hat.
In diesem Umfeld hat sich die österreichische Außenwirtschaft gut behauptet:
- Der Saldo der Güter- und Dienstleistungsbilanz war erstmals seit 1994 wieder annähernd ausgeglichen;
- die Außenhandelsstatistik wies das absolut niedrigste Defizit seit 1978 aus;
- die Tourismuswirtschaft konnte trotz eines weltweiten Rückgangs im internationalen Tourismus wachsende Einkünfte erzielen.
- In der Kapitalbilanz sind die Bruttoströme gegenüber dem Jahr 2000 zwar deutlich zurückgegangen, doch ist dies eher Ausdruck eines geringeren Finanzierungsbedarfs und keinesfalls eine beunruhigende Entwicklung.
Meine Damen und Herren!
Nach der erfolgreichen Einführung des EURO ist nun für uns Europäer die anvisierte Erweiterung der Europäischen Union eines der interessantesten Zukunftsprojekte: Deswegen möchte ich heute, wo immer es sinnvoll erscheint, auf die Rolle dieser Beitrittskandidaten für Österreichs außenwirtschaftliche Beziehungen hinweisen. Zu den 12 EU-Kandidatenländern, mit denen bereits verhandelt wird, zählen ja die vier unmittelbaren Nachbarländer Slowenien, Ungarn, Slowakei und die Tschechische Republik, sodass der Beitrittsprozess nicht nur, aber vor allem auch wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung ist. Diesen 12 Ländern wollen wir auf der anderen Seite die 12 Mitgliedsländer der Währungsunion gegenüberstellen.
Nun möchte ich Ihnen aber die Entwicklung der Zahlungsbilanz im Jahr 2001 im Detail präsentieren:
Leistungsbilanz
- Die Leistungsbilanz schloss im Jahr 2001 mit einem Defizit von 4½ Mrd.
Euro oder 2,2% des BIP (2000: 5 Mrd Euro bzw.2,5% des BIP)
Die Leistungsbilanz schloss im Jahr 2001 mit einem Defizit von 4½ Mrd Euro oder 2,2% des Bruttoinlandsprodukts. Damit war das Leistungsbilanzdefizit um knapp ½ Mrd. Euro geringer als im Jahr zuvor. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der Entwicklung des Euroraums.
Für diese durchaus erfreuliche Entwicklung des Leistungsbilanzergebnisses gibt es eine Reihe von Gründen: Zunächst ist die anhaltend gute Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen, die in der Außenwirtschaft engagiert sind, hervorzuheben. Trotz stagnierendem, laut jüngsten Daten sogar rückläufigem Welthandel haben die österreichischen Exporteure Zuwächse und damit auch Marktanteile gewinnen können. Aus der Vergangenheit kennen wir auch das Phänomen, dass in Jahren schwachen Wirtschaftswachstums eine Tendenz zu geringeren Defiziten zu beobachten war. Daher könnte auch das aus anderer Sicht natürlich bedauerliche, niedrige Wachstum des Jahres 2001 (Wachstumsunterschied ca. 0,5%) zur Verringerung des Defizits beigetragen haben. Sicherlich günstig beeinflusst hat dieses Ergebnis auch die Entwicklung der Ölpreise, die nach dem extremen Anstieg des Jahres 2000 im abgelaufenen Jahr wieder auf ein konsumentenfreundlicheres Niveau zurückgegangen sind.
- Entscheidende Verbesserung der Güter- und Dienstleistungsbilanz;
deutliche Ausweitung des Defizits der Einkommensbilanz
Zerlegt man die Leistungsbilanz in ihre Komponenten, so zeigt sich folgendes: Die Reduktion des Defizits ist ausschließlich auf das bessere Ergebnis beim grenzüberschreitenden Handel mit Gütern und Dienstleistungen zurückzuführen. Mit einem Defizit von nur 0,2 Mrd Euro wurde erstmals seit 1994 wieder ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt. Dagegen wies die Einkommensbilanz, die entscheidend von den Aufwendungen und Erträgen für Zinszahlungen sowie von Gewinnausschüttungen abhängt, ein deutlich erhöhtes Defizit von 3 Mrd Euro aus. Die Transferbilanz, in der sich vor allem Österreichs EU-Beitrag widerspiegelt, wies ein praktisch unverändertes Defizit von 1,4 Mrd Euro auf.
Lassen Sie mich nun mit der folgenden Grafik erstmals auf die Rolle der Beitrittskandidaten hinweisen.
- Österreich zeigt Leistungsbilanzdefizite gegenüber dem Euroraum und Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den Beitrittskandidaten
Wie Sie der Grafik 3 entnehmen können, weist Österreich gegenüber dem Euroraum seit jeher ein deutliches Defizit in der Leistungsbilanz aus; am stärksten ausgeprägt ist dieses Defizit bekanntlich gegenüber unserem wichtigsten Wirtschaftspartner, Deutschland. Vis-a-vis den 12 Beitrittskandidaten erwirtschaftet Österreich hingegen beständig Überschüsse. Der Beitritt dieser Länder wird aller Voraussicht nach ein verstärktes Wirtschaftswachstum auch in Österreich auslösen. Davon sollten dann unsere Exporteure, aber auch unsere Leistungsbilanz zusätzlich profitieren.
Handelsbilanz
Nachdem die Güterexporte und -importe im Jahr 2000 noch mit 2-stelligen Wachstumsraten gewachsen waren, hat sich das Tempo im Jahresverlauf 2001 drastisch verlangsamt und ist gegen Jahresende nahezu zum Stillstand gekommen. Die Importe waren im vierten Quartal nach den bisher vorliegenden Daten von Statistik Austria sogar rückläufig.
- Mit 4,2 Mrd Euro erzielt Österreich das geringste Handelsbilanzdefizit seit
1978 - Die Exportquote erreicht mit mehr als 35% ein Rekordniveau
Demnach ergab sich 2001 mit 4,2 Mrd Euro das geringste Handelsbilanzdefizit Österreichs seit 1978. Setzt man das Defizit in Relation zum BIP, so sind die 2% des Jahres 2001 sogar das beste Ergebnis seit einem halben Jahrhundert. Seit der Ostöffnung, dem EU-Beitritt und der Schaffung der Währungsunion zeigt die Handelsbilanz eine besonders erfreuliche Tendenz. Die Exportquote ist von gut 20% (zwischen 1982 und 1992) auf mittlerweile mehr als 35% des BIP angestiegen. Und obwohl die verstärkten Exporte auch vermehrte Importe nach sich ziehen, hat sich die Handelsbilanz seit 1994 fast durchgehend verbessert.
- Einige Kandidatenländer zählen zu den wichtigsten Handelspartnern Österreichs
Wie wichtig die EU-Beitrittswerber als Zukunftsmärkte Österreichs sind, veranschaulicht eine Rangliste der wichtigsten Handelspartner Österreichs. Ungarn und die Tschechische Republik nehmen dabei die Ränge 7 und 8 der Zielländer der österreichischen Exporte ein. Auf der anderen Seite konzentrieren sich 41% aller österreichischen Importe auf Deutschland. Mit großem Abstand folgen Italien, die USA, Frankreich sowie Ungarn an 5. und Tschechien an 8. Stelle.
Eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zeigt sich auch mit den baltischen Ländern. Ausgehend von einem zwar geringen Niveau konnten im Jahr 2001 überdurchschnittlich hohe Exportsteigerungen verzeichnet werden.
Aus der Sicht der unmittelbar benachbarten Beitrittskandidaten Tschechien, Ungarn, Slowakei und Slowenien findet sich Österreich sowohl auf der Exportseite als auch auf der Importseite unter den Top 6. Vor Österreich liegen nur wesentlich größere Volkswirtschaften, nämlich Deutschland, das für alle genannten Länder der wichtigste Handelspartner ist, Russland als Importmarkt, sowie Frankreich, Italien und Großbritannien.
Neben den Beitrittsländern gewann in den letzten Jahren China für die österreichischen Exporteure immer mehr an Bedeutung. Im Jahr 2001 konnte bei den Ausfuhren eine Steigerung von 72% erreicht werden. Somit reiht sich China mit einem Anteil von 1,1% an den Gesamtexporten in der Rangliste der Top 20 auf Platz 19 ein. Nur 3 Plätze davor, mit einem Anteil von 1,2% liegt Japan.
Reiseverkehr
Sehr geehrte Damen und Herren!
In der Dienstleistungsbilanz möchte ich, wie immer, den Reiseverkehr besonders hervorheben.
- Österreichs Tourismus hat sich in einem schwierigen Umfeld gut behauptet
- Trotz schwächerer Sommersaison ergibt sich auch 2001 wieder ein Nächtigungsplus; die Deviseneinnahmen steigen überproportional
- Reiseverkehrsbilanz schließt gegenüber 2000 leicht verbessert (2,4 Mrd EUR nach 2,3 Mrd EUR in Jahr 2000)
Die Zahl der Ausländernächtigungen ist im Kalenderjahr 2001 zum vierten Mal in Folge gestiegen. Die Zunahme belief sich auf 1,1 Mio Nächtigungen bzw. +1,3%. Diese Zunahme ist umso bemerkenswerter als die weltweite Zahl der internationalen Touristenankünfte erstmals seit 1982 gesunken ist. Ursache dieses Einbruchs waren die Ereignisse des 11. September, da lt. Welt-Tourismusorganisation bis August noch ein Wachstum zu verzeichnen gewesen war. Österreichs Ruf als sicheres Reiseland und seine geographische Nähe zu den wichtigsten Quellmärkten haben 2001 zu einem Marktanteilsgewinn Österreichs geführt.
Weiterhin aktuell ist das Problem des Sommertourismus: Während die Wintersaison deutliche Wachstumsraten aufweist, ist die Sommersaison seit Jahren durch sinkende Nächtigungszahlen charakterisiert. Wie wir schon im Vorjahr vorausgesagt haben, gab es in der Wintersaison 2001 erstmals deutlich mehr Ausländernächtigungen als im Sommer (42 zu 41 Mio). Während der Inländertourismus und der internationale Wintertourismus historische Höchstwerte erreichen, liegt der Sommertourismus auf dem Niveau der späten sechziger Jahre.
Noch günstiger als die Nächtigungszahlen entwickelten sich die Deviseneinnahmen aus dem Reiseverkehr (einschließlich "Internationaler Personentransport"), die im abgelaufenen Kalenderjahr um 7,4% gestiegen sind und eine Höhe von rund 13,3 Mrd EUR erreichten. Die Einnahmen pro Nächtigung sind deutlich über der Inflationsrate auf 160 EUR pro Nächtigung gestiegen. Neben der wachsenden Bedeutung des ausgabenintensiveren Wintertourismus spiegelt sich hier auch der anhaltende Trend zu höherwertigen Unterkünften wider.
Die Ereignisse des 11. September haben sich auch in der Statistik der Herkunftsländer niedergeschlagen. Die bei weitem stärksten Rückgänge gab es bei den Gästen aus den USA, relativ starke Rückgänge wurden auch bei den Gästen aus Ostasien und dem Pazifischen Raum registriert. Die Zuwächse konzentrieren sich auf Gäste aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Italien, allesamt traditionelle Nahmärkte. Dynamisch entwickeln sich auch weiterhin die Nächtigungen von Gästen aus Mittel- und Osteuropa: Dabei handelt es sich bei Gästen aus Ungarn, Polen oder Tschechien – entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil – keineswegs nur um Billigtouristen: Zwar ist etwa der Anteil von 4- und 5-Sternhotels bei osteuropäischen Gästen leicht unterdurchschnittlich, er unterscheidet sich aber kaum von jenem der deutschen Gäste und er liegt deutlich über jenem der niederländischen Gäste.
Die Reiseverkehrsausgaben (im weiteren Sinne) sind im Jahr 2001 um 7,9% gestiegen und erreichten 10,8 Mrd EUR. Als Folge der beschriebenen Entwicklung von Deviseneinnahmen und -ausgaben verbesserte sich der Überschuss der Reiseverkehrsbilanz leicht. Dank der bereits erwähnten deutlichen Verbesserung der Güterbilanz deckt der Reiseverkehrsüberschuss des Jahres 2001 damit beinahe wieder 60% des Defizits der Handelsbilanz.
Die Resultate einer Umfrage, die im Auftrag von OeNB und Statistik Austria bei 12.000 Haushalten durchgeführt wird, zeigten nur mäßige Veränderungen in der Ausgabenstruktur. Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage finden Sie wie gewohnt als Tabelle in Ihren Unterlagen.
Aus der Tatsache, dass sich die Reiseverkehrsbilanz leicht verbessert hat, während die Dienstleistungsbilanz insgesamt einen geringeren Überschuss als im Vorjahr ausweist, ergibt sich, dass bei den übrigen Dienstleistungen die Dienstleistungsexporte weniger stark gewachsen sind als die Importe. Mit 3 bzw. 6½% war das Wachstum geringer als beim Reiseverkehr.
Als nächstes komme ich zur Einkommensbilanz, jener Teilbilanz, die sozusagen das "Sorgenkind" der Zahlungsbilanz darstellt.
Einkommensbilanz
- Die Einkommensbilanz schloss 2001 mit einem Rekorddefizit von 3 Mrd Euro
- Die wichtigste Ursache für das Defizit ist die wachsende Auslandsverschuldung in Folge der Leistungsbilanzdefizite
- Die quantitativ wichtigste Teilkomponente ist der negative Saldo aus Wertpapierzinsen
- Nettoabflüssen in den Euroraum stehen Nettoerträge aus den Beitrittsländern gegenüber
Die Einkommensbilanz schloss 2001 mit einem Rekorddefizit von 3 Mrd Euro, wobei die wachsende Auslandsverschuldung in Folge der Leistungsbilanzdefizite die wichtigste Ursache ist. Während das Erwerbseinkommen, im wesentlichen die Einkommen von Grenzgängern und Saisonniers, wieder den üblichen Überschuss von ½ Mrd Euro erbrachten, waren die Vermögenseinkommen, das heißt die Nettoerträge aus Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und sonstigen Investitionen, in Summe negativ. Dies überrascht nicht, wenn man berücksichtigt, dass die Netto-Auslandsverschuldung Österreichs per Ende 2000 bei 35 Mrd Euro lag (2001: nahe 40 Mrd Euro).
Die Grafik zeigt Ihnen, dass wir aus Direktinvestitionen einen kontinuierlichen, kaum wachsenden Mittelabfluss zu verzeichnen haben. Darin spiegelt sich die Tatsache, dass es zwar immer noch mehr ausländische Direktinvestitionen in Österreich als österreichische Direktinvestitionen im Ausland gibt, dass aber umgekehrt in den letzten Jahren auch bedeutende aktive Direktinvestitionen getätigt worden sind, die mittlerweile auch gute Erträge abwerfen.
Die Netto-Erträge aus sonstigen Investitionen bewegen sich in einer ähnlichen Größenordnung, sind aber durchwegs positiv. Eine wesentliche Komponente dieser Position sind die Erträge der OeNB aus den Währungsreserven.
Entscheidend für das Defizit und seine Veränderung sind Aufwendungen und Erträge aus Portfolioinvestitionen, insbesondere aus langfristig festverzinslichen Wertpapieren, den Schuldverschreibungen. Staat und Banken sind gegenüber dem Ausland Nettoschuldner und müssen daher deutlich mehr Zinsen an das Ausland bezahlen als sie erhalten. Dagegen sind die Währungsbehörde sowie Haushalte und Fonds Nettogläubiger und damit Nettoempfänger von Zinseinkommen.
Auch bei den Vermögenseinkommen gibt es deutlich ausgeprägte regionale Muster:
Zwischen Österreich und der Währungsunion, aber auch gegenüber dem Rest der Welt sind starke Flüsse in beiden Richtungen zu verzeichnen. Vor allem gegenüber dem Euroraum führt dies zu massiven Nettoabflüssen. Im Gegensatz dazu erhält Österreich aus den Beitrittsländern einen steten Zustrom an Einkommen aus Veranlagungen in Direktinvestitionen.
Transferbilanz
- Transferbilanz schloss 2001 praktisch unverändert mit einem Defizit von knapp 1 ½ Mrd EURO
Der negative Saldo aus den laufenden Transfers war 2001 mit 1,4 Mrd Euro um 80 Mio Euro niedriger als im Jahr 2000. Rund die Hälfte dieser Verbesserung geht auf geringere Beitragszahlungen Österreichs an die EU zurück.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich komme nun zur Kapitalbilanz: In der Öffentlichkeit findet dieser Teil der Zahlungsbilanz oft weniger Aufmerksamkeit, rein quantitativ ist er heute aber von weit größerer Bedeutung als alle Transaktionen der Leistungsbilanz. Laut aktuellsten Berechnungen der BIZ betrug allein der tägliche Umsatz auf den internationalen Devisenmärkten im Jahr 2001 1.200 Mrd USD. Das ist zwar weniger als vor drei Jahren, dennoch setzen die Devisenmärkte damit in nur fünf Tagen so viel Kapital in Bewegung, wie der gesamte Welthandel eines Jahres (rd. 6.000 Mrd USD).
Überblick Kapitalbilanz
Was waren nun die internationalen Rahmenbedingungen, unter denen sich der Kapitalverkehr Österreichs im Jahr 2001 abgespielt hat?
Das Platzen der Technologieblase an den Börsen nach zehn Jahren ungestörten Wirtschaftswachstums in den USA hatte im Jahr 2000 die Aktienanleger erheblich verunsichert und einen weltweiten Konjunktureinbruch ausgelöst. Die Ereignisse des 11. September haben die Verunsicherung noch verschärft. Die Notenbanken versuchten stützend einzugreifen, indem sie die Leitzinsen massiv senkten. Die Investoren reagierten mit einer Umschichtung in risikoärmere Anlagen.
Die Zahlungsbilanz des Euroraums zeigt, dass es zu Aktienkäufen in Europa kam. Im Gegenzug haben europäische Investoren verstärkt amerikanische Anleihen gekauft, sodass die Kapitalströme zwischen Europa und den USA letztlich ausgeglichen waren. Dies dürfte mit eine Ursache für die im Wesentlichen unveränderte Wechselkursrelation zwischen Euro und Dollar sein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich komme nun zu den konkreten Ergebnissen der österreichischen Kapitalbilanz:
- Die österreichische Kapitalbilanz schloss 2001 mit einem Nettokapitalimport im Ausmaß von 3,8 Mrd Euro (2000: 4,1 Mrd Euro).
Die österreichische Kapitalbilanz, die ja das Spiegelbild der Leistungsbilanz ist, schloss 2001 mit einem Nettokapitalimport im Ausmaß von 3,8 Mrd Euro. Das waren rd. 300 Mio EUR weniger als im Jahr davor. Sehr stark zurückgegangen sind hingegen die Volumina der grenzüberschreitenden Kapitaltransaktionen: Sowohl die österreichischen Investitionen im Ausland als auch jene des Auslands in Österreich haben sich halbiert. Die Reduktion war im gesamten Jahresverlauf zu beobachten, sie war daher offensichtlich keine Folge der Ereignisse des 11. September. Vielmehr dürften folgende Ursachen für die Entwicklung der Kapitalströme Österreichs wirksam gewesen sein:
An erster Stelle zu nennen ist der geringere Finanzierungsbedarf aufgrund der Abkühlung der Konjunktur. Außerdem waren die grenzüberschreitenden Investitionen Österreichs in den Jahren 1999 und 2000 durch die Euroeinführung dominiert: Anleger aus Österreich und dem Euroraum waren mit einem wesentlich größeren "heimischen" Kapitalmarkt konfrontiert und haben ihre Portefeuilles regional diversifiziert. Dieser Prozess dürfte im Jahr 2001 zumindest teilweise abgeschlossen sein. Die Terrorattentate hatten dagegen keine nachhaltige Rücknahme des Handelsvolumens zur Folge. Was man auch in Österreich beobachten konnte, waren Umschichtungen in weniger riskante Anlagekategorien.
Die betragsmäßig größten Kapitalbewegungen fanden mit Euroraumländern statt. Zunehmend an Bedeutung gewonnen haben die Kapitalexporte in die Beitrittsländer. Regional gesehen trat Österreich im Jahr 2001 gegenüber dem Euroraum als Kapitalnehmer und gegenüber den 12 Kandidatenländern als Kapitalgeber auf. Netto-Kapitalimporte aus den Ländern des Euroraums waren vor allem bei Portfolioinvestitionen und Direktinvestitionen zu beobachten, während Netto-Kapitalexporte in die 12 Kandidatenländer hauptsächlich bei den Direktinvestitionen und beim langfristigen Kreditverkehr der Banken feststellbar waren.
Lassen Sie mich nun zunächst auf die Direktinvestitionen zu sprechen kommen:
Direktinvestitionen
- Die Direktinvestitionen Österreichs im Ausland beliefen sich im Jahr 2001 auf knapp 3 Mrd. EUR und lagen damit etwa halb so hoch wie im Rekordjahr 2000
Das wirtschaftliche Umfeld für grenzüberschreitende Direktinvestitionen war im Jahr 2001 ungünstig: Sowohl die Verlangsamung des Wachstums der Weltwirtschaft, vor allem aber der bereits im Jahr 2000 einsetzende Abschwung der Aktienkurse stellen negative Faktoren für Direktinvestitionen dar. So hat etwa die UNCTAD bereits vor einem Jahr einen deutlichen Rückgang für 2001 prognostiziert und erste Ergebnisse zeigen tatsächlich eine Abschwächung der entsprechenden Finanzströme um 40 bis 50%. Dieser weltweiten Entwicklung konnte sich natürlich auch Österreich nicht entziehen. Der Nettokapitalexport Österreichs unter dem Titel aktiver Direktinvestitionen im Jahr 2001 lag bei 3 Mrd EUR, das ist zwar nur halb so viel wie der Maximalwert des Jahres 2000, aber immer noch der insgesamt dritthöchste Jahreswert überhaupt.
- Österreich bleibt Drehscheibe zwischen Ost und West; EU-Kapital strömt nach Österreich, österreichische Firmen investieren stark in Mittel- und Osteuropa
Der Großteil der aktiven Direktinvestitionen entfiel auf Mittel- und Osteuropa (bzw. 2,1 Mrd auf die Beitrittsländer). Damit wiederholen sich die Rekordinvestitionen Österreichs in dieser Region aus dem Jahr davor. In den Jahren 2000 und 2001 hat Österreich in Mittel- und Osteuropa in Summe mehr investiert als in den Jahren 1992 bis 1999 zusammen. Nicht zuletzt der absehbare Beitritt unserer östlichen Nachbarländer zur EU dürfte für dieses starke Engagement verantwortlich sein.
In sieben Zielländern dieser Region waren die Direktinvestitionen Österreichs höher als jemals zuvor: Dank der Beteiligung der Erste Bank an der Slovenska Sporitelna wurde die Slowakische Republik erstmals zum wichtigsten Zielland. Auch die Investitionen in Ungarn, in Slowenien und in Kroatien waren – bezogen auf das jeweilige Land – Rekordwerte. Hohe Beträge flossen weiters in die Tschechische Republik (zweithöchster Jahreswert), nach Polen und Rumänien. Neu in der Liste der Zielländer waren Bosnien und die Bundesrepublik Jugoslawien.
Meine Damen und Herren!
Österreich spielt heute als Ergebnis dieses intensiven Engagements eine herausragende Rolle als Investor in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas – und zwar auch in absoluten Größenordnungen. Sehr deutlich wird dies in den Statistiken der betroffenen Länder, die vom WIIW laufend zusammengetragen und aktualisiert werden. In Slowenien und Kroatien ist Österreich sogar der wichtigste Auslandsinvestor.
In der EU gab es trotz umfangreicher Investitionen in Deutschland infolge der Restrukturierung eines ausländischen Bankkonzerns in Summe Desinvestitionen im Ausmaß von 350 Mio Euro.
- Die Direktinvestitionen des Auslands in Österreich gehen auf 6 Mrd EUR oder um ein Drittel zurück.
Der Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen in Österreich fiel weniger stark aus als erwartet. Die Fusion der Bank Austria mit der HypoVereinsbank hatte im Jahr 2000 mit 6,3 Mrd EUR zu einem außergewöhnlichen Ergebnis von über 9 Mrd EUR beigetragen. Niemand erwartete die Wiederholung eines solchen Ergebnisses. Die Privatisierung der Austria Tabak und der anschließende Aufkauf des Streubesitzes erreichte mit beinahe 2 Mrd EUR jedoch erneut eine beachtliche Größenordnung (ähnlich Verkauf von BILLA 1996, bzw. Telekom 1998), sodass der Rückgang letztlich nur ein Drittel betrug.
Die regionale Konzentration ist bei passiven Direktinvestitionen wesentlich höher als bei aktiven. Mehr als 90% der passiven Direktinvestitionsflüsse kamen aus nur fünf Ländern. Größter Investor mit 3 Mrd EUR bzw. 50% des Investitionsvolumens war im abgelaufenen Jahr das Vereinigte Königreich. Deutschland, der Spitzenreiter vergangener Jahre, lag an zweiter Stelle, gefolgt von den Niederlanden, den USA und der Schweiz.
Portfolioinvestitionen
- Veranlagungen in Wertpapiere dominieren weiterhin den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr
Die Portfolioinvestitionen, also die Veranlagung in Aktien, Anleihen und Geldmarktpapieren, dominieren weiterhin den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr. In der Grafik 12 zeigt sich dies besonders anschaulich.
Allerdings war sowohl der Erwerb ausländischer Wertpapiere durch Österreicher als auch der Kauf inländischer Wertpapiere durch ausländische Investoren geringer als 2000. Die Portfoliotransaktionen führten in Summe zu einem Nettokapitalimport von knapp 5 Mrd Euro. Innerhalb der Portfoliotransaktionen war nur die grenzüberschreitende Veranlagung in langfristige Rentenwerte im Jahr 2001 in beiden Richtungen ähnlich hoch wie im Jahr 2000, während Aktien, Investmentfonds und Geldmarktpapiere teilweise sogar gegenläufige Entwicklungen zeigten.
Beginnen wir mit dem Auslandsengagement österreichischer Anleger (Aktivseite):
- Ungarische und polnische Anleihen gewinnen in österreichischen Portefeuilles an Bedeutung
Bei einer generell schwachen Performance der Aktienmärkte war auch der Erwerb von ausländischen Aktien durch österreichische Anleger – selbst wenn man den Aktientausch der Bank Austria/HypoVereinsbank außer Acht lässt – im Jahr 2001 deutlich geringer als 2000.
Während die Geldmarktpapiere bedeutungslos blieben, blieb das Interesse an ausländischen Schuldverschreibungen lebhaft. Das Engagement ging von allen Sektoren der österreichischen Volkswirtschaft aus, besonders aber von institutionellen Anlegern und Banken. Die österreichischen Anleger investierten hauptsächlich in Emissionen aus dem Euroraum. Mit großem Abstand folgen US-Papiere. Aber auch Emissionen aus Beitrittskandidatenländern stießen bei Anlegern auf wachsendes Interesse, was sich in einem Anteil von 6 % am gesamten Nettoerwerb niedergeschlagen hat. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass die Papiere dieser Länder auch häufig schon in deren eigener Währung denominiert sind.
Rückläufig entwickelten sich im Jahr 2001 auch die Investitionen von Ausländern in Österreich (Passivseite):
- Anhaltend starker Absatz österreichischer Schuldverschreibungen im Ausland
Das Interesse ausländischer Anleger galt auch im abgelaufenen Jahr vor allem langfristigen festverzinslichen Schuldverschreibungen, während im kurzfristigen Bereich die Tilgungen bzw. Verkäufe überwogen. Wichtigster Emittent dieser Rentenpapiere ist zwar weiterhin der Staat, jedoch erreichte der Absatz von Bankenemissionen eine annähernd gleich große Rolle. "Corporate Bonds" spielen in Österreich leider weiterhin keine Rolle. Die absehbare Entwicklung auf den internationalen Finanzmärkten lässt aber auch für Österreich eine Änderung dieser Situation erwarten.
Der auffällige Vorzeichenwechsel bei den Aktien war vom Aktientausch Bank Austria/HypoVereinsbank verursacht. Ende Jänner 2001 wurde die Bank Austria-Aktie aus dem Leitindex ATX herausgenommen und in den ersten Februartagen verschwand sie von der Wiener Börse. Die Aktien der Bank Austria wurden im Verhältnis 1:1 gegen Aktien der HVB getauscht. Mehr als die Hälfte der Bank Austria-Aktien war im Besitz von ausländischen Investoren gewesen und demzufolge zeigte die Zahlungsbilanz beim Umtausch außergewöhnlich hohe Rückflüsse inländischer (BA)-Aktien aus dem Ausland.
Damit – meine sehr geehrten Damen und Herren – komme ich zu den "sonstigen Investitionen". Darunter fallen vor allem die Kreditbeziehungen zwischen In- und Ausländern und Bankkonten, die Österreicher im Ausland bzw. Ausländer bei inländischen Banken halten:
Sonstige Investitionen
- Die Ausweitung von Forderungen und Verpflichtungen aus Krediten, Einlagen und sonstigen Veranlagungen war im Jahr 2001 eher gedämpft
Die in den Jahren 1999 und 2000 erkennbare, sehr starke Erhöhung der forderungs- und verpflichtungsseitigen Engagements bei Krediten, Einlagen und sonstigen Anlagen setzte sich 2001 nicht fort.
Per Saldo ergab sich ein Nettokapitalexport von beinahe 6 Mrd EUR im Vergleich zu 2,7 Mrd EUR im Jahr 2000. Im Jahr 2001 erhöhten sich die Forderungen transaktionsbedingt um 7 Mrd EUR, die Verpflichtungen hingegen nur um 1 Mrd EUR. 1999 und 2000 waren die entsprechenden Ströme noch im zweistelligen Milliardenbereich gelegen.
Die im Vergleich zu den Vorjahren geringere Ausweitung der "Sonstigen Investitionen" ist vor allem eine mehr oder weniger spiegelbildliche Folge der ebenfalls geringeren Bruttoströme in den Bereichen Portfolioinvestitionen und Direktinvestitionen.
Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf die Rolle der OeNB in der Zahlungsbilanz des abgelaufenen Jahres eingehen:
Die Rolle der OeNB in der Zahlungsbilanz des Jahres 2001
- Die Auslandsforderungen, aber auch die Auslandsverpflichtungen der OeNB haben im Jahr 2001 abgenommen
- Die OeNB baute Währungsreserven ab, um aufgelaufene Verpflichtungen aus dem TARGET-Saldo abzudecken
Im Jahre 2001 verringerten sich die österreichischen Währungsreserven durch risikomindernde Transaktionen um gut 2 Mrd EUR. Hauptverantwortlich für diesen Rückgang, der auf Basis des gültigen Regelwerkes des ESZB erfolgte, waren Nettoverkäufe von Wertpapieren im Umfang von 1½ Mrd EUR und der Abbau der Goldbestände im Ausmaß von 280 Mio EUR. Letzterer wurde im Rahmen des Washingtoner Abkommens vom September 1999 vorgenommen. Auch bei Einlagen, Sonderziehungsrechten und der IWF-Reserveposition wurden Forderungen gegenüber dem Ausland abgebaut.
Per Ende 2001 hielt die OeNB Währungsreserven in der Höhe von 17,7 Mrd EUR, um 1,2 Mrd EUR weniger als zu Jahresbeginn. Die im Vergleich zu den Transaktionen geringere Netto-Veränderung der Stände resultierte aus substantiellen Bewertungsgewinnen aufgrund der Entwicklung der Wechselkurse und des Goldpreises.
Die Erlöse aus dem Abbau der Fremdwährungs- und Goldveranlagungen wurden in erster Linie zur Abdeckung des passiven TARGET-Saldos verwendet. Dieser Saldo ergibt sich aus dem Zahlungsverkehr innerhalb des ESZB und wies zu Jahresbeginn 2001 eine zu verzinsende Verpflichtung von 5 Mrd EUR aus. Zum Jahresende 2001 bestanden dagegen Forderungen gegenüber dem ESZB in Höhe von 1,9 Mrd EUR.
Hieraus resultiert auch ein positiver Effekt auf das Netto-Einkommen der OeNB aus dem Ausland. Zwar reduzierten sich im Jahr 2001 die Erträge aus den Währungsreserven und den übrigen grenzüberschreitenden Anlagen der OeNB, gleichzeitig verringerte sich aber auch der Zinsaufwand, vor allem aus dem Titel TARGET. Nähere Details zur Ertragslage der OeNB können Sie auf der Pressekonferenz der OeNB anlässlich der Generalversammlung am 23. Mai 2002 erfahren.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich hoffe, ich konnte Ihnen deutlich machen, wie sehr die österreichische Wirtschaft an einem wirtschaftlichen Aufschwung unserer Nachbarländer interessiert ist und wie sehr daher auch wir Österreicher vom EU-Beitritt dieser Länder profitieren könnten. Das gilt für Österreichs Exporteure, für die diese Länder wichtige Absatzmärkte sind, genau so wie für unsere Tourismuswirtschaft, die sich über wachsende Gästezahlen aus den Kandidatenländern freut. Das gilt aber auch für jene Unternehmen, die Tochterbetriebe in diesem Raum gegründet haben und Gewinne erwirtschaften möchten. Und das gilt schließlich auch für unsere Banken, die Kredite dorthin gegeben haben, mit denen der wirtschaftliche Aufschwung in diesen Ländern unterstützt werden soll.
Das aktuelle, große Interesse an den mittel- und osteuropäischen Ländern heißt freilich nicht, dass man andere Weltgegenden einfach vergessen sollte. Unternehmerisch handeln heißt immer auch, Chancen zu suchen, und die könnten in Zukunft durchaus auch dort liegen, wo heute noch kaum Wirtschaftsbeziehungen bestehen. Das Potential unserer Außenwirtschaft ist mit Sicherheit noch nicht ausgeschöpft.
Ich möchte mich bei Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse bedanken und lade Sie ein, nun Ihre Fragen an das Podium zu stellen.
Rückfragehinweis:
Statistik-Hotline
Tel.: (+43-1) 404 20-5555
E-Mail senden
Herausgeber:
Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums/Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (+43-1) 404 20-6666
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