Bericht

Die Leistungsbilanz im Jahr 2008 (Statistiken Q2/09)

Wien, 6. 5. 2009 (Mag. Dr. Patricia Walter)


Im Jahr 2008 konnte Österreich seinen Leistungsbilanzüberschuss auf knapp 10 Mrd EUR ausbauen. Insbesondere die positive Entwicklung der Reiseverkehrseinnahmen als auch ein verringertes Einkommensdefizit haben dazu beigetragen. Im Verlauf des Jahres 2008 zeigten sich jedoch zunehmend die negativen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Das betraf in besonderem Maß den Güterexport, doch auch die Handelsdynamik unternehmensbezogener Dienstleistungen trübte sich ein.


Im Jahr 2008 kletterte der Leistungsbilanzüberschuss Österreichs auf knapp 10 Mrd EUR oder 3,5% des BIP (2007: 8,4 Mrd EUR bzw. 3,1% des BIP; Grafik 1). Der positive Beitrag, den die Außenwirtschaft in den vergangenen Jahren zur heimischen Konjunkturentwicklung geleistet hat, scheint damit auch im Krisenjahr 2008 ungebrochen. Das geht vor allem auf die günstige Entwicklung im ersten Quartal 2008 zurück. Im Verlauf des Jahres und insbesondere im vierten Quartal 2008 machten sich jedoch die negativen Auswirkungen der Finanzkrise auf die Außenwirtschaft bereits bemerkbar.


Die Zunahme des Einnahmenüberschusses aus dem Reiseverkehr (7,1 Mrd EUR) und die Verringerung des Einkommensdefizits haben im Jahr 2008 positiv zur Außenwirtschaftsentwicklung beigetragen (–2,2 Mrd EUR; Grafik 2). Auch der Handelsüberschuss aus unternehmensbezogenen Dienstleistungen konnte ausgebaut werden (6,3 Mrd EUR). Im Gegensatz dazu drehte die Güterbilanz, ausgehend von einem Rekordüberschuss im Jahr 2007, ins Minus (–0,2 Mrd EUR). Des Weiteren verbuchte Österreich 2008 Nettozahlungen aus Laufenden Transfers, einkommenswirksamen Übertragungen ohne direkte wirtschaftliche Gegenleistung, wie Steuern, Subventionen, Gastarbeiterüberweisungen und Versicherungsleistungen (–1,2 Mrd EUR).



Entwicklung des Leistungsbilanzsaldos
Komponenten der Entwicklung des Leistungsbilanzsaldos
Entwicklung der Exporte

Die Handelsströme im Güterverkehr entwickelten sich im Jahr 2008 positiv (Grafik 3). Mit +2,3% bei den Exporten und +3,6% bei den Importen wurde das dynamische Wachstum des Jahres 2007 jedoch deutlich abgebremst (2007: Exporte +11,5%, Importe +10,6%).1) Das Wachstum der Warenausfuhren, das sich bereits zu Jahresbeginn verlangsamt hatte, drehte im vierten Quartal 2008 ins Negative. Damit einher ging ein Nachlassen der Entwicklung der Exportpreise, wodurch die heimischen Produzenten die Wettbewerbsposition Österreichs angesichts verschlechterter internationaler Rahmenbedingungen stützten. Bei den Wareneinfuhren zeichnete sich im dritten Quartal 2008 ein Schrumpfen ab, das sich zu Jahresende 2008 beschleunigte. Dazu kam es im vierten Quartal 2008, bedingt durch das Ende der Aufwärtspreisspirale bei Rohöl, zu einer Entspannung der Importpreise.

 
Das Wachstum der Güterexporte in die EU-27 verlangsamte sich von +11,6% im Jahr 2007 auf +2%. Getrennt nach den verschiedenen Beitrittsterminen der Mitgliedstaaten zeigte sich, dass diese Entwicklung vor allem auf die Handelsbeziehungen mit der EU-15, in die die Exporte im Jahr 2008 schrumpften, zurückgeht. Das betraf wichtige Absatzmärkte Österreichs, wie Italien, das Vereinigte Königreich und Spanien. Hingegen entwickelten sich die Ausfuhren in das wichtigste Handelspartnerland, Deutschland, positiv, wenngleich mit einer deutlich geringeren Wachstumsrate als 2007.

 
Die Nachfrage aus den zehn Mitgliedstaaten der ersten EU-Beitrittsrunde stieg auch im Jahr 2008 weiter an und übertraf damit, wie in den vergangenen Jahren, die Handelsentwicklung mit Ländern der EU-15; dies geht hauptsächlich auf die Handelsbeziehungen mit der Slowakei, Polen, der Tschechischen Republik und Slowenien zurück. Die Wachstumsdynamik verringerte sich jedoch deutlich. Demgegenüber hat sich das Exportwachstum in die beiden jüngsten EU-Mitgliedstaaten, Rumänien und Bulgarien, beschleunigt. Die Ausrichtung des österreichischen Außenhandels auf die osteuropäischen Nachbarstaaten trug damit im Krisenjahr 2008 dazu bei, das Nachlassen der Nachfrage aus den traditionellen EU-Mitgliedstaaten zu kompensieren.
Die relativen Zugewinne im Güterhandel mit Ländern außerhalb der EU haben in den letzten Jahren tendenziell jene im Handel mit den EU-Mitgliedstaaten übertroffen. Trotz deutlicher Eintrübung der Handelsdynamik (+3,2% gegenüber +11,1% im Jahr 2007) ist dieser Effekt auch im Jahr 2008 festzustellen. Verringert haben sich die Exporte in wichtige Partnerländer, insbesondere in die USA, die Schweiz sowie nach Japan, Kanada, Südafrika und Hongkong. Nach China, Kroatien, Serbien, in die Türkei und nach Norwegen konnten zwar Exportsteigerungen verbucht werden, diese haben sich jedoch im Vergleich zum Jahr 2007 deutlich verlangsamt. Robust entwickelten sich hingegen die Handelsbeziehungen mit Russland, und aus der Ukraine, aus Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Malaysien war 2008 sogar ein deutliches Wachstum der Nachfrage nach heimischen Gütern festzustellen.


Auch die Entwicklung des Handels mit unternehmensbezogenen Dienstleistungen hat sich 2008 mit +3,9% bei den Exporten und +2,9% bei den Importen rapide verlangsamt (2007: Exporte +15%, Importe +8,9%). Ab Jahresbeginn 2008 blieb das Wachstum der Handelsströme unter den Vergleichswerten von 2007 (Grafik 3). Im vierten Quartal 2008 wiesen die Dienstleistungsexporte ein Nullwachstum auf, die Importe schrumpften. Der Vergleich mit dem Güterhandel ergibt jedoch, dass sich die Auslandsnachfrage nach dem Dienstleistungsangebot österreichischer Firmen robuster gestaltete als nach heimischen Gütern; ein umgekehrtes Bild zeigen die österreichischen Importe.


Seit 1. Jänner 2006 erlauben Unternehmensbefragungen, die die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) in Kooperation mit Statistik Austria über den grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr durchführt, Exporte und Importe im Detail zu erfassen. Dabei können vier Hauptgruppen von unternehmensbezogenen Dienstleistungen unterschieden werden:


Entwicklung unternehmensbezogener Dienstleistungen

  • traditionelle Dienstleistungsarten, einschließlich Transport, Bau, Handelsleistungen und Vermietung,

  • innovative Dienstleistungen, wie Forschung und Entwicklung, Architektur und Technik, EDV und Information,

  • wissensbasierte Dienstleistungen, Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, Werbung und Marktforschung sowie

  • Versicherungs- und Finanzdienstleistungen.2)

Der höchste Handelsüberschuss wurde im Jahr 2008 neuerlich aus den innovativen Dienstleistungsarten erzielt (Grafik 4). Das Ausmaß ist jedoch im Vergleich zu 2007 zurückgegangen, da die Exportdynamik gegen null tendierte. In den letzten drei Jahren waren noch Zugewinne zwischen 20% und 30% erzielt worden. Die OeNB hat den grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr auf Firmenebene untersucht und dabei festgestellt, dass ein Großteil des Handels mit innovativen Dienstleistungen von ansässigen Konzernunternehmen bestimmt wird. Die zu beobachtende, dynamische Entwicklung der vergangenen Jahre steht damit in engem Zusammenhang mit der erfolgreichen Standortpolitik Österreichs und seiner aktiven Rolle im Prozess der weltweiten Globalisierung.3)


An zweiter Stelle rangierte im Jahr 2008 der Einnahmenüberschuss aus Versicherungs- und Finanzdienstleistungen, was angesichts der Finanzkrise auf den ersten Blick erstaunt. Die zugrundeliegenden Einnahmen- und Ausgabenströme Österreichs sind jedoch deutlich geschrumpft, wovon vor allem die Ausgaben im Versicherungsbereich, vorrangig Prämienzahlungen für ausländische Lebensversicherungen, die eine Kapitalsparkomponente beinhalten, betroffen waren.



Top 10-Handelspartner Öster­reichs im Dienstleistungsverkehr 
(ohne Reiseverkehr)
 
Rang1)Anteil am Gesamtexport Rang1)Anteil am Gesamtimport
in %in %
 
 1 ( 1)Deutschland30,5  1 ( 1)Deutschland31,1
 2 ( 3)Schweiz7,5  2 ( 2)Vereinigtes Königreich6,0
 3 ( 5)Italien5,6  3 ( 3)Schweiz5,2
 4 ( 2)Vereinigtes Königreich4,4  4 (10)Ungarn4,3
 5 ( 9)Ungarn3,8  5 (12)Tschechische Republik3,8
 6 ( 4)USA3,4  6 (13)Slowakei3,5
 7 ( 7)Frankreich2,7  7 ( 6)Italien3,5
 8 (12)Tschechische Republik2,7  8 ( 7)Russische Föderation3,3
 9 (10)Niederlande2,7  9 ( 4)USA3,3
10 (18)Russische Föderation2,6 10 ( 8) Niederlande3,2
 
13 (13)Schweden2,0 11 (11)Polen3,1
16 (14)Slowenien1,4 14 (21)Slowenien1,7
19 (16)Spanien1,1 17 (29)China1,1
 
       

Der Überschuss Österreichs aus traditionellen Dienstleistungen ist bereits seit mehreren Jahren rückläufig. Das ist hauptsächlich auf das Wachstum von Ausgaben für ausländische Transporteure und für Subunternehmen in der Bauwirtschaft zurückzuführen. Im Jahr 2008 wuchsen die Einnahmen und Ausgaben in diesem Bereich des Dienstleistungsverkehrs vergleichsweise robust.

 

Ein Minus verzeichnet Österreich seit einigen Jahren aus wissensbasierten Dienstleistungen, vor allem aus Werbung und Marktforschung. Im Gegensatz zu den übrigen Dienstleistungsarten entwickelten sich jedoch die diesbezüglichen Exporte im Jahr 2008 dynamisch, sodass das Handelsdefizit schrumpfte. Neben den erwähnten Leistungen der Werbung und Marktforschung geht diese Entwicklung hauptsächlich auf grenzüberschreitende Dienstleistungen österreichischer Rechtsanwälte zurück.

 

Wie im Güterhandel hat sich das Wachstum der Dienstleistungsexporte in die EU-27 im Jahr 2008 deutlich verlangsamt, von +14,3% (2007) auf +2,1%. Die Exporte in wichtige Absatzmärkte der EU-15, z. B. Italien, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Belgien und Spanien, haben sich verringert; der Absatz nach Deutschland stagnierte. Im Unterschied zum Güterhandel erwies sich nur die Exportentwicklung in die Länder der ersten Beitrittsrunde als robust, allen voran Ungarn, Slowakei, Polen und die Tschechische Republik. Ausgehend von einem außergewöhnlich hohen Nachholbedarf in den letzten Jahren verlangsamte sich das Wachstum der Nachfrage nach österreichischen Dienstleistungen aus Bulgarien und Rumänien 2008 markant.

 

Auch im Dienstleistungsverkehr übertraf in den letzten Jahren die Exportentwicklung in Länder außerhalb der EU tendenziell jene in die EU-Mitgliedstaaten; obwohl die Dynamik im Jahr 2008 zurückgegangen ist, blieb sie mit +8,3% immer noch deutlich stärker. Hauptverantwortlich dafür sind markante Wachstumsraten der Dienstleistungsexporte nach Russland und in die Schweiz. In der Rangfolge der wichtigsten Handelspartner Österreichs kletterte Russland damit auf Rang 10 (Tabelle 1).

 

Die Einnahmen, die Österreich aus dem Reiseverkehr lukriert, sind 2008 um +7,5% gegenüber +4% im Jahr 2007 (Grafik 3) gewachsen. Profitieren konnte der österreichische Tourismus im ersten Quartal von einer außergewöhnlich erfolgreichen Wintersaison 2007/08. Das zweite Quartal zeigte aufgrund der „Euro 2008“ zwar ein Nächtigungsplus in den Austragungsstädten, insgesamt stagnierten jedoch die Ausgaben der ausländischen Gäste. Aufgrund des frühen Wintereinbruchs und der vermehrten Städtereisen zum Jahreswechsel gestaltete sich hingegen die Wintersaison 2008/09 zu Beginn erneut erfreulich. Vor allem Hotels der gehobenen Kategorie konnten von dieser Entwicklung profitieren.

 

Einnahmenzuwächse verzeichnete Österreichs Tourismus im Jahr 2008 aus seinen wichtigsten Herkunftsmärkten, Deutschland, Italien und den Niederlanden. Die höchsten relativen Wachstumsraten wurden aus Russland und den neuen EU-Mitgliedstaaten Polen, der Tschechischen Republik, Rumänien und Bulgarien lukriert. Demgegenüber waren die Reiseverkehrseinnahmen aus der Schweiz, aus Ungarn, Slowenien und der Slowakei und insbesondere aus den USA rückläufig.

 

Die Österreicher haben ihre Reiseverkehrsausgaben im Jahr 2008 verringert. Die Anzahl der Urlaubsreisen ins Ausland ging zurück, wobei als mögliche Ursachen die Austragung der Fußballeuropameisterschaft in Österreich sowie die Preiserhöhung allgemein bzw. im Besonderen für Autofahrten im Zusammenhang mit der bis Herbst dauernden Preisralley bei Rohöl in Frage kommen. Der Rückgang betraf vor allem Deutschland und die Feriendestinationen Türkei und Kroatien. Verschiebungen des Ausgabeverhaltens waren unter dem Einfluss des günstigen Euro/US-Dollar-Wechselkurses zugunsten der USA festzustellen.

 

Trotz der negativen Effekte der Finanzkrise auf den Wert internationaler Vermögensbestände entwickelten sich die diesbezüglichen Einkünfte der Österreicher im Jahr 2008 per saldo günstig. Das Wachstum der Einnahmen und Ausgaben nahm im Vergleich zu 2007 deutlich ab, fiel jedoch mit +8,1% auf der Einnahmenseite stärker aus als auf der Ausgabenseite mit +2% (2007: +17,7% bei den Einnahmen, +25,5% bei den Ausgaben). Diese Entwicklung stammt zum Teil aus den Zinseinkommen der österreichischen Banken, die ihre Einkünfte im Vergleich zum Wachstum der Ausgaben in deutlich höherem Umfang steigern konnten. Darüber hinaus ergaben Unternehmensmeldungen, die bis zum ersten Quartal 2009 vorlagen, eine positive Ertragsentwicklung ausländischer Direktinvestitionen und damit steigende Dividendenerträge. Deutlich defizitär hat sich hingegen im Jahr 2008 die Einkommensbilanz aus Wertpapierveranlagungen entwickelt, sowohl bei Aktien als auch bei verzinslichen Veranlagungsformen.

 

Erste Schätzungen von OeNB und Statistik Austria zur Entwicklung der Leistungsbilanz im ersten Quartal 2009 zeigen, dass sich die Talfahrt der Güterexporte rasant beschleunigt hat. Aufgrund des engen Zusammenhangs, der auf Basis der Firmenanalyse zwischen Waren- und Dienstleistungsverkehr beobachtet werden kann, ist anzunehmen, dass sich dieses Bild auch im Export unternehmensbezogener Dienstleistungen widerspiegeln wird. Im Gegensatz dazu scheinen die Reiseverkehrseinnahmen die negative Entwicklung der österreichischen Außenwirtschaft zu Jahresbeginn 2009 zumindest teilweise kompensiert zu haben. Die Gastbetriebe waren in der Wintersaison Jänner bis April 2009 gut mit ausländischen Gästen ausgelastet.



Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

1) Die Ergebnisse des Güterhandels laut Zahlungsbilanzstatistik unterscheiden sich von jenen der Außenhandelsstatistik. Hauptverant-wortlich dafür sind unterschiedliche Definitionen, insbesondere auf der Importseite, da in der Zahlungsbilanz Transport- und Versi-cherungskomponenten aus den Waren herausgerechnet und den Dienstleistungen zugeordnet werden.

2) Nicht berücksichtigt sind dabei sonstige Dienstleistungen, einschließlich Reinigungs-, Landwirtschafts- und Regierungsleistungen sowie nicht näher zuteilbare Dienstleistungen.

3) Die OeNB wird die Ergebnisse der Firmenanalyse im Rahmen eines statistischen Sonderhefts publizieren und anlässlich eines Pressegesprächs am 15. Juni 2008 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

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