Presseaussendung


Sparbuch und Aktie

Finanzverhalten der Österreicher 2009

Mag. Andreas Ittner, Direktor / Mag. Dr. Aurel Schubert
Wien, 27. 10. 2009

Es gilt das gesprochene Wort.


Gesamtüberblick


Vorsorgesparen

  • Die Zuwächse beim verfügbaren Einkommen lagen deutlich über denen des Konsums. Damit steigt die Sparquote vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise weiter an. Sie dürfte 2009 in der gleichen Größenordnung wie 2008 bei 12% liegen.

  • Das Sparen war den Österreichern als Vorsorge damit auch in der Krise wichtig.

  • Darüber hinaus spielt der konstante Faktor der privaten langfristigen Vorsorge eine wichtige Rolle für das Sparen und wirkt sich stabilisierend auf die Ersparnisbildung aus.



Österreicher investieren in liquide Anlagen

  • Die Präferenz der Österreicher in liquide Finanzanlagen zu investieren war vor allem im ersten Halbjahr 2009 stark ausgeprägt:
    Von mehr als 500 EUR, die pro Quartal pro Person als Geldvermögen durchschnittlich veranlagt wurden, flossen im ersten Quartal 360 EUR und im zweiten Quartal fast alles in Bargeld oder täglich fällige Einlagen.

  • Mitte 2009 hatte im Durchschnitt jeder Österreicher rund 8.200 EUR (oder 16%) von insgesamt 52.300 EUR in Form von liquiden Mitteln in seinem Finanzvermögen.



Kauf inländischer Aktien seit Finanzkrise

  • Ungeachtet der Präferenz einer Vielzahl von Österreichern, ihr Erspartes lieber in traditionelle Veranlagungen zu platzieren, kauften Privatanleger inländische Aktien im Umfeld schwieriger Kapitalmarktbedingungen laufend zu. 

  • Seit Mitte 2007 erwarb im Durchschnitt jeder private Investor inländische Aktien um insgesamt 167 EUR, das entspricht 15% des Volumens, das zur selben Zeit in Spareinlagen platziert wurde.

  • Im Durchschnitt hatte jeder Österreicher damit Aktien mit einem aktuellen Wert von rund 1.300 EUR in seinem Besitz.



Wirtschaftliches Umfeld bremst Neuverschuldung

  • Seit der Verschärfung der Finanzkrise ging die Neuverschuldung der Österreicher zurück. 

  • Insbesondere Konsum- aber auch Fremdwährungskredite wurden per Saldo getilgt.

  • Das Jahreswachstum lag seit dem 3. Quartal 2008 deutlich unter dem Durchschnitt der vorangegangenen 5 Jahre.

  • Gründe für den Rückgang sind die geringere Nachfrage der Haushalte, aber auch die risikobewusstere Kreditvergabe der Banken.

  • Diese Entwicklung erfolgte vor dem Hintergrund von Zinssenkungen im Kundengeschäft der Banken in Folge der Leitzinssenkungen.


Geldvermögensbildung


Geldvermögensaufbau wird volatiler
Geldvermögensaufbau wird volatiler

  • Die Geldvermögensbildung (Veranlagungen) der privaten Haushalte blieb in der Krise relativ konstant.

  • Sie betrug 4,3 Mrd EUR im 2. Quartal 2009 bzw. 4,6 Mrd EUR im Durchschnitt der letzten acht Quartale seit Ausbruch der Finanzkrise im dritten Quartal 2007.

  • Die Veränderung des Geldvermögens (Bestand an finanziellen Vermögenswerten) der privaten Haushalte war seit Ausbruch der Krise sehr großen Schwankungen unterworfen. Dies war vor allem auf Kursschwankungen von handelbaren Wertpapieren im Besitz privater Anleger zurückzuführen.

  • Das Geldvermögen der privaten Haushalte betrug Mitte 2009 429,5 Mrd EUR. Dies entspricht einem durchschnittlichen Vermögen von 52.300 EUR pro Person.



Einlagenaufbau bestimmt Geldvermögensbildung

  • Seit Beginn der Finanzkrise Mitte 2007 wurden durchschnittlich 70% der Geldvermögensbildung privater Haushalte in Österreich in den Kategorien Bargeld und Einlagen veranlagt. 

  • Im Durchschnitt aller Euroraumländer betrug der Anteil 80%.

  • Österreichische Privatanleger stießen handelbare Wertpapiere (verzinsliche Wertpapiere, börsennotierte Aktien und Investmentzertifikate) seit dem vierten Quartal 2008 netto ab. In den ersten beiden Quartalen 2009 machten die Verkäufe 0,9 Mrd EUR aus.

  • Im Euroraum drehte sich das Bild schon mit dem ersten Quartal 2009, da im Durchschnitt aller Euroraumländer Haushalte alle Arten von handelbaren Wertpapieren erwarben. Der Zuwachs betrug allerdings nur 1%.

  • Rund 21% (1,8 Mrd EUR) der Geldvermögensbildung österreichischer Haushalte wurden im ersten Halbjahr 2009 in die Erhöhung der Ansprüche gegenüber Lebensversicherungen und Pensionskassen investiert.


Geldvermögen


Investition in kurzfristige Einlagen
Investition in kurzfristige Einlagen

  • Während der gesamte Einlagenaufbau im ersten Halbjahr 2009  5,5 Mrd EUR betrug, stiegen die rasch verfügbare Veranlagungen (Sichteinlagen sowie täglich fällige Spareinlagen) weit stärker – um 6,7 Mrd EUR. 

  • Im Gegenzug wurden gebundene Einlagen (Termin- und sonstige Spareinlagen) per Saldo im 2. Quartal 2009 aufgelöst.

  • Seit Ausbruch der Finanzkrise stiegen die Spareinlagen um insgesamt 16 Mrd EUR; davon entfielen 7,1 Mrd EUR auf Neuveranlagungen und der Rest auf kapitalisierte Einlagenzinsen.

  • Anleger, die Erspartes in täglich fällige Produkte investierten, mussten mit Ausnahme des zweiten Halbjahres 2008 real mit Einkommensverlusten aus diesen Veranlagungen rechnen.

  • Die Zinsspanne zwischen gebundenen Einlagen und täglich fälligen Spareinlagen verringerte sich im Laufe des ersten Semesters 2009 etwas.



Haushalte differenzieren bei Wertpapierinvestitionen
Haushalte differenzieren bei Wertpapierinvestitionen

  • Insgesamt wurden – wie bereits erwähnt – in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres um 0,9 Mrd EUR mehr handelbare Wertpapiere verkauft als gekauft. Diese Entwicklung ist vor allem auf Nettoverkäufe von verzinslichen Wertpapieren in Höhe von rund 1 Mrd EUR zurückzuführen. 

  • Während diese Wertpapierkategorie bis zum dritten Quartal 2008 netto mehr Kauforders aufwies, drehte sich das Bild seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers: In Summe wurden Bankanleihen netto verkauft und das frei werdende Kapital floss zum Teil in Einlagen und kurzfristig auch in Bundesschatzscheine.

  • Seit Beginn der Finanzmarktturbulenzen Mitte 2007 verkauften Privatanleger Investmentzertifikate in jedem Quartal zum Teil in größerem Umfang. Dies erfolgte vor dem Hintergrund der Kursverluste auf den Kapitalmärkten. Im zweiten Quartal 2009 wurden erstmals die Nettoverkäufe gestoppt und per Saldo wieder Zertifikate netto gekauft (0,1 Mrd EUR).

  • Der Marktwert des Portefeuilles von Wertpapierinhabern ging 2008 um 18,6 Mrd EUR bzw. fast 20% gemessen am Bestand zum Ultimo 2007 zurück.

  • 2009 konnten insbesondere im zweiten Quartal 2009 die Kursverluste teilweise kompensiert werden. Der Kurswert erhöhte sich bis Juni 2009 wieder um 2,8 Mrd EUR bzw. 3% gemessen am Bestand zum Ultimo 2008.



Bank und Unternehmensanleihen
Bank und Unternehmensanleihen

  • Wohnbauanleihen sind auf Grund ihrer steuerlichen Begünstigung bei Privatanlegern sehr beliebt, weshalb die Nachfrage nach diesem Produkt bis zum dritten Quartal 2008 sehr hoch war. Mehr als ein Drittel des Gesamtbestandes an Bankanleihen im Besitz der Haushalte entfiel auf Wohnbauanleihen. 

  • Daneben spielten im Falle einer Entscheidung für Bankemissionen auch nicht fundierte Anleihen eine wichtige Rolle. Damit sorgten Privatanleger zusätzlich zu den Einlagen für eine wichtige Refinanzierungsquelle inländischer Banken.

  • Mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers verkauften Anleger aber im großen Ausmaß Bankanleihen.

  • Mit der Verschärfung der Finanzkrise „entdeckten“ private Anleger Unternehmensanleihen als ertragreiche, wenn gleich nicht risikofreie, Komponente  in ihrem Portfolio.



Haushalte kaufen inländische Aktien seit Finanzkrise
Haushalte kaufen inländische Aktien seit Finanzkrise

  • Börsennotierte Aktien wurden seit der Verschärfung der Finanzkrise „antizyklisch“ gekauft. Unter anderem wurden sowohl im vierten Quartal 2008 als auch im ersten Quartal 2009 von den österreichischen Anlegern vor dem Hintergrund fallender Kurse Aktien im Ausmaß von netto rund 0,8 Mrd EUR gekauft. Im zweiten Quartal 2009 waren hingegen die Aktienkäufe vor dem Hintergrund steigender Aktienkurse relativ gering. 

  • Seit Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 wurden somit von den österreichischen privaten Haushalten fast jedes Quartal mehr Aktien gekauft als verkauft. In Summe betrugen die Nettokäufe rund 1,3 Mrd EUR. Das entspricht einem Anteil von 4% an der gesamten Geldvermögensbildung.

  • Sowohl 2006 als auch 2007 erfolgten die Käufe vor allem im Zuge von Neuemissionen. Im Jahr 2008 erwarben Investoren hingegen Aktien vor allem auf dem Sekundärmarkt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Aktien von großen Industrieunternehmen, die den ATX dominieren.



Vermögensbildung ist krisenresistent

  • Österreicher hielten auf Grund von langfristigen Verträgen ihre Vermögensbildung in diesen Finanzprodukten relativ konstant, was auch einen stabilisierenden Einfluss auf die gesamte Geldvermögensbildung hat. 

  • Dabei kommt den Ansprüchen aus Lebensversicherungen, die im ersten Halbjahr 2009 um 1,4 Mrd EUR bzw. in den letzten zwei Jahren um 4,4 Mrd EUR gestiegen sind, in mehrfacher Hinsicht eine strategische Bedeutung für die langfristige Vorsorge zu:

    • als Renten oder Ablebensversicherung

    • als wesentliches Finanzierungsinstrument für das Produkt „Zukunftsvorsorge“

    • als Tilgungsträger für endfällige Kredite.

  • Dennoch ist die private Vorsorge mit einem Anteil von rund 19% am gesamten Finanzvermögen deutlich geringer als in Ländern mit flächendeckend kapitalgedeckten Pensionsvorsorgesystemen, wie z. B. den Niederlanden mit einem Anteil von 56%.


Geldvermögen


Sparformen nach ihrer Beliebtheit

  • Nicht zuletzt auf Grund der langen Tradition aber auch dank der Erhöhung der Einlagensicherung nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Herbst 2008 hat das Sparbuch eine tragende Rolle im Finanzvermögen der Österreicher. Mehr als 80% der Haushalte veranlagen sowohl aus Liquiditätsüberlegungen aber auch aus „Vorsorgegründen“ Finanzmittel in Spareinlagen. 

  • Lebensversicherungsansprüche sind der Eckpfeiler der kapitalgedeckten Vorsorge. Derzeit bestehen mehr als 10,5 Mio Verträge.

  • Private Anleger platzierten knapp mehr als die Hälfte ihres Vermögens bei inländischen Banken. Für Banken sind private Haushalte damit neben dem Zwischenbankgeschäft und ausländischen Investoren die drittwichtigste Quelle für die Refinanzierung.

  • Der Wunsch nach Flexibilität wird bei österreichischen Haushalten derzeit sehr hoch gehalten, denn 4 von 10 Euro Finanzvermögen im Besitz privater Anleger haben eine Bindungsfrist bzw. Restlaufzeit von weniger als 1 Jahr.

  • Der Durchschnittswert von 52.300 EUR für alle Österreicher darf nicht darüber hinweg täuschen, dass das Geldvermögen vor allem einkommensabhängig ungleich verteilt ist.



Bankprodukte sind weiter gefragt

  • Spareinlagen hatten von allen Finanzierungsinstrumenten den größten Anteilszuwachs in den letzten zwei Jahren zu verzeichnen. Ihr Anteil am gesamten Geldvermögen stieg  um 2,3% Prozentpunkte auf 35,6%.

  • Zu den Gewinnern zählten auch die Sicht- bzw. Termineinlagen, die ihren Anteil um jeweils knapp 1 Prozentpunkt steigern konnten.

  • Darüber hinaus stieg der Anteil der verzinslichen Wertpapiere gemessen am gesamten Geldvermögen, und hier vor allem durch Nettozuwächse an Bankanleihen, um rund 1 Prozentpunkt. Die Bedeutung der Banken für die Veranlagung der privaten Anleger erhöhte sich damit weiter.

  • Börsennotierte Aktien verloren trotz Nettozukäufen an Bedeutung im Geldvermögen der privaten Investoren; ihr Anteil fiel auf 2,5% des Geldvermögens. Dies lag vor allem an den massiven Aktienkursrückgängen, die den Marktwert halbierten.

  • Ebenfalls rückläufig war der Anteil der Investmentzertifikate, der sowohl durch Nettoverkäufe als auch durch Kursrückgänge von 11%  seit Mitte 2007 auf 7,5% Mitte 2009 sank.


Verschuldung


Wohnbaukredite
Wohnbaukredite

  • Die gesamten Kreditschulden betrugen zum Ultimo Juni 2009 143 Mrd EUR.

  • Die Verbindlichkeiten bestehen zu knapp 65% aus Wohnbaukrediten (inklusive Kredite für Wohnraumrenovierung) mit einem aushaftenden Schuldenstand von 94 Mrd EUR, die von Banken aber auch von Bundesländern im Rahmen der Wohnbauförderung gewährt wurden.

  • Laut einer jüngst erschienenen OeNB Studie zum Immobilienvermögen und dessen Finanzierung sind 22% der österreichischen Haushalte für Wohnraumbeschaffung verschuldet. Die mittlere Höhe der Verschuldung dieser Haushalte beträgt rund 78.000 EUR pro verschuldetem Haushalt.

  • Größter Kreditgeber sind inländische Banken mit einem Volumen von 121 Mrd EUR. Rund 30% der aushaftenden Kredite sind in Fremdwährung denominiert, allerdings wurden diese Kredite seit Oktober 2008 netto getilgt.

  • Von den gesamten Bankkrediten sind zum Ende Juni 2009 30 Mrd EUR (oder jeder vierte aushaftende Kredit) erst am Ende der Laufzeit fällig.


Gesamtvermögen


Haushalte bauen Finanzpolster aus

  • Nach Abzug der Schulden hatten Ende Juni 2009 die österreichischen Haushalte ein Nettogeldvermögen von 285 Mrd EUR.

  • Rechnet man allerdings auch den Immobilienbesitz hinzu, so ergibt sich ein Nettovermögen von annähernd 1.000 Mrd EUR.


Zusammenfassung

  • Die Ersparnisbildung der österreichischen Haushalte ist weiterhin relativ hoch. Die Sparquote von 12% im Jahr 2008 dürfte 2009 weiter steigen.

  • Das derzeitige wirtschaftliche Umfeld, insbesondere die Einkommens- und Arbeitsplatzsituation, aber auch die langfristigen privaten Vorsorgen beeinflussen die Ersparnisbildung und stimulieren das „Vorsorgesparen“.

  • Die Geldvermögensbildung hält sich seit Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 auf relativ konstantem Niveau von rund 4,6 Mrd EUR pro Quartal.

  • Das Finanzverhalten wird von zwei sehr unterschiedlichen Veranlagungsmustern seit der Verschärfung der Finanzkrise im 4.Quartal 2008 gekennzeichnet:

    • das Parken von Erspartem in Bargeld und täglich fälligen Einlagen

    • das anhaltende Engagement in Aktien

  • Von den derzeitigen Präferenzen bezüglich Finanzinvestitionen konnten insbesondere die Banken profitieren, denen der größte Teil der Neuveranlagungen zufloss. Diese Mittel bilden für den Bankensektor eine wichtige Refinanzierungsbasis.

  • Das Geldvermögen stieg seit Mitte 2007 lediglich um 4,3% auf 430 Mrd EUR. Dramatische Einbrüche an den Aktienmärkten – insbesondere im Jahr 2008 – schmälerten den Vermögensaufbau.

  • Beliebtestes Anlageprodukt ist für Österreicher immer noch das Sparbuch, das mehr als 80% der Haushalte besitzen.

  • Das Wachstum der Kreditverschuldung verlangsamte sich im Gleichklang mit dem wirtschaftlichen Abschwung, da die Nachfrage der Haushalte nachließ aber auch wegen der risikobewussteren Kreditvergabe durch die Banken. Dies erfolgte vor dem Hintergrund von Zinssenkungen im Kundengeschäft der Banken als Folge der Leitzinssenkungen der EZB.

  • Die Kreditverschuldung in Höhe von 143 Mrd EUR besteht zu 65% aus Immobilienkrediten. Jeder fünfte Haushalt hat derzeit einen Kredit zur Wohnraumbeschaffung.

  • Damit liegt die Summe aus Nettogeldvermögen und Immobilienvermögen der österreichischen Haushalte inzwischen bei rund 1.000 Mrd EUR.



Rückfragehinweis:

Mag. Oliver Huber 

Pressesprecher

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

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