Bericht

Auslandsaktiva von konsolidierten Kreditinstituten – vom Obligo zum Letztrisiko (Statistiken Q1/06)

Die neue Restlaufzeiten- und Risikostatistik

Wien, 23. 1. 2006 (Mag. Bettina Lamatsch)

Inhalt der Meldung

Mit Meldestichtag 30. Juni 2005 wurde erstmalig die neue Restlaufzeiten- und Risikostatistik erhoben. Diese Meldung gliedert sich in zwei Teile und zwar einerseits in die für aufsichtsrechtliche Belange notwendigen Informationen über die Gliederung der Aktiva und Passiva nach Restlaufzeiten und andererseits in eine Länderdarstellung der Auslandsaktiva der in Österreich tätigen Kreditinstitute gemäß den Vorgaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). 

Im Folgenden wird speziell auf den zweiten Teil dieser neuen Erhebung und im Besonderen auf die Abbildung der Auslandsaktiva sowie deren Länderrisikotransfer zum Letztrisiko (Ultimate Risk) Bezug genommen. Gemäß den Anforderungen der BIZ werden die Auslandsaktiva auf konsolidierter Basis erhoben und nach Restlaufzeiten und volkswirtschaftlichen Sektoren untergliedert. 

Die Gründe für diese neuartige Erhebung liegen auf der Hand. Aufgrund des erhöhten Engagements österreichischer Banken im Ausland und dem damit verbundenen Länderrisiko gewinnt die detaillierte Analyse des Auslandsgeschäfts auch für die österreichische Bankenaufsicht vermehrt an Bedeutung. Ebenso verdeutlichen auch die neuen Bestimmungen, die im Rahmen von Basel II in Österreich umgesetzt werden, die Fokussierung auf die genaue Risikobetrachtung der Kreditinstitute. Mit früheren Konzepten einer singulären Betrachtung der Bilanz und der Ertragsdaten finden die Bankenaufseher nicht länger ihr Auskommen, um die Risikosituation eines Kreditinstituts ausreichend zu beurteilen. Der Ruf nach genaueren bzw. umfangreicheren Beurteilungsmethoden verhallte nicht ungehört. Die BIZ hat bereits im Jahr 2002 parallel zu den ersten Diskussionen um ein neues Regelwerk für Basel II versucht, ihr Konzept einer Abbildung des Länderrisikos in ihre bereits bestehende konsolidierte Bankenstatistik einzupflegen. Mit Ende Dezember 2004 wurde dieses neue Konzept erstmals vom Großteil der 31 Staaten, die diese Statistik an die BIZ übermitteln, umgesetzt. Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) hat sich aufgrund des Bewusstseins über die Relevanz dieser Informationen ebenfalls entschlossen, diese Datenanforderungen umzusetzen und konnte erstmalig mit dem zweiten Quartal 2005 die gewünschten Daten an die BIZ in aggregierter Form übermitteln.

Um Kleinbanken, deren Auslandsgeschäft vernachlässigbar ist, von dieser neuen Meldepflicht zu entbinden, wurde in Österreich ein eigener Melderkreis definiert. Zum Melderkreis zählen alle Kreditinstitute, die im geprüften, unkonsolidierten Jahresabschluss Auslandsaktiva von über 100 Mio EUR aufweisen. Per Ende September 2005 erfüllten 69 Kreditinstitute dieses Kriterium. Bei Vorliegen eines Bankkonzerns ist das Institut verpflichtet, diese Erhebung auf konsolidierter Basis zu übermitteln. Für die vorliegende Analyse werden all jene Kreditinstitute abgezogen, deren Daten bereits in der Konzernmeldung des übergeordneten Instituts enthalten sind. Somit ergibt sich eine Melderanzahl von 54 für die konsolidierte Darstellung der Auslandsaktiva.


Auslandsaktiva

Zum Berichtstermin September 2005 beliefen sich die konsolidierten Auslandsaktiva der 54 meldepflichtigen Kreditinstitute auf 318,87 Mrd EUR. Seit dem Vorquartal wurde hier ein Zuwachs um 9,55 Mrd EUR (+3,1%) festgestellt. Die gesamten konsolidierten Aktiva in Höhe von 639,45 Mrd EUR resultierten somit je zur Hälfte aus dem Auslands- bzw. dem Inlandsgeschäft (49,87% bzw. 50,08%). Gegenüber Internationalen Organisationen, die nicht einem Land zugeordnet, sondern gesondert gemeldet werden, belief sich der Anteil der Aktiva auf marginale 0,05%.

Von den 318,87 Mrd EUR Auslandsaktiva entfielen 59,5% auf Aktiva an ausländische Nichtbanken und 38,0% auf Aktiva an Kreditinstitute im Ausland. Die Aktiva an den Sektor Staat, die einen Bestandteil des Sektors Nichtbanken bilden, beliefen sich auf 14,3%. 2,5% der gesamten Auslandsaktiva konnten keinem volkswirtschaftlichen Sektor zugeordnet werden (z. B. Grundstücke im Ausland). Seit Juni 2005 stiegen die Aktiva an ausländische Nichtbanken um 3,3%, jene an ausländische Kreditinstitute um 2,8%.

Bei Betrachtung der Auslandsaktiva, gegliedert nach den von der BIZ definierten Ländergruppen, zeigte sich, dass Österreichs Banken den Großteil ihrer Geschäfte (86%) mit europäischen Staaten abwickeln, wobei dieser wie bereits im Vorquartal nahezu zur Hälfte aus Aktiva gegenüber Schwellenländern Europas (44%) und Industriestaaten Europas (42%) bestand. Zu den Schwellenländern Europas zählen auch die im Jahr 2004 aufgenommenen neuen EU-Mitgliedstaaten, wie beispielsweise Ungarn, Zypern und Malta. Der restliche Anteil verteilte sich mit 8% auf sonstige Industriestaaten (Australien, Kanada, Japan, Neuseeland und die USA), mit 3% auf Offshore-Zentren und mit jeweils 1% auf Afrika und den Mittleren Osten, Asien und Pazifik sowie Lateinamerika und die Karibik.

Im dritten Quartal 2005 zählten 180 Staaten zu den Geschäftspartnern der in Österreich tätigen Kreditinstitute. Zu den größten fünf Volumina gehörten die Auslandsaktiva an Deutschland mit 41,86 Mrd EUR, gefolgt von jenen an die Tschechische Republik (26,43 Mrd EUR), das Vereinigte Königreich (25,46 Mrd EUR), Polen (20,98 Mrd EUR) und die USA (19,95 Mrd EUR). Es zeigte sich, dass die meldepflichtigen Kreditinstitute vermehrt Geschäfte mit dem benachbarten Ausland abschließen. 

Hohe Auslandsaktiva wurden auch in jenen Staaten verzeichnet, in denen die meldepflichtigen Kreditinstitute Auslandstöchter halten. Im Rahmen dieser Erhebung werden auch die Auslandsaktiva der vollkonsolidierungspflichtigen ausländischen Kreditinstitute, die im Besitz der in Österreich tätigen Kreditinstitute sind, erhoben. Zum Stichtag 30. September 2005 belief sich die Anzahl der meldepflichtigen Auslandstöchter auf 50. Österreichs Banken halten die meisten Beteiligungen mit jeweils sieben Auslandstöchtern in Ungarn und Kroatien. Die konsolidierten Aktiva gegenüber Ungarn lagen in der Rangordnung nach der Höhe mit einem Volumen von 19,18 Mrd EUR bereits auf Platz 6, gefolgt von Kroatien mit 17,92 Mrd EUR. Platz 8 belegte ebenfalls ein Nachbarland, und zwar Italien mit Ausleihungen in Höhe von 17,27 Mrd EUR. Auf Platz 9 folgt die Slowakische Republik (16,01 Mrd EUR), die als Sitzland für sechs Auslandstöchter, ebenso wie die Tschechische Republik (Platz 2) und Malta (1,42 Mrd EUR), ein breites Betätigungsfeld für Österreichs Banken bietet. Die Niederlande bilden mit 9,24 Mrd EUR das Schlusslicht der Top 10 der Schuldnerstaaten. Die Plätze 11 und 12 werden von Rumänien (7,39 Mrd EUR) und Slowenien (7,38 Mrd EUR) eingenommen, in denen jeweils fünf Auslandstöchter beheimatet sind.



Risikotransfer

Der Risikotransfer stellt den Saldo aus Garantien, Sicherheiten und „sonstigen Transaktionen“ (z. B. Derivativgeschäfte, Eigentumsverhältnisse) dar, die risikoerhöhend bzw. risikovermindernd wirken. Das Eigengeschäft der Banken findet hier ebenfalls seine Berücksichtigung.

Während gegenüber 180 Staaten ein Obligo aushaftend war, wurde bei 185 Staaten ein Letztrisiko verzeichnet. Diese Differenz ergibt sich durch die Gewährung von Garantien an Staaten, die selbst keine Verbindlichkeiten gegenüber den in Österreich tätigen Kreditinstituten haben.

Bei der Analyse der Auswirkungen des Risikotransfers auf die einzelnen Ländergruppen, zeigte sich, dass die meldepflichtigen Kreditinstitute ihr Letztrisiko bei drei Ländergruppen – bezogen auf ihr ursprüngliches Obligo– leicht erhöht haben. Dazu zählen Lateinamerika und die Karibik (+8,3%), die Industriestaaten Europas (+9,3%) und sonstige Industriestaaten (+9,8%). Im Detail wurde gegenüber den Staaten Lateinamerikas ein Obligo von 2,56 Mrd EUR und ein Letztrisiko von 2,77 Mrd EUR verzeichnet, wobei 9 von 29 Schuldnerstaaten einen negativen Risikotransfer aufwiesen, das heißt, das Letztrisiko der österreichischen Banken gegenüber diesen Staaten konnte durch Garantien, Sicherheiten und sonstige Transaktionen vermindert werden. Bei den Industriestaaten Europas wurde nur gegenüber Luxemburg und Monaco das Risiko verringert, in Summe (34 Staaten) wurde das Letztrisiko ausgehend von einem Gesamtobligo von 131,29 Mrd EUR auf 143,54 Mrd EUR erhöht. Von den sonstigen Industriestaaten wiesen Australien, Neuseeland und Puerto Rico einen negativen Risikotransfer auf. Aufgrund des positiven Saldos bei den USA, Japan, Kanada und den Jungferninseln wies die gesamte Ländergruppe ein Letztrisiko von 26,38 Mrd EUR auf (Obligo: 24,03Mrd EUR). Während bei den genannten Ländergruppen, bei denen eine Risikoerhöhung verbucht werden musste, Veränderungen von durchschnittlich 9% errechnet wurden, wurden bei den vier Ländergruppen, bei denen das Risiko vermindert werden konnte – abgesehen von den Schwellenländern Europas – extrem hohe Verschiebungen verzeichnet. Die geringste Differenz zwischen Obligo (134,24 Mrd EUR) und Letztrisiko (134,00 Mrd EUR) wurde bei den Schwellenländern Europas mit –0,18% verzeichnet. Hier hielt sich das Verhältnis zwischen Risikoerhöhung und -verminderung innerhalb der Einzelländer die Waage. Von 22Ländern wurde bei 10 ein negativer Risikotransfer verzeichnet. Gegenüber den Offshore-Zentren wurde das Letztrisiko bereits um 13,7% ausgehend von einem Obligo von 9,99Mrd EUR verringert. Der negative Risikotransfer dieser Ländergruppe basierte zum Großteil auf der Reduktion des Obligos der Kaimaninseln (4,28 Mrd EUR) auf 2,99Mrd EUR. Die höchste prozentuelle Verminderung des Risikos wurde bei der Ländergruppe Asien und Pazifik mit –40,3% festgestellt. Das Obligo wurde von 4,21 Mrd EUR auf 2,51 Mrd EUR reduziert. Auch hier war der Einfluss eines einzelnen Landes (Indonesien) für das Gesamtergebnis der Ländergruppe ausschlaggebend. Bei den Staaten Afrikas und des Mittleren Ostens wurde bei 28 von 50 Ländern ein geringeres Letztrisiko als Obligo ausgewiesen (–35,4%). Hier zeigte sich, dass die ärmsten Länder auf Garantien angewiesen sind, um überhaupt die Möglichkeit einer Kreditgewährung in Anspruch nehmen zu können. Diese Verminderung des Risikos wird umgekehrt auch bei den Außenständen gegenüber den industrialisierten Staaten als Erhöhung sichtbar.



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