Bericht

Österreichische Leistungsbilanz im ersten Halbjahr 2009 (Statistiken Q4/09)

Wien, 4. 11. 2009 (Mag. Dr. Patricia Walter)


Leistungsbilanzüberschuss trotz internationalem Konjunkturabschwung

Im ersten Halbjahr 2009 konnte trotz der negativen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die internationale Nachfrage neuerlich ein Leistungsbilanzüberschuss für Österreich in Höhe von 3,3 Mrd EUR verzeichnet werden. Im Verhältnis zum nominellen BIP sank das Ergebnis jedoch von 3,9 % im ersten Halbjahr 2008 auf 2,5 %. Da das BIP im Beobachtungszeitraum geschrumpft ist (–4,2 %), weist die relative Entwicklung der Leistungsbilanz auf die starke Betroffenheit der Außenwirtschaft im Vergleich zur heimischen Wirtschaft, die vom privaten Konsum stabilisiert wurde, hin. Die Leistungsbilanz des Euroraums insgesamt wurde noch härter vom internati-onalen Nachfrageabschwung getroffen und kippte ins Minus.

 

Das positive Leistungsbilanzergebnis Österreichs ist auf den Handel mit Dienstleistungen zurückzuführen, aus dem weiterhin ein Einnahmenüberschuss erzielt worden ist. Bedingt durch die Entwicklung des Reiseverkehrs fiel das Plus allerdings auf das Niveau des ersten Halbjahres 2007 zurück (6,9 Mrd EUR). Demgegenüber entwickelten sich die Einnahmen aus dem Handel mit sonstigen, überwiegend unternehmensbezogenen Dienstleistungen per saldo stabil. Der Überschuss aus dem Handel mit Gütern hatte sich bereits in der Vergleichsperiode 2008 verringert und kippte im ersten Halbjahr 2009 ins Minus (–1,3 Mrd EUR). Ein Minus wurde auch bei einkommensrelevanten Außenwirtschaftsströmen verzeichnet: Die Laufenden Transferzahlungen (unter anderem EU-Zahlungen, Gastarbeiterüberweisungen, Schadenszahlungen aus Privatversicherungen), die Österreich per saldo an das Ausland leistet, blieben nahezu auf dem Niveau des Vorjahres (–1,4 Mrd EUR); das Einkommensdefizit konnte hingegen verringert werden und entsprach in etwa dem Wert im ersten Halbjahr 2007 (–1 Mrd EUR).



Güterhandel stark von Wirtschaftskrise getroffen

Das Volumen der Handelsströme, Exporte und Importe von Gütern und Dienstleistungen, sank, gemessen als Anteil am BIP, von rund 115 % im ersten Halbjahr 2008 auf unter 100 %. Hatte der Güterhandel im Vergleichszeitraum des Vorjahres noch positive Wachstumsraten verzeichnet, schrumpften die Exporte laut Zahlungsbilanz im ersten Halbjahr 2009 um –25 %, die Importe um –22 % (jeweils nominell). Einen negativen Wachstumspfad hatte der Güterhandel – vorrangig die heimischen Exporte – im Schlussquartal 2008 eingeschlagen, der sich im ersten Quartal 2009 rasant beschleunigte und im zweiten Quartal in etwa seitwärts tendierte. Bei den Exporten spiegelt sich vor allem die Entwicklung der Auslandsnachfrage wider. Die Exportpreise haben erst im zweiten Quartal 2009 etwas deutlicher nachgegeben. Bei den Importen schlugen hingegen Preiseffekte aufgrund der Rohstoff-Hausse im Sommer 2008 stärker zu Buche. Der Rückgang der Inlandsnachfrage fiel im Vergleich zu den Ausfuhren geringer aus.

 

Neben dem Export von Maschinen und Fahrzeugen, der wichtigsten Warenkategorie, waren im ersten Halbjahr 2009 auch Exporte von bearbeiteten Waren, insbesondere Eisen und Stahl sowie Metallwaren, von Rückgängen im Ausmaß von je rund einem Drittel im Jahresabstand betroffen. Die Einbußen bei konsumnahen Fertigwaren, wie Bekleidung und Möbel, schlugen im Verhältnis nur halb so hoch zu Buche, und der Export chemischer Erzeugnisse entwickelte sich stabil, wobei für pharmazeutische Waren sogar ein leichtes Plus verzeichnet werden konnte. Im Vergleich zum Export fiel der Rückgang des Imports von Maschinen und Fahrzeugen etwas moderater aus, der Import konsumnaher Fertigwaren erwies sich als robuster. Importe von Rohstoffen und Energie sanken hingegen um rund ein Drittel, wofür neben der gesunkenen Nachfrage auch die niedrigeren Rohstoffpreise und der günstige EUR/USD-Wechselkurs verantwortlich zeichnen.

 

Regional betrachtet ist der Güterhandel Österreichs mit den übrigen Mitgliedstaaten der EU im ersten Halbjahr 2009 deutlich zurückgegangen (Exporte: –26 %, Importe: –23 %). Neben markanten Einbußen gegenüber dem wichtigsten Partnerland, Deutschland, und anderen Staaten der EU-15 (Italien, Spanien und Frankreich) waren die österreichischen Exporte von einem EU-weiten Einbruch der Nachfrage betroffen. Im Jahr 2008 hatte der Handel mit Ländern der ersten und zweiten EU-Erweiterungsrunde noch als positiver Puffer fungiert, doch 2009 hat die Wirtschafts- und Finanzkrise auch die osteuropäischen Staaten erfasst, was sich im österreichischen Außenhandel deutlich widerspiegelt.

 

Angesichts weltweit rezessiver Tendenzen und sinkender Rohstoffpreise im ersten Halbjahr 2009 ist auch im Handel mit Ländern außerhalb der EU ein Rückgang der Güterströme zu beobachten (Exporte: –20 %, Importe: –15 %), unter anderem mit wichtigen Partnerländern wie den USA, Russland und der Ukraine sowie den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens. Der Exportrückgang in andere Erdöl exportierende Staaten fiel hingegen vergleichsweise moderat aus, und der Güterabsatz in China entwickelte sich weiter positiv. Auch die Importe aus China blieben annähernd stabil. Im ersten Halbjahr 2009 hat die asiatische Wirtschaftsmacht angesichts billiger Massenwaren und einem niedrigen Außenwert des Renminbi Yuan Deutschland knapp den Rang als führende Exportnation abgelaufen. Auffallend ist im Beobachtungszeitraum ein markanter Anstieg österreichischer Güterimporte aus der Schweiz, der hauptsächlich auf Einfuhren von Industriegold beruht.



Auch Dienstleistungsverkehr hat nachgegeben

Auch die Handelsentwicklung bei Dienstleistungen (ohne Reiseverkehr), die erfahrungsgemäß mit zeitlicher Verzögerung auf Konjunkturschwankungen reagiert, drehte im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2008 ins Negative, die Einnahmen um –11 %, die Ausgaben um –14 %. Seit dem Schlussquartal 2008 lief das Nachlassen der Dienstleistungsimporte jenem der -exporte voraus, wovon der Handelssaldo profitierte. Im ersten Halbjahr 2009 ist im Transport, der wichtigsten grenzüberschreitenden Dienstleistungsart, ein genereller Rückgang zu beobachten, vor allem sinkende Einnahmen und Ausgaben im Warentransport im Zuge der Schwäche im Güterhandel. Negativ von der Finanzkrise betroffen zeigen sich internationale Finanzdienstleistungen. Per saldo konnte jedoch der Einnahmenüberschuss Österreichs erhalten werden, indem die heimischen Banken ihre Ausgaben in größerem Umfang eindämmten als der Rückgang ihrer Auslandserlöse betrug. Generelle Einbußen waren im ersten Halbjahr 2009 auch im Transit- und sonstigen Handel, bei Wirtschaftsdiensten sowie in der Werbung und Marktforschung zu beobachten.

 

Im Rahmen grenzüberschreitender Privatversicherungen lukrierten österreichische Unternehmen im ersten Halbjahr 2009 um rund ein Drittel geringere Einnahmen aus Lebensversicherungen, die eine Kapitalsparkomponente beinhalten, sowie aus sonstigen Direktversicherungen. Die Einnahmen aus Rückversicherungen stiegen hingegen deutlich, was im Zusammenhang mit den Leistungsverpflichtungen ausländischer Rückversicherer im Zuge von Naturkatastrophen stehen dürfte. Auch das Baugewerbe entwickelte sich im ersten Halbjahr 2009 für Österreichs Leistungsbilanz günstig. Während annähernd stabile Einnahmen aus Baudienstleistungen heimischer Firmen im Ausland verbucht werden konnten, nahmen Ausgaben für ausländische Subunternehmer sowie für ausländische Bauprojekte in Österreich im Vergleich zur entsprechenden Vorjahresperiode ab.

 

Den negativen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise trotzen konnten EDV- und Informationsdienstleistungen sowie persönliche Dienstleistungen, unter anderem für Bildung und Gesundheit. Grenzüberschreitende Einnahmen und Ausgaben in diesen Dienstleistungsarten entwickelten sich im ersten Halbjahr 2009 annähernd stabil. Weiterhin dynamisch wuchsen Exporte österreichischer Architektur-, Ingenieur- und sonstiger technischer Dienstleistungen. Die positive Entwicklung von Einnahmen aus Leistungen der Forschung und Entwicklung (F&E) kam hingegen zum Erliegen. Per saldo konnte jedoch der Einnahmen-überschuss Österreichs aus F&E-Leistungen erhalten werden.

 

Regional betrachtet hat auch der Abschwung im Handel mit Dienstleistungen im ersten Halbjahr 2009 die gesamte EU erfasst (Einnahmen: –12 %, Ausgaben: –13 %). Gegenüber den Beitrittsländern der ersten EU-Erweiterungsrunde war sogar die höchste negative Jahreswachstumsrate bei den Einnahmen zu verzeichnen, die auf nachlassende Nachfrage aus Ungarn, der Tschechischen Republik, Polen, Slowenien und der Slowakei zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die Einnahmen aus dem wichtigsten Handelspartnerland, Deutschland, robust, wodurch der Abwärtsdruck im Dienstleistungsexport insgesamt gedämpft wurde. Die Nachfrage aus den Beitrittsländern der letzten EU-Erweiterungsrunde, Bulgarien und Rumänien, blieb ebenfalls annähernd stabil, wobei von einem hohen Nachholbedarf der beiden Länder bei Dienstleistungen auszugehen ist.

 

Innerhalb des im ersten Halbjahr 2009 nachlassenden Dienstleistungsverkehrs mit Drittstaaten (Einnahmen: –9 %, Ausgaben: –18 %) ist vor allem ein Rückgang gegenüber Russland und der Ukraine zu beobachten. Der Nachfrageabschwung aus den USA fiel vergleichsweise moderat aus, und die Handelsentwicklung mit Südosteuropa verlief unterschiedlich, geringeren Einnahmen aus Serbien standen Zugewinne aus Kroatien gegenüber. Ein Absatzplus konnte auch mit Erdöl exportierenden Staaten, in China und asiatischen Tigerstaaten, unter anderem den Philippinen, verzeichnet werden, wovon hauptsächlich Architektur und andere technische Dienstleistungen sowie Finanzdienstleistungen betroffen waren.

 

Die Reiseverkehrseinnahmen sind im ersten Halbjahr 2009 um –7 % auf das Ergebnis des Vergleichszeitraums 2007 gesunken. Dazu trugen sowohl geringere Nächtigungs- und Gästezahlen als auch ein gedämpftes Ausgabeverhalten bei; unter anderem wiesen Hotelbetriebe der gehobenen Kategorie deutliche Einbußen auf bzw. reagierten mit Preisnachlässen auf die erwarteten, negativen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf das Reiseverhalten. Das erste Halbjahr 2008 war demgegenüber von einer außergewöhnlich erfolgreichen Wintersaison als auch von einem starken ersten Drittel der Sommersaison gekennzeichnet gewesen. Getrennt nach Reisearten schlug im ersten Halbjahr 2009 der absolute Einnahmenrückgang aus Privatreisen am stärksten zu Buche, aber auch bei Geschäftsreisen waren deutliche Einbußen zu verzeichnen. Die negative Entwicklung betraf die wichtigsten Herkunftsländer, allen voran Deutschland und die Niederlande, ebenso wie das Vereinigte Königreich und die USA, wobei die Wechselkursschwäche des US-Dollar und des Pfund Sterling gegenüber dem Euro ausschlaggebend gewesen sein dürfte. Rückläufige Einnahmen waren auch aus Ungarn und dem bislang dynamischen Herkunftsmarkt Russland zu verzeichnen. Gebremst wurde der Negativtrend durch Zuwächse aus Staaten der EU-15 -(Belgien, Dänemark und Frankreich) und vor allem aus der Tschechischen Republik.

 

Im Gegensatz zum ankommenden Tourismus urlaubten die Österreicher im ersten Halbjahr 2009 verstärkt im Ausland, woraus gegenüber dem Vergleichszeitraum 2008 ein Plus von 10 % bei den Reiseverkehrsausgaben resultierte. Der deutlichste Zuwachs betraf die USA, wobei spiegelbildlich auf die Nutzung des günstigen US-Dollar-Wechselkurses zu schließen ist. Des Weiteren stiegen die Ausgaben in den Feriendestinationen Kroatien, Griechenland und Spanien. Obwohl aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage eine verhaltene Ausgabenentwicklung bzw. vermehrt Inlandsreisen zu erwarten waren, dürften die Ferienanbieter in den übrigen Tourismusnationen ihrerseits mit Preisnachlässen reagiert haben.

 

Im Rahmen der Vermögenseinkommen zeigt sich, dass Dividendenerträge, die Österreich im ersten Halbjahr 2009 aus internationalen, strategischen Firmenbeteiligungen (Direktinvestitionen) lukrierte, trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise annähernd stabil blieben, während sich abfließende Dividenden verringerten. Daraus ist nicht eine schlechtere Entwicklung der Wirtschaft in Österreich abzuleiten, sondern es wurden ausgeschüttete Gewinne durch reinvestierte – das heißt im Unternehmen belassene – Gewinne kompensiert. Einkünfte aus internationalen Wertpapierveranlagungen (Portfolioinvestitionen) sind in fast allen Marktsegmenten gesunken. Die höchsten Einkommensverluste hatten österreichische Anleger in absoluten Beträgen aus langfristig verzinslichen Veranlagungen im Ausland zu verzeichnen; ein leichtes Plus ergaben hingegen Geldmarktpapiere. Die Banken in Österreich konnten hingegen per saldo die Zinseinkünfte aus Krediten und Einlagen (Sonstige Investitionen) steigern, indem – ähnlich wie bei Finanzleistungen – die Aufwendungen stärker sanken als die Erlöse.

 

Die Leistungsbilanzprognose der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) für Jänner bis August 2009 weist darauf hin, dass sich der Abschwung im Güterhandel im dritten Quartal noch ungebremst fortgesetzt haben dürfte (Exporte: –26 %, Importe: –24 %). Im Gegensatz dazu scheint im Dienstleistungshandel zur Jahresmitte 2009 die Talsohle erreicht worden zu sein (Exporte: –8 %, Importe: –5 %). Für eine positive Kehrtwende der Außenwirtschaft innerhalb des zweiten Halbjahres sprechen die zunehmenden Anzeichen einer Erholung der Weltwirtschaft. Das betrifft die Wirtschaftsbeziehungen mit asiatischen Staaten und vor allem mit dem wichtigsten Handelspartnerland, Deutschland, das steigende private und staatliche Konsum-ausgaben sowie einen hohen Nachholbedarf der Unternehmen angesichts des Abbaus der Lagerbestände und aufgeschobener Anlageinvestitionen aufweist. Risiken bestehen vor allem für die deutsche Exportwirtschaft aufgrund der hohen Arbeitslosenzahlen und der in der Folge sehr unsicheren Nachfrageentwicklung aus den USA.



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