Bericht

Österreichs Außenwirtschaft in den ersten drei Quartalen 2009 (Statistiken Q1/10)

Leistungsbilanzplus hat sich halbiert

Wien, 9. 2. 2010 (Mag. Dr. Patricia Walter)


Für die ersten drei Quartale 2009 haben die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) und die Statistik Österreich einen Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von 3,4 Mrd EUR erhoben. Gegenüber der Vergleichsperiode 2008 hat sich das Plus fast halbiert bzw. ist im Verhältnis zum gesamten BIP von 3,2% auf 1,7% gesunken. Berücksichtigt man, dass das BIP im Beobachtungszeitraum aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise real um 4,4% geschrumpft ist, wird augenscheinlich, dass vor allem die Außenwirtschaft getroffen wurde, die in den vergangenen Jahren der Konjunkturmotor Österreichs war. Die Handelsströme aus Gütern und Dienstleistungen hatten innerhalb der ersten drei Quartale 2008 in Summe mehr als die gesamte Wertschöpfung Österreichs betragen (114%), 2009 sanken sie unter die 100-Prozent-Marke.

 

Der Leistungsbilanzüberschuss beruhte im Zeitraum zwischen Jänner und September 2009 zur Gänze auf dem grenzüberschreitenden Handel mit Dienstleistungen, sowohl auf dem Reiseverkehr als auch auf der großen Gruppe hauptsächlich unternehmensbezogener Dienstleistungen (in Summe 8,6 Mrd EUR). Im Vergleich zur Berichtsperiode 2008 sanken die Nettoeinnahmen jedoch um rund 1 Mrd EUR bzw. ein Achtel. Der Handelssaldo bei Gütern ist im Beobachtungszeitraum markant ins Minus gerutscht (von +0,8 auf –1,9 Mrd EUR). Das Defizit aus einkommensrelevanten Außenwirtschaftsströmen (Erwerbs- und Vermögenseinkommen, Laufende Transfers) hat sich etwas verringert (von –3,9 auf –3,3 Mrd EUR).

 

Im Vergleich zur Außenwirtschaftsentwicklung Österreichs wurde jene der 16 Mitgliedstaaten des Euroraums weitaus stärker vom weltweiten Nachfrageeinbruch getroffen. Im Zeitraum Jänner bis September 2009 war ein Leistungsbilanzdefizit gegenüber Drittstaaten von –56 Mrd EUR bzw. rund 1% des gemeinsamen BIP des Euroraums zu verzeichnen. Österreichs Außenwirtschaftsergebnis mit Nicht-Euroraum-Ländern war im selben Zeitraum positiv und betrug knapp 800 Mio EUR oder 0,5% des BIP.


Talsohle im Güterhandel wurde im dritten Quartal überschritten

Die Güterexporte sind in den ersten drei Quartalen 2009 regelrecht eingebrochen (–24%), worin sich der globale Nachfragerückgang widerspiegelt. Bei den Importen schlugen neben der gesunkenen Inlandsnachfrage auch die bis September rückläufigen Rohstoffpreise sowie die breite Aufwertungstendenz des Euro-Wechselkurses zu Buche (–21%).

 

Begonnen hat der negative Wachstumspfad im Güterhandel im Schlussquartal 2008. Die Talsohle ist nach derzeitiger Datenlage im ersten Halbjahr 2009 erreicht worden. Wichtige Absatzmärkte, vor allem Deutschland, die USA und Asien haben sich im dritten Quartal allmählich erholt und in Österreich dürften sich nach dem massiven Lagerabbau im ersten Halbjahr 2009 die Lagerinvestitionen belebt haben. In der Folge war zu beobachten, dass das Schrumpfen der Handelsströme im dritten Quartal abgebremst wurde. Von einer Stabilisierung kann im Jahresvergleich jedoch noch nicht gesprochen werden.

 

Die beiden wichtigsten Warenkategorien im österreichischen Export, Maschinen und Fahrzeuge sowie bearbeitete Waren – unter anderem Eisen und Stahl sowie Metallwaren – wurden 2009 massiv vom Nachlassen der internationalen Nachfrage getroffen. Moderater fielen die Einbußen bei konsumnahen Fertigwaren aus, und der Export chemischer Erzeugnisse blieb stabil, wobei ein Absatzplus bei medizinisch-pharmazeutischen Waren verzeichnet werden konnte. Neben den gesunkenen Ausgaben für Rohstoffe und Energie zeigen die Güterimporte eine ähnliche Entwicklung. Der relative Rückgang bei Straßenfahrzeugen und Konsumwaren fiel jedoch geringer aus, worin sich die vergleichsweise robuste Konsumnachfrage in Österreich widerspiegelt, die die heimische Konjunktur 2009 stabilisierte.

 

Auch die sogenannte Lohnveredelung, das heißt Ein- und Ausfuhren von Waren im Rahmen der Weiterverarbeitung im Ausland, hat im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise markant abgenommen. Daneben zeigt der grenzüberschreitende Reparaturverkehr bei Flugzeugen und Schiffen deutliche Rückgänge, die neben gesunkenen Transportleistungen auch auf Umstrukturierungsmaßnahmen der Unternehmen zur Kostenreduktion zurückzuführen sind. Goldmünzen (nicht monetäres Gold mit Ausnahme von Industriegold) gewannen hingegen aufgrund der höheren Nachfrage in Krisenzeiten und des gestiegenen Goldpreises an Bedeutung.



Abschwung im Dienstleistungsverkehr weniger ausgeprägt

Technische Leistungen trotzten der Wirtschaftskrise

Auch im grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr (ohne Reiseverkehr) schlug die Wirtschafts- und Finanzkrise in den ersten drei Quartalen 2009 negativ zu Buche (Exporte: –12%, Importe: –13%). Im Vergleich zum Handel mit Gütern können die Einbußen jedoch insgesamt als moderat bezeichnet werden. Darüber hinaus wurden die Exporte erst mit zeitlicher Verzögerung von der nachlassenden Auslandsnachfrage getroffen, doch scheint die Talsohle, ebenso wie im Güterhandel, im zweiten Quartal 2009 erreicht worden zu sein. Es ist bislang jedoch nur ein Abklingen des Negativtrends und noch keine Erholung festzustellen.

 

Die höchsten Rückgänge waren in den ersten drei Quartalen 2009 im Transithandel sowie bei Einnahmen und Ausgaben im Warentransport, bei Finanzdienstleistungen und in der Werbung und Marktforschung zu verzeichnen. Als krisenrobust erwiesen sich hingegen Architektur-, Ingenieur- und sonstige technische Dienstleistungen, EDV- und Informationsleistungen sowie persönliche Dienstleistungen für Kultur, Freizeit und Erholung.

 

Der Rückgang von Einnahmen österreichischer Firmen aus grenzüberschreitenden Bauleistungen fiel im Vergleich zum allgemeinen Trend moderat aus. Im Dienstleistungsverkehr der österreichischen Versicherungen zeigen sich hingegen deutliche Einnahmenrückgänge, sowohl bei Lebensversicherungen, die eine Kapitalsparkomponente beinhalten und in den letzten Jahren einen dynamisch wachsenden Geschäftszweig im Ausland darstellten, als auch bei Schadensversicherungen.

 

Die Ausgaben Österreichs aus dem Zukauf internationaler Leistungen der Forschung und Entwicklung wuchsen auch im Krisenjahr 2009. Demgegenüber schrumpften die Einnahmen aus dieser Leistungskategorie, die neben dem Export technischer Dienstleistungen in den letzten Jahren zu den dynamisch Wachsenden zählte. Der gegenläufige Trend zwischen Importen und Exporten dürfte vor allem auf Umstrukturierungen eines namhaften ausländischen Konzerns in Österreich zurückzuführen sein.



Handelsabschwung betraf 2009 alle Regionen

Die regionale Verteilung der Handelsströme bei Gütern und Dienstleistungen (ohne Reiseverkehr) zeigt einen umfassenden Abwärtstrend in den Wirtschaftsbeziehungen mit anderen EU-Staaten (Exporte: –22%, Importe: –20%). Ein Einbruch der Exporteinnahmen war sowohl aus den wichtigsten Absatzmärkten der EU-15 (Italien, Spanien, Vereinigtes Königreich, Frankreich) als auch aus jenen der in den Jahren 2004 und 2007 beigetretenen EU-Mitgliedstaaten (Ungarn, Tschechische Republik, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien) zu verzeichnen. Hatte die Nachfrage aus Ländern der ersten und zweiten EU-Erweiterungsrunde den Abwärtstrend im österreichischen Außenhandel 2008 noch gebremst, geriet die Region im Jahr 2009 aufgrund ihrer real- und finanzwirtschaftlichen Ausrichtung auf Westeuropa massiv in den Sog der Wirtschafts- und Finanzkrise.

 

Besonders gravierend für Österreich war der Rückgang von Exporteinnahmen aus dem wichtigsten Handelspartnerland, Deutschland, dessen Außenwirtschaft schwer vom Einbruch der internationalen Nachfrage getroffen wurde. Im Gegensatz zum Güterhandel konnte sich jedoch der Dienstleistungsverkehr mit Deutschland in den ersten drei Quartalen 2009 behaupten, wodurch die Verschlechterung des Handelsergebnisses abgefedert wurde.

 

Der Handelsabschwung mit Ländern außerhalb der EU (Exporte: –18%, Importe: –16%) war ebenfalls breit fundiert. Besonders betroffen waren die Wirtschaftsbeziehungen mit den USA, Russland und der Ukraine, der Schweiz sowie mit Japan und den asiatischen Tigerstaaten (ASEAN). Der Dienstleistungsverkehr erwies sich als tendenziell krisenfester als der Güterhandel, vor allem die Nachfrage nach Architektur-, Ingenieur- und sonstigen technischen Leistungen aus asiatischen und Erdöl exportierenden Staaten. In Summe entwickelten sich jedoch nur die Handelsbeziehungen mit China in den ersten drei Quartalen 2009 positiv.



Tourismus konnte sich im Wirtschaftsabschwung behaupten

Im Reiseverkehr hatte Österreich in den ersten drei Quartalen 2009 nur mäßige Einbußen zu verzeichnen (–5%). Geschäftsreisen waren im Vergleich zu den Urlaubsreisen relativ stärker betroffen. Saisonal betrachtet, stammt das Minus überwiegend aus dem ersten Quartal 2009, wobei die außergewöhnlich erfolgreiche Wintersaison im Vergleichszeitraum 2008 in Rechnung zu stellen ist. Die Sommersaison 2009 (Mai bis September) wies nur ein leichtes Minus bei Nächtigungen ausländischer Gäste auf, das vor allem Hotels der niedrigsten Preiskategorie betraf. Höherpreisige Unterkunftskategorien dürften jedoch im Krisenjahr 2009 mit Preisnachlässen ihre Wettbewerbsfähigkeit gestützt haben. In Summe konnten die Zugewinne an Reiseverkehrseinnahmen, die der heimische Tourismus im Jahr 2008 machen konnte, zu einem Teil erhalten werden.

 

In absoluten Zahlen war der höchste Einnahmenrückgang aus dem wichtigsten Herkunftsmarkt, Deutschland, zu verzeichnen. Aufgrund von robusten Nächtigungszahlen deutscher Gäste in der Sommersaison 2009 blieben die Einbußen jedoch relativ moderat (–3%). Weitere Einnahmenverluste betrafen den wichtigen neuen Herkunftsmarkt Russland (–31%) sowie die traditionellen Herkunftsländer Vereinigtes Königreich (–12%), Niederlande (–6%), Ungarn (–13%), Spanien (–29%) und die USA (–11%). Demgegenüber konnte der heimische Tourismus gestiegene Einnahmen aus der Tschechischen Republik (+21%), aus Frankreich (+5%) und Dänemark (+6%) verzeichnen. Die Einnahmen von italienischen und belgischen Gästen entwickelten sich annähernd stabil.

 

Im selben relativen Ausmaß, in dem in den ersten drei Quartalen 2009 die Reiseverkehrseinnahmen sanken, stiegen die Ausgaben der Österreicher für Reisen ins Ausland. Das Wachstum betraf vor allem das zweite Quartal, wobei zum Teil ein korrigierender Effekt zum gesunkenen Sommertourismus während der Austragung der „Euro 2008“ in Rechnung zu stellen ist. Darüber hinaus dürfte die gestiegene Reisetätigkeit sowohl auf die gesunkenen Spritpreise und die damit günstigeren Autoreisen als auch auf attraktive Preisangebote der ausländischen Tourismusanbieter zurückzuführen sein, was sich in Ausgabenzuwächsen in den klassischen Feriendestinationen, Kroatien (+20%), Griechenland (+34%) und Türkei (+39%), widerspiegelt. Als Reiseziele gewannen auch Norwegen und Russland an Bedeutung. Der höchste Ausgabenanstieg war gegenüber den USA zu verzeichnen, wobei auf die Nutzung des günstigen Euro/US-Dollar-Wechselkurses zu schließen ist (+54%). Italien konnte seine Vorrangstellung bei österreichischen Touristen behaupten.



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